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Bewusstsein im Kosmos, Geisterteilchen aus dem All, unsichtbare Gravitationswellen – die Bilder des Hamburger Fotokünstlers Johannes Groht greifen aktuelle Themen auf, über die Wissenschaftler heftig diskutieren. Aber aufgepasst: Seine „Kosmografien“ zeigen nicht das Weltall, sondern Straßenbeläge!

Von Petra Sophus

 

Gold schimmernde Kugeln in einem leeren, schwarzen Raum, zahllose, fraktale Formen, manche mit Öffnungen, die einen Blick auf ein grell farbiges Inneres freigeben; feine Fäden, die die einzelnen Körper miteinander verbinden und sich zu komplexen Netzen verdichten; solitäre, schwebende Objekte, die Wellen aussenden – diese unbekannten Welten stellen Betrachter der Arbeiten von Johannes Groht vor ein Rätsel. Immer, wenn man denkt, man habe eine gültige Assoziation gefunden, löst ein nächstes Bild die Eindeutigkeit wieder auf. Man mag sich nicht festlegen, die tiefschwarzen Bildräume oszillieren zwischen Mikro- und Makrokosmos.

Analogien

© Johannes Groht

© Johannes Groht

„Ich war selbst überrascht von den Bildern“, erzählt Johannes Groht. „Zu Beginn faszinierten mich vor allem die Sterne. Aber zwischen den ihnen entdeckte ich plötzlich Verbindungen, und aus meinem Weltall wurde etwas, das mich eher an Hirnstrukturen unter dem Mikroskop erinnerte.“ Um diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen, begann er zu recherchieren – und wurde fündig.

Tatsächlich gibt es solche Verbindungen zwischen Universum und Gehirn auf unterschiedlichen Ebenen. Wissenschaftler am European Southern Observatory berichten: „Alle aktuellen Computersimulationen des frühen Universums sagen etwas Gemeinsames voraus: Die ersten großräumigen Strukturen, die im jungen Universum entstanden, sind lange Fäden, deren Enden in Knotenpunkten verbunden sind. Die Modelle sehen gewöhnlich aus wie dreidimensionale Spinnennetze und ähneln den neuronalen Strukturen eines Gehirns.“1

Jüngste Beobachtungen bestätigen nun diese Vorhersagen. Man hat Galaxien aus der Frühzeit des Universums entdeckt, die wie erwartet entlang von Filamenten angeordnet sind. Ströme ionisierter Gase durchziehen offenbar das gesamte All wie ein großes Netzwerk. Entlang dieser Strukturen verdichtet sich die Materie zu Sternen, an ihren Knotenpunkten bilden sich die Galaxien.2

Die unserem Auge isoliert erscheinenden Himmelskörper sind also tatsächlich durch ein kosmisches, meist unsichtbares Netz miteinander verbunden.
Aber damit nicht genug. Forscher wie Ervin Laszlo beschreiben das Universum inzwischen als einen gigantischen „Quantencomputer“. Er postuliert die These, dass der Kosmos selbst ein Bewusstsein besitzt, mit dem wir über unser Gehirn in einem steten Austausch stehen und das all die Erinnerungen speichert, die über unser persönliches „Speichermedium“ Gehirn hinausgehen.3

Die Vorstellung, wir Menschen seien voneinander und vom Weltall isoliert, wäre demnach nicht mehr haltbar. Ebenso wenig ist es wohl der Gedanke, das Vorkommen von Leben sei auf die Erde beschränkt.

All-Saat

© Johannes Groht

© Johannes Groht

Einige Objekte in Grohts Bildern wirkten bei näherer Betrachtung nicht wie Sterne oder Neuronen, sondern wie kleine Ballons oder Samenkapseln. Manche scheinen ein Loch zu haben und mit etwas Undefinierbarem gefüllt zu sein. Auch diese Teilchen haben eine erstaunliche, kosmische Parallele. Ganz ähnliche, mikroskopisch kleine Körper wurden nämlich kürzlich in der Stratosphäre entdeckt. Es handelt sich unter anderem um eine leere, ballonartige Hülle und um eine winzige Kugel aus Titan. Beide waren mit organischer Substanz gefüllt. Ihre Entdecker vermuten, dass die völlig ubekannten Teilchen nicht von der Erde, sondern aus dem Weltraum stammen.4

Sollte das wirklich der Fall sein, wäre dieser Fund ein Indiz für die Hypothese der Panspermie (von griechisch panspermía, aus pán: alles und spérma: Samen). Ihr zufolge soll das Leben nicht auf der Erde selbst entstanden, sondern aus dem All gekommen sein. Diese Idee geht zurück auf den griechischen Philosophen Anaxagoras, der seine Theorie der All-Saat bereits im fünften Jahrhundert vor Christus entwickelt hat.

