Sri Daya Mata war eine der bedeutendsten Schülerinnen von Paramahansa Yogananda (Autor der Autobiographie eines Yogi und 1920 Gründer der Self-Realization Fellowship (SRF)). Von 1955 bis zu ihrem Heimgang im Jahre 2010 war sie die Präsidentin und das geistige Oberhaupt der SRF und somit eine der ersten Frauen in der modernen Geschichte, die zum Oberhaupt einer weltweiten spirituellen Bewegung ernannt wurde. Sri Daya Matas Ansprachen sind heute genauso aktuell wie zu der Zeit, als sie zum ersten Mal gehalten wurden. Die folgenden Auszüge sind aus ihrem Buch „Alles Glück liegt in dir.“*

Eine Frage, die Sri Daya Mata besonders in den letzten Jahren immer wieder gestellt wurde, ist diese: Wie können wir mit den Problemen, die sich uns in dieser schwierigen Zeit stellen, fertig werden? Überall in der Welt machen sich die Menschen Sorgen über die traurige Situation auf unserem Planeten. Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, erkennen wir, dass die Menschheit schon immer viele Krisen durchgemacht hat; und solch schlimme Zeiten werden auch in Zukunft kommen und wieder vergehen. Die Welt bewegt sich in einem aufsteigenden und einem absteigenden Zyklus, der sich ständig wiederholt. Augenblicklich entwickelt sich das Bewusstsein der Menschen im allgemeinen höher; und wenn der aufsteigende Zyklus in mehreren tausend Jahren seinen Höhepunkt erreicht hat, bewegt er sich wieder abwärts. Fortschritt und Rückschritt auf dieser Ebene der Dualität erinnern an den ständigen Wechsel von Ebbe und Flut. Im Laufe dieser evolutionären Zyklen entstehen und vergehen ganze Zivilisationen.

Die Besonderheit der gegenwärtigen Krise

Während des absteigenden Zyklus werden sich die meisten Menschen ihrer geistigen Natur immer weniger bewusst, bis alles Edle, das sie besessen haben, verschwindet. Und dann ist der Untergang einer solchen Zivilisation so gut wie besiegelt. Dasselbe kann mit den Nationen aber auch im aufsteigenden Zyklus geschehen. Wenn die sittliche und geistige Evolution des Menschen nicht Schritt mit dem Aufschwung des Wissens und der Technologie hält, missbraucht er die erworbene Macht, so dass sie seinen eigenen Untergang herbeiführt. Und in dieser Krise befindet sich die Welt heute [das Buch von Sri Daya Mata wurde im Jahr 2000 veröffentlicht]. Das Bewusstsein des Menschen hat sich so weit entwickelt, dass es das Geheimnis des Atoms und die ihm innewohnende erstaunliche Kraft entdeckt hat – eine Kraft, die eines Tages unwahrscheinliche Dinge vollbringen mag, deren Möglichkeiten wir uns jetzt noch nicht vorstellen können. Doch was haben wir mit diesem Wissen gemacht? Wir haben uns hauptsächlich auf die Entwicklung zerstörerischer Waffen konzentriert. Die moderne Technologie hat uns auch viele zeitraubende Arbeiten erspart, die wir früher erledigen mussten, um körperlich überleben zu können.

Meist jedoch hat der Mensch diese zusätzliche Zeit nicht dazu genutzt, sich geistig und seelisch höherzuentwickeln, sondern er hat sich in immer neue materielle und sinnliche Vergnügungen gestürzt. Wenn sich der Mensch nur auf die Befriedigung der Sinne konzentriert und sich von Gefühlsregungen wie Hass, Eifersucht, Wollust und Gier regieren lässt, führt das unvermeidlich zu Disharmonie unter den Menschen, zum Aufruhr in der menschlichen Gesellschaft und zu Konflikten zwischen den Nationen. Kriege haben nie etwas verbessert; sie sind vielmehr zu einer Lawine der Massenvernichtung geworden; jede Konfrontation wird zu einer Brutstätte für die nächste. Nur wenn sich die Menschen zu weiseren und liebevolleren Wesen entwickeln, wird auch die Welt zu einem besseren Ort.

