Der Film Im Spiegel deines Angesichts erzählt aus dem Leben einer zeitgenössischen Tempeltänzerin, die dem geheimnisvollen und ungewöhnlichen inneren Ruf folgt, „für Gott zu tanzen“. Was genau dieser innere Auftrag beinhaltet, ist ein lebenslanges, unendliches Forschungsfeld und eine Einladung, sich dem großen Nichtwissen anzuvertrauen und mit dem „Grund des Nicht-Wissens, wo die Rose immer blüht“ (Rumi) in Beziehung zu treten. Ein Interview mit Paramjyoti Carola Stieber über ihren autobiographischem Dokumentarfilm…

Sein: Wie bist du auf die Idee gekommen, als Tänzerin einen Film zu machen?

Paramjyoti: Es gab ein Schlüsselerlebnis, mit dem die Idee, einen Film zu machen, geboren wurde. In dem indischen Dorf, in dem ich damals kurze Zeit gelebt hatte, fand eine Zeremonie statt, deren Bedeutung ich bis heute nicht kenne. Ich wurde angehalten, meine Fußglöckchen zum Tanz mitzunehmen. An Ort und Stelle angekommen, nahm ich etwas scheu in der am Boden hockenden kleinen Versammlung Platz. Mit einem verschmitzten Blick, der weniger um Erlaubnis fragte als kundtat, dass man so eine kostbare Gelegenheit einfach beim Schopfe packen muss, schnappte sich einer der Ältesten meinen Beinschmuck, band ihn sich um seine hageren Fußgelenke, zog sich an seinem Gehstocks in die Vertikale und stampfte rhythmisch, sich in Kreisbewegungen um diesen drehend.

Mein Blick glitt über seine Füße, die auf der staubigen, von der Sonne ausgetrockneten harten Erde bebten, entlang seines zerschlissenen Beinkleides und über seinen knochigen Oberkörper immer weiter empor. Sein verzücktes Lächeln entblößte seine wenigen verbliebenen Zähne. Seine Augen waren geschlossen. Sein Gesichtsausdruck war ekstatisch, nicht von dieser Welt und ließ vermuten, in welch tiefe, innere Räume er entrückt war. Über seinem Haupt mündete mein Schauen in den weiten, blauen, wolkenlosen Himmel. In diesem Moment wurde in mir der Wunsch geboren, diese Art von Eindrücken, die mich tief berühren, mit Menschen zu teilen – auch mit denen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht physisch auf Reisen begeben können. Ich wollte Bilder zeigen von fernen Ländern, in denen wir Vertrautes und Geliebtes wiederfinden können, aber auch Bilder, die einladen, das Gefühl von Trennung zu überwinden und den eigenen Horizont zu erweitern.

Auch ein Beweggrund für die Filmproduktion war das Bedürfnis, Licht auf die Thematik von Devadasi (Sanskrit: Dienerin Gottes) zu werfen. Devadasi ist ein Name für traditionellen indischen Tempeltanz. Da ich häufig in sakralen Kontexten tanze, erlebe ich, dass es unterschiedliche Auffassungen und Empfindungen geben kann, was als heilig empfunden wird und was nicht. Gerade wenn es darum geht, den Körper ins Gebet zu integrieren. In religiösen Zusammenhängen wurde der Körper zum Beispiel oft verteufelt, der Tanz aus geistigen Ritualen verbannt oder das Weibliche im Menschen unter den Scheffel des männlichen Aspektes gestellt. Teilweise mit fatalen Folgen. Da mich das betrifft, wollte ich ein Zeichen setzen. Eine Hommage an das Weibliche schaffen. Damit einhergehend liegt mir am Herzen, mit dem Film dem weit verbreiteten Missverständnis, Devadasi sei ein Synonym für Tempelprostitution, entgegenzuwirken. Der Film zeigt die mystische Praxis des sakralen Tanzes in seiner ursprünglichen Intention und gleichzeitig im zeitgenössischen Ausdruck. Er veranschaulicht den Tanz als spirituellen Schulungsweg, unabhängig von Tradition und Konfession.

Du bist also selbst eine in der Tradition der Devadasi stehende Tempeltänzerin?

Ja und nein. Ich bin in keiner Weise ausgebildet in indischklassischem Tanz. Nach meiner vierjährigen Ausbildung zur diplomierten Bühnentänzerin interessierte es mich allerdings nicht weiter, die perfektionierte Form zu studieren oder Stücke und Rollen zu interpretieren, die sich Choreographen ausgedacht haben. Ja, es schmerzte mich sogar, Bewegungen ausführen zu müssen, die nicht im Einklang mit dem waren, was ich wirklich fühlte. Dieser Konflikt war richtungs – weisend und brachte mich sozusagen notgedrungen auf den Weg, meine eigene Bewegungsschule zu gründen, in der es um noch etwas anderes geht als um das, was mir meine Tanzakademie vermitteln konnte. Mich interessiert der Ursprung der Bewegung. Ich lausche dabei nach innen und nähere mich der Quelle jeder im Geist auftauchenden Inspiration. Dabei trete ich ganz von allein in Kontakt mit dem, was hinter jedem Gedanken, jedem Gefühl und jedem Impuls zur Bewegung liegt.

