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Wie in unserer Gesellschaft Konflikte bearbeitet und gelöst werden, ist oft weder effektiv noch nachhaltig. Straftäter werden einfach weggeschlossen, auf politischer Ebene sind bewaffnete Aus – einandersetzungen immer noch ein legitimes Mittel, um Konflikte auszutragen. Wir scheinen uns seit dem alten Testament kaum weiterentwickelt zu haben: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Doch es gibt Alternativen – wie Restorative Circles –, die nicht nur die Beilegung von Konflikten erreichen, sondern auch zur Heilung bei den beteiligten Menschen beitragen können.

Die in unserer Kultur übliche Art, Konflikte zu bearbeiten und zu lösen, scheint nicht zu den gewünschten Ergebnissen wie Sicherheit, Beständigkeit und Zufriedenheit auf allen Seiten zu führen. Stattdessen verklagen sich beispielsweise Nachbarn über mehrere Instanzen und Jahre vor Gericht, allein getrieben von der Hoffnung, dass ihre Sichtweise sich am Ende in einem für sie positiven Urteil wiederfindet – obwohl sie mit der „unterlegenen“ Partei weiter Tür an Tür leben müssen. Diese Dynamik der Härte, Unversöhnlichkeit und manchmal auch Gewalt ist auf allen Ebenen zu beobachten. Männer töten Frauen, mit denen sie ihre Beziehungsprobleme nicht anders „lösen“ können.

Staaten versuchen ihre Interessen mit wirtschaftlicher Macht – die immer wieder zu Not und Hunger in schwächeren Staaten führt – durchzusetzen, zur Not auch mit Waffengewalt. Das und vieles andere geschieht immer nach dem Motto: „Du bist schuld.“ bzw. „Die anderen sind schuld.“

Manchmal wird offensichtlich, dass es bei dieser Art „Lösungen“ nur Verlierer gibt, zum Beispiel, wenn in bewaffneten Auseinandersetzungen auf beiden Seiten Menschen sterben müssen. Oft ist der Preis für so eine Lösung allerdings nicht offensichtlich. Nicht offensichtlich ist zum Beispiel, dass der Ärger und die Wut der Beteiligten an einem Konflikt oft einen großen Teil ihrer Lebensenergie verbrauchen und sie zerfressen. Es steht also an, einen neuen Weg zu gehen, einen Weg, mit dem der Versuch gemacht wird, die Bedürfnisse und Interessen von allen an einem Konflikt Beteiligten so zu berücksichtigen, dass für alle befriedigende und stabile Ergebnisse erzielt werden.

Konfliktbearbeitung in der Politik

Auf der politischen Ebene kommen Menschen in der Rolle als Vertreter anderer, also als Funktionsträger zusammen. Das alleine kann schon eine authentische Konfliktbearbeitung erschweren und begrenzt die Möglichkeiten für eine Konfliktlösung. Denn schon wenn sich Menschen einfach nur als Menschen gegenübersitzen, stehen ihre Erziehung, ihre Glaubenssätze, ihre Konditionierungen, ihre Muster, also ihre persönlichen Behinderungen einer authentischen Begegnung und damit einer wirklichen Konfliktbearbeitung im Weg. Wenn darüber hinaus auch noch Masken, Rollen, Taktiken und Rituale mit ins Spiel kommen, wenn dort Menschen sitzen, die andere vertreten, zu denen sie gar keinen persönlichen Kontakt mehr haben, deren Bedürfnisse ihnen vielleicht sogar gleichgültig sind, wird es ungleich schwieriger, eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung zu finden.

Politiker versuchen in der Regel Konflikte zu lösen, indem sie “gewinnen” wollen, orientiert an ihrer Idee davon, was richtig und was falsch ist, wer im Recht ist und wer Schuld hat. Wobei sie selbst in der Regel davon überzeugt sind, Recht zu haben, richtig zu sein, richtig zu denken, richtig zu handeln.

Nicht ganz überraschend zeigen „Lösungen“, die so zustande kommen, eher auf, wer am längeren Hebel sitzt. Und sie schaffen höchstens eine Verschnaufpause, die so lange andauert, bis die unterlegene Seite Kraft gesammelt hat und der Konflikt wieder aufbricht. Gleichzeitig setzen Politiker nur das fort, was unter anderem in unseren Familien, in den Unternehmen, in denen wir arbeiten, und vor Gericht gelebt wird. Gewöhnlich versucht jemand Recht zu bekommen gemäß geschriebenen oder ungeschriebenen Regeln des Systems, in dem er sich bewegt. Und die Stärksten in so einem System, wie Unternehmen, Staat oder Justiz, stellen diese Regeln auf. Oft ist das Beste, was jemand in einem solchen System bekommen kann, Recht im Sinne von meist starren Regeln. Recht zu bekommen muss deshalb nicht heißen, dass die eigenen Bedürfnisse wirklich befriedigt werden. Sind meine Bedürfnisse wirklich befriedigt, wenn ich gemäß der Entscheidung meiner Eltern das Recht habe, ihr Geschäft weiterzuführen, mein jüngerer Bruder sich daraufhin zurückgesetzt fühlt und deswegen nicht mehr mit mir spricht? Sind meine Bedürfnisse wirklich befriedigt, wenn ich mein Kind nur alle zwei Wochen am Wochenende sehen darf? Sind meine Bedürfnisse wirklich befriedigt, wenn der Mensch, der mich überfallen und verletzt hat, für einige Jahre hinter Gittern leben muss?

