Über die geistigen Ursprünge der bekannten asiatischen Bewegungsmeditationen und warum sie so tief heilend auf unsere Gesundheit wirken.

von Annette Hempel

Die asiatische Philosophie geht in ihren hohen Lehren vom Ursprung aller Dinge aus, der unbeschreiblich ist und daher ganz pragmatisch – da nicht zu beschreiben – als „NICHTS“ (chinesisch „WU“) bezeichnet wird. Aus dem „NICHTS“ tritt – ebenfalls unbeschreiblich – eine erste Aktivität hervor, das „TUN“, chinesisch „WEI“. So entsteht das erste Dual der Schöpfung, chinesisch „WU WEI“. Es bedeutet „nichts tun“. Damit ist jedoch nicht das äußerliche „Nichtstun“ gemeint, sondern das „rechte Tun“, also all das, was man als aufbauende befreiende Taten (Tun) bezeichnen könnte.

Diese Aktivitäten sollen aus unserem inneren Zentrum heraus – dem Herzen – entstehen. Nur so wird das „nichts tun“ zum „rechten Tun“, dem aufbauenden Guten und damit zum aktiven Ausdruck des Schöpfungsaktes (chinesisch „TAI“), indem die Lebensenergie „CHE(I)“ wirkt. Aus „WU WEI“ – dem „nichts tun“ entsteht so TAI-CHE(I), was übersetzt heißt: „Der Ausdruck der Lebensenergie“. Es ist damit das pauschale Axiom für die stoffliche Welt, das mit einer äußeren Aktivität, zum Beispiel dem CHUAN – der „Boxkunst“ – zum asiatischen Begriff TAI-CHE(I) CHUAN wird.

Kultiviert man die Lebensenergie allein durch ihre zentrale Kraft, den Atem, heißt diese sich im Geistigen ausdrückende Form im Stofflichen TAI-CHE(I)-GONG, was übersetzt bedeutet: „Der Ausdruck der Lebensenergie durch Übung.“ Der Begriff TAI-CHE(I) bezeichnet das höchste geistige Ausdrucksmittel in der chinesischen Philosophie, den Namen des heiligsten Symbols Asiens, das den Aufbau der Schöpfung erklärt.

In den westlichen Breiten ist das Symbol nach seinem ersten dualen Inhalt bekannt: „Yin und Yang“. Yang bedeutet „Sonne über dem Berg“ und steht für die geistigen Kräfte – auch „Drachenenergie“ genannt. Yin bedeutet „Sonne hinter (unter) dem Berg“ und steht für die Materie – die stoffliche Welt – und wird als „Tigerenergie“ bezeichnet. Daher sind „Drache und Tiger“ die elementaren – und auch geläufigsten – Begriffe Asiens, die immer für das erste Dual der Schöpfung des heiligen TAI-CHE(I)-Zeichens stehen.

Atem und Bewegung im Gleichklang

Die horizontale Wellenlinie in dem bekannten Zeichen steht für die erste Trennung des einheitlichen Ursprungs – für die erste Zellteilung einer jeden Schöpfung –, der dann unzählige weitere folgen, woraus sich die stoffliche Welt entwickelt. Die entgegengesetzten kleinen Kreise zeigen an, dass eine jede der beiden Energieformen in der anderen grundsätzlich enthalten ist. So ist in dem oberen geistigen Teil – der kleine dunkle Kreis – der Keim der Materie, im unteren stofflichen – der helle Kreis – der geistige der Keim der Schöpfung, aus dem alle Materie entsteht, stets vorhanden. Diese beiden Duale bilden insgesamt die vier Teile der materiellen Schöpfung. Daher ist die „4“ immer das Zeichen für Materie.

