Wie finde ich sie, inmitten von Wünschen, Bedürfnissen, Forderungen, Kontroll- und Glaubensmustern und inneren Wunden?

Vor eineinhalb Jahren habe ich Ive beim Tanzen kennengelernt. 
Wir tauschen Telefonnummern und verabreden uns wenig später, nicht zum Tanzen wie gedacht, sondern draußen in der Natur am See. Gerade auf der Wiese auf einer Decke niedergelassen beginnen wir, uns zu erzählen, was wir uns in einer Beziehung wünschen. So ohne Vorankündigung gleich in die Tiefe zu gehen, überrascht mich.

Unsere Bedürfnisse zeigen sich als sehr unterschiedlich…. Ive äußert, dass er die herkömmliche Beziehungsform in Frage stelle. Er habe in der Vergangenheit zwei langfristige Partnerschaften über jeweils fast 10 Jahre gelebt. Die Trennung von der letzten Partnerin, habe den Wunsch geweckt, neu zu entdecken und zu erfahren, wie Liebe lebbar, sich frei und bedingungslos anfühlen könne. Er meint, er sei gerade nicht bereit, sich auf eine Partnerschaft in herkömmlicher Weise einzulassen. Zusätzlich bewege er die Entscheidung, in eine spirituelle Lebensgemeinschaft zu ziehen. Ich spüre, wie das Gesagte in mir wirkt und erwidere, dass ich mir eine Beziehung mit nur einem Mann und mit ihm mein Leben zu teilen wünsche. Und dann höre ich mich sagen, „ich bin gerne bereit, mit dir gemeinsam zu forschen. Jedoch unter einer Bedingung, dass wir beide uns ehrlich und aufrichtig mitteilen, gerade auch das, was wir aus Angst lieber voreinander verbergen würden. In meinem Herzen möchte ich meine persönliche Wahrheit fühlen, sie wird mich leiten und führen….“

Liebe erschüttert mein ganzes Sein

Daraus entwickelt sich eine Beziehung, deren Form keinen konventionellen Namen hat. Sie beinhaltet eine starke Anziehung, Respekt, echtes Interesse und Anteilnahme an dem Leben des anderen, Aufmerksamkeit und Präsenz im Miteinander und eine nährende Sexualität. Eine Sexualität, die getragen ist von dem gegenwärtigen Moment, der berührt, in der wir uns immer mehr trauen uns selbst zu zeigen, auch die sogenannten problematischen Gefühle. Eine sexuelle Beziehung mit Zeit für einfühlsame Berührung, für Wünsche, für Grenzen und für ein waches Miteinander. Immer wieder entdecke ich Scham in mir, die mich dabei blockiert, im gegenwärtigen Moment zu sagen, was ich wirklich brauche. „Ich schäme mich gerade….(wiederholt  fühle ich die Scham wie eine starke innerliche Barriere zu mir selbst, die meine Zunge festbindet). Ich nehme mir ein bisschen Zeit, meine Scham im Innern mit meinem Atem zu berühren, sie an die Hand zu nehmen, mich ihr zu öffnen, dann gibt sie mir den Weg frei, meine Stimme für mich zu erheben und ganz wahrhaftig zu sagen, was ich brauche, was für die Zellen in meinem tiefsten Innern sich stimmig anfühlt und was nicht. Für mich ist es sehr schön, immer wieder neu zu erleben, dass wenn ich mich mir selbst öffne, Ive berührt von meinem Mut sich eingeladen fühlt, auch ehrlich von sich zu sprechen. In diesem Moment des wechselseitig wahrhaftigen Seins antwortet mein Herz damit, sich zu weiten und zu öffnen, es dehnt sich aus, ein neuer Raum entsteht, das Denken tritt zurück, die Angst weicht und Liebe erschüttert mein ganzes Sein. Das ist für mich ein wundervolles ekstatisches LiebesHoch, das keiner äußeren Form bedarf, nur die ganze Präsenz der Liebenden verlangt.

Hatten wir uns eine Woche nicht gesehen, fanden wir uns anfangs beide aufgeregt und erklärten uns unsere Angst vor Nähe, vor dem Schmerz, der sich zeigt, wenn wir echte Nähe, Augenkontakt zulassen, uns nichts mehr vormachen, vor dem Ungewissen, davor verletzbar zu sein. Allein sich gegenseitig die eigene Angst eingestehen zu können, öffnet uns dem Augenblick. Sie dann zu fühlen und sie mit in unsere Beziehung zu nehmen, vertieft unsere Begegnung und zeigt uns, wie verletzlich wir doch sind und wie sehr eine nahe Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen fühlenden Wesen, diese menschlich-seelische Verletzlichkeit auf die Bühne bringt. Ich erinnere mich, wie gut es mir tat, zu hören, dass er auch Angst hat, mein Körper atmete förmlich auf. Uns immer wieder neu diese Verwundbarkeit gegenseitig einzugestehen, lässt das Vertrauen zwischen uns wachsen und sich vertiefen.

