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Die Natur ist weder gefährlich noch harmlos – sie ist beides. Die Natur ist weder Kulisse noch Hauptperson. Sie ist beides. Anne-Marie Artru über Möglichkeiten, die eigene unbewusste Angst vor der Natur loszulassen, um von ihr direkt und genussvoll zu profitieren – sogar mitten in Berlin.

Angst vor der Natur

Vor 20 Jahren schrieb der französische Philosoph und Wissenschaftler Francois Terrasson, ein Buch über die Angst vor der Natur. Er sah in dieser Angst, die man entweder als Überbleibsel unserer Vorgeschichte, oder aber als Degeneration begreifen kann – was übrigens eine ganz andere Erklärung ist – eine große Gefahr, wenn nicht die größte für die Zukunft der Menschheit.

Ob diese Angst nun ein irrelevant gewordenes Überbleibsel unserer Geschichte ist, wie eine unpassende Gewohnheit sozusagen, oder ein degenerativer Prozess, also eine falsche Antwort auf ein Problem, das ganz woanders liegt, offensichtlich ist die Gefährlichkeit dieser Einstellung. So beseitigen wir die Angst vor der Kälte zum Beispiel mit Atomenergie – also mit einem Mittel, das möglicherweise viel gefährlicher ist, als das, was es bekämpfen soll.

Diese Angst vor der Natur scheint überhaupt einer der zentralen Antriebe der Industrialisierung zu sein und entfernt uns schließlich immer mehr von der Natur. Einige Menschen versuchen, diese Kluft durch extreme Naturerlebnisse zu überwinden, bei denen es dann tatsächlich zu Unfällen kommen kann – ich denke zum Beispiel an Unfälle mit Bären in National Parks oder beim Bergsteigen. Hier spielen eine naive Romantik und vor allem Selbstüberschätzung eine wichtige Rolle dafür, warum die Begegnung mit der Natur unsere Ängste zu bestätigen scheint.

 

Die Natur spüren

In meiner Arbeit geht es nicht um die Konfrontation mit gefährlichen Ängsten. Vielmehr geht es um kleinere, unsichtbare Ängste oder Abneigungen. Die Begegnung mit einem Bären, der Schwindel erregende Klettertouren oder das zum Tode Erfrieren sind bei den Aktivitäten, die ich anbiete, und vor allem, wo ich sie anbiete – nämlich mitten in Berlin – wenig zu fürchten. Es wird vielleicht ungemütlich – „ich werde nass, ich mache mich schmutzig, ich werde frieren“ – aber dabei geht es überwiegend darum, die eigene Angst zu überwinden, den Rest kann man problemlos mit der passenden Ausrüstung beseitigen.

Konkret geht bei meiner Arbeit um aktive Spaziergänge in der Natur, die ich „Parcours“ oder „Elfennaturtherapie“ nenne. Was mich interessiert, ist im Prinzip das, was die meisten zu vermeiden versuchen: Hang, Böschung, Zaun, dichter Wald, alle möglichen Hindernisse. Ziel ist es nicht, es sich unnötig mühsam zu machen, sondern spielerisch kleine ungefährliche Abenteuer zu erleben. Diese Hindernisse sind eine Aufforderung, sie fordern die Kreativität, die Lust, den Spaß, um sie zu überwinden. Selbstverständlich folgt man beim dabei nicht unbedingt den vorgefertigten Wegen – eine Metapher für Freiheit.

 

Echte Freiheit

Was sich in dieser Begegnung mit der Natur erleben lässt, bezeichne ich gerne als „echte Freiheit“. Das ist kein intellektueller Begriff, sondern ein konkretes Erlebnis, das mit Sinnlichkeit, Spaß und innerer Ruhe verbunden ist. Dieses Erleben ist ein Prozess der inneren Reinigung durch eine Wiederverwurzelung mit und in der Natur, die zu einer Verschärfung der Sinne und der Körperausdrucksmöglichkeiten führt und zu mehr Erdung, Gleichgewicht und innerer Balance.