Das TAI-CHE(I)-GONG steht so für das sich ausdrückende Leben, dessen elementare, richtige Grundlage, der Atem, mit seinem abgestimmten Bewegungsfluss erst seine effektive Wirkung erhält. So wie in der gesamten Schöpfung, angefangen beim Sonnenrhythmus – eine Zusammenziehung und Ausdehnung im Sieben-Minuten-Takt –, werden auch beim TAI-CHEGONG die Lebensenergien durch Bewegungen hin zum Körper mit gleichzeitigem Einatmen zentriert (zusammengezogen), beim Wegführen vom Körper mit gleichzeitigem Ausatmen ausgedehnt. Auf diese einfache Weise werden Atem und Bewegung im Laufe der Zeit vollkommen in Gleichklang gebracht, was sich ganzheitlich gesundheitsfördernd auswirkt.

Zudem werden Gleichgewicht und Beweglichkeit gestärkt und führen durch die ruhige Atmung zu großer Harmonie in Geist und Körper! Das ursprüngliche TAI-CHE-GONG wurde dann vor langer Zeit in zwei verschiedene Wege aufgeteilt. Man separierte die gymnastischen Übungen, die vorwiegend der Gesundheit dienten und Qi Gong genannt werden, vom Tai-Che(i) – das als Kurzform für Tai-Chi- Chuan steht, die Boxkunst. Im Ursprung aber gehören beide Teile zusammen, sie bilden eine Einheit, die der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen dient. Man nennt die Einheit aus Tai-Che(i) und Qi-Gong nach wie vor TAI-CHE(i)-GONG oder „Der Drachenweg“, was übersetzt auch Energieweg bzw. japanisch Che-Do genannt wird.

Die Grundlagen des TAI-CHE-GONG

TAI-CHE-GONG ist eine präventive Maßnahme, um unsere Gesundheit zu erhalten und Disharmonien, also Krankheiten, zu harmonisieren bzw. zu heilen. Optimal kann sie – wie in ihrer Urform entwickelt – ihre große Wirkkraft nur entwickeln, wenn beide Übungsformen als eine Einheit in der entsprechenden Harmonie verwirklicht werden. TAI-CHE-GONG ist in seiner Urform eine Verbindung der drei Aspekte der Einheit. Praktiziert heißt das, dass Körper, Geist und Seele zu einer Einheit kommen sollen, damit die Urkraft (Che) von innen nach außen fließen kann und das gesamte Wesen des Menschen durchdrungen wird von dieser Lebensenergie (Che).

Hier gilt es zuerst die Atmung zu harmonisieren, die dann mit ausgewählten Körperübungen zu einer Einheit wird. Das Denken und Fühlen wird somit ruhig und die in uns wohnende Lebensenergie kann sich ausbreiten. Je nach den individuellen Fähigkeiten und der Bereitschaft, an sich zu arbeiten, kann sie sich dann als „Gottkraft“ – Che – im Menschen offenbaren. Der Mensch wird dadurch im Laufe der Zeit harmonischer, zufriedener und verändert sein Leben nach den kosmischen Gesetzen, die ihm dabei immer bewusster werden. Das Umsetzen der im Inneren erkannten Wahrheiten lässt auch die Seele wachsen und allmählich der Urkraft immer näher kommen, bis sie irgendwann vollkommen eins sind.

Erst das Zusammenspiel der Arbeit an sich selbst durch Atmung, Bewegung, Konzentration und die Umsetzung bzw. Aktivierung des im Inneren Erkannten im Alltag nennt man TAI-CHE-GONG.

Die vier Bestandteile des TAI-CHE-GONG sind daher:
a) die Atmung
b) die bewusste, fließende Bewegung
c) die Versenkung nach innen und
d) die Grundlagen einer harmonischen Lebensführung.

a) Die Atmung ist leicht zu erlernen; wir müssen lediglich darauf achten, gleichmäßig, ruhig und langsam ohne Druck bis tief in den Bauch hinein ein- und auszuatmen, damit sich aus dem Hara (die Stelle zwei Finger breit unter dem Bauchnabel) heraus die Atemenergie beim Ausatmen im gesamten Körper verteilen kann.

