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Die ältesten Mythen sagen, Gott Eros sei aus dem Weltei entschlüpft und somit der erste der Götter überhaupt gewesen. Wenn wir Eros als die schöpferische Urkraft verstehen, so ist das eine wunderbare Metapher, wie sie typisch ist für das bildhafte Denken – nicht nur der Griechen, sondern aller Urvölker von den australischen Aborigines bis zu den Mayakulturen.
Diese Legenden besagen, Eros sei so alt wie die Erde selbst und habe weder Vater noch Mutter, außer Eileithyia, der Göttin der Geburt. An anderer Stelle heißt es, Eros sei der Sohn von Aphrodite und dem Kriegsgott Ares (dem römischen Mars), welcher zu Kriegszeiten die Begierden der Frauen der Krieger anschürte. Auch der geflügelte Götterbote Hermes wird als Vater genannt.
Dass manche Versionen auch Aphrodite als seine Mutter ansehen und Göttervater Zeus als den Vater, mag ein Hinweis sein, dass wildbewegte Leidenschaft selbt vor inzestuösen Beziehungen nicht haltmacht.
Der einfache Mann stellte sich Eros als wilden Knaben vor, der vom Kriegsgott Ares mit Aphrodite gezeugt war und versehen mit goldenen Flügeln, wahllos seine brennenden Pfeile verschoss und damit die Herzen in Brand steckte. Deshalb bürgerte sich bei den Griechen unter anderem auch die Sichtweise ein, dass Eros der boshafte Gott wild entflammter und ungezähmter Leidenschaft sei, der die Gemüter erhitzt und Vergnügen daran habe, mit seinem störenden Einfluss die Gesellschaft durcheinanderzubringen.

Was unsere Thematik angeht, greife ich gerne zurück auf die Urversion und verstehe Eros als schöpferische Trieb- und Bildekraft, die weit über bloße Leidenschaft hinausgeht. Wenn also Gott Eros mit seiner Fackel in höhere Regionen hineinleuchtet, dann weckt er dadurch nicht niedere Begierden, sondern entwirft sowohl den Bildekräfteleib der Welt der Erscheinungen, wie er auch in der menschlichen Seele das Feuer der Begeisterung für eine Sache entflammt. Diese „Schöpferische Trieb- und Bildekraft” ist also nichts anderes als das, was wir gemeinhin mit dem Begriff „Kreativität” belegen, in welcher Form auch immer diese sich äußern und in Erscheinung treten mag.

Dahinter steckt also Energie, welche eine Vision transportiert.

Der Mensch kann diese Energie sexuell ausleben und sie zur Zeugung von Nachkommenschaft einsetzen. Er kann sie aber auch benutzen, um seine geistigen „Ein-Fälle” umzusetzen und etwas in der materiellen Ebene zu erschaffen.

Es ist viel die Rede von der Erweckung der Kundalini. Man versteht darunter das Aufsteigen der Lebensenergie in zwei feinstofflichen Kanälen, den sogenannten Nadis innerhalb des Rückenmarks. Viele Menschen unterziehen sich großer Mühe und jahrelanger Meditationsübungen, um diese Schlangenkraft zu erwecken und nach oben zu lenken. Es darf aber auch einmal daran erinnert werden, dass jeder ganz normale Mensch, der daran arbeitet, auf die eine oder andere Weise eine Vision umzusetzen, seine „Kundalini erweckt” und damit Eros zum Erblühen bringt.
Ein geheimes, der Evolution innewohnendes Programm sorgt dafür, dass jeder von uns früher oder später „nach Hause” findet. Der geistige Schleudersitz „angestrengter” Meditationsübungen ist nicht jedermanns Sache. Eine Blume bemüht sich auch nicht darum, „früher” zu blühen. Der in ihr angelegte Plan bestimmt aber, dass sie zum rechten Zeitpunkt erblühen wird:
Es ist weder sinnvoll noch notwendig, die eigene Entwicklung gewaltsam voranzutreiben, es genügt vollständig, sie nicht zu behindern.
Trachten wir also danach, so tatkräftig und kreativ wie demutsvoll unseren Lebensplan zu erfüllen, so sind wir bereits bestmöglich auf dem Weg.