Das Überleben einer Zivilisation hängt von ihrem geistigen Fortschritt ab

Wenn ich mir – Sri Daya Mata –  die heutige Weltlage vergegenwärtige, denke ich oft an ein Erlebnis, das ich 1963 im Himalaja während einer Pilgerreise zur Höhle von Mahavatar Babaji hatte. …**

Auf dem Weg zur Höhle verbrachte Sri Daya Mata eine Nacht in einer kleinen Herberge bei Dwarahat. Mitten in der Nacht hatte ich einen überbewussten Traum, in dem sich eine große, drohende Finsternis – gleich einer dunklen Wolke – über die Erde breitete, so als wolle sie die ganze Welt verschlingen. Doch ehe es dazu kam, erschien ein blendendes göttliches Licht, das der Finsternis Widerstand leistete und sie zurückschob. Es war ein solch überwältigendes Erlebnis, dass ich laut aufschrie und dadurch meine Gefährtinnen weckte. Sie fragten mich bestürzt, was denn geschehen sei. Doch ich wollte nicht darüber sprechen, weil ich wusste, was diese Vision bedeutete. Ich sah, dass die ganze Welt einer großen Gefahr ausgesetzt war – heraufbeschworen durch die Dunkelheit der Täuschung mit ihren Kräften des Bösen, der Negierung und der Sünde. 25 Jahre sind seitdem vergangen; und heute haben die Sittenlosigkeit und die sich daraus ergebenden Gewalttätigkeiten in der menschlichen Gesellschaft derart überhand genommen, dass wir den Untergang des Römischen Reiches noch einmal zu erleben scheinen. …

Überall gibt es entsetzlich viel Elend und Kummer. Die Menschen fragen sich: »Warum lässt Gott das alles zu?« Doch Gott hat nichts damit zu tun. Wir lassen es zu. Er würde uns nie bestrafen; wir bestrafen uns selbst. Wir sind die Urheber der Umstände, denen wir jetzt gegenüberstehen. Und diese sind das Endergebnis des unsittlichen Verhaltens und des Verfalls aller ethischen Werte auf sämtlichen Lebensgebieten. Das Fortbestehen einer Zivilisation hängt vom richtigen Verhalten der Menschen ab. Ich spreche hier nicht von einem Sittenkodex, der von Menschen gemacht ist und sich im Laufe der Zeit wieder ändert, sondern von zeitlosen, universellen Grundsätzen des Verhaltens, die sowohl dem Einzelnen als auch der ganzen Gesellschaft Gesundheit, Glück und Frieden bringen und innerhalb der Vielfalt für eine harmonische Einheit sorgen. Es fällt dem durchschnittlichen Bewusstsein des Menschen nicht immer leicht, die unermesslichen Wahrheiten zu erfassen, die Gottes Universum zugrunde liegen. Aber diese höchsten Wahrheiten gibt es nun einmal, und bei den präzise arbeitenden Gesetzen, durch die Gott den Kosmos und alle Wesen aufrechterhält, kann es keine Kompromisse geben.

Alles im Universum hängt voneinander ab. Als menschliche Wesen sind wir nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit der ganzen Natur verbunden, denn alles Leben entspringt nur einer Quelle: Gott. Er ist vollendete Harmonie; deshalb haben die falschen Gedanken und Handlungen der Menschen eine nachteilige Wirkung auf Seine harmonischen Pläne für diese Welt. …

Kriege, Naturkatastrophen, soziale Umwälzungen und andere Probleme, denen wir uns heute gegenübersehen, sind das Ergebnis.