 

Die Schau ins Unsichtbare

„Das Sichtbare der Welt öffnet uns die Schau ins Unsichtbare“, zitiert Johannes Groht den griechischen Philosophen. Dass seine Bilder so nah am Puls der aktuellen wissenschaftlichen Diskurse liegen, erstaunt ihn selbst. Denn das, was er fotografiert hat, sind keine Galaxien und keine Neuronen – sondern Zebrastreifen und andere Fahrbahnmarkierungen. „Ich lerne etwas über grundlegende kosmologische Fragen, indem ich Bilder meiner alltäglichen Umgebung mache und sie mit den üblichen fotografischen Mitteln bearbeite“, sagt er begeistert. „Das ist wirklich spannend und wirft viele Fragen auf.“

Groht, der beruflich als Grafik-Designer arbeitet, erzählt schmunzelnd eine Anekdote, wie er einmal eines seiner Bilder, das an die Vergrößerung eines Neurons erinnerte, als Platzhalter in die Broschüre eines Max-Planck-Instituts einsetzte – und es keinem der beteiligten Wissenschaftler auffiel.

Das Bild zeigte in Wirklichkeit das Detail eines Zebrastreifens. „Was sagt das aus über den gewaltigen technischen Aufwand, den wir betreiben, um Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen?“, fragt Groht nachdenklich. „Offenbar liegen manche Antworten einfach vor unseren Füßen auf der Straße.“

Der Begriff „Kosmografien“, den er für seine Arbeiten verwendet, verweist auf eine Zeit, als Erkenntnisse über das Sein auf eine, wenn man so will, „ganzheitliche“ Weise gewonnen wurden und die Wissenschaft sich noch nicht in hochspezialisierte Einzeldisziplinen aufgefächert hatte.

Kosmografie(n)

Kosmografie (r.) nach der Fotografie eines Zebrastreifens (l.) © Johannes Groht

Kosmografie (r.) nach der Fotografie eines Zebrastreifens (l.) © Johannes Groht

Kosmografie (von griechisch kósmos: Weltall, Ordnung, und gráphein: Beschreibung, Zeichnung) war im Mittelalter die Wissenschaft, die das Verhältnis des Menschen zur Erde und zum Weltraum erforschte. Erst später entwickelten sich aus ihr die Vermessung, die Kartografie, die Geografie und die Astronomie. Johannes Groht verwendet den inzwischen veralteten Begriff neu, und zwar im Wortsinne. Seinen Arbeiten liegen Strukturen und Formen zugunde, die kosmische Einflüsse wie Zufall und Erosion hervorgebracht haben. Er beschreibt sie als „Selbstporträts des Kosmos“. Zu ihrer Herstellung setzt er verschiedene fotografische Techniken ein. Eine von ihnen ist die Umkehrung ins Negativ.

 

 

Das Licht der Schatten

Das »Erkerfenster« von William Henry Fox Talbot ist das älteste erhaltene Negativ der Welt. Es entstand 1835 in Lacock Abbey, Wiltshire, England. Der leuchtende Himmel erscheint in der Umkehrung tiefschwarz.

Mit einem Negativ begann die Geschichte der Fotografie. William Henry Fox Talbot gelang es 1835 zum ersten Mal, das flüchtige Bild einer Camera Obscura auf Papier zu bannen und haltbar zu machen.

Am Ende des 20. Jahrhunderts begann der Siegeszug der digitalen Kameras, die Bilder ohne einen Zwischenschritt aufnehmen und speichern konnten. In der Folge verschwand das Negativ aus dem fotografischen Alltag. Mit der Arbeit in der Dunkelkammer ging auch das magische Spiel der Umkehrung von Licht und Schatten verloren.
Die überflüssig gewordene Technik wendet Johannes Groht nun auf digitale Fotografien an. Das Umkehren der zunächst fast monochromen, zweidimensional wirkenden Bilder ins Negativ bringt überraschend tiefe, komplexe Bildräume hervor, die einen Sprung von der Fläche in die dritte Dimension zu machen scheinen.
Weiße Bereiche werden schwarz, dunkle werden hell. Je stärker der Kontrast gesteigert wird, desto tiefer wirken die Räume und desto dichter und kompakter erscheinen die in ihnen befindlichen Objekte.

Jedes Bild besitzt seine eigene, unverwechselbare Farbigkeit, die von der Farbtemperatur im Moment der Aufnahme und der Eigenfarbe des Motivs abhängt.