b) Bei den bewussten fließenden Bewegungen des TAI-CHE-GONG sollen Atmung und Bewegung so aufeinander abgestimmt werden, dass sie eins werden. Der Atem lenkt dabei die Bewegung des Körpers und gibt so den individuellen Bewegungs-Rhythmus an. In den Übungen finden wir die sogenannten Tierstile wieder: Die Schlange – sie fördert die tiefe Bauchatmung Den Leoparden – er lenkt Kraft in den Körper Den Kranich – er trainiert die körperliche und seelische Balance und das Nerven-Sehnen – system Jeder Stil steht für einen Bereich des Körpers und der Seele. Durch den Bewegungsablauf werden die Seele und der Körper des Menschen aufeinander abgestimmt, harmonisiert und kommen in ein Gleichgewicht, das Wohlbefinden und innere Ruhe, Kraft und Gesundheit mit sich bringt.

c) Versenkung nach innen wird erreicht durch den in allen hohen asiatischen Lehren bekannten Dreistufenweg der Versenkung, den bereits Buddha als wahren Weg empfahl. Anfangs konzentrieren wir uns dabei auf die Flamme einer weißen Kerze, die wir dann bei geschlossenen Augen auf unserer Stirninnenseite visualisieren. Wenn wir dies eine gewisse Zeit geübt haben und unsere Gedanken zur Ruhe gekommen sind, kommen wir in den Zustand der 2. Stufe, der Kontemplation, der inneren Schau. Nun steigen langsam innere Bilder in uns auf, wir sehen, hören oder spüren, dass in uns etwas entsteht, was jenseits unseres normalen Denkvermögens liegt. Die daraus entstehende 3. Stufe der Versenkung ist dann die bewusste Verbindung mit unserer innersten Kraft, mit unserem Herzen, dem göttlichen Funken darin. In dieser Stufe sind unsere Gedanken dann vollkommen zur Ruhe gekommen und wir sind total “leer”. Erst in diesem Zustand völliger Leere und Stille können wir unsere eigene innere höhere Kraft empfangen und bewusst wahrnehmen.

d) Die Grundlagen einer harmonischen Lebensführung sind die universellen Lebensprinzipien, wie zum Beispiel: Das Gesetz der Konzentration: „Wo deine Konzentration ist, da bist du, wohin du sie lenkst, zu dem wirst du, wo keine Konzentration ist, entsteht nur Mittelmaß.“ Das Gesetz des Kreises: „Alles, was ich aussende, kommt zu gegebener Zeit wieder auf mich zurück!“

Mit diesen ersten Prinzipien des inneren Erlebnisweges lernen wir, unser Leben neu zu ordnen, zu meistern und die Zusammenhänge unserer Erfahrungen und Lebenssituationen besser zu verstehen. Gerade in der heutigen Zeit ist die Zusammenfügung der ursprünglichen Übungsformen und Stile unabdingbar, um wieder zur Wurzel allen Seins zu kommen. Denn nur in der Wurzel, im Ursprung, ist alles eins! TAI-CHE-GONG ist ein Gesundheitsweg, der mit seinen vier Teilen zum Urquell unseres Daseins führt, zu unserem Herzen und in tieferer Ausübung zum höheren Selbst.

Erst das alles zusammen ergibt die wirkliche Tiefe des TAI-CHE-GONG. Es ist ein Selbstfindungsweg, der niemals endet, solange wir uns in der Inkarnationskette befinden. Es kostet etwas Mut und vielleicht auch etwas Mühe, ihn zu beschreiten, doch es lohnt sich. Wir werden so mehr Klarheit in uns erhalten, seelische und körperliche Ausgeglichenheit erreichen und mit Kraft unser Leben bewusst, aktiv und schöpferisch aufbauend gestalten können. Eines Tages erreichen wir dann die Quelle unseres Daseins und werden mit ihr wieder eins sein …

