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Von Affen, die Zeichensprache sprechen

Tiere können menschliche Sprache lernen, wie Versuche an Affen zeigen. Trotzdem gibt es noch eine letzte Sache, die Tiere von Menschen unterscheiden – die Fähigkeit zu fühlen, ist es jedoch nicht.

 

Was unterscheidet den Mensch vom Tier?

Während wir Menschen alle anderen intelligenten Lebewesen auf diesem Planeten in die Kategorie „Tiere“ verschoben haben, nehmen wir für uns selbst seit jeher eine Sonderkategorie in Anspruch. Aber mit welcher Begründung?

Bis vor wenigen Jahrzehnten gab es tatsächlich noch viele gute Gründe, eine grundsätzliche Verschiedenheit von Mensch und Tier anzunehmen. Tieren, so glaubte man, fehle die Kapazität zu Selbstbewusstsein, Empathie, Gerechtigkeitsempfinden, abstraktem Denken, Sprache und zu vielen anderen Fähigkeiten, die uns als Menschen auszeichnet.

Alle diese Annahmen haben sich jedoch in den letzten fünf Jahrzehnten als falsch herausgestellt. Tiere wie Affen und Delfine besitzen diese Eigenschaften und wenngleich sie weniger ausgeprägt sind, gibt es doch kaum noch etwas, das wissenschaftlich begründen würde, diese hochintelligenten Tiere in einer moralisch grundsätzlich anderen Kategorie als den Menschen anzusiedeln.

 

Menschenrechte für Tiere?

Eine Zusammenschluss von Forschern hat daher schon vor Jahren gefordert, das diesen Tieren die grundsätzlichen Menschenrechte wie Freiheit und Unversehrtheit zuerkannt werden müssen – alles andere widerspräche dem aktuellen Stand der Wissenschaft und ließe sich fachlich nicht mehr rechtfertigen.

Aber den Mensch tut sich verständlicherweise schwer mit diesem Gedanken. Die Trennung von Mensch und Tier ist derartig in unserem Glaubenssystem verankert, dass selbst wissenschaftliche Tatsachen nicht mehr imstande sind, ein objektives Umdenken einzuleiten. Wahrscheinlich wird es darum wohl noch Jahre dauern, bis Welt der Tierrechte endlich von einer Scheibe zur Kugel wird.

 

Tiere, die sprechen

Das vielleicht größte Hindernis, die Kluft zwischen Mensch und Tier zu überbrücken, ist die Tatsache, dass wir mit unseren kleinen Geschwistern aus dem Tierreich nicht kommunizieren können. Oder zumindest glaubten, es nicht zu können.

Die faszinierenden Erkenntnisse aus der medialen Tierkommunikation mal beiseite gelassen, ist es doch gerade das mangelnde gegenseitige Verständnis, das die Tiere zum „Anderen“ und „Fremden“ macht. Und obwohl wir wissen, dass viele Tierarten durchaus ihre eigenen Formen von Kommunikation haben, schien es bis in die 60er Jahre, als ob wir uns wohl nie mit Tieren würden austauschen können.

Doch in den 60 Jahren begannen Forscher, Schimpansen Zeichensprache beizubringen, ein Versuch, der mittlerweile auch mit Orang Utans, Gorillas und Bonobo geglückt ist. Diese Forscher gingen davon aus, dass diese Affen zwar aufgrund der Anatomie ihrer Stimmbänder nicht in der Lage sind zu sprechen, aber möglicherweise trotzdem durchaus Sprache erlernen können.

Das besondere daran wäre natürlich, dass diese Tiere bei einem Erfolg erstmals mit den Menschen in einer menschlichen Sprache kommunizieren würden.

 

Sprache oder Konditionierung?

Die Ergebnisse waren verblüffend und dennoch umstritten. Denn Sprache ist mehr als nur Zeichen. Kritiker vermuteten, dass die Affen lediglich konditioniert wurden, bestimmte Zeichen für bestimmte Dinge zu verwenden, aber das dies nicht identisch mit Sprache ist. Sprache besteht nicht nur aus Symbolen, sondern vor allem aus Grammatik, Übertragungen und logischen Verknüpfungen. Noch immer streiten die Experten sich darüber, wann Sprache bei Tieren als solche anerkannt werden sollte.

