Selbstzweifel können das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten belasten. Für Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben, ist das ein Problem: Ist meine Arbeit wirklich gut genug? Kann ich meine Rechnungen auch morgen noch bezahlen? Befürchtungen wie diese haben ihren Ursprung häufig in früh verinnerlichten negativen Glaubenssätzen. Werden sie durch systemisches Coaching bearbeitet, wird wertvolles Potenzial freigesetzt, das nun viel gezielter in die eigene Unternehmung gesteckt werden kann. Wie Selbstständige Vertrauen lernen können, erzählt Coach Frank Schürmann

Immer mehr Menschen haben heutzutage den Wunsch, ihrer Leidenschaft zu folgen und sich selbstständig zu machen mit einem Thema, das ihnen wirklich am Herzen liegt. Und sie haben Recht, denn niemals standen die Chancen für eine erfolgreiche Selbstständigkeit besser als heute. Laptops, Apps und E-Mails ermöglichen vielen das ortsungebundene Arbeiten, zumindest aber übernehmen sie einen Großteil der Verwaltung und Organisation. Trotzdem kann es passieren, dass das Marketing fehlschlägt und die Kunden ausbleiben oder man sich in verschiedenen Tätigkeitsfeldern einer Selbstständigkeit verzettelt.

So türmt sich leicht ein Berg voller Aufgaben, die viele Ressourcen binden und die Kraft für das eigentliche Herzensthema vermindern. Das kennen viele Menschen, die zwar erfolgreich in die Selbstständigkeit starten, auf dem Weg, diese zu halten, aber mit Problemen und Hindernissen konfrontiert werden, mit denen sie anfangs noch gar nicht gerechnet hatten. Der Einstieg in einen Teufelskreis aus Überforderung und Demotivation ist schnell geschehen. Um das zu vermeiden, müssen angehende Gründer sowie etablierte Selbstständige und Freiberufler erkennen, dass sie für ihr erfolgreiches Business neben ihrer Kernkompetenz weiteres Knowhow bereitstellen müssen – und wie sie dieses aufbringen können.

Von der Sozialarbeiterin zur selbstständigen Yogalehrerin

Für meine Klientin Annika*, 32 Jahre alt und seit zwei Jahren als Yogalehrerin selbstständig, verlief der Anfang ihrer Selbstständigkeit noch ausgesprochen positiv. Mit einem Gründungszuschuss hatte die ehemalige Sozialpädagogin endlich den Mut gefasst, den Ausbruch aus der ungeliebten Festanstellung zu wagen. An die Stelle von nervenaufreibenden Hausbesuchen in Brennpunktfamilien, unvorhersehbaren Überstunden und einer Entlohnung, die den Ansprüchen an die erledigte Arbeit nicht einmal ansatzweise gerecht werden konnte, rückte die verheißungsvolle Vision eines eigenverantwortlich geführten Yogastudios. Annika war sehr daran gelegen, ihr Studio als eine Oase des Wohlbefindens für ihre Kunden zu gestalten. Der Inneneinrichtung hatte sogar eine renommierte Feng-Shui-Lehrerin den letzten Schliff gegeben. Mit Hilfe von Aushängen und Flyern fand sich auch recht schnell eine kleine, feste Gruppe in der Nachbarschaft zusammen, die regelmäßig im Studio gemeinsam Yoga üben wollte.

Neue Freundschaften entstanden unter den Teilnehmern, die Annikas Kurse in ihrem Bekanntenkreis natürlich gerne weiterempfahlen. So kam es, dass das Geschäft in den ersten zwei Jahren gut lief. Der große Durchbruch blieb jedoch aus und langsam stieg der Druck, erfolgreicher zu werden und das Studio regelmäßiger auszulasten. Der Gründungszuschuss war längst ausgelaufen und auch die Rücklagen, die sie sich für die ersten Jahre beiseitegelegt hatte, wurden immer knapper. Zusätzlich verlor sie Teile ihrer Stammkundschaft. Eine Kursteilnehmerin etwa verwirklichte ihren lang gehegten Wunsch vom Auswandern und verließ deshalb die Yogagruppe.

