Sie haben es mal wieder eilig, nichts zum Essen dabei und alles muss schnell gehen?! Ein klarer Fall für Fastfood. Obwohl das ja nicht wirklich „gesund“ ist. Aber oft geht es ja nicht anders … Oder doch?

Von Illian Sagenschneider

Berlin hat viele schöne Orte mit klangvollen Namen und berühmte Plätze. Einen fand ich immer besonders toll: „Unter den Linden“. Denn dieser Name ist Programm. Es gibt so unglaublich viele Lindenbäume in Berlin. Fast an jeder Straßenecke sind sie zu finden. Gerade jetzt um diese Zeit strecken uns diese Bäume überall ihre jungen frischen Blätter entgegen. Doch kaum jemand geht auf dieses kulinarische Angebot ein …

Als ich letztens auf der Schönhauser Allee eine „meiner“ Linden besuchte, fragte mich eine Passantin, warum ich denn die Blätter vom Baum zupfte. „Nun, um sie zu essen…“ sagte ich und futterte die ersten Blätter. „Kann man das denn…?!“ wunderte sich die junge Dame. Ja, ganz offensichtlich, denn genau das tat ich ja gerade. Nach einem Moment der Verwirrung griff sie nun ihrerseits zu einem der hellgrünen Blätter und nahm es vorsichtig in den Mund. „Das schmeckt gar nicht mal so schlecht …“, lautete das Urteil nach dem schüchternen Erstkontakt. Ich musste grinsen.

Sicherlich waren die lecker, sonst würde ich sie ja nicht essen! Lindenblätter sind mein persönliches Lieblings-Fastfood: Schnell und überall in der Stadt zu haben, frisch, wild, quasi biologisch angebaut und dazu noch völlig kostenfrei. Ein paar Blätter abreißen, zu einem Röllchen drehen und einfach futtern. Schon hat man eine kleine Mahlzeit für Zwischendurch. (Ja, ich weiß, es gibt Autoabgase und sowas, aber dem sind auch alle anderen Lebensmittel ausgesetzt. Auch unsere Brötchen und Kuchen waren irgendwann mal ein Weizenfeld und solche liegen für gewöhnlich auch an Landstraßen und Autobahnen. Nur weil das Zeug dann später so hübsch eingepackt ist, ist es deshalb nicht weniger belastet. Aber die Lindenblätter werden nicht mit Pestiziden oder Herbiziden besprüht. Sie sind quasi „Bio“.)

Frisch vom Baum

Aber Lindenblätter haben noch mehr Vorteile: Die Salatblätter aus dem Supermarkt waren meist schon viele Stunden unterwegs, bis sie dort in den Regalen landen. Dann liegen sie da nochmals ein, zwei Tage, bis wir sie kaufen. Hinzu kommt vielleicht noch der eine oder andere Tag, bis wir den Salat am Ende wirklich essen. Jede Stunde der Lagerung raubt dem Salat Vitamine und wichtige Inhaltsstoffe. Den meisten Menschen ist es gar nicht so wirklich bewusst, dass sie fast nie wirklich frische Lebensmittel essen. Wann haben Sie das letzte Mal etwas vom Baum oder Strauch gepflückt und gegessen?

Jedes Tier auf dem Planeten isst seine Lebensmittel extrem frisch direkt vom Baum (oder von der Jagd). In der Natur wird nix gelagert oder konserviert. (Okay, Bienen lagern Honig, Eichhörnchen verstecken Haselnüsse, aber meist sind das Ausnahmen und der Löwen – anteil wird frisch gefuttert). Nur der Mensch macht hier mal wieder das genaue Gegenteil: Fast seine gesamte Nahrung wird vor dem Essen lange (einige Tage) oder sehr lange (bis hin zu vielen Jahren) gelagert.

