Es ist schon verrückt, wie immer wieder leidenschaftlich darüber gestritten wird, welche Ernährung für den Menschen optimal ist. Jede Menge Experten, die Gesundheit und Wohlbefinden versprechen, wenn man sich nach ihren Vorgaben richtet – und die sich zum Teil eklatant widersprechen. Kein Wunder, denn die meisten Ansätze greifen zu kurz. Beim Essen kommt es nämlich nicht nur auf die perfekte Zusammensetzung der Nahrung an, sondern auch auf deren optimale Verteilung im Körper. Heißt: Nicht nur, was unseren Magen füllt, ist wichtig, sondern entscheidend ist, wie viel davon letztlich bei unseren Zellen ankommt. Hauptverantwortlich dafür ist die sogenannte Mikrozirkulation unseres Blutgefäßsystems. Doch darüber wird in Ernährungskreisen leider selten geredet …

Von Ilian Sagenschneider

Normalerweise schreibe ich hier über Ernährung. Und worauf man beim Essen achten kann und sollte. Normalerweise mache ich mir auch immer ganz viele Gedanken über meine Ernährung. Seit über fünfundzwanzig Jahren befasse ich mich damit und es ist mir sehr wichtig, dass sich möglichst alle wichtigen Stoffe in meinem Essen befinden. Komischerweise habe ich mich aber nie wirklich gefragt, ob all die gegessenen Nährstoffe überhaupt richtig bei meinen Zellen ankommen. Von daher diesmal ein Text, der sich nicht mit dem Essen an sich befasst, sondern mit der Verteilung von Nährstoffen im Körper. Den meisten ist ja klar, dass die in kleinste Teile zerlegte Nahrung über den Darm ins Blut aufgenommen wird.

Aber was genau passiert dann? Das Herz pumpt das Blut – so dachte ich jedenfalls immer – freundlicherweise in den großen Arterien durch unseren Körper und verteilt es dann ganz locker. Wenn man sich aber einmal die Zeit nimmt, die Körperweltenausstellung am Alex zu besuchen, wird man dort ein paar unglaublich eindrucksvolle Exponate finden, die sehr zum Verständnis des Themas Durchblutung beitragen. Als ich dort einen bestimmten präparierten Körper gesehen habe, dessen feinste Blutgefäße mit speziellem Harz ausgegossen waren, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie wichtig die optimale Blutverteilung für unseren Körper ist. Man denkt ja immer, das Herz pumpt das Blut rauf in den Kopf und runter bis in die Zehenspitzen und fertig ist das Ganze. Ist schließlich nur eine Strecke von knapp zwei Metern.

Aber hier täuscht man sich gewaltig. Schaut man sich die großen Arterien an, die sich in die immer kleiner und feiner werdenden Arteriolen verzweigen, wird schnell klar, dass hier vom Blut gewaltige Strecken zurückgelegt werden müssen. Die feinsten Haargefäße sind mit fünf Mikrometern Durchmesser sogar für das Auge unsichtbar. Bei dem Körperwelten- Exponat war dieser Teil der kleinen Gefäße technisch gar nicht darstellbar, trotzdem konnte man eine gewaltige Fülle von Blutgefäßen erkennen. Unser Körper hat 11,5 Prozent Arterien, 14,5 Prozent Venen, aber in den restlichen fast 75 Prozent der Blutgefäße findet die sogenannte Mikrozirkulation statt: Hier in den feinsten Haargefäßen, den Kapillaren, werden Stoffe ausgetauscht.

Der Blutstrom liefert das Futter für unsere Zellen und sorgt auch wieder für den Abtransport der „Stoffwechselschlacken“ – Nährstoffe und Sauerstoff gehen rein ins Gewebe, Kohlendioxid und „Müll“ raus aus den Zellen. Und diese Kapillaren bilden eine netzartige Struktur, die so fein verzweigt ist, dass wirklich alle unsere Körperzellen versorgt werden können. Hast du dich jemals gefragt, warum diese blöden Mücken (besonders in diesem Sommer!) immer auf eine Blutader stoßen, egal, wohin sie dich stechen? Richtig, du hast wirklich überall diese Haargefäße unter deiner Haut, um jede deiner Zellen zu versorgen. Die Mücke landet also immer einen Volltreffer …

