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Forschungsreisen – die Kolumne von Jörg Wedereit

Wie ist eine so breite Resonanz von Rechts-Hass, wie wir sie durch den amerikanischen Trump, durch eine deutsche Pediga oder AFD, durch einen ungarischen Orban, einer polnischen Duda usw. erfahren, nur möglich? Und was passiert gerade in der Türkei? Wofür steht der missglückte Militärputsch und die „Säuberungsaktionen“ des Recep Erdoğan? Werden zurzeit aus immer mehr Demokratien Diktaturen? War das Konzept der Demokratie nur eine vorübergehende Alternative, um die Bedürfnisse der Massen zu bändigen, bis etwas Besseres erscheint? Ist die Demokratie der kollektive Spiegel zu unserer Erziehung?

Unsere Eltern sowie unsere Gesellschaft haben uns „erzogen“, so gut wie sie konnten. Sie waren und sind in ihrem Traum von Neurosen sowie Bedürftigkeiten gefangen und taten das, was ihnen halt unbewusst möglich war. Sie sind –  ähnlich wie die Macher der Demokratie – schuldfrei. Schuld ist nur ein Konzept der jeweiligen Betrachtung, egal ob sie von einer Person oder einer Gruppe ausgeht.

Demokratie beinhaltet eine „Herrschaft des Volkes“ und wenn wir sie genauer betrachten, zeigt sie sich in der Praxis wie folgt: Ein kleiner Teil der Bevölkerung beteiligt sich an der Wahl und Gestaltung der Demokratie und einigt sich aufgrund ihrer Bedürftigkeiten. Also geht es hier genau genommen um Diplomatie und Kompromisse, die von Menschen geschlossen werden, die „glauben“, die Kompetenz dafür zu besitzen.

In ihrer Entwicklung übernimmt die menschliche Psyche sämtliche Ideen, Konzepte, Neurosen, Ansichten und Glauben von anderen – einige unverfälscht, andere werden zu neuen Konstrukten, Glaubensmustern und Anschauungen umgebastelt.

Also ist die Entwicklung eine Fortsetzung und Veränderung von erhaltenen Konzepten und Glaubensmustern in unserer Traumwelt. Schauen wir noch tiefer, werden diese von unseren Gefühlen wie beispielsweise Wut, Traurigkeit, Hass, Angst, Eifersucht, Bewunderung, Lust und Liebesbedürftigkeit gesteuert. Und was du beim Lesen dieser Zeilen vielleicht schon ahnst, ist auch tatsächlich so: Unsere Gesellschaft wird von unseren Gefühlen gesteuert und es kommt noch dicker…

Andauernde Kompromisse – ein Fass angestauter Gefühle

Eine Demokratie lebt von Kompromissen. Aber was genau passiert bei einem Kompromiss? Zwei Personen oder eine Gruppe mit unterschiedlicher Ansammlung von Anschauungen einigen sich irgendwo in der Mitte. Sie machen einen Deal. Jeder der Verhandlungspartner lässt von einigen Bedürfnissen ab, um andere durchzusetzen.

Da wir von unseren Gefühlen gesteuert und getrieben werden, werden hier also einige Gefühle für kurze Zeit befriedigt und andere unterdrückt. Die Verhandlungsführer werden während der Verhandlungen ihre Gefühle unterdrücken und die weitläufig Betroffenen der Verhandlungs-Kompromisse, also die Bevölkerung, werden ihre Gefühle – oft noch stärker, da sie ohnmächtig sind – unterdrücken müssen.

Das Fass der unterdrückten Gefühle ist schon in unserer Kindheit mehr oder weniger gefüllt worden. Im Erwachsenenalter kommen nun immer mehr unterdrückte Gefühle dazu, bis das Fass voll ist und platzt. Hier funktionieren solche Hassprediger wie Trump und die AFD als Blitzableiter. Da sie uns unbewusst die Erlaubnis erteilen, unser Wut-Überdruckventil zu lösen, erscheinen sie den Menschen, bei denen das Fass voll ist, wie Heilsbringer. Hier spielt es keine Rolle, was der Hassprediger genau sagt, wenn er nur den Raum weiter zu Verfügung stellt, um den eigenen Hass-Druck weiter abzulassen.

Burn-Out, Schlaganfall, Herzinfarkt, Alzheimer usw. sind die Folgen so eines vollen Fasses und viele volle Fässer im Einzelnen lassen das Kollektiv im gemeinsamen platzenden Fass „Hass“ erblühen.

Der Einzelne geht zum Arzt und zum Therapeuten. Die Ärzte betäuben und die Therapeuten versuchen, in der Psyche ein Verstehen des Zustands zu vermitteln, sodass die Wut zwar nun verstanden wird und vielleicht besser kontrolliert werden kann, sie aber nicht heilt. Sorry liebe Therapeuten, genau genommen ist die Psychotherapie auch nur ein weiteres Unterdrücken, wenn man nur in ihr und nur mit ihr arbeitet. Wenn der Verstand mit einbezogen wird, kann das am Anfang helfen, aber ohne die spirituelle Transformation der Wut ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Fass wieder platzt.

Für das Kollektiv gibt es aber keinen Arzt oder Therapeuten. Hier setzt Gott die Grenze des Unterdrückbaren und fordert die Transformation ein.

Ist das Konzept der Friedensgespräche und der Kompromisse abgelaufen?

Was haben die vielen Friedensgespräche gebracht, wenn sie im Klassenkampf mit einem unterdrückten Hass geführt wurden? Was nützt die Suche nach Frieden im wahrnehmenden Außen, wenn meine Schatten von Wut und Traurigkeit die Suche leiten? Wann beginnt die Transformation von Hass im Einzelnen und wirkt dann im Kollektiven?

Die Demokratie war ein notwendiges und passendes Gesellschaftsmodell für die gemeinsam erschaffende Wirklichkeit in der letzten kollektiven Entwicklungsphase. Der Traum ist nun in allen Fassetten geträumt. Nun ist es an der Zeit, diesen zu transferieren und der Spiritualität jenseits der Religionen den Raum zu bereiten.

Wenn die Gesellschaft die Spiritualität weiterhin links liegen lässt, wird es wohl keinen geordneten Übergang aus der Demokratie, sondern eine feindliche Übernahme von Hass geben. Ich meine hier aber nicht eine breit praktizierende Esoterik, die – ähnlich wie die Religionen – den Glauben als Grundlage hat. Ich meine eine direkt erfahrende und ehrliche Spiritualität – jenseits von Religionen – die als wahrhaftige Selbsterforschung im direkten Erfahren sich vom mentalen Traum unterscheidet.

Diese Spiritualität kann sämtliche Bereiche der Gesellschaft in einen tieferen Grund begleiten. Sie leitet die Transformation der verdrängten Gefühle ein, die das Erleben der Welt aus einem erlebten Frieden heraus geschehen lässt und die eine echte konstruktive Weiterentwicklung tatsächlich möglich macht.

Eine Antwort

  1. oliver

    Die Demokratie ist ein unvollkommene, aber relativ faire und vergleichweise gewaltarme Staatsform für unvollkommene Menschen. Vollkommener Menschen haben wir z.Z. genauso wenig wie eine bessere Staatsform.

    Aber natürlich können einzelne da und dort ein wenig reifer und friedlicher werden. Das dürfte die Welt ein bißchen besser machen. Ich denke, das wäre schon eine ganze Menge.

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