Wenig später trat eine andere einen neuen Job an und fand keine Zeit mehr für die gemeinsamen Übungen. Ein Teilnehmer wurde Vater und benötigte nun jede freie Minute für seine kleine Familie. Für die Yogalehrerin begann damit erneut die Zeit des Klinkenputzens. Doch ihre ausgelegten Flyer resultierten nicht wie früher in neuen Klienten für die Kurse. Die veränderte Situation verunsicherte Annika. Sie begann an sich zu zweifeln: Waren die Werbematerialien denn auch wirklich gut genug gestaltet? Wurden sie überhaupt mitgenommen oder womöglich heimlich von Angestellten entsorgt, sobald sie den Laden verlassen hatte? Mache ich auch wirklich alles, was nötig ist? Vielleicht bin ich am falschen Platz und muss zurück in ein Anstellungsverhältnis? Das war der Zeitpunkt, an dem Annika den Weg zu mir ins Coaching fand.

Naheliegende Lösungswege sind nicht immer einfach zu erkennen

Ein altes Sprichwort sagt: „Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ Wenn wir uns im Business verzettelt haben, vielleicht sogar schon mit Existenzängsten konfrontiert sind, hilft ein Blick von außen, die Dinge wieder zu sortieren und in die richtigen Bahnen zu lenken. Als Business-Coach bin ich jemand, der beide Welten kennt: Die der nüchternen Welt der Finanzen und die der individuellen Persönlichkeitsentwicklung. In der Beratung geht es mir deshalb darum, zusammen mit Klienten pragmatische Lösungswege zu finden, bei denen sie sich weder verkaufen noch allzu sehr verbiegen müssen – und die sie trotzdem den schwarzen Zahlen wieder näher bringen. Bei Annika stellte sich im Business- Check schnell heraus, dass die Zahlen ihres Unternehmens nicht stimmten. Für ein eigenes Studio waren die aktuellen Einnahmen nicht ausreichend.

Etliche Stunden am Tag blieben die Räumlichkeiten ungenutzt und verursachten Kosten. Für die Yogalehrerin boten sich zwei Ansätze zur Lösung dieses Problems an: Der erste lag darin, ihr Yogastudio stundenweise einer befreundeten Tanzlehrerin und einem Achtsamkeitstrainer zur Verfügung zu stellen. Dieser Schritt brachte zumindest schon einmal eine Erleichterung bei den laufenden Kosten mit sich. Einnahmen und Ausgaben standen nun in einem vertretbaren Verhältnis zueinander. Für eine Gewinnoptimierung reichte diese Maßnahme jedoch noch nicht aus.

In den Gesprächen stellte sich heraus, dass sie bereits in der Vergangenheit erfolgreich höherpreisige Yogastunden im Einzelunterricht bei Kunden zuhause an geboten hatte. Diesen Ansatz wollten wir nun weiter verfolgen und eine neue Zielgruppe für sie erschließen. Hierfür mussten natürlich neue Ideen für das Marketing entwickelt werden.

Selbstzweifel entstehen durch übernommene, negative Glaubenssätze

In unseren Coaching-Sitzungen schilderte die ehemalige Sozialarbeiterin wiederholt ihre aufkommenden Selbstzweifel an der gesamten Unternehmung. Immer häufiger musste sie nun an die mahnenden Worte ihrer Großmutter denken: „Sie hatte mich eigentlich immer davor gewarnt, meine Festanstellung aufzugeben. Man muss zufrieden sein mit dem, was man hat, das hat sie im Grunde immer wieder gesagt.“ Bei Angehörigen der Kriegsgeneration sind solche Einstellungen relativ häufig zu finden. Die Menschen, die den Krieg noch miterlebt haben, machten oft die Erfahrung, dass es wenig in dieser Welt gibt, das Sicherheit bieten kann – und dass man dieses Wenige festhalten muss. Es stellte sich heraus, dass die Zweifel der Großmutter durchaus einen greifbaren Hintergrund hatten. Als Flüchtling aus den ehemaligen Ostgebieten musste diese Frau wirklich erfahren, wie es ist, alles im Leben zu verlieren. Der durch Erfahrung gebildete Glaubenssatz der Großmutter ist vor dem Hintergrund ihres erlebten Traumas nachvollziehbar.

Für die Enkelin jedoch erwies er sich als Erfolgsbremse in ihrer selbstständigen Unternehmung. Weil der Erfolg auch nach zwei Jahren noch immer auf sich warten ließ, drängten sich die verinnerlichten Aussagen der Großmutter nun mehr und mehr in den Vordergrund. Damit konnten wir zusätzlich zur äußeren finanziellen Situation eine innere Blockade ausmachen, die ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten untergrub. Jeder Selbstständige sollte sich daher möglichst frühzeitig mit seinen eigenen negativen Glaubenssätzen beschäftigen und versuchen, diese kritisch zu hinterfragen, um sich von ihnen besser distanzieren zu können. Doch dazu müssen die ungünstigen Glaubenssätze ja erst einmal bekannt sein. Möglich wird das zum Beispiel mit Hilfe von Genogrammarbeit** in einem systemischen Coaching.