Länge: einmal um den Erdball

Die Dimensionen dieses Versorgungssystems sind gewaltig: Wenn du all deine Kapillaren zu einer Fläche zusammenkleben würdest, wäre sie größer als ein Fußballfeld. Würdest du sie der Länge nach zusammenfügen, dann könntest du diesen Faden mehr als einmal (!) um den Globus wickeln. Wenn ich mir jetzt vorstelle, mein Herz würde in Berlin schlagen, müsste aber mein Blut in einem superdünnen Gefäßstrang von hier bis – sagen wir mal – Sibirien oder Thailand pumpen (was ja nur ein Teil der Strecke wäre), dann kann ich das kaum glauben. Und in der Tat, unser Herz ist auch nicht in der Lage dazu. Wenn es nicht einen genialen anderen Pumpmechnismus gäbe, würde unser Körper nie richtig durchblutet werden. An den kleinen Arterien und Arteriolen gibt es nämlich eine Gefäßmuskulatur, die durch Zusammenziehen und Entspannung eine weitere Möglichkeit bietet, das Blut wirklich zu den Zellen zu pumpen.

Diese Bewegung in den Gefäßen, die sogenannte „Vasomotion“, findet bei einem gesunden Menschen ungefähr drei Mal pro Minute statt. Damit ist der Stoffaustausch für unsere Zellen gesichert. Leider nimmt die Häufigkeit dieser Bewegungen im Laufe des Lebens aufgrund der Alterungsprozesse langsam ab. Aber auch viel Stress kann zu einer deutlichen Einschränkung der Vasomotion führen: Wenn diese Gefäßbewegung nur noch einmal in der Minute stattfindet, kann man sich vielleicht vorstellen, wie miserabel die Zellen dann noch mit Sauerstoff, Vitaminen, Mineralien u.v.a.m. versorgt werden. Und egal, wie viel Essen wir zu uns nehmen oder wie viel Nahrungsergänzungsmittel wir einwerfen: Was zählt, ist das, was bei den Zellen ankommt.

Gestörte Mikrozirkulation

Ist die Vasomotion eingeschränkt, haben wir eine gestörte Mikrozirkulation. Die Folgen sind vielleicht zuerst nur Energielosigkeit und Müdigkeit. Aber dann können Infektanfälligkeit, Störungen der Organfunktionen, verlangsamte Regenerationsprozesse, Schwächung des Immunsystems und Nachlassen der körperlichen Leistungsfähigkeit die Folge sein. Die American Heart Association schreibt am vierten November 2016, dass „die Erkrankungen der kleinen Gefäße Ausgangspunkt der großen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Schlaganfall, Herzinfarkt, Demenz und weiterer Gehirnerkrankungen“ sind. Bei fast 80 Prozent aller Beschwerden, mit denen Patienten in eine hausärztliche Praxis kommen, spielt eine gestörte Mikrozirkulation direkt oder indirekt eine Rolle. Die Impulse für diese Zirkulation entstehen übrigens unabhängig vom Herzen. Und da diese Muskelzellen in den Gefäßwänden der Mikrogefäße auch nicht über chemische Botenstoffe gesteuert werden können, gibt es keine Medikamente für diesen Bereich, der immerhin drei Viertel unserer Durchblutung ausmacht.

Lediglich über eine physikalische Stimulation durch spezifische Impulse kann man hier therapeutisch eingreifen. Zusätzlich sind dabei natürlich auch Bewegung und Sport sehr hilfreich, Stressvermeidung und Entspannungstechniken ebenso, sowie Kälteanwendungen (kalt duschen und Ähnliches, aber dazu später einmal mehr) … Am Ende bleibt mal wieder die Erkenntnis, dass keine Ernährung der Welt Stress und Bewegungsmangel ausgleichen kann. Das habe ich zwar schon lange verstanden, aber ein Blick auf diese kleinen roten Netzwerke hat mir wirklich geholfen, wieder mehr davon umzusetzen. Ich gehe jetzt öfter schwimmen, damit zu meinen Zellen mehr Futter transportiert werden kann.

Gesundheitsinformationstag zum Thema „Mikrozirkulation & Gefäßtherapie“ in Berlin am Samstag, den 21.Oktober 2017, 11 bis 18 Uhr – incl. Mittagsbuffet. Mit Dr. med. Rainer Pawelke, Facharzt für innere und Endothelmedizin. Anm. erforderlich. Nächster Vortrag zum Thema „Alterungsprozesse und A.G.E.“ in Berlin am Dienstag, 7. November 2017, 19.30 Uhr, der Vortrag ist kostenfrei. Nächstes Wochenendseminar von Abenteuer Ernährung in Berlin am 11. sowie am 12. November 2017, jeweils von 11-17.30 Uhr Im „ZENTRUM“, Hagelberger Str.12 in Kreuzberg. (Nahe U-Bahn Mehringdamm) Info und Kontakt unter Tel. 0176-844 843 33 oder schneeschwinge @yahoo.de
www.abenteuer-ernährung.com

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