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Offenheit, Demut, Integrität – wie progressive Spiritualität die Politik verändern kann.

Wie für viele Menschen war Nelson Mandela für mich einer der wichtigsten und prägendsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Sein Leben steht für mich für die Kraft, die ein Mensch einfach aus seiner Integrität und Menschlichkeit heraus entwickeln kann, gerade dann, wenn sie mit politischer Weitsicht verbunden ist. Einer meiner ersten Berührungspunkte mit diesem großen Mann war das Lied „Free, Free Nelson Mandela“. Dieses einfache Lied wandelte sich in den 80er Jahren von einem Widerstandslied gegen die Apartheid in Südafrika zu einem Popsong der internationalen Hitparaden. 1988 hörte man es weltweit zu Mandelas 70. Geburtstag, den eines der ersten globalen Popkonzerte begleitete. 600 Millionen Zuschauer in 67 Ländern sahen das Konzert, das aus dem Londoner Wembley- Stadion übertragen wurde. Schon damals bewegte der Gefangene Mandela Menschen auf der ganzen Welt.

Trotzdem wagte damals kaum jemand zu hoffen, dass Südafrika die Apartheid friedlich überwinden könnte. Viele erwarteten ein Blutbad in diesem zerrütteten Land. Als sich 1990 das Apartheidregime gezwungen sah, mit Mandela – nach 27 Jahren Gefängnis – Verhandlungen aufzunehmen, und ihn aus der Haft entließ, staunte die Welt. Und noch mehr staunten wir, als Nelson Mandela in kurzer Zeit mit einer Kombination aus Unbeirrbarkeit und Großherzigkeit gegenüber den alten Unterdrückern der friedliche Übergang zu einem demokratischen Südafrika gelang.

Stark und sanft

Erst Jahre später, als ich Mandelas Autobiografie Der lange Weg zur Freiheit las, begann ich zu verstehen, dass die 27 Jahre Kerkerhaft für Mandela auch eine wichtige spirituelle Erfahrung waren. Es waren auch die Gefängnisjahre, die Mandela zu Mandela machten. Sein Weggefährte Erzbischof Desmond Tutu hat dies so beschrieben: „Ich glaube, was ihm im Gefängnis widerfahren ist, hat damit zu tun, dass Leiden zwei Dinge bei einem Menschen bewirken kann. Es kann dich verbittert, hart und wütend machen, oder, was bei vielen Menschen geschieht, es stärkt einen. Es macht dich stark, aber paradoxerweise gleichzeitig mitfühlend und sanft. Ich glaube, das ist mit ihm geschehen.“

Mandela sprach manchmal davon, dass er in seinen Gefängnisjahren regelmäßig meditierte. Er selber meinte zu dieser Zeit: „Man kann in der Zelle bemerken, dass sie ein guter Platz ist, sich selbst kennenzulernen, gründlich und immer wieder die Prozesse deines eigenen Geistes und deiner Gefühle zu untersuchen. Innere Faktoren für unsere menschliche Entwicklung, wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Demut, Großzügigkeit, die Bereitschaft, anderen zu dienen, sind für jede Seele erreichbar und die Grundlage des eigenen spirituellen Lebens. Zumindest gibt dir die Gefängniszelle die Möglichkeit, dich täglich ehrlich zu betrachten, um das Schlechte zu überwinden und das Gute in dir zu entwickeln. Regelmäßige Meditation kann hier viel bewirken.“

Mandelas heroische Menschlichkeit hatte viel mit dieser, seiner Spiritualität zu tun. Er hat sie nicht zur Schau gestellt, aber sie hatte die Kraft, Geschichte zu schreiben. Das ist auch die eigentliche Bedeutung von Spiritualität – sie verändert Menschen.

Religiöse Politik

Brauchen wir also mehr Spiritualität in der Politik? Vielleicht, denn ich glaube, Spiritualität hat viele, auch widersprüchliche Gesichter. In den letzten Jahren kam es weltweit zu einer Neubelebung der Religion, und immer mehr Menschen interessieren sich für spirituelle Themen und versuchen auch, politische Prozesse aus dieser Perspektive zu betrachten und zu gestalten. Wir sehen aber auch eine Renaissance der Spiritualität, die manchmal mehr Vorwand als Realität ist.

