Wir alle sind in die Schule gegangen, haben Buch und Heft aufgeschlagen, uns vom Lehrer unterrichten und die Fehler anstreichen und bewerten lassen. Das ist noch heute das Standardbild von Schule und Lernen. Der Lehrer Franz Josef Neffe setzt dieser „Unterrichtsvollzugsanstalt“ sein Modell einer „Ich-kann-Schule“ entgegen, die an praktischen Beispielen einfache Lösungen zum Nachmachen für alle zeigt – für Probleme, die seit Jahrzehnten in der Schule immer nur gewachsen sind.

Normale Schulen sind dazu da, Menschen zu konditionieren, um sie besser manipulieren zu können. Sie arbeiten mit Zwang. Wir müssen in unsere „Schulen“ gehen und können sie schwänzen, wir müssen pünktlich sein und können zu spät kommen, wir müssen schön schreiben und können schmieren – fällt Ihnen nichts auf? Alles Gesunde, Normale, Lebendige ist in diesen Lehrplanvollzugsanstalten mit einem Muss besetzt. Müssen engt das Leben ein, in letzter Konsequenz bis zum Tod. Was bleibt dem Leben da anderes übrig, als sich durch Auffälligkeiten bemerkbar zu machen und ständig Alarmsignale zu geben? Kinder werden auffällig, damit uns endlich was auffällt.

Wenn unsere Schulen überhaupt jemals Schulen waren, haben wir sie längst zum exakten Gegenteil von Schule gemacht. Das Wort Schule bedeutet ursprünglich: Ruhe, Muße, freie Zeit. Der Musiker, Komponist, Gitarrenbauer, Journalist, Autor und Freibildungsexperte André Stern (Bestseller: „… und ich war nie in der Schule“) behauptet immer, nie in der Schule gewesen zu sein. In Wirklichkeit ist er einer von wenigen, die immer „Ruhe, Muße, freie Zeit“ = Schule gelebt haben. Ihre vernichtende Wirkung hat die Pädagogik nicht durch Schule. Es ist der Unterricht, mit dem alle – auch die Lehrer – nach unten gerichtet werden. Im Unterricht muss man unten einüben, sich nach denen oben zu richten. Wir lernen gar nicht Lesen und Schreiben im Unterricht, wir werden auf LesenMÜSSEN und SchreibenMÜSSEN getrimmt, und das ist vollkommen anders als freies Lesen und Schreiben. Dich unterwerfen, einfügen, willig mitmachen musst du dafür und darfst keinen eigenen Kopf haben – nur noch einen fremden.

In Schablonen gepresst

Du wirst zum Objekt des Unterrichtsvollzugs. Objekte wachsen nicht. Dein Persönlichkeitswachstum bleibt dabei vollkommen auf der Strecke. Anerkannt wirst du nur noch, wenn du tust, was du musst. Wer das, was er muss, besser macht als die anderen, steigt auf. Das ist aber nicht der Könner, sondern der Super-Müsser. Können wird nicht toleriert. Wenn dir der Vater beim Rechnen hilft – und inzwischen ist das Verfahren wieder einmal geändert worden –, ist das Ergebnis danach zwar richtig, aber du hast nach dem aktuellen Verfahren falsch gerechnet: Du passt nicht in die Schablone. Du hast richtig gekonnt, aber falsch gemusst. Erst wenn du der Lehrerin recht schreibst, ist es Rechtschreiben. Ums Schreiben geht es dabei gar nicht; es geht um Unterwerfungs- und Einfüge- und Willigkeitstraining mit Hilfe von Schreibübungen. Darum dauert auch „Lernen“ bei uns so lange.

Für die erste Klasse sieht der Lehrplan der Grundschule das Rechnen mit den Zahlen 1 bis 20 vor oder der Lehrplan der Förderschule mit den Zahlen von 1 bis 6. Das können doch viele Vierjährige schon. Das Schuljahr hat 40 Wochen à 5 = 200 Mathestunden. 200 Stunden von 1 bis 20 bzw. bis 6 und zurück – wer hält so etwas überhaupt aus, ohne nicht mindestens neurotisch zu werden? Ich hab vor bald 40 Jahren schon in meinen Ich-kann-Schule- Vorträgen gesagt: „Wenn wir die Schulräte dieses Regierungsbezirks in einen Saal sperren und zwingen, 200 Stunden lang mit den Zahlen von 1 bis 20 zu rechnen, haben wir spätestens nach 100 Stunden die ersten Mord- und Selbstmordversuche.“

