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Über die zeitlose Wirksamkeit und tiefgreifende Transformationskraft der alten chinesischen Bewegungskunst Tian Tao Yoga.

Von Julia Kant

Meine Liebe zu den Bewegungskünsten hat mich vor über einem Jahrzehnt in Kontakt mit einer einzigartigen Form des chinesischen Yogas gebracht, die mich sofort faszinierte und die rastlose Suche nach der „effektiv – sten“ Technik mit einem Mal beendete. Dafür brauchte es nicht viel, lediglich die Abbildung einer Bewegung im Stehen, die aus unerklärlichen Gründen alle Qualitäten, nach denen ich suchte, beinhaltete. Sie strahlte etwas sanft Entrücktes, äußerst Zufriedenes und in sich Vollkommenes aus, zudem war sie anmutig und einfach schön.

Die frühen praktischen Erfahrungen bestätigten den intuitiven Eindruck und ich war bereit, mich auf diesen Weg tiefer einzulassen. Neben den vielen verschiedenen Wirkungen auf der körperlichen Ebene, die quasi sofort in Gang gesetzt wurden, fühlte ich mich beim Praktizieren einfach zu Hause; ein Phänomen, das viele Tian-Tao-Praktizierende beschreiben. Für meine Rückenprobleme gab es nichts Besseres, ich fühlte mich von tief innen belebt und die Meditation erreichte ungeahnte Tiefen. Außerdem gefiel mir der Gedanke, dass es sich um eine Technik der sagenumwobenen Unsterblichen der chinesischen Mythologie handelte. Unter ihnen zählen die acht Unsterblichen ─ die sogenannten Pa Hsien ─, die durch Kultivierung der taoistischen Praktiken ewiges Leben erreichten, zu den bekanntesten. Um diese acht Unsterblichen ranken sich viele Geschichten, in denen sich historische Fakten mit mystischen und magischen Elementen vermischen. Sie stehen sinnbildlich für eine lebendige Tradition, die neben buddhistischen Einflüssen auch die Jahrhunderte alte Tian-Tao-Technik hervorgebracht hat. Da Tian Tao von den alten Weisen ausgeübt wurde, um Gesundheit und ein langes Leben zu erlangen, kann sie umfassend als »der Weg der chinesischen Unsterblichen zur Erreichung von Langlebigkeit« bezeichnet werden.

Tian-Tao ─ eine gehütete Technik zur Verjüngung des physischen Körpers

Die Mehrzahl der Mönche, auf die diese einst so gehüteten Techniken zurückgehen, haben die Verjüngung des physischen Körpers allerdings nicht einfach um ihrer selbst willen angestrebt, vielmehr stand sie im Dienste ihrer Suche nach Erleuchtung. Eine Verlängerung der Lebensspanne erhöhte die Aussicht, den angestrebten Geisteszustand zu erreichen und darüber hinaus mitfühlend in der Welt zu handeln. Während dieser Gedanke eher buddhistisch geprägt ist, sahen die Taoisten im menschlichen Körper ein mikrokosmisches Abbild des Universums, welches durch intensive Praktiken die unsterblichen Qualitäten des Makrokosmos annehmen konnte.

In jedem Falle gingen sie davon aus, dass Körperübungen die Wurzel der spirituellen Praxis bilden. Von einigen taoistischen Adepten wird berichtet, dass sie – wenngleich nicht ewig – weit über die Grenze von 120 Jahren hinaus lebten, und das in einer körperlichen Verfassung, die nichts von ihrem Alter erahnen ließ. Für manche mögen solche Überlieferungen in den Bereich der Legenden fallen. Andere werden sich fragen, warum man überhaupt so alt werden wollte. Im Endeffekt kommt es sicher auch nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird. Denn der Prozess des Siechtums im Alter, vor dem sich viele heimlich oder offen fürchten, ist nicht unvermeidlich. In unserer Gesellschaft wird es als normal erachtet, alle möglichen Arten von Versicherungen abzuschließen. Versicherungen mögen uns vor vielem bewahren, aber sicher nicht vor geistigem und körperlichem Verfall. Die regelmäßige Praxis sanfter, regenerierender Körperübungen, meditative Geisteszustände und eine allgemein gesunde Lebensweise stellen ebenfalls eine Versicherung dar, die sich auf einer ganz anderen Ebene auszahlt. Dafür eine gewisse Zeit des Tages aufzuwenden, und seien es nur einige Minuten, ist auf jeden Fall lohnend.