 

Hirngespinste

„Diese Verknüpfung von Negativ, erweiterter Raumwahrnehmung und feinem Netzwerk erinnert mich auch an ein intensives Naturerlebnis“, erzählt Groht. An einem megalithischen Kultplatz geriet er einmal in eine Art erweiterten Bewusstseinszustand, der durch eine Umkehr des „Bildes“, das er sah, induziert wurde. „Das war ein wenig wie im Fotolabor. Die dunklen Silhouetten der Bäume verkehrten sich in meiner Wahrnehmung in eine helle Lichtsäule.“ Die Wahrnehmung des Raums schien dabei eine zusätzliche Dimension und ungewöhnliche Tiefe zu gewinnen. Der Fotograf „spürte ein sehr feines, weit verzweigtes und alles verbindendes Netz zarter Ströme“, das ihn vollständig umfing. Charakter und Fluss des Stroms änderten sich, je nachdem, was er berührte.

Dass diese innere Erfahrung sich in der physischen Welt mit seinen Bildern wiederholen lässt, hat Johannes Groht besonders bewegt. „Das sind natürlich sehr subjektive Zugänge“, sagt er, aber gerade diese Möglichkeiten faszinieren ihn. „Über Bilder und Abbilder sind wir alle ständig und unbewusst praktizierende Schamanen“, zitiert er den Naturphilosophen Jochen Kirchhoff.5

Das unsichtbare Netz

Natürlich widerstrebt es dem Mainstream naturwissenschaftlichen Denkens, Astrophysik und Astrobiologie mit künstlerischen Prozessen oder gar subjektiven Erfahrungen in Beziehung zu setzen. Andererseits setzen sich Forscher wie Ervin Laszlo inzwischen über diese Grenzen hinweg, ebenso wie zeitgenössische Philosophen. Noch einmal Jochen Kirchhoff, der vor dem Hintergund ähnlicher, persönlicher Erfahrungen den reduktionistischen Blick auf die Wirklichkeit und seinen aggressiven Anspruch auf Deutungshoheit kritisiert: „Der Krieg gegen die Erde, der hier mit technischer Brachialgewalt ins Werk gesetzt wird, ist damit zugleich der Krieg gegen die Galaxis, gegen das unvorstellbar feine und dichte (und im Göttlichen wurzelnde) Netz des Lebendigen, das alle Gestirne des Milchstraßensystems verbindet. Die berühmte ‚Vernetzung’, von der unaufhörlich fabuliert wird – hier ist sie kosmische Wirklichkeit!“

Das Universum zu unseren Füßen

Die Suche des Menschen nach Verbindungen zwischen den scheinbar getrennten Sphären der Realität hat eine lange Tradition. Die Kosmografien von Johannes Groht setzen diesen Weg auf eine zeitgemäße, ästhetische und originelle Art fort. Mit Fragen nach den Erkenntniswegen des Menschen, nach unserem Platz im Kosmos, aber auch nach Repräsentation und vorschnellen Gewissheiten arbeitet er nicht nur auf eine tiefe, sondern auch auf humorvolle Weise.

50 seiner Bilder sind gerade als Künstler-Buch erschienen. Sie fordern uns heraus, indem sie die banalen Oberflächen unserer alltäglichen Umgebung mit Wissenschaft und Philosophie in Resonanz bringen. Dieses Spannungsfeld löst sich erst durch das Denken in Analogien – das zweite von sieben Prinzipien, die bereits auf den antiken Gott Hermes Trismegistos zurückgehen sollen. Es lautet: „Wie oben, so unten; wie innen, so außen; wie der Geist, so der Körper.“6

 


Anmerkungen
1 www.eso.org/public/germany/news/eso0120
2 www.nature.com/news/light-from-ancient-quasar-reveals-intergalactic-web-1.14550
3 http://ervinlaszlo.com/index.php/publications/articles/102-consciousness-in-the-cosmos
4 www.buckingham.ac.uk/latest-news/publication-of-the-week-m-wainwright-c-wickramasinghe-et-al
5 Kirchhoff, Jochen: Die Anderswelt, Eine Annäherung an die Wirklichkeit, Klein Jasedow 2002
6 https://de.wikipedia.org/wiki/kybalion

Das Buch

Groht_Das_unsichtbare_Netz_BuchcoverJohannes Groht: Das unsichtbare Netz – Kosmografien
50 farbige Abbildungen, 100 Seiten, Format 171 x 297 mm, offene Fadenheftung
Erste Auflage von 42 Exemplaren, handnummeriert und signiert
Selbstverlag, Hamburg 2016, 40 € (D), 50 CHF (CH)

Erhältlich in Hamburg in der

  • Buchhandlung im Haus der Photographie/Deichtorhallen, in der
  • Fachbuchhandlung Sautter + Lackmann
  • sowie direkt beim Autor unter www.kosmografien.de

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