Es ist geradezu vernichtend, wie wir die Talente der Kinder matt (Burnout) und platt (Depression) üben und die natürlichen Abwehrreaktionen gegen die pädagogische Dauervergewaltigung als Krankheiten abtun. Die pädagogischen Profis in der Schule schämen sich nicht, das, was sie in der Schule nicht geschafft haben, an die pädagogischen Laien Eltern weiterzuschieben. Je besser diese Pädagogik wird, desto mehr wachsen die Probleme und desto schlechter geht es allen.

Vertrauen in Fähigkeiten

Die Ich-kann-Schule zeigt seit 40 Jahren an konkreten Beispielen, wie einfach diese Probleme zu lösen sind. Als ich in einer Schule für Lernbehinderte mit einer zweiten Klasse im Fach Rechnen in den 20er-Raum starten sollte, sagte ich den Kindern: „Das muss euch doch langweilig sein!“ und schlug vor – zu hundert Prozent auf mein Risiko – ihnen zu zeigen, dass sie alle schwere Aufgaben aus der vierten Klasse Grundschule können. In einer halben Stunde lernten alle mit wenigen Schritten, Millionenbeträge zu addieren. Alle haben alles richtig gerechnet und dabei bis zu Zehn-Millionenbeträge in einer Rechnung zusammengezählt. Sie wollten gar nicht mehr aufhören. Endlich konnten sie zeigen, wer sie wirklich sind!

Ich habe immer wieder Kinder getroffen, denen man „wissenschaftlich fundiert“ suggeriert hatte, dass sie nichts können und auch nie etwas können würden. Das stimmte in keinem einzigen Fall. Ganz im Gegenteil! So habe ich im Ich-kann-Schule-Experiment immer wieder erlebt, dass die sogenannten Legastheniker mitnichten schlechte Rechtschreiber sind. Oft können sie sogar besser schreiben als alle anderen. Woran liegt das? Es liegt am blinden Vollzug pädagogischer Papiervorgaben und an unserer schlampigen pädagogischen Beobachtung, dass wir das nicht erkennen. Die betroffenen Kinder sind in der Regel sensibler als die anderen und das bedeutet: Ihnen tut unsere grobe, plumpe Vollzugspädagogik früher und stärker weh als anderen. Wir schlagen erst ihre feinen Talente in die Flucht, um dann mit unseren Papiertests festzustellen, dass das Kind die Talente nicht hat. Das ist einfach nur beschämend. Wenn ich dem Kind beste Talente zuspreche und zuverlässig auf der Seite dieser Talente stehe, kommen sie wieder heraus und strafen alle Testergebnisse Lügen. Ohne dass ich einen einzigen Buchstaben oder eine Zahl mit ihnen geübt hätte, schreiben und rechnen sie auf Anhieb sehr viel besser, als man ihnen attestiert hat.

„Unterrichtsvollzugsbeamte“

Wenn in unseren Schulen also jemand Lernen dringend nötig hat, sind das meine Kollegen. Sie sollten dringend aufhören, als Unterrichtsvollzugsbeamte Papiervorgaben abzuarbeiten. Es ist kein Zufall, dass sie sich so in der Krankheitsstatistik einen Spitzenplatz erarbeitet haben. Sie vermitteln Kindern Vorgeschriebenes, bringen es ihnen bei, unterrichten sie und merken noch nicht einmal, dass sie genau dadurch den natürlichen Lernprozess boykottieren. LERNEN heißt Fährten des Lebens folgen, eigene Erfahrungen sammeln, auch Gefahren bestehen, und man wird nur allein dadurch zum LEHRER, dass einen selbst das Lernen so fasziniert, dass andere neugierig werden und einem von sich aus dabei folgen wollen. Lehrer sind in der neuen Ich-kann-Schule mitreißende Vorbilder für Lernen.