Werfen wir einen Blick auf die Betrachtungsweise der Alchemie zum Thema Eros. Diese bezieht ihre Informationen aus dem Wissen um die ehernen kosmischen Gesetze der sogenannten sieben hermetischen Prinzipien1). Das sechste dieser Prinzipien besagt, dass allen voneinander getrennten Erscheinungen auch Geschlecht innewohnt, das heißt, der Drang, wieder zu einer Einheit zusammenzuwachsen: „Geschlecht ist in allem, alles hat männliche und weibliche Prinzipien. Geschlecht offenbart sich auf allen Ebenen.”

Als der Mensch sich von der ehemals bestehenden Einheit der Naturreiche löste, symbolisch also „vom Baum der Erkenntnis” aß, wurde ihm die Trennung schmerzlich bewusst und erzeugte eine Sehnsucht nach Rückkehr ins Paradies durch den Akt der Verschmelzung mit dem verlorenen Urgrund. In der Kraft dieses Verlangens liegt der Eros beschlossen. Die Alchemie nennt das die „Chymische Hochzeit”: die Verschmelzung der Gegensätze, die Vermählung von Sonne und Mond, von König und Königin, von Mann und Frau, aus der heraus das Neue geboren wird. Dieses Neue ist der göttliche „Hermaphrodit”, gebildet aus den Prinzipien von Hermes (Wissen) und Aphrodite (Liebe). Er trägt also wiederum beide Pole in sich, den männlichen und weiblichen.
Aus dieser Verbindung von Wissen und Liebe erwächst die Fähigkeit, den Drachen zu besiegen, welcher einerseits das Eingebundensein des Geistes in die Materie verkörpert und andererseits ein Symbol für die Lebensenergie darstellt. Deshalb darf man ihn nur besiegen, nicht aber töten. Auf vielen Bildern, welche den Hl. Georg, darstellen, wird dieser gezeigt, wie er den Drachen tötet. Das ist eigentlich falsch, denn dadurch würde er genau dessen verlustig gehen, was er unbedingt zu seiner Erleuchtung und chymischen Hochzeit benötigt: des Antriebs der Lebenskraft. Wer den Drachen in sich tötet, bringt sich gleichsam selbst um. Wer das Feuer der Lebensenergie in sich zum Erliegen bringt, tötet sein kreatives Potential, stirbt ab, bekommt Krebs, AIDS oder wie immer man das nennen will, wenn die körpereigene Abwehr gegenüber Fremdeinflüssen total zum Erliegen kommt. Das Ersteigen der Jakobsleiter bis hin zur Erleuchtung, führt durch die Dunkelheit der eigenen Seele und die Erkenntnis und Verwirklichung des latent angelegten, gegengeschlechtlichen Pols.

“Eros ist noch zur Zeit Platons die alles umfassende und alles durchfließende Energie, die kosmische Energie und gleichzeitig auch die zwischenmenschliche Energie. Das Fließen des Eros ist die Voraussetzung jeder zwischenmenschlichen positiven Beziehung schlechthin. Eros wurde erfahren als dynamisches, sehnsuchtsvolles Strömen zwischen den Menschen, in der Natur, im Kosmos: Eros ist die alles verbindende Lebenskraft.” (Anni Berner-Hürbin)

Der leidende Eros als Ursache von Erkrankung

Damit sind wir bei der „leidenden Lebenskraft als Ursache der Erkrankung”, wie das Samuel Hahnemann  so schön formulierte. Wir könnten genausogut sagen: beim „leidenden Eros.” Wann aber leidet der Eros? Wenn wir aus Angst vor der Unsicherheit des Lebens das in uns angelegte Potential nicht bestmöglich verwirklichen, uns zurückhalten, unterdrücken lassen, halbherzige Zugeständnisse machen, schlechte Kompromisse schließen.
Dann erschlafft der Eros in uns, die Energien laufen aus, eine Depression stellt sich ein. Der gekränkte Eros leidet an unserer Feigheit, uns den Herausforderungen des Lebens mit größtmöglichem Mut ebenso wie mit Demut zu nähern, um an jeder Begegnung ein Stück zu wachsen.
Deshalb sagt der Meister sinnbildhafter Kurzprosa, Kahlil Gibran:

“Doch suchest du in deiner Angst nur der Liebe Ruh’ und der Liebe Lust,
Dann tätest du besser, deine Nacktheit zu verhüllen und der Liebe Tenne zu entfliehn,
In die schale Welt, wo du wirst lachen, doch nicht dein ganzes Lachen, und weinen, doch nicht all deine Tränen.”