Niemand muss und kann alles alleine schaffen

Unsere gemeinsame Arbeit brachte bei meiner Klientin noch einen weiteren ungünstigen Glaubenssatz ans Tageslicht, der ihren Erfolg in der Selbstständigkeit langfristig negativ beeinflusst hätte. Der Vater der Yogalehrerin ist ein alter Handwerksmeister, der es gewohnt war, das meiste im Leben selbst anzupacken und zu erledigen. „Selbst ist der Mann“, hatte der Vater seinen Kindern stets gesagt und das nicht selten durch die Ergänzung „da weiß man, was man hat“ bekräftigt. Bei ihnen setzte sich daraufhin unbewusst die Einstellung fest, dass man anderen Menschen nicht vertrauen kann: Nur wer alles selbst macht, hat die Sicherheit, dass es auch richtig gemacht wird. Zusätzlich hatte der Vater es stets als ein Zeichen von Schwäche gesehen, sich Hilfe zu holen, und es darum abgelehnt.

Mit dieser Prägung zog nun die Tochter in die Welt hinaus. Dass sie mit diesen verinnerlichten Annahmen in ihrer Selbstständigkeit früher oder später an die Grenzen ihrer Kräfte stoßen würde, lag von außen betrachtet auf der Hand. Denn Selbständige sehen sich heutzutage ständig steigenden Anforderungen aus den Themenfeldern Marketing und Social Media, Preiskalkulation und Umsatzplanung, Strategieentwicklung sowie Buchführung und Steuern ausgesetzt. Weil negative Glaubenssätze aber sehr mächtig sind, war es für Annika lange Zeit ausgeschlossen, sich Hilfe in Bereichen zu holen, deren Bewältigung ihr alleine schwer fiel. Um den Erfolg einer Unternehmung nicht zu gefährden, ist es notwendig, die eigenen Grenzen zu kennen und zu akzeptieren. Es ist in Ordnung und ökonomisch sinnvoll, sich Hilfe für Tätigkeiten zu holen, die nicht der eigenen Kernkompetenz entsprechen und darum schwer von der Hand gehen. Kapazitäten, die auf diese Weise frei werden, können effektiv zum Geldverdienen mit der eigentlichen Berufung verwendet werden.

Blockierte Sichtbarkeit als Erfolgshemmnis

Nachdem wir die hemmenden Glaubenssätze ermittelt und konstruktiv bearbeitet hatten, gingen wir die weitere Planung für das Marketing an. Dass Fotoaufnahmen von ihr für ein authentisches Vermarkten ihrer Person und ihrer Leistungen unerlässlich sein würden, ließ leichte Panikgefühle in Annika aufsteigen, was sie sehr verunsicherte. Viele Selbstständige haben Angst, sich dem Markt zu zeigen, in dem sie Kunden gewinnen wollen. Doch wer sich vor der eigenen Zielgruppe versteckt, gewinnt keine Kunden und verdient kein Geld. Zum Glück verbirgt sich hinter jeder Blockade auch immer eine positive Aussicht. Wer erkennt, was die Blockade einem zu sagen hat, kann sie sich letztlich als Ressource nutzbar machen. Was die Blockade sagen möchte, lässt sich mit Hilfe einer systemischen Aufstellung herausfinden. Wir starteten mit je einem Stellvertreter für Annika und ihr Business. Letzteres stellte sich etwas wackelig dar, konnte die Augen nicht öffnen und wäre am liebsten aus dem Raum gegangen. Den Grund dafür konnten wir in ihrer Kindergartenzeit entdecken.

Es gab in dieser Zeit ein Erlebnis, das sich tiefer eingeprägt hatte als gedacht und bis heute ihr Selbstvertrauen beeinträchtigte. Während einer Weihnachtsaufführung vor allen Eltern und Kindern kam es, bedingt durch die Aufregung, zu einem peinlichen Miss – geschick vor allen Leuten. Dieses Erlebnis war für meine Klientin nachhaltig derart peinlich besetzt, dass sie sich außerhalb der vertrauten Runde in ihren Yogakursen nur äußerst ungern der Öffentlichkeit präsentierte. Die blockierte Sichtbarkeit hatte bis dato auch das Aufsetzen einer eigenen Website verhindert. Weil bei Annika in der Vergangenheit das meiste über Empfehlungen funktioniert hatte, konnte sie dem ungeliebten Thema tatsächlich lange Zeit erfolgreich aus dem Weg gehen. Doch eine attraktiv gestaltete Website mit ansprechenden visuellen Medien, wie Fotos und Videoaufnahmen, ist heutzutage ein „Musthave“ für fast alle Selbstständigen. Wer auf der Suche nach einem bestimmten Angebot oder einer Dienstleistung ist, schaut als Erstes im Internet nach. Wer jedoch keine Online-Präsenz hat, verhindert erfolgreich, mit Google und Co. überhaupt von potenziellen Klienten gefunden zu werden.