Fakt ist, dass Affen in der Lage sind, nicht nur eine erstaunliche Anzahl von menschlichen Nomen und Verben zu lernen, sondern diese auch zu übertragen und sinnvoll zu kombinieren. Sie können sehr komplexe Fragen sinnvoll beantworten. Der Bonobo Kanzi etwa bewies in einem Versuch in 2001 erstaunliche Fähigkeiten. Ihm wurden über 400 komplexe Fragen und Aufgaben gestellt, die er nie zuvor gestellt bekommen hatte und die er zu 74 Prozent korrekt beantwortete.

Affen lernten sogar selbstständig und ohne äußeren Anreiz, anderen Affen die Zeichensprache beizubringen und untereinander in dieser Sprache zu kommunizieren, was sehr dafür spricht, dass weit mehr dahinter steckt, als das Erlernen von komplizierten Tricks.

 

Die Fähigkeit zur Frage

Eines aber haben Affen bisher in keinem Versuch getan: Selbst Fragen gestellt. Dies scheint derzeit die letzte Bastion des Menschen zu sein. Die Fähigkeit zu hinterfragen, die Welt zu analysieren, zu forschen und Wissen zu vermehren, ist damit womöglich das definierende Element der menschlichen Intelligenz.

Washoe, der erste sprechende Affe

Den Tieren scheint also tatsächlich eine wichtige kognitive Fähigkeit zu fehlen. Diese „Frucht der Unterscheidung vom Baum der Erkenntnis“ ist also wohl tatsächlich die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies der Tierwelt.

Auf der emotionalen Ebene aber sind Tiere dem Menschen sehr ähnlich, wie folgende berührende Anekdote aus dem Leben von Washoe zeigt – der ersten Schimpansin, die fließend die menschliche Zeichensprache sprechen lernte:

Eine von Washoes Pflegerinnen – Kat – war schwanger gewesen und für viele Wochen nicht auf der Arbeit erschienen, nachdem sie eine tragische Fehlgeburt erlitten hatte. Der Forscher Roger Fouts erzählte später Folgendes über ihre erste Begegnung nach dieser Zeit:

„Menschen, die für sie da sein sollten und es nicht waren, zeigte Washoe oft die kalte Schulter – das war ihre Art, mitzuteilen, dass sie ihnen das sehr übel nahm. Genau so begrüßte Washoe auch Kat, als sie endlich wieder mit den Schimpansen arbeiten konnte. Kat entschuldigte sich bei Washoe und beschloss dann, ihr die Wahrheit zu sagen, indem sie die Zeichen „Mein Baby, gestorben“ signalisierte. Washoe starrte sie an, dann sah nach unten. Schließlich sah sie wieder vorsichtig in Kats Augen und signalisierte dann „Weinen“, wobei sie ihre Wange berührte und mit dem Finger den Weg nachzeichnete, den eine menschliche Träne machen würde (Schimpansen können nicht weinen). Kat bemerkte später, dass dieses eine Gespräch ihr mehr über Washoe und ihre geistigen Fähigkeiten enthüllt hatte, als alle ihre unzähligen, grammatikalisch perfekten Sätze.“

Washoe hatte selbst zwei Kinder verloren, ein Baby starb kurz nach der Geburt an einem Herzfehler, das andere Baby, Sequoyah, starb an einer Staphylokokken-Infektion im Alter von zwei Monaten.

Nach dem Tod ihrer Kinder waren die Forscher entschlossen, dass Washoe ein Baby aufziehen sollte und brachten ihr einen verwaisten, 10 Monate alten Schimpansen namens Loulis. Einer der Pfleger ging zu Washoe und machte die Zeichen „Ich habe ein Baby für dich.“ Washoe wurde unglaublich aufgeregt, schrie und schwankte von Seite zu Seite, während sie immer wieder und wieder „Baby, Baby“ zeigte und dann „mein Baby, mein Baby“.

Der Pfleger brachte Loulis herein, aber Washoes Aufregung verschwand und wich tiefer Trauer. Sie weigerte sich Loulis zu nehmen, und sagte stattdessen immer wieder völlig apathisch „Baby, Baby“. Es war klar, dass sie gehofft hatte, dass Baby wäre Sequoyah. Schließlich nahm Washoe Loulis jedoch an und vom nächsten Tag an waren die beiden unzertrennlich.