Jede geistige Wandlung beginnt mit Sittlichkeit und positivem Denken

Am Ende der soeben beschriebenen Vision wurde die Finsternis, welche die Welt bedrohte, vom göttlichen Geist besiegt, und zwar durch eine ständig anwachsende Zahl von Menschen, die nach geistigen Grundsätzen leben. Geistigkeit beginnt mit Sittlichkeit, mit den Gesetzen richtigen Verhaltens, die jeder Religion zugrunde liegen; und dazu gehören Wahrhaftigkeit, Selbstbeherrschung, Einhalten des Ehegelübdes, Nicht-Verletzen anderer. Doch nicht nur unser Verhalten müssen wir ändern, sondern auch unser Denken. Wenn wir ständig bestimmten Gedanken nachhängen, werden diese Gedanken schließlich zu Handlungen. Wer sich selbst vervollkommnen will, muss zuerst sein Denken ändern. Bemühen Sie sich um eine positive Einstellung. Wer ständig negative Gedanken hegt, wer launisch, ärgerlich, neidisch, eifersüchtig und engherzig ist, kann sich geistig nicht höher entwickeln. Ein solcher Mensch schaltet das Licht Gottes aus und lebt in Dunkelheit. Er verbreitet überall Trübsal und Disharmonie. Gedanken sind Kräfte; und diese üben einen gewaltigen Einfluss aus. Deshalb bin ich als Sri Daya Mata so tief vom weltweiten Gebetskreis überzeugt, den [Paramahansa Yogananda] gegründet hat. Ich hoffe, dass Sie ihm alle angehören. Wenn die Menschen positive Gedanken des Friedens, der Liebe, des Wohlwollens und der Vergebung mit tiefer Konzentration aussenden, wie es bei der Heilübung des weltweiten Gebetskreises der Fall ist, erzeugt das eine große Kraft. Und wenn die Mehrzahl der Menschen dies tut, werden die guten Schwingungen derart zunehmen, dass sie eine Änderung in der Welt bewirken.

Ändert euch selbst, und ihr werdet Tausende ändern

Unsere Worte bewirken wenig, wenn wir sie nicht in die Tat umsetzen. Die Worte Christi sind heute genauso machtvoll wie vor zweitausend Jahren, weil er danach lebte. Unser Leben muss also auf ruhige, aber beredte Weise die Gesetze, an die wir glauben, zum Ausdruck bringen. Guruji sagte oft: »Ändert euch selbst, und ihr werdet Tausende ändern.« Gott ist ewig, und auch wir sind ewig. Sein Universum mit seinem ständigen Auf und Ab wird weiterbestehen. Unsere Aufgabe ist es, im Einklang mit seinen Gesetzen der Schöpfung zu leben. Wer das tut, strebt unentwegt nach geistiger Höherentwicklung – ganz gleich, wie die äußeren Umstände beschaffen sind oder in welchen Weltenzyklus man hineingeboren wird –, und wer sein Bewusstsein immer mehr veredelt, wird Freiheit in Gott finden. Letzten Endes hängt unsere Erlösung nur von uns selbst ab – wie wir uns in unserem Leben verhalten, wie wir uns betragen, ob wir ein aufrichtiges, ehrliches Leben führen und andere Menschen achten, und vor allem, ob wir Mut und Gottvertrauen haben. Es kann alles so einfach sein, wenn wir uns auf die Liebe Gottes konzentrieren. … Wie oft mussten wir folgende Worte mit Guruji wiederholen, die zum Ausdruck bringen, dass wir stets in der Freude Gottes leben sollen: »Aus der Freude bin ich gekommen, aus Freude lebe ich, und in diese heilige Freude gehe ich wieder ein.« Halten Sie an dieser Wahrheit fest. Dann werden Sie erkennen, dass diese Freude Ihnen, ungeachtet aller äußeren Umstände, innere Festigkeit gibt. Und dann wird diese Freude wirklicher für Sie als die ewig wechselnden Ereignisse unserer kaleidoskopischen Welt.

*(Self-Realization Fellowship, Los Angeles, Kalifornien www.yogananda.org; alle Rechte vorbehalten)
**Mahavatar Babaji ist der erste in der Reihe der Gurus der Self-Realization Fellowship. Er war es, der die aus alten Zeiten stammende, aber verloren gegangene Wissenschaft des Kriya-Yoga wieder aufdeckte; und er war es auch, der Paramahansa Yogananda damit beauftragte, diese Lehre in der ganzen Welt zu verbreiten. Sein Leben und seine spirituelle Mission werden in der “Autobiographie eines Yogi” beschrieben.

Mehr Infos zur Self-Realization Fellowship und zu ihren Standorten in Deutschland auf www.yogananda.org. Wer bei Google “Yogananda Deutschland” eingibt, findet viele Angebote zu Meditation und Retreats, die auf Yoganandas Lehren basieren.

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