Auf Dauer jedoch lässt sich der Eros nicht unterdrücken und nichts ist so gut geeignet, ihn wieder zum Strömen zu veranlassen und alte Barrieren zu durchbrechen, wie die homöopathische Heilkunst. Homöopathie macht ehrlich. Sie weckt die Ehrlichkeit, sich selbst auf eine neue Art und Weise ins Gesicht zu sehen und auch die Masken gegenüber dem Nächsten fallen zu lassen, sein „wahres Gesicht” zu zeigen, sich wieder ursprünglich zu bewegen. Dynamis ist reine Bewegung, ohne Masse, ein Wirbel an Energie.

Eros als Schöpfungswirbel

Im Jahr 1867 fand der geniale Physiker William Thomson, der als Lord Kelvin in die Geschichte einging, heraus, daß es ein Grundprinzip der Energie ist, sich in Form von Wirbeln zu bewegen. Diese Erkenntnis brachte ihn schließlich dazu, seine Lehre vom „Wirbel-Atom” zu formulieren.
Heute weiß der Eingeweihte, dass sich Lebensenergie entsprechend dem 2. hermetischen Prinzip „Wie oben – so unten”, durch alle Ebenen der Erscheinungswelt generell in Wirbeln bewegt. Das gilt für eine Galaxie, – einen Spiralnebel im Makrokosmos -genau so, wie für den Zyklon oder Wirbelsturm, bis hin zum Wirbel eines sich ausrollenden Farnkrauts, der Wirbelenergie, welche ein Schneckenhaus oder eine Fingerbeere gestaltet oder der Wirbelbewegung kleinster biologischer Entitäten, den Bionen des Wilhelm Reich.

Wer bewusst Energie auf einen anderen Menschen übertragen will, bedient sich dabei oft einer rotierenden Handbewegung und von dem indischen Avatar Sai Baba erzählt man sich, er würde mit einer Hand kreisförmige Bewegungen über der gegenüberliegenden Handfläche ausführen, woraufhin sich, gepaart mit seiner intensiven Vorstellungskraft, aus dem Urstoff Dinge auf seiner Hand in greifbare Gestalt hinein ausbilden. Einer meiner Freunde, der solch einem Manifestationsprozess beiwohnte, bei dem ein Ring sich materialisierte, berichtete, dass dabei die Luft regelrecht in wabernde Bewegung geraten sei, ähnlich jenem Phänomen, das wir über einer heißen Asphaltdecke oder in der Wüste beobachten können.
So dürfen wir den Eros auch als die bewegende Kraft der morphogenetischen Felder von Rupert Sheldrake erkennen.

Eros in der Kunst

Hier gibt es keine Beschränkung auf die Darstellung erotischer Szenen. Kunst an sich – die Umsetzung einer Vision – ist bereits ein erotischer Akt. Die kreative Kraft eines Van Gogh brachte die wildbewegten, atmosphärischen Wirbel, die seinen Gemälden ihre unverkennbare Signatur verleihen, direkt auf die Leinwand. Ebenso wie die Azteken und andere Urvölker einen noch unmittelbaren Bezug hatten zu den Bewegungsabläufen der Lebensenergie im eigenen Körper. Wie anders wäre es zu erklären, dass wir sowohl auf jenen geheimnisvollen in den Fels gemeißelten Gesichtern wie auf den bemalten Wangen der Indios den wirbelförmigen Energieverlauf beobachten können?

Auch in der Komposition von Musik tun sich die Regungen des Eros kund, jeweils gefärbt durch das individuelle Naturell des Komponisten. Die kreativ-gestaltende Kraft ist dabei immer die gleiche. Jedoch hängt die Möglichkeit, von einem Musikstück mehr oder weniger tief „ergriffen” zu werden, ab, von der Höhe des Bewusstseins dessen, der diese Musik aus dem universellen Klangstrom zu sich herabzieht und durch sein Temperament offenbart. So ist denn auch „die Musik ihrerseits die Kenntnis von den ‘Eros’-Regungen im Gebiete der Harmonie und des Rhythmus.”