So beobachtet der Politikwissenschaftler Roland Benedikter gerade unter den Mächtigen der Welt eine Wiederbelebung religiöser Empfindungen. „In Russland versäumt Präsident Vladimir Putin keine Gelegenheit, um seine Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche zu zeigen. Xi Jinping, der neue Parteivorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, bekennt sich heute zum Konfuzianismus und bezeichnet ihn als eine Form des spirituellen Humanismus.“ In den USA spielte Religion und Spiritualität in den letzten Jahren eine immer stärkere Rolle, sowohl bei George W. Bush als auch in einer ganz anderen Weise bei Barack Obama. Während Bush als „Wiedergeborener Christ“ einer traditionellen Religiosität verbunden ist, fühlt sich Obama eher einer progressiven Auslegung des Christentums nahe, die Werte wie Gleichheit der Rassen und Toleranz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften unterstützt.

Zudem können wir weltweit beobachten, dass konservative Massenbewegungen unter spirituellen Vorzeichen viele Menschen in ihren Bann ziehen. Beispiele dafür sind der politische Islam oder der Aufstieg eines politisch militanten Hinduismus in Indien.

Unter den Repräsentanten dieser Bewegungen gibt es durchaus beeindruckende Menschen – Menschen mit einer tiefen und glaubwürdigen Spiritualität.

Oft steht weder ihre tiefe Spiritualität noch ihre Integrität infrage. Es ist ihr ethnisch oder mythologisch begrenzter Blick auf die Welt, der sie zu nationalistischen Führern oder zu Fürsprechern alter Herrschaftsstrukturen macht. Solche traditionellen religiösen Weltbilder sind auch leichter von überkommenen Machtstrukturen vereinnahmbar. Putins Verhältnis zur orthodoxen Kirche ist hier ein drastisches Beispiel.

Widersprüche traditioneller Spiritualität

Aber auch die katholische Kirche mit dem Papst Benedikt XVI. war ein Zeichen der widersprüchlichen Situation traditioneller Spiritualität. Und damit meine ich nicht die Korruption, die der katholischen Kirche zu schaffen macht. Ich habe eigentlich nicht an der Integrität und auch nicht an der spirituellen Tiefe eines Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. gezweifelt, es ist die Verbindung von Spiritualität mit einer vormodernen Weltsicht, die eine konservative Spiritualität widersprüchlich macht. Papst Benedikt betonte 2011 bei seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag, dass Natur und Schöpfung nicht nur nach funktionalen Gesichtspunkten bewertet werden dürfen. Ethos und Religion dürften nicht außen vor bleiben. Er sprach von einer „dramatischen Situation“: Eine Denkweise, wo es nur um das Funktionieren gehe, gleiche Betonbauten ohne Fenster. Wenn ein Papst einen solchen Appell an die Öffentlichkeit richtet, kann man ihm nur zustimmen und hoffen, dass er viele Zuhörer findet. Gleichzeitig sagte Benedikt XVI. aber auch über die Ehe: „Die Auflösungstendenzen bezüglich der Ehe bis hin zur Pseudo-Ehe zwischen Personen des gleichen Geschlechts sind Ausdruck einer anarchischen Freiheit, die sich zu Unrecht als wahre Befreiung des Menschen ausgibt.“ Der neue Papst Franziskus schlägt hier vorsichtig neue Töne an. Es wird spannend sein, in den nächsten Jahren zu sehen, wohin er möchte und wohin ihm seine Kirche folgen wird.