Die Begegnung mit der Natur hat nicht nur psychologisch gesehen wohltuende Wirkung, sondern natürlich auch in gesundheitlicher Hinsicht. Physische Aktivität (intellektuelle auch übrigens) wird extrem optimiert durch die Qualität der Luft und die Menge an Sauerstoff. Sport in einem Saal ist darum im Prinzip eine Absurdität und entspricht auch nicht unserem natürlichen Bedürfnis, uns in bewegter Interaktion mit der Natur zu erleben.

Konzepte loslassen

Durch diese einfache Arbeit erleben wir die Natur auf eine neue Weise und lassen spielerisch Konzepte los, die einer wirklichen Begegnung mit ihr im Wege stehen.

Zum Beispiel das Konzept von Sauberkeit und Schmutz: Erde wird heute oft als „schmutzig“ betrachtet, was jedoch völliger Unsinn ist und ein fataler Fehler. Erde kann selbstverständlich schmutzige Elemente beinhalten, die jedoch meist durch menschliche Industrie entstehen. In Wirklichkeit verhält es sich vielmehr andersherum: Wir schlucken, trinken und atmen mittlerweile absolutes Gift in Form industrieller Produkte, merken es aber nicht, weil es nicht zu sehen ist. Es gehört ins Reich der Propaganda, uns glauben zu lassen, dass ein industrielles Produkt „sauber“ ist. „Sauber“ wurde so zum Synonym von „künstlich hergestellt“ und „schmutzig“ zum Synonym von „natürlich“. Eine radikale Lüge.

Auch spirituelle Konzepte lassen sich im Kontakt mit der Natur leicht aufspüren. So das Konzept von Meditation. Es reicht nicht aus, die Leere in sich „machen zu wollen“. Mit dieser Einstellung werden viel Zeit und Energie verschwendet, ohne das Ziel zu erreichen. Durch Bewegung in der Natur wird „aktiv“ meditiert, die innere Ruhe entsteht ganz spontan, ohne daran denken zu müssen, durch die starke Unterstützung der Natur, durch Körper- und Atembewegungen (von Hathayoga, flow yoga und Chi-gong inspiriert). Eine Zeit wird dem Schweigen gewidmet, der Stille, um die Welt, die Umgebung, besser wahrzunehmen. In diesem Raum wird Meditation zu einem spontanen und natürlichen Zustand.

 

Mini-Abenteuer

Es ist der Spaß am Miniabenteuer, den ein gekonnter angstfreier Aufenthalt in der Natur erlaubt, auch wenn es zunächst vielleicht „kindlich“ oder „lächerlich“ scheint: Böschungen bäuchlings herunterrollen, Bäume und Steine beklettern, die Füße in den Bach tauchen, Radschlag und Handstand üben, die Nase in Erdlöcher stecken, selbst mit den Händen ein Loch in dem Boden zu graben, um den betörenden Duft und sinnlichen Kontakt mit der Erde zu spüren, barfuß gehen, Hänge auf allen Vieren hinaufgehen und rennend herunter tollen, unter Zäune kriechen, sich am Boden wälzen, sich hinlegen und den Himmel betrachten – all das weckt eine kindliche und ursprüngliche Begeisterung für das Leben.

Wir lernen auch, mit verschiedenem Wetter umzugehen – eine Mini-Abhärtung in unserem sowieso sehr milden Klima. Schnee oder Regen sind als interessante kleine Widerstände zu betrachten, der Rest eine Frage der Organisation, was die Klamotten angeht (im Herbst und Winter ist ein alter Skianzug optimal). Und nicht zuletzt, nährt uns bei diesen Mini-Abenteuern die Bewunderung der wahnsinnigen Kreativität und Ästhetik der Natur, der allergrößten Künstlerin der Welt.

Bei meinen Aktivitäten zahlt man übrigens nach Selbsteinschätzung – denn die Natur ist immer gratis. Die Präsenz von Tieren ist erwünscht, sie werden nach Möglichkeit eingebunden.

„Wenn du den Biwak verlässt, sollst du zwei Dinge hinterlassen : nichts und deine Dankbarkeit“
(frei nach Baden-Powell)

 

 

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