Der Raum, in dem Heilung möglich wird

Vor einigen Jahren lebte der Brite Dominic Barter in Brasilien, in einem Land mit besonders starken sozialen Spannungen und entsprechend harten, manchmal tödlich endenden Konflikten auf jeder Ebene. Die Resultate der üblichen Konfliktlösungsstrategien einschließlich des Justizsystems bewegten ihn, mit Menschen über einen längeren Zeitraum darüber zu sprechen, wie sie sich eine Konfliktbearbeitung und Konfliktlösungen vorstellen, was ihnen wichtig ist, welche Bedingungen sie dafür brauchen. Und er experimentierte mit ihnen zusammen, zunächst vor allem mit kriminellen Jugendbanden, mit Menschen, denen sie einen Schaden zugefügt haben, mit der lokalen Polizei und mit lokalen Politikern. Mit dem Ziel, Konflikte so zu bearbeiten und zu lösen, dass für alle ein gutes Leben vor Ort, in ihrer Gemeinschaft, möglich wird. Im Laufe der Zeit fand Dominic Barter heraus, dass es zunächst notwendig ist, einen speziellen Raum für die Bearbeitung eines Konflikts zu schaffen.

Dieser Raum, diese Basis dafür, Konflikte authentisch zu bearbeiten, ist ein Raum, in dem sich alle als Menschen begegnen, in keiner Funktion, in keiner Hierarchie. Ein Raum, in dem es kein Richtig und kein Falsch gibt. Ein Raum, in dem niemand als Opfer oder Täter stigmatisiert ist, in dem eine authentische Begegnung von Menschen mit ihren Bedürfnissen und Empfindungen stattfinden kann. Ein Raum, in dem alle alles sagen können. Ein Raum, in dem die Auseinandersetzung durch einen gemeinsam vereinbarten Dialogprozess, den die Person unterstützt, die den Kreis begleitet, so verlangsamt wird, dass es unter anderem deswegen möglich wird, auch alles hören zu können. Ist das geschafft, geschieht alles Weitere von alleine: Im ersten Teil bekomme ich Kontakt zu mir, kann meine Bedürfnisse wahrnehmen, kann sehen, was meine Handlungen bewirkt haben, kann für meine Handlungen die Verantwortung übernehmen, die Bedürfnisse des Gegenübers sehen und die positiven Absichten seiner Handlungen. Damit ist ein Prozess der Heilung im Gange. Es folgen Angebote und Bitten aus einem Bedürfnis heraus – von Herzen.

Konfliktbearbeitung ohne Leitung

Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Konfliktbearbeitung nicht gesteuert werden muss, wie es in unserer Kultur zum Beispiel in einer Mediation üblich ist, sondern dass das, was da ist, die Selbstheilungskraft, in einem gemeinschaftlich erlebten und getragenen Prozess von alleine wirken kann. Dieser Prozess wird hier „nur“ achtsam begleitet.

Alles in diesem Prozess ist absolut freiwillig. Gleichzeitig soll ein Nein eines Beteiligten schon vor oder auch im Prozess nicht zu seinem Ende führen. Deshalb wird in diesem Prozess auch mit Stellvertretern gearbeitet, so wie in einer Familienaufstellung.

Der Raum, in dem das alles geschieht, heißt Restorative Circle.

Schon ein Restorative Circle, ein Kreis, der zur Übung oder weil Beteiligte daran nicht teilnehmen wollten, nur mit einem am Konflikt Beteiligten stattfindet, kann zur Bearbeitung, zur Heilung eines Konflikts beitragen, wenn sich bei dem am Kreis Teilnehmenden etwas im Hören, Sehen oder Empfinden verändern kann. Je nachdem, wie gut die Beteiligten ohne Hilfe von Methoden, die von einer Leitung eingebracht werden, zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen Kontakt bekommen, kann ein Kreis mit mehreren Beteiligten bis zu seinem Abschluss, zumindest am Anfang, auch schon mal zwei Stunden dauern. Doch der Zeitaufwand wird mit wertschätzender Verbindung aller Beteiligten belohnt – der Basis von allem.