Nach einer Zeit ….. wir treffen uns zum Tanzen und irgendetwas ist geschehen, ich nehme eine Mauer und einen verschlossenen Blick wahr. Etwas antwortet in mir sofort mit Rückzug und schaltete auf das Programm: „NichtFühlen“. Automatisch verschließe ich mich sicherheitshalber gleich mal, um mich vor evtl. Verletzungen zu schützen….“- ah, so habe ich das früher immer gemacht als ich noch klein war“ – Dies bewusst als Überlebensstrategie aus meiner Kindheit zu erkennen, lässt mich innehalten und mich in Sanftheit wahrnehmen….ich entdecke hinter der Mauer des „NichtFühlens“ meine Angst vor Ablehnung. Diese Angst fühlt sich dramatisch an, so als würde ich im Falle einer Ablehnung „sterben“ müssen. Wenn ich mir dann klar mache, dass sie alt ist und entscheide, mich mit meinem heutigen Bewusstsein, mich ihr und allem was kommt, zu stellen…alles einzuladen, was gerade jetzt im gegenwärtigen Moment da ist, merke ich, wie das Drama sich auflöst, wie das Gefühl sich in mir entspannt und der ganze Körper……ich erkenne, wie sehr ich mich durch diese automatischen Programme selbst verletze – wie weh ich mir jedes mal wieder tue. Ich spüre in mir, dass ich jetzt und heute entscheiden kann, wie ich das, was im Außen passiert im Innen beantworte. Diese Freiheit ist noch zart und winzig, mit ihr jedoch in Kontakt zu treten wunderschön. So nehme ich mir meinen Raum, tanze für mich und umarme dabei diese tiefe Grundangst in mir und dahinter den Schmerz der Zurückweisung. All diese Emotions- und Denkprogramme laufen in Sekundenschnelle ab, noch bevor ein Wort zwischen uns gesprochen ist. Nachdem mein Herz offen und in bewusster Beziehung zu meinen Glaubensprogrammen steht, fühle ich mich aufgeräumt und bereit in Kontakt zu gehen und unvoreingenommen zu fragen und wirklich zu hören, was passiert ist.

Es ist tatsächlich etwas passiert, Ive hatte eine intime Begegnung mit einer anderen Frau und teilt eine große Angst, mich dadurch zu verlieren. Wie erleichternd und undramatisch ist es, die Wahrheit zu hören. Ich fühle mich verletzlich und gleichzeitig ganz klar. Es berührt mich, zu fühlen, wie wichtig ich für ihn bin, Tränen füllen meine Augen. Ich fühle mich angenommen. Einzig unsere Angst hat uns getrennt und gab jedem von uns das Gefühl, an dem Rückzug des anderen Schuld zu sein.

Lieben als Forschen

Nach den Erfahrungen in dieser Beziehung, die sich weiter vertieft, glaube ich, dass Liebe Forschen ist. Das Forschen führt mich direkt in den gegenwärtigen Augenblick. Ich nehme fühlend wahr, was in mir geschieht und mit dem anderen. Ich begebe mich dadurch in einen Zustand des NichtWissens, mache mich verletzlich und mache mich bereit, der Weisheit des Augenblickes zu vertrauen. Das bedeutet, ich wage mich der Wahrheit des Ungewissen zu stellen. So besteht jederzeit die Möglichkeit, dass das Leben (Partner/In) mich an meinen tiefsten Wunden aus meiner Kindheit berührt, wie z.B. die Wunde des  Alleingelassen-, Eingeengt-, NichtGeliebtSeins… Sie offen zu benennen und sie mit im Augenblick zu halten, nicht mehr zu verleugnen, sondern zu ihnen stehend und fühlend da sein ist der Weg. Wenn das Herz diese Schmerzen im Körper in Bewusstheit berührt, entsteht ein leerer Raum, der in Sanftheit offen ist für alles, was kommt. Das ist das Gefäß für die Liebe. Im freien Hin- und Her-Schwingen dieser Energie zwischen liebenden Menschen potenziert sie sich in ungeahnte Höhen. Keine Begegnung, die im Moment stattfindet, ist wie die andere, kein körperliches Zusammensein greift einfach nur auf altvertraute, eingeschlafene und automatisch ablaufende Muster zurück. Nein, ganz im Augenblick geschieht immer etwas Einzigartiges, man entdeckt sich und den anderen in jedem Moment neu und bahnt sich einen ganz eigenen Beziehungsweg. So steht die Liebe für das gemeinsame Wachsen, dafür, sich gegenseitig zu unterstützen, als die Blume zu blühen, die er /sie gerne sein mag und in seinem tiefen Innern längst ist.

Über den Autor

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Henriette Stärk ist Dipl. Psychologin mit körpertherapeutischer Zusatzausbildung.

In ihrer Praxis bietet sie die körperzentrierte Herzensarbeit nach Safi Nidiaye an, um Themen, Muster und alte Glaubensstrukturen, die echte Nähe blockieren, aufzufinden und zu verdauen.

 

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Praxis
Otto-Erich-Str. 9
14482 Potsdam
Tel 0331-2017532


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