Exempla trahunt = Beispiele ziehen, haben Sog-Wirkung. Für unsere Pädagogen aber ist Sog ein Fremdwort. Sie kennen nur Druck, mehr Druck oder keinen Druck. Mit Druck kann man Kräfte nicht lenken. Der Bauer, der das weiß, spannt daher die Pferde nicht hinter, sondern vor den Wagen. Warum lernen wir nicht von solchem Vorbild? Druck komprimiert das Problem und den Menschen; das ist das exakte Gegenteil von Lösung. Es erstaunt also nicht, wie hilflos unsere Druck-Pädagogik ist, die nur immer den Druck steigert und die derart erzeugten Katastrophen mit Krankheitsbezeichnungen in Richtung Medizin weiterschiebt. ADHS heißt bei ihr „Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitäts-Syndrom“; in der Ich-kann- Schule sage ich „Alle Dummen haben’s dazu. Es gibt kein Aufmerksamkeitsdefizit! Solange der Mensch keine Leiche ist, geht seine Aufmerksamkeit immer dahin, wo die größte SOG-Wirkung ist.

Ganz klar, dass eine „Pädagogik“, die nur den Druck und seine Steigerung kennt, da auf verlorenem Posten steht: Mit Druck bekommt man niemals SOG-Wirkung. SOG-Wirkung funktioniert einfach. Bei jedem Menschen hungert nicht nur der Körper, sondern es hungern auch Geist & Seele. Wenn ich den Talenten eines „Nicht-Könners“ ebenso gezielt wie bedingungslos Achtung, Anerkennung, Bestätigung, Bestärkung, Bewunderung, Ermutigung, Ermunterung und mehr desgleichen genau für das gebe, was ich wachsen erleben möchte, dann wächst es.

Auf Talente setzen

Ich unterscheide immer zwischen dem Menschen und seinen Kräften und Talenten und stelle mich immer eindeutig und verlässlich auf die Seite seiner Talente. Wenn Karl behauptet, er könne etwas nicht, setze ich voll auf seine Talente, die er gerade im Stich gelassen hat, und halte dagegen – nicht mit Druck, sondern mit SOGWirkung für seine Talente. Ich bin begeistert von seinen Talenten, für die er sich gerade noch schämt, und sage: „Schau mir mal ins Gesicht, wie es mir geht, wenn ich an deine Talente denke!“ Er sieht, dass es mir bestens geht. Dann verlange ich: „Und jetzt schau dir dein Gesicht an!“ und fordere ihn heraus: „Wäre es nicht klug, du würdest auch so gut von deinen Talenten denken wie ich?“

LEHREN heißt einen Weg begeistert vorzugehen, den es sich zu gehen lohnt. Wenn die Kinder sehen, wie ich die größte Freude am Wachstum ihrer schwächsten Talente habe, dann werden sie auch neugierig auf ihre Kräfte. Von Martin hieß es, er sei „einseitig mathematisch begabt“; in Deutsch hatte er immer die Note 6 und war einmal sitzengeblieben. Als ich die Kollegen aufforderte, seine Stärken zu stärken, sagten sie: „Das tun wir doch eh. In Mathe ist er begabt, da fördern wir ihn.“ Ich entgegnete: „Mathe kann er selber, da braucht er euch nicht.“ Mir ging es um seine geschwächte Rechtschreibstärke, für die sich keiner interessierte. Mit unserer Pädagogik sind wir so schusselig, dass wir nicht mal eine „geschwächte Rechtschreibstärke“ von einer „Rechtschreibschwäche“ unterscheiden können.

Um die sogenannte Lese-Rechtschreibschwäche tanzen wir wie ums Goldene Kalb, und die geschwächte Lese-Rechtschreibstärke ignorieren wir dabei stur und lassen sie verhungern. 80 Fehler von Martin sind 80 Lecks, die es dichtzumachen gilt, wenn sein Lebensschiff nicht ständig vom Untergang bedroht sein soll. Auf Papierbescheinigungen nehmen die Stürme des Lebens keine Rücksicht. Im Gegensatz zu den Vorjahren musste Martin bei mir die Diktate und Aufsätze wieder ganz mitschreiben. Ich konnte von den zweieinhalb Seiten seines Aufsatzes kaum etwas verstehen, aber er konnte mir alles flüssig vorlesen. Es war eine gute Geschichte. Da ließ ich eine Standpauke los: „Wer so gute Geschichten schreiben kann, der kann doch auch richtig schreiben! …..“ Martin bereitete folglich die nächste Nachschrift nicht wieder, wie gewohnt, als Versager vor, sondern als Könner und hatte null Fehler, und bei der nächsten wieder. Es ist ein schwerer Fehler unserer Pädagogik, dass wir uns immer nur auf das fixieren, was wir nicht können. So halten wir es fest, ohne dass wir unseren Fehler erkennen.