Der Wert der Nahrung nimmt dabei stetig ab. Warum mag ich Lindenblätter nun so sehr? Weil sie eine schnelle Möglichkeit bieten, das ein wenig zu ändern. Schon in der Bibel wurden sie als Lebensmittel erwähnt. Man findet in alten Siedlungen immer wieder Spuren von Lindenbaumpflanzungen und weiß, dass dieser Baum seit Urzeiten als Nahrungsquelle genutzt wurde. Bei den alten Germanen war die Linde der geweihte Baum der Glücksgöttin Freya. Und die Verehrung dieser Pflanze hat gute Gründe: Die Linde gehört zu der Familie der Malvengewächse. Diese haben in der Regel keine toxischen oder schädlichen sekundären Pflanzenstoffe. Im Gegenteil, sie weisen eine Reihe von positiven Eigenschaften auf.

Lindenblätter enthalten Galaktose, einen Zucker, der auch in größeren Konzentrationen im Gehirn vorkommt, und daher auch „Hirnzucker“ genannt wird. Galaktose fördert die Gedächtnisleistung und das Wachstum von Strukturen des Zentralnervensystems. Entzündungen klingen schneller ab und die Wundheilung wird beschleunigt. Weiterhin ist die Eiweißzusammensetzung in den Blättern sehr ausgewogen. Der Gehalt an bestimmten Schleimstoffen wirkt sich zudem wohltuend auf die Verdauung aus. All dies macht diese Blätter zu einem perfekten Grundnahrungsmittel.

Die Gemüsefamilie wechseln

Außerdem ist es sehr wichtig, abwechslungsreich zu essen. Wenn heute Blumenkohl, morgen Rettich, tags darauf Sauerkraut und danach Wirsing auf dem Speiseplan steht, dann scheint das sehr abwechslungsreich zu sein. Schaut man sich diese Sache aber mal von der botanischen Seite an, herrscht ständige Wiederholung: All diese Gemüse stammen aus der Familie der Kreuzblütler! Und innerhalb dieser Familien finden sich auch immer wieder ähnliche Inhaltsstoffe. Man sollte nicht nur ab und an die Gemüsesorten, sondern auch ihre Pflanzenfamilien wechseln. Leider bieten unsere Supermärkte in dieser Hinsicht kaum Vielfalt.

Die Malvengewächse sind – im Gegensatz zu den Kreuzblütlern – nicht winterhart. So dominieren diese aus rein praktischen Gründen die Regale. Oder wann haben Sie Malvenblätter, Hibiskus oder Okraschoten das letzte Mal im Supermarkt angetroffen? Es wäre schön, sich mal ein wenig mit den Familien unserer Lebensmittel zu befassen. Von Ihren Freunden kennen Sie ja auch die Nachnamen und wissen, wer zu welcher Familie gehört. Warum sich also nicht mal mit dem einen oder anderen Gemüse anfreunden und es kennenlernen?!

In meinem Garten wächst nun chinesische Malve, und Okraschoten kommen dieses Jahr ins Gewächshaus. Und ja, ich weiß, so was ist natürlich aufwendig und viel Arbeit. Aber all diese Vorzüge der Malvengewächse bietet auch dieses kleine unscheinbare Blättchen der Linde, das dort am Baum an der Bushaltestelle wächst. Und während Sie untätig auf den nächsten Bus warten, vergeben Sie die Chance auf einen kleinen perfekten Snack! Es gibt einfach keine Ausreden, wenn es um die kleine tägliche Portion von frischem, wilden Grün geht. Bedenken Sie, es gibt mehr Linden in Berlin als McDonalds-Filialen. In diesem Sinne, nutzen Sie das kostenfreie Angebot und essen Sie mehr von diesem Fastfood.

Nächstes Wochenendseminar von Abenteuer Ernährung am 19./20. August 2017, jeweils von 11-17.30 Uhr
Nächster Vortrag zum Thema „Alterungsprozesse und A.G.E.“ am Donnerstag, 6. Juli 2017 um 19.30 Uhr. Der Vortrag ist kostenfrei.
Ort für beide Veranstaltungen: „Zentrum“, Hagelberger Str. 12 in 10965 Bln-Kreuzberg, (U-Bahn Mehringdamm)

Info und Kontakt unter Tel.: 0176-844 843 33
oder schneeschwinge@yahoo.de
www.abenteuer-ernährung.com

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