Eros und Dionysos

Untrennbar verbunden mit dem Eros ist Dionysos, der griechische Gott des Weines und der Lebensfreude, der Sohn des Gottvaters Zeus und der sterblichen Semele, welche nicht ahnte, welch göttliche Frucht sie in ihrem Leibe trug. Als sie – auf den Rat der eifersüchtigen Hera hin – Zeus bat, sich zu erkennen zu geben, erschien ihr dieser als Donner und Blitz und sie verging vor seinen Augen. Hermes aber eilte herzu, rettete das Sechs-Monatskind bevor auch dieses verzehrt worden wäre und nähte es in den Schenkel des Zeus ein, damit es dort weitere drei Monate ausreifen konnte. So ist also sein Name Dionysos gleichbedeutend mit „Der zweimal Geborene” oder „Das Kind der doppelten Tür.” So wurde Dionysos zu einer Verkörperung des Eros – der unverwüstlichen, sich stets erneuernden Lebensenergie einerseits und einem Sinnbild für die Verwandlung durch Tod andererseits. Er ist kein Gott, der Frauen verführt, wie Zeus das immer wieder tut. Er ist vielmehr ein Gott, der Frauen beglückt.
Zur Zeit von Platon gab es sowohl die Erkenntnis wie auch die lebendige Erfahrung der einheitlichen Wurzel von Erotik und Spiritualität. Nachdem der ehemals göttliche „allumfassende” Pan zum Teufel umgedeutet worden war, kam es zur Entzweiung des Eros in Sexus („Geschlecht”) und Spiritus („Atem, Hauch, Geist”). Es ist bezeichnend, dass die Griechen kein Wort für Sex hatten, wie wir es kennen. „Reinen” Sex gab es nicht. Es war alles Eros. Eine Spielart desselben bildete philia – die „Liebe”. Agape schließlich war der Ausdruck für die göttliche „Nächstenliebe”, welche ein „Liebesmahl”, eine „Speisung der Armen” mit einschloss.
In Platons Gastmahl wird mit dieser Kraft gearbeitet, denn Platon erkennt wie viele Meister vor ihm, den Eros als Eintrittspforte zur Spiritualität. Wie Anni Berner-Hürbin zwingend nachweist, ist das ganze Symposion nichts anderes als ein Ritual zur Feier und Verherrlichung des Eros:

“Darin liegen wohl Geheimnis und Sehnsucht der Eros-Rituale: Sie sollen das gegenseitige Fusionieren der subtilen Energiekörper ermöglichen, das Sich-Rühren und Berühren von Seelen bis zum höchsten Zustand von Ganzheit und Einssein.”

Die festgelegte Reihenfolge der Reden der einzelnen Teilnehmer führt schließlich in immer höhere Schwingkreise verfeinerter Energien. Diese entrollen sich spiralförmig, gleich einer sich aufringelnden Schlange und artikulieren sich in diesem Fall durch den freien Fluss der Sprache. Vor allem in der dritten Rede wird vom Eros als der „dynamis“ – der „Lebenskraft” gesprochen.

Dies alles sind Ausdrucksformen des in ständigem Fluss befindlichen Eros. Je mehr wir uns in seine natürlichen Fließbewegungen einfühlen können, umso lebendiger werden wir.

Über den Autor

Avatar of Peter Raba

geboren am 03.06.1936 in Murnau

7 Jahre Studium der Theatergeschichte, Germanistik, Psychologie, Anthropologie an der Universität München. 7 Jahre Fernsehredakteur und Regisseur beim Bayerischen Rundfunk.
7 Jahre freier Photograph auf den Gebieten Action, Werbung und Touristik.
Heilpraktiker im Fachbereich Klassische Homöopathie und Psychotherapie seit 1976. Studium der Klassischen Homöopathie bei dem Altmeister dieser Kunst, Dr. Adolf Voegeli. Pully Schweiz sowie Dr. Otto Eichelberger, München.

Publikationen (Auswahl):
Homöopathie – Das kosmische Heilgesetz, 1997, 738 S. geb., ISBN 3-932938-93-3
Eros und Sexuelle Energie durch Homöopathie, 1998, 816 S., ISBN 3-902938-38-0
Göttliche Homöopathie – Das Erwachen des Neuen Menschen im 3. Jahrtausend. 1999, ca. 450 S., ISBN 3-932938-03-8
Schlank und suchtfrei durch Homöopathie

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