Menschlichkeit und Weitblick

Was Nelson Mandela zu einem so außergewöhnlichen Menschen werden ließ, war die Verbindung von tiefer Menschlichkeit und politischem Weitblick. Sein Kampf war ein Kampf für so zutiefst moderne Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Entscheidend für seinen Erfolg war auch eine Perspektive, die weit über ethnische Grenzen hinwegblicken konnte. Das erlaubte ihm, in einem kritischen Augenblick der südafrikanischen Geschichte zur Integrationsfigur für das ganze Land zu werden. Schon vor seiner Haftstrafe sagte er vor Gericht: „Mein ganzes Leben habe ich dem Kampf der südafrikanischen Nation gewidmet. Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft und gegen eine schwarze Vorherrschaft. Ich ehre das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft, in der alle frei in Harmonie mit gleichen Chancen zusammenleben können. Das ist ein Ideal, für das ich leben möchte und das ich erreichen möchte. Aber falls notwendig, ist es auch ein Ideal, für das ich bereit bin zu sterben.“ Mandelas Kraft kam aus seiner Seelenstärke, seiner Menschlichkeit, aber auch aus seiner aufgeklärten, undogmatischen Sicht auf die Welt.

Eine progressive Spiritualität ist immer eine offene, undogmatische Spiritualität, die in einem tiefen Dialog mit der Entwicklung ihrer Zeit steht. In diesem Sinne stand Nelson Mandela in seinem Land auch für eine solche progressive spirituelle Haltung. Unsere Situation in Europa und in Deutschland ist eine ganz andere als in Südafrika. Unsere politischen Herausforderungen sind Themen wie die ermüdete Parteiendemokratie, ein entfesselter Bankensektor, die sich neu verschärfende soziale Ungleichheit, die Gefahr des erstarkten Nationalismus in vielen Ländern Europas, aber auch die steigende Armut und die globale ökologische Krise.

Gibt es heute Menschen mit der Tiefe und Integrität eines Nelson Mandela? Und gibt es Menschen, die aus der Sicht einer aufgeklärten Spiritualität nach Antworten suchen? Es gibt sie, in und außerhalb der großen Kirchen.

Spiritualität in der Welt

Der katholische Theologe Hans Küng ist das vielleicht prominenteste Beispiel einer progressiven Theologie und Spiritualität in Deutschland. In seinem Projekt „Weltethos“ versucht er nichts weniger, als über kulturelle und religiöse Unterschiede hinweg eine globale Ethik als Grundlage für eine globale Kultur zu entwickeln. 2001 fand das „Weltethos- Projekt“ unter dem Generalsekretär der UNO Kofi Annan offiziell Eingang in die Agenda der Vereinten Nationen.

Auch einer der bekanntesten zeitgenössischen spirituellen Lehrer, der Benediktiner und Zen-Lehrer Willigis Jäger, versucht mit seinem Forum für westöstliche Weisheit den Brückenschlag zu einer transkulturellen Spiritualität: „Die Religionen der Zukunft“, so Willigis Jäger, „werden nicht so sehr durch Konfessionen getrennt sein, nicht durch das, was sie bekennen, sondern durch ihre mystisch esoterische oder exoterische Spiritualität. Das meine ich mit dem Begriff postkonfessionelle Religiosität. Sie beruht auf Erfahrung und nicht in erster Linie auf Wissen.“ Es gibt Ansätze einer modernen Spiritualität, die bereit sind, sich einer aufgeklärten, pluralistischen Welt zu stellen.

Die Schweizer spirituelle Lehrerin Annette Kaiser und der junge österreichische spirituelle Lehrer Thomas Hübl sind weitere Beispiele dieser neuen Formen einer unabhängigen, pluralistischen Spiritualität. Annette Kaiser sieht ihre spirituelle Arbeit direkt in einem globalen, politischen Zusammenhang: „Das Klima, Finanz- und Wirtschaftssysteme, Energieengpässe und Rohstoffgewinnung, Gemeinschaftsgüter usw. – alles hängt mit allem zusammen. Aus spiritueller Sicht gibt es keine Trennung, weder ist das Absolute vom Relativen trennbar, noch ist der Mensch in Essenz trennbar von anderen Menschen, von der Welt oder dem großen Geheimnis. Diese Erkenntnis hat eine enorme Auswirkung auf das Selbst- und Weltverständnis. EINE WELT – das ist die Grundlage für eine neue Kultur, die dem Wohle aller Wesen dient.“ Man könnte auch so weit gehen wie der spirituelle Lehrer Andrew Cohen, der in der Verbindung einer offenen, erfahrungsgeleiteten Spiritualität mit einem tiefen Verständnis der Evolution die Anfänge einer neuen, evolutionären Spiritualität sieht.

