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Networking für Psychiatrieerfahrene

Manche psychisch Kranke kommen mit dem Alltag nicht zurecht. Sie vernachlässigen die Wohnung und sich selbst, sind zerstritten mit der Familie und leben isoliert. Oft halten sie den Kontakt zum Arzt nicht und experimentieren mit den Medikamenten. Folge: Die Krankheit verschlimmert sich, sie kommen immer wieder in stationäre Behandlung (Drehtürpsychiatrie).

Viele der Kranken verbringen ein Drittel des Jahres in der Klinik. Schizophrenie- und Psychosepatienten leiden zusätzlich ganz besonders unter Stigmatisierung und Diskriminierung durch die Bevölkerung.
Wer sehr lange mit der Krankheit zu tun hat und eventuell fehlgeschlagene oder abgebrochene Rehabilitationsmaßnahmen hinter sich hat, gilt irgendwann in Fachkreisen als „Chroniker“ oder als „austherapiert“, und die Isolation schreitet weiter voran. Hier beginnt häufig ein Selbstmord auf Raten, weil die Betroffenen absolut keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen. Sie verlernen zwischenmenschliche Interaktion, haben Angst vor Kontakten, rauchen wie ein Schlot und ernähren sich ungesund.

Durch viele Einrichtungen und Hände sind die Betroffenen schon gegangen und haben immer wieder ihre Geschichte erzählt. Nur eins haben sie dabei nie gefunden: eine Bezugsperson, die den Leidensweg kontinuierlich und mit ganzheitlichen Therapieansätzen begleitet. Jemand, der auf kurzem Weg Lösungen findet für die kleinen Probleme des Lebens, die zu unüberwindbaren Hindernissen werden können.

„Gelehrt sind wir genug!
Was uns fehlt, ist Freude;
was wir brauchen, ist Hoffnung;
was uns Not tut, ist Zuversicht.“
Curt Goetz

Nun ist das aber keine leichte Aufgabe, wenn die Menschen keinen Sinn mehr in ihrem Sein erleben. In mühevoller Kleinarbeit geht es zunächst darum, vorhandene Ressourcen und Interessen des Klienten aufzuspüren und zu reaktivieren. Dabei treten täglich neue Hindernisse auf. Besonders akuter Geldmangel schränkt die Möglichkeiten enorm ein.

Kontakt und Begegnungsstätten sind zwar vorhanden, jedoch nehmen Betroffene die Angebote häufig nicht an, weil das Publikum zu unterschiedlich ist. Auch sind meist die gleichen Personen mit ihren ewig gleichen Problemen vor Ort, beklagen gerade weniger stark angeschlagene Betroffene. Die Angebote seien zu wenig flexibel und nicht mehr interessant, da die Individualität zu kurz komme.

Viele Betroffene hegen auch den Wunsch nach Kontakten zu Nichtbetroffenen. Schließlich geht es jedem von uns so, dass man sich gerne mit Menschen umgibt, die mitreißen statt herunterzuziehen. Die Liste der Wünsche und Vorschläge ist also lang und die Kassen der Ämter und Behörden immer leerer. Es bedarf dringend neuer Konzepte und Ideen.

Ein Projekt existiert beispielsweise seit 2005 und soll auch in diesem Jahr wieder stattfinden: die Kontaktparty für Psychiatrieerfahrene und Sympathisanten.

Unter dem Motto „Rückzug ist keine Lösung“ treffen sich Betroffene und Nichtbetroffene bunt zusammengewürfelt, um Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen. Unter fachkundiger Anleitung und mit lockeren Kennenlernspielen war das im vergangenen Jahr ein schöner Erfolg, so dass die Veranstaltung im August wieder stattfinden soll.
Veranstaltungsort ist die Britzer Mühle in Neukölln, wo zunächst eine kleine interaktive Führung durch die Mühle stattfindet, bevor dann nach Herzenslust „kontaktet“ und geschlemmt werden kann.
Die Kontaktparty ist kostenfrei, es können maximal 20 Personen teilnehmen.
Die Initiatorin wird im nächsten Jahr damit beginnen, Sponsoren zu finden, um diese Art der Selbsthilfe an den unterschiedlichsten Orten häufiger stattfinden zu lassen.

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