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Die Fußball-WM in Brasilien wird begleitet von massiven Protesten großer Teile der Bevölkerung gegen das Mega-Event. Kontext TV sprach mit Thomas Fatheuer über die ­Hintergründe. Fatheuer ist Sozial­wissenschaftler und Buchautor. Bis 2010 war er Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro.

Kontext TV: Die WM gilt ja als die teuerste WM aller Zeiten. Die Regierung hat bisher mindestens zehn Milliarden Euro aus öffentlichen ­Geldern ausgegeben für Stadien – von denen viele nur für die Weltmeisterschaft wirklich taugen –, für Flughäfen und weitere Infrastruktur. Bei großen Baukonzernen, darunter auch deutschen Firmen, herrscht Goldgräberstimmung. Zugleich ist das öffentliche Gesundheits-, Bildungs- und Transportsystem teilweise in sehr schlechtem Zustand. Wer ­genau profitiert von dieser WM? Und wer zahlt am Ende die Zeche?

Fatheuer: Knapp ein Drittel der ­Gesamtkosten geht in den Stadienbau. Nun haben wir aber in drei Städten sehr teure Stadien, in denen kein Erst-, Zweit- und Dritt-Liga-Verein existiert: Manaus, Curitiba und Brasilia. Brasilia bekam das ­teuerste Stadion mit über 500 ­Millionen Euro Baukosten, teurer als jedes Stadion bei der deutschen WM, in einer Stadt, in der nicht ­einmal ein Dritt-Liga-Verein existiert. Dann haben wir zwei weitere Städte, in denen zwar Erst- und Zweit-­Liga-Vereine existieren, in denen diese Vereine aber erklärt haben, sie ­wollen diese Stadien nicht nutzen. Wir haben also fünf Städte von zwölf, in denen eine angemessene Nach-Nutzung nicht absehbar ist. Und wir haben das Maracana-­Stadion, das mit einem Riesenaufwand umgebaut worden ist: Eliminierung der Stehplätze, Anlegung von über 100 Luxus-Logen, Reduzierung der Plätze von einst 190.000 auf 78.000. Der Umbau hat 400 Millionen Euro verschlungen und wird von den meisten Menschen in Rio abgelehnt. Das ist schon ein ­Desaster: Sechs Stadien, bei denen der Nutzen dieser Ausgaben außerhalb des Horizonts der WM ­praktisch gleich Null ist. Wer von all dem eindeutig nicht profitiert hat, das sind die normalen Fußballfans in diesen Städten. Die Baufirmen ­dagegen haben enorm profitiert.

Baukonzerne gehören in Brasilien zu den ganz großen ökonomischen und politischen Playern. Odebrecht – vielleicht der bekannteste Name – hat den Umbau des Maracana geleitet. Der Umbau ist mit öffentlichen ­Geldern finanziert worden, aber die Nutzung wurde für 160 Millionen Euro an ein privates Konsortium ­unter Führung von Odebrecht ­vergeben. Da sind die Baufirmen ganz klar als Gewinner zu sehen. Die Baukonzerne gehören auch zu den größten politischen Spendern im Wahlkampf. Sowohl die Opposition als auch die Regierungspartei ­hängen relativ stark von den großen Baukonsortien ab. Dazu ist noch zu sagen , dass die Stadienbauten fast dreimal so teuer geworden sind wie ursprünglich geplant und man sich fragen muss: Warum eigentlich?

Der zweite ganz große Posten ­waren die Flughäfen. In zwölf Städten sind die Flughäfen modernisiert worden. Es gibt Städte wie Sao Paolo, wo das überfällig war, in anderen eher nicht, in jedem Fall ist der Flugtransport nicht gerade der populäre Massentransport. Auch da profitiert eher die Betreiberfirma – denn die Flughäfen sind teilprivatisiert worden –, es ­profitiert die Mittel- und Oberschicht, die fliegt, aber nicht die breite Masse der Bevölkerung.

Kontext TV: Die FIFA hat in Brasilien, ähnlich auch wie vor vier Jahren in Südafrika, eine Art Staat im Staate durchgesetzt. Steuerbefreiung, nicht nur für die FIFA, sondern auch für die Sponsoren, Ausschluss lokaler Händler in einer Zone rund um die Stadien,  Sondergesetze, die demokratische Rechte einschränken. ­Welche Rolle spielt die WM für die Demokratie in Brasilien? 

Fatheuer: Der Generalsekretär der FIFA, Jérôme Valcke, soll etwas ­gesagt haben, was in Brasilien zu großer Unruhe geführt hat: „Demokratie macht solche WMs schwierig. Es ist in einem Land wie Russland mit einem Putin einfacher, eine WM zu organisieren, als in Brasilien oder Deutschland.“ Das heißt, für diese Art von FIFA-WM ist tatsächlich ­Demokratie schädlich. Wenn ein Land sich bewirbt, muss es erklären, dass es die Vorgaben, die Sie zitiert haben, erfüllt, zum Beispiel die Steuer­befreiung. Die Niederlande und Belgien haben sich bei dem ­letzten Zyklus neben Russland und Qatar beworben, allerdings erklärten sie, dass sie demokratische Länder sind, in denen sie die Sonderregeln nicht garantieren können, sondern höchstens im Parlament vorschlagen.

Daraufhin ist ihre Bewerbung nicht berücksichtigt worden. Ich glaube, der Konflikt zwischen Demokratie und FIFA-Regeln wird immer deutlicher. Brasilien wurde gezwungen, ­eine ganze Reihe von Maßnahmen zu erlassen, die mit der Aussicht auf das Mega-Event einfach durch­gepaukt werden sollten. Normalerweise gilt in Brasilien zum Beispiel ein Alkoholverbot in den Stadien – das musste für die WM geändert werden. Die von der FIFA geforderten Sonderzonen um die Stadien schließen zudem Straßenhändler vom Verkauf aus – das hat natürlich in ­einem Land wie Brasilien viel ­extremere Auswirkungen als in Deutschland, weil dort Tausende von lokalen Händlern ihrer Einkommensmöglichkeit beraubt werden. Eine WM, die darauf setzt, ausgerechnet den lokalen Handel auszuschließen, hat natürlich ein Demokratie-Problem. Brasilien könnte ein Wendepunkt werden, wenn man sagt: Dieses Modell darf und kann nicht so weiter betrieben werden. Die Erfahrung, dass das zu Protesten, zur Rebellion beiträgt, wird in Zukunft die Regierungen zweimal überlegen lassen, ob sie tatsächlich, wenn sie denn demokratisch sind, solche Blankovollmachten geben wollen, die im Grunde genommen die Demokratie in Geiselhaft nehmen.

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