Neue Bewusstseinskultur

Mehr noch als die unterschiedlichen Ansätze einer progressiven Spiritualität ermutigt mich, dass viele Ansätze für eine neue Politik auch vom Motiv einer modernen, offenen Spiritualität getragen sind. Otto Scharmer, der mit seinem Presencing Institute und am MIT in Boston Konzepte für neue Formen auch der politischen Zusammenarbeit entwickelt, sieht seinen Ansatz ausdrücklich getragen von einer neuen Bewusstseinskultur. Christian Felber versteht sein viel diskutiertes Konzept einer Gemeinwohlökonomie, in der durch die Einführung eines Gemeinwohlindex marktwirtschaftliche Anreize für eine nachhaltige Wirtschaft erreicht werden sollen, durchaus auch als einen „Versuch einer spirituellen Ökonomie“.

Es scheint, dass wir zu einem Zeitpunkt leben, in dem neue Formen einer progressiven Spiritualität und neue Ansätze für eine nachhaltige Politik zueinanderfinden. Mandela hat in Südafrika in einer anderen Zeit mit anderen Herausforderungen gelebt. Seine Themen waren Rassenunterdrückung und Diktatur. Was bleibt, ist seine Haltung. Seine Menschlichkeit, seine Fähigkeit, aus einer offenen, spirituellen Grundhaltung auf die politischen Herausforderungen zuzugehen, setzen auch einen Maßstab für uns. Wir brauchen die Synthese einer progressiven Spiritualität und eines neuen nachhaltigen und sozialen wirtschaftlichen Denkens.

Letztlich brauchen wir aber immer wieder Menschen wie Nelson Mandela.


 

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin evolve erschienen:
www.evolve-magazin.de
https://www.facebook.com/evolve.magazin

 

Über den Autor

Avatar of Dr. Thomas Steininger

ist einer der Gründer des Magazins evolve und war dessen langjähriger leitender Redakteur. Er studierte Philosophie an der Universität Wien mit einem besonderen Schwerpunkt auf Bewusstseinsthemen und sozialer Evolution. Heute leitet er EnlightenNext Deutschland/Schweiz und moderiert das Webradio Radio evolve.

Tom hält international Vorträge und gibt Seminare über evolutionäre Spiritualität. Seit acht Jahren ist er Mitorganisator der jährlichen Spirituellen Herbstakademie Frankfurt und leitet neben Annette Kaiser und Sonja Student das Studium Generale in integral-evolutionärer Spiritualität „menschen in spirit“. Zusammen mit Barbara von Meibom organisierte er 2014 die Konferenz „Aussöhnung mit Deutschland“.

Eine Antwort

  1. Oliver
    Mandela hatte es schwerer und leichter zugleich

    Die Größe Mandelas bestand sicher darin, dass er für das Einstehen für seine Einsichten einen sehr hohen Preis zu zahlen bereit war. Er hatte es mit einem Regime zu tun, das Menschen einsperrte – und sich damit klar ins Unrecht setzte.

    Demgegenüber haben wir es mit einer Situation zu tun, in der Widerstand – oder neue Formen von Politik – in vieler Weise möglich ist, ohne dass man dafür bestraft würde. Zugleich wird jeder neue Ansatz entweder integriert (siehe die Grünen oder die Konzerne, die mit Bioprodukten das alte Wachstum weiterführen.) oder weitgehend ignoriert. Das hat sicher damit zu tun, dass unser Land rechtstaatlich und weitgehend demokratisch regiert wird. Wer etwas anderes will als das Bestehende, muss erst einmal andere Menschen überzeugen. Außerdem gibt es nicht das EINE Thema sondern unzählige. Das bringt es außerdem mit sich, dass während ich an einem Thema arbeite und etwas neues in die Welt bringe, ich in anderen Bereichen einfach durch mein alltägliches Tun bestehende Strukturen fortschreibe.
    Also: Mandela kann mich inspirieren zugleich bleibt er mir ein wenig fremd. Es bleibt mir nur, meine Kraft auf die Punkte zu richten, in denen ich einen Unterschied machen kann/will – und die anderen weitgehend zu ignorieren. Keine klaren Fronten also.

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