Freigabe geheimen Wissens

Meine Begegnung mit dem hochbetagten, in Australien beheimateten Großmeister chinesischer Abstammung Ho Lo war eine Bestätigung für die Wirksamkeit eines solchen Systems der Energiekultivierung. Seine liebenswürdige Persönlichkeit, seine geistige und körperliche Präsenz, die energetische Kraft und die Fähigkeit, in einem Alter von über 80 Jahren in einer Praxis für chinesische Medizin tätig zu sein, zusätzlich Unterricht zu geben und familiäre Verpflichtungen zu übernehmen, die wesentlich jüngere Menschen überfordern würden, hinterließen einen bleibenden Eindruck bei mir. Was ich darüber hinaus sehr schätze, ist sein humorvoller Unterrichtsstil und die Tatsache, dass er sein schier endloses Wissen über Kampfkünste und Energiebewegungen, das neben Tian Tao sämtliche mir bekannten Tai-Chi- und diverse Kung-Fu-Stile umfasst, offenherzig teilt. Das gleiche gilt auch für seine Meisterschülerin, mit der ich seit einigen Jahren intensiv zusammenarbeite und die mich in meinen Bemühungen, Tian Tao in Europa zugänglich zu machen, unermüdlich unterstützt. Innerhalb chinesischer Kultivierungswege ist diese Offenheit durchaus nicht gewöhnlich, denn in der Vergangenheit hat ein Meister sein Wissen nie zu hundert Prozent weitergegeben, was über mehrere Generationen zwangsläufig zur Verwässerung eines Systems führte, wenn die wenigen Schüler des Meisters nicht von sich aus in der Lage waren, den Rest zu ergänzen.

Zum anderen haben sich Meister der Kampfkünste auch oft gegenseitig herausgefordert, um zu testen, wer mehr Vollkommenheit erlangt hatte. Dies endete nicht selten mit dem Tod eines der Beteiligten und konnte mit einem Schlag das Ende einer ganzen Linie bedeuten. Der Gedanke der Kooperation und des Gewinns durch Teilen des Wissens war in den alten Tagen Chinas kaum vorhanden. Heute sieht es anders aus, und die Meister fühlen, dass für die Bewältigung der Herausforderungen, vor denen wir als Spezies stehen, die Freigabe des Wissens von großer Bedeutung ist.

Tian Tao –  Schätze der inneren Transformation finden

Die Filterungsprozesse, die in der heutigen Zeit eine Art Auslese nach sich ziehen, werden nicht mehr durch Geheimhaltung und Begrenzung dieser Schätze der inneren Transformation auf elitäre Gruppen bewirkt, sondern vielmehr durch Faktoren wie Reizüberflutung und permanente Ablenkung, die es schwer machen, Perlen inmitten von Glitzerwerk und Dramen zu erkennen bzw. diese dann für sich zu nutzen.

Ich werde oft gefragt, warum Tian Tao als Yoga klassifiziert wird und nicht als Qigong oder Tai Chi. Das aus dem Sanskrit stammende Wort Yoga bedeutet »Einheit« oder »Verbindung«, steht aber auch ganz konkret für Techniken, die es ermöglichen, eine solche Verbindung herzustellen. Das Ziel dieser Verbindung ist in den geistigen Traditionen je nach Ausrichtung entweder die Einheit oder Beziehung mit Gott, dem Universum, dem wahren Selbst oder dem Tao. Daher gibt es eine große Bandbreite existierender Yoga-Formen, die nicht zwangsläufig Ähnlichkeiten miteinander aufweisen müssen. Bei Tian Tao handelt es sich genau genommen um ein Zen- bzw. Chan-buddhistisches Yoga, weil der Hauptstrom aus den buddhistischen Klöstern Chinas stammt. Letztendlich lässt sich, was chinesische Kultivierungsmethoden anbetrifft, buddhistisches und taoistisches Gedankengut aufgrund der gegenseitigen Beeinflussung nicht scharf abgrenzen.

Arbeiten auf sehr tiefen Ebenen

Der Begriff Qigong würde Tian Tao nicht gerecht werden, da die zentralen Techniken mit viel tieferen Energiekanälen arbeiten, als es beim Qigong typischerweise der Fall ist. Was nun die Kategorie Tai Chi anbetrifft, wird im Westen häufig ausgeblendet, dass jeglicher Tai-Chi-Stil neben einer stressreduzierenden körperlichen Ertüchtigung vor allem auch eine Kampfkunst bzw. eine Form der Selbstverteidigung ist.

Zwar gibt es in den fortgeschrittenen Stadien des Tian Tao einen organischen Übergang zu einer recht ungewöhnlichen, spontanen und sehr reizvollen Tai-Chi-Form, welche die Wellen- und Spiralbewegungen der Stehübung fortführt und ebenfalls der Langlebigkeit dient – aber Tian Tao selbst gehört nicht der Kategorie der Kampfkünste an. Es ist als Meditations- und Bewegungssystem selbst so ausgefeilt und vollständig, dass es als einzige Disziplin praktiziert werden kann. Es verträgt sich jedoch grundsätzlich ausgezeichnet mit anderen Systemen verschiedenster Ursprünge und wird sogar helfen, die dort potentiell enthaltenen energetischen Qualitäten aufzuschließen und Synergieeffekte herzustellen.

Die anfängliche Begeisterung für diese wunderbaren Techniken ist geblieben; sie hat den Antrieb zur Verfügung gestellt, der nötig war, um über viele Hindernisse hinweg den Weg zu den wahren Wurzeln zu finden und Tian-Tao-Yoga auf ein authentisches und ausgereiftes Fundament zu stellen. Sowohl für die Herausforderungen und Segnungen auf diesem Weg bin ich dankbar.

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