Die drei Zauberregeln

„Mama, ich will nicht mehr leben!“ Die Mutter der siebenjährigen Sabrina hatte mich angerufen, weil die Lehrerin ihre Tochter schon das ganze erste Schuljahr täglich vor der Klasse blamierte: „Du bist zu dumm für alles!“ Ich hab damals die Familie besucht und das Kind hat das Problem für seine Lehrerin und für sich in zwei Stunden konkret praktisch gelöst.

Sabrina erkannte sofort, dass die Frau das nicht absichtlich macht, sondern dass sie von Kräften getrieben wurde, die sie weder verstand noch beherrschte. Meine Kollegin zwang ihre eigenen guten Kräfte, dem Kind Böses anzutun. Einer Lehrerin, die jeden Tag Kinder kleinmachen muss, ist das wohl als Kind auch so ergangen, und sie ist bis heute von niemand erlöst worden. Meine Kollegen haben ihr in der Schule immer nur zugeschaut; ihr helfen konnte und traute sich offenbar nie jemand. Die Frau war fast 50 Jahre älter als das Kind und litt also schon um so viel länger. Die Prügel, die sie austeilte, bekam sie nach dem biblischen Gesetz sieben mal 70-fach zurück. Das bedeutete ganz praktisch: Wenn sie nicht darunter begraben werden wollte, musste sie ständig weiter Prügel austeilen – das Geschehen hatte sich längst verselbständigt.

Wir erkannten unseren Vorteil: Wenn wir dafür sorgten, dass sie etwas Besseres auszuteilen hatte, würde sich alles ändern. Dafür mussten wir vor allem aufhören, Ohnmachtsgefühle, Schmerz, Zorn, Wut, Verletztheit und dergleichen zurück und in sie hinein zu strahlen, denn Strahlen hält nichts auf, die kommen überall durch. Sabrina lernte „zaubern“.

Ich schreibe hier die drei Zauberregeln auf, mit denen sie ihre Lehrerin praktisch über Nacht um 180 Grad veränderte:

1. Überlege, was dem Menschen zum GUTsein fehlt, und schicke ihm das fehlende GUTE im Geiste!

2. Schicke nicht nur ein bisschen was GUTES, sondern mindestens 100mal mehr, als bei ihm Platz hat! Dann muss er es sofort wieder mit vollen Händen austeilen, selbst wenn er nicht wollte.

3. Ein Zauberer redet nicht über sein Zaubern.

Vier Wochen drauf war Elternsprechtag. Sabrinas Mutter berichtete mir, die Lehrerin sei ihr strahlend entgegengekommen mit den Worten: „Ich hab an Ihrer Tochter überhaupt nichts mehr auszusetzen!“ Durch innerliches Wachsen dem Leben gewachsen sein Bei dem Gespräch hab ich Sabrina auch gefragt, ob ich den Schulleiter zu ihr schicken dürfe, wenn er mich wegen eines Riesenproblems anriefe. Sie schwieg und ich fragte weiter: „Oder kennst du außer dir jemand, der in der Lage wäre, sein Problem zu lösen?“ Da musste sie „nein“ sagen und ich konnte sagen: „Siehst du, wie wichtig du bist?“

Genau da müssen wir mit der Pädagogik hin. Wir müssen immer für Persönlichkeitswachstum sorgen, denn: Nur durch Wachsen werden wir dem Leben gewachsen! Ich habe diese Ichkann- Schule-Experimente mit anderen Kindern jeden Alters wiederholt, stets mit ähnlich guten Ergebnissen. Wen die Einzelheiten interessieren, der kann sie in der „neuen Ich-kann-Schule“ , in den „Ich-kann-Geschichten“ und meinen weiteren Schriften nachlesen und in meinen Videos hören und sehen oder mich auch mal konkret für Problemlösungen in die Schule oder Hochschule einladen.

Eine Antwort

  1. Tanja
    Wunderbar

    Wundervoller Artikel. Berührt mein Herz und ist absolut stimmig. Herzlichen Dank für die wertvollste Arbeit.

    Antworten

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