In einem Restorative Circle, einem Kreis, sprechen alle ein konkretes Gegenüber an, nichts wird in den Raum gesprochen. Es gibt keine Vorgaben für die Form, in der etwas sinnvollerweise zum Ausdruck gebracht werden sollte. Alle, die etwas gesagt haben, bekommen sofort eine direkte Rückmeldung von ihrem Gegenüber, bekommen unmittelbar gesagt, was bei ihrem Gegenüber angekommen ist. Auf diese Weise soll am Ende des Prozesses kein Gedanke, kein Gefühl mehr auf einem Missverständnis beruhen.

Wiederherstellende versus ausgleichende Gerechtigkeit

Das englische Wort restorative bedeutet stärkend, heilend, wiederherstellend. Im Restorative Circle, zu deutsch wiederherstellender Kreis, steht das Wort für die Idee einer wiederherstellenden Gerechtigkeit, einer anderen als der in unserer Kultur üblichen ausgleichenden Gerechtigkeit.

Die in unserer Kultur üblichen Konfliktbearbeitungsstrukturen wie sie zum Beispiel bei Familien, Unternehmen, bei der Justiz, beim Staat und in der Politik angewandt werden, basieren auf der Idee einer ausgleichenden Gerechtigkeit, auf Richtig und Falsch, auf Kontrolle, auf Schuld und Strafe. Wenn ich mich strafbar gemacht habe, zum Beispiel jemanden verletzt habe, muss ich dafür ins Gefängnis gehen. Doch kann das zur Heilung führen, beim Verletzten und bei mir? Dem gegenüber steht die wiederherstellende Gerechtigkeit, wie sie auch in einem sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich, einer Form von Restorative Justice, Realität werden kann. Dort geschieht, wenn das Verfahren gut läuft, im Grunde das Gleiche wie in einem Restorative Circle: Reden, Hören, Empfinden, das Gegenüber mit seinen positiven Absichten sehen können, ein Angebot aus einem Bedürfnis heraus machen. Das können kleine Angebote sein, Zeichen dafür, dass Heilung beginnt – wie ein angebotenes Glas Wasser oder eine von Herzen ausgestreckte Hand zur Versöhnung. Es kann das Angebot sein, sich um die Reparatur der Fensterscheibe des Gegenübers zu kümmern, die bei einem Streit zu Bruch gegangen ist. Es kann der erklärte Wille sein, den übermächtig groß erscheinenden finanziellen Schaden abzuzahlen, den ich zu verantworten habe, ohne Bestreiten, ohne Verzögerungen, ohne Tricks.

Ein berührendes Beispiel anderer Art für das Ende eines Restorative-Justice-Prozesses gibt es im deutschen Dokumentarfilm Beyond Punishment, der aktuell im Kino läuft. Es geht in diesem Film um drei Menschen, die wegen der Verantwortung für den gewaltsamen Tod eines Menschen verurteilt wurden, und um Angehörige dieser Toten. Im Film ist zu sehen, wie groß auf beiden Seiten die Sehnsucht sein kann, sich wegen belastender Gefühle wie Schuld, Schmerz oder Trauer durch Reden mit der jeweils anderen Seite zu erleichtern, Vergebung zu erhalten, aber auch vergeben zu können. Und es geht um Antworten auf Fragen, die Angehörige quälen, zum Beispiel die Frage nach dem „Warum“.

Wir können uns entscheiden

Wir können uns entscheiden zu versuchen, einen anderen Weg zu gehen, im eigenen Umfeld. Wenn noch mehr Menschen in ihrer Familie, ihrer Lebensgemeinschaft, ihrer Wohngemeinschaft, mit ihren Kolleginnen und Kollegen, in ihrer Kindertagesstätte, ihrer Schule alternativ zu einem Weg über die Institution Gericht eine wiederherstellende Gerechtigkeit leben, dann wird sie irgendwann auch in der Politik Fuß fassen.

Über den Autor

Avatar of Uwe Pieper

hat nach einem Leben voller Konfliktvermeidung beschlossen, sich dem Thema Konflikte zuzuwenden und nach längerer Beschäftigung mit Gewaltfreier Kommunikation nach Marshall Rosenberg, einer Ausbildung in Mediation und nach einer Begegnung mit Restorative Circles und Dominic Barter festgestellt, dass für ihn ein Restorative Circle, ein Kreis, der sinnvollste Weg ist, mit Konflikten umzugehen.

Alle drei eben genannten Wege Konflikte zu bearbeiten sind verschieden, doch mit Hilfe aller drei sind Momente möglich, die den Autor berühren und ihn motivieren, sich immer wieder auch Wut, Schmerz und Trauer auszusetzen: Der Moment, in dem sich ein Knoten löst, der Moment, in dem ein Aha in einem Gesicht zu sehen ist. „Deshalb hast du das getan.“ Der Moment, in dem zwei Menschen sich so sehen können, wie Red Grammer es in seinem Lied „See me beautiful“ besingt. Der Moment, in dem sich etwas öffnet. Der Moment, in dem Heilung beginnen kann.

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