Zur Historie des TAI-CHE-GONG

Die Bewegungen der alten, aus Indien stammenden Originalübungen wurden im 13. Jahrhundert durch die Mönche des chinesischen Klosters am kleinen Wald – Shao-Lin – entwickelt und gingen durch die politischen Veränderungen in den Jahrhunderten – zuletzt durch die Kulturrevolution Mao-Tse- Tungs mit Schließung des Klosters um 1960 und Vertreibung der Mönche – völlig verloren. 1980 wurde das Kloster wegen der weltweiten positiven Resonanz der chinesischen Eastern-Filme wieder eröffnet. Da jedoch die alten Mönche nicht mehr existierten, blieben das heilige Originalwissen und deren Übungsformen um das TAI-CHE-GONG verloren. So wird heute in Shao-Lin die sogenannte Yan-Form, die Pekingform (um zirka 1960 entwickelt) geübt, und zu Recht als „Chuan, Yuan, Ij“ bezeichnet, was jeweils Boxkunst bedeutet. Diese Formen haben mit der Übungsform des Original-TAI-CHEGONG und dessen philosophischem Wissen jedoch wenig gemein, da in Shao-Lin heute vorwiegend die „körperliche äußere Form“ der Boxkunst geübt und die „geistige innere Form“ vernachlässigt wird.

Das Shao-Lin-Kloster – als ursprüngliche geistige Stätte der Philosophie – ist damit quasi zu einer Sportschule geworden, wie auch an den vorhandenen Dependancen des Klosters in der westlichen Welt und ihren dortigen Trainings-Wochenplänen leicht zu erkennen ist. Dort wird gerade an einem Tag und wenigen Stunden das geistige Wissen weitergegeben. An allen anderen Tagen der Woche wird dort nur sportlicher Unterricht auf recht hohem Niveau gegeben, durch den diese „Tempel“ leben. So ist es nicht verwunderlich, dass die Ur-Lehren auf der Strecke bleiben, durch die das alte TAI-CHE(I)-GONG aber erst seine mentale wie physische Stabilität ausdrückt.

Die Reaktivierung der Urform

Durch einen glücklichen Umstand blieb das Original TAI-CHE(I)-GONG in der Gegend von Shanghai in den 1920er Jahren über eine frühere Aristokraten-Familie (zu dieser Zeit verarmt) erhalten und fand über seinen letzten Vertreter – Chung Cheok Tow –, der diese alte Form bis ins hohe Alter jeden Tag übte, Eingang in unsere Zeit. Dank eines deutschen Touristen, der sich von diesem – selbst für Asien – ungewöhnlichen Übungsformen angesprochen fühlte, entstand in den 1970er Jahren ein erstes Werk über die Original-Übungen. Hoch dekorierte Kampfkunstexperten mit jahrzehntelanger Erfahrung untersuchten diese Urform in allen ihren einzelnen Positionen bezüglich Atemfluss und Körperbelastungselementen.

Sie konnten geringe Detailverbesserungen in den Ur-Stellungen gegenüber den bekannten Übungsformen wahrnehmen, die allerdings hohe Energiefreisetzungen in den Übungen nach sich zogen. Diese Ergebnisse führten so wieder zur Etablierung der effektiven Urform des TAI-CHE(I)-GONG. In den 1990er Jahren wurde die alte Urform in dem Lehrbuch „Der Drachenweg des Shao-Lin“ und in Kurzformen als E-Book unter dem Titel „Die 7 Goldenen Drachen“ nach den Original-Lehren aus dem 13. Jahrhundert in deutscher Sprache veröffentlicht.

Seit Jahrzehnten wird traditionell in Berlin ein kostenloses Sommer-Special über die Grundlagen des TAI-CHE-GONG angeboten, das in diesem Jahr vom 2. Juli bis 13. August 2018 montags von 18.30 bis 19.30 Uhr direkt neben dem U-Bhf.-Rathaus Schöneberg angeboten wird.

Author: Oliver Bartsch

Über den Autor

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ist Dipl.-Sozialpädagogin, Tai-Che-Gong-Lehrerin und Ausbildungsleiterin des TAI-CHE-GONG-Centrums- Berlin. Sie praktiziert seit über 25 Jahren die Urform des Tai-Che(i) und Qi Gong.

Kontakt
Tel.: 030 - 367 521 52

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