Noch interessanter war, dass Washoe begann, Loulis in Zeichensprache zu unterrichten, ganz so wie menschliche Eltern ihren Kindern die Sprache beibringen. Es dauerte nur acht Tage und Loulis hatte seine ersten Zeichen von Washoe gelernt. Über die Zeit lernte er Zeichensprache genauso fließend zu sprechen wie Washoe und konnte mit den Menschen bald in der gleichen Weise kommunizieren wie seine Mutter. Fast alle Zeichen lernte er dabei von Washoe.

 

Unsere kleinen Geschwister

Tiere mögen vielleicht tatsächlich keine Menschen sein. Offenbar fehlt ihnen wirklich die Fähigkeit zu fragen. Was ihnen aber scheinbar nicht fehlt, ist die Fähigkeit zu Verständnis, Empathie und emotionalem Leid.

Und vielleicht sollten dies die weit wichtigeren Kriterien sein, wenn wir überlegen, ob Tiere stärkere Rechte erhalten sollten.

 

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Bild: frank wouters

 

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3 Responses

  1. Anne

    So ganz verstehe ich diesen Hype um Tiere nicht, da ich als Schamanin die Natur und ihre Lebewesen ganzheitlich verstehe.
    Warum nur tun sich Menschen so schwer, andere Lebewesen, die ihnen selbst nicht sehr ähnlich sehen, als ebenso nah wie Tiere anzunehmen? Mir scheint, es ist diese Arroganz, mit der Menschen meinen, die Natur erklären zu können bis ins letzte Detail, ohne ihre eigenen Fähigkeiten voll ausgebaut zu haben. Mit diesen Fähigkeiten jedoch könnten Menschen alles Leben um sie herum wahrnehmen und respektieren, ohne sich als Menschen auf einen Sockel zu stellen. Ohnehin hinken Vergleiche zwischen Mensch und Tier, solange nicht alle Erkenntnisse offenbar sind. Aber die Frage ist, ob es überhaupt nötig ist, den Menschen mit anderen Wesen zu vergleichen….
    Es mag sein, dass der Mensch ein paar Fähigkeiten besitzt, die Tiere/Pflanzen/Wind/Sonne usw. nicht haben. Das ist längst kein Grund dafür, sich überheblich zu verhalten. Ganz im Gegenteil, Demut vor der Natur und ihren Geistern/Gott/oder was auch immer wahrgenommen wird, wäre zusammen mit bedingungsloser Liebe der Schlüssel zu mehr Verständnis und würde aus meiner Sicht heilende Wirkung für die Erde haben.

    Antworten
  2. Iljana Planke

    Vielen Dank für diesen informativen Artikel!
    Eine Frage hätte ich noch für mein Verständnis: Besagten die Quellen. ob mit „Zeichensprache“ die übliche Gebärdensprache der Gehörlosen weltweit gemeint ist? Oder etwas anderes? (Letzteres kann ich mir aber kaum vorstellen kann, wenn von 400 Fragen berichtet wird, für die ja die Fragenstellenden sich auch ein völlig neues Zeichensystem erst ausgedacht haben müßten…) Was aber auf das Gleiche hinauslaufen würde bzgl. des Fazits, dass man sie in der Komplexivität nicht anwenden könnte, wenn man „nur konditioniert wurde“.
    Erstaunlich, dass sich Forschende querstellen und die von den Äffinnen und Affen genauso angewandte (Zeichen- bzw.) Gebärdensprache nicht anerkennen. Wenn die Gehörlosengebärdensprache gemeint ist (für die ich die 1 Stufe=Alltagssprache habe) – die ist international als vollwertige Sprache anerkannt und enthält sowohl die von den Forschenden verlangten „Symbole, Grammatik, Übertragungen und logischen Verknüpfungen“.
    Also: 1+1 ergibt 2?

    Vielen Dank auch für Euer sehr gutes und fundiertes Informieren über Mikro-und Makroirdisches auf Eurer Website und in Eurer Zeitschrift seit über 20 Jahren!

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