Aufgaben delegieren, um Freiraum für die wirklich wichtigen Dinge zu haben

Neben dem Problem der mangelnden Sichtbarkeit gab es für Annika zusätzlich noch die Schwierigkeit, sich Freiraum für die Umsetzung der neuen Marketing-Ideen zu schaffen. Dazu war es erforderlich, dass sie etwas lernte, was ihr Vater nie geschafft hatte: Aufgaben vertrauensvoll an andere zu delegieren. Wem das als Selbstständigem, zumindest in bestimmten Teilbereichen, nicht gelingt, der riskiert einen Raubbau an den eigenen Kernkompetenzen. Es ist vollkommen in Ordnung, sich auch als Selbstständiger Hilfe zu holen. Dabei hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass wir als Menschen soziale Wesen sind und ohne andere gar nicht existieren könnten. Das trifft nicht allein in der privaten Lebensführung zu, sondern auch im Geschäftsleben.

Für Annika wurde immer deutlicher, was genau ihren Erfolg behinderte und wie sie es schaffen könnte, ihre Einnahmen zu steigern. Eigentlich wäre eine Teilzeitkraft zur Bewältigung der administrativen Aufgaben nötig gewesen, die Finanzierung lag jedoch derzeit noch nicht im Budget. Doch Annika hatte von ihren beiden Untermietern im Studio, dem Achtsamkeitstrainer und der Tanzlehrerin, erfahren, dass sie ebenfalls große Teile ihrer Arbeitskraft in Ablage, Organisation, Finanzbuchhaltung und Co. steckten. Darum war unsere Idee, dass sie ihnen die Möglichkeit einer gemeinsam genutzten Teilzeitkraft vorschlagen sollte. Und tatsächlich waren sie von dieser Idee begeistert. Die entstehenden Kosten wollten sie sich gemeinschaftlich teilen.

Mit dem Aufbau einer professionellen Website und der damit verbundenen Akquise neuer Kunden für Einzel-Yogastunden mit der neuen Zielgruppe Schwangere und Kinder würde die Finanzierung für Annika realisierbar sein. Wir hatten ausgerechnet, dass bereits zwei neue Kunden ausreichend sein würden. Mit dieser kleinen Geschichte aus meiner Praxis möchte ich Ihnen zeigen, dass es sich lohnt, als Selbstständiger die eigenen Problemfelder zu kennen und vorhandenen Kompetenzen Vertrauen zu schenken.

Wer sich selbstständig macht, tut das in der Regel, weil er sich ein selbstbestimmtes Leben wünscht – frei von den Zwängen, Verpflichtungen und Nebenkriegsschauplätzen, die eine Festanstellung so mit sich bringt. Blockaden und negative Glaubenssätze können die Aussicht auf solch ein Leben vermiesen, es beschwerlich oder sogar unmöglich machen. Ein gezieltes Business-Coaching, das nicht nur die Zahlen in den Blick nimmt, sondern sich auch mit tieferliegenden Problemen beschäftigen kann, hilft sowohl neuen als auch etablierten Selbstständigen, den Weg zum unternehmerischen Erfolg freizumachen.

* Name von der Redaktion geändert

** Ein Genogramm (Kofferwort aus Genealogie und Diagramm) ist eine Darstellungsform verwandtschaftlicher Zusammenhänge, die vor allem in der Systemischen Familientherapie verwendet wird, um Familienbeziehungen, wiederkehrende Konstellationen und medizinische Vorgeschichte darzustellen und zu evaluieren; es geht inhaltlich weit über einen Familienstammbaum hinaus. Mit einem Genogramm sollen Verhaltensmuster, beziehungsbestimmende psychologische Faktoren und sich innerhalb einer Familie wieder – holende Verhaltensweisen visualisiert und anschließend analysiert werden (aus: wikipedia).

Author: Oliver Bartsch

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