Hier nimmt die Identifikation mit der eigenen Geschichte ab, lasse ich mich aus der Leere und Stille heraus bewegen und erfahre dabei ganz essentiell, was Tanz für mich bedeutet. Dieser Tanz entspringt nicht mehr dem eigenen Wollen, sondern nimmt aus sich heraus Form an – wie das Leben selbst. Das ist es übrigens auch, was ich unterrichte: das In-Kontakt- Gehen mit dem, was mich wirklich bewegt, und diesem Ausdruck zu geben. Innerlich verbunden und aufrichtig lauschend kann ich frei von einschränkender Bewertung und über das eigene Ermessen hinaus dem Verkörperung geben, was sich im Moment zeigen möchte, und diesem Fluss folgen. Es ist wie Surfen! Das ist meine spirituelle Schule. Erweiterung findet sie im Tanz vor versammeltem Publikum. Dabei spielt die Energie der Versammlung oder auch des Menschen, dem ich eine individuelle Tanz – widmung zukommen lasse, eine große Rolle. Sie färbt den Tanz der „zeitgenössischen Tempeltänzerin“, die sich zwischen der Wahrnehmung dessen bewegt, was feinstofflich energetisch präsent ist, und dem innerlich immer wieder erneuten Aufsuchen dessen, was hinter der Form liegt.

Was bedeutet es für dich, Tempeltänzerin und Devadasi zu sein?

Nach einem ersten Auftritt in Nepal sagte ein indischer Mann – damals der „First Secretary“ der indischen Botschaft in Kathmandu – zu mir: „Du bist eine wahre Devadasi.“ Ich erfuhr von ihm, dass eine Devadasi eine Tänzerin ist, die nicht zu Unterhaltungszwecken, persönlichem Vergnügen oder zur Selbstdarstellung tanzt, sondern aus einer viel tieferen Motivation heraus. Sie würde „für Gott“ tanzen. Wenn auch mystisch formuliert, so wussten wir doch beide, was damit gemeint war. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Da gab es also jemanden – und das in einem für mich fremden Land – , der meinen, mir oft selbst etwas exotisch erscheinenden, inneren Ruf kannte. Der mich sah, meine Arbeit schätzte und in dessen Heimat es sogar einen Beruf und eine Berufsbezeichnung für das gab, was ich ausübte. Was genau mein innerer Auftrag „für Gott zu tanzen“ beinhalten würde, blieb und bleibt ein unendliches Forschungsfeld. Daher wohl auch der Name des Filmes, „Moving into the Infinite“.

Für mich ist es die Einladung, mich dem großen Nichtwissen anzuvertrauen. Ich tanze am liebsten dort, wo die Menschen mit Gesang und Musik beten. Die Klausur, der Rückzug, ist zwar „das feinste aller Gebete“, sage ich im Film, doch tanze ich auch im Kontext von Kunst, Therapie, Lebensgemeinschaft und Friedensarbeit, auf der Straße, im Fünf- Sterne-Hotel, in geschlossener oder offener Gemeinschaft, mit einzelnen Menschen und in Gruppen.

Bezüglich der Terminologie „Tempeltänzerin“: Anstelle von „Tempel“ könnten man auch sagen „Haus Gottes“. Wenn man sozusagen auf die Essenz dessen schaut, was denn ein Haus zu einem Gotteshaus macht, dann ist das die Widmung. Und die beginnt im Herzen. Hier zeigt sich, welchen Raum es in der eigenen Brust gibt für das, was einem das Liebste ist und woran man glaubt – was auch immer das sein mag und wie auch immer man das dann benennt. Ich glaube, dass meine Aussage: „Das Menschenherz ist das kleinste Haus Gottes“ mein Gefühl ganz gut beschreibt, warum ich mich als Tempeltänzerin erfahre.

Hast du bezüglich deiner Arbeit eine Intention, einen Wunsch?

Mir wurde „ein Schlüssel“ gegeben, ein Zugang, das Reich des Tanzes zu erkunden. Diesen möchte ich gerne weitergeben an Menschen, die die Veranlagung teilen, den Tanz als Medium des Sich-innerlich-Verbindens zu verstehen. Ich möchte Räume schaffen, in denen wir uns der intimsten aller Beziehungen – der mit uns selbst – bewusst werden. Räume, in denen wir üben, mit dieser namenlosen Quelle in uns – und dem, was hinter ihr liegt – in Kontakt zu treten, und in denen sich Menschen aus verschiedenen Traditionen, Kulturen und Religionen über Musik und Tanz verbinden können, von Herz zu Herz.

Welturaufführung von „Moving into the Infinite“ (engl. Filmfassung) am 4.1.19 um 24 Uhr im Kino Babylon. Mit Publikumsgespräch und anschließender Feier „Meditation and Ecstasy“. Live-Musik und gemeinsamesTanzen bis in die Morgenstunden. Der Eintritt ist frei. Mehr auf www.babylonberlin.de
Am 13.1.19 um 10 Uhr im Kino UNION in Berlin: Matinee Premiere Filmvorführung in deutscher Sprache, Publikumsgespräch mit und Tanzdarbietung von Paramjyoti. Mehr auf www.kino-union.de
29.5.-2.6.19: Love Moves – internationale Begegnung in Musik und Tanz. Mehr auf www.babajiashram.de

Author: Oliver Bartsch

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