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Wie hängt der Krieg in Syrien mit der Entstehung des IS zusammen? Und welche Rolle spielte dabei der Westen. Warum die Lage anders ist, als es aussieht.

Syrien und der IS: Es ist komplizierter, als es aussieht

Während sich die Welt in Betroffenheit über die Anschläge in Paris ergeht, Europa auf einen Krieg zusteuert,  die Flüchtlingsströme nicht abreißen und man diskutiert, ob die Grenzen nun zu oder auf sollen, verliert man leicht den Blick für die Hintergründe der aktuellen Situation.

Folgt man den großen Medien, scheint die Lage sehr einfach zu sein: In Syrien kämpft Diktator Assad gegen eine demokratische Freiheitsbewegung und wird dabei von den bösen Russen unterstützt. Dazwischen thront die dämonische Macht des IS, die plötzlich und ohne jedes Zutun des Westens dort aufgetaucht ist. Immer lauter werden die Stimmen, die einen Sturz Assads und ein militärisches Eingreifen gegen den IS fordern, um Demokratie und Menschenrechte zurück in diese Region zu bringen.

Gut und Böse sind in diesem Bild schön einfach verteilt: Assad, der IS und Russland sind die Bösen, während der Westen in diesem Bild die Rolle des Guten übernimmt, dessen einziges Bestreben es ist, Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte in den dunklen Osten unserer Welt zu bringen und ihren gerechten „Krieg gegen den Terror“ zu führen.

So einfach ist es aber leider nicht. Der Nahe Osten ist zu einem Brennpunkt geopolitscher Machtkämpfe geworden. Es gibt keinen Kampf gegen den Terrorismus in Syrien, sondern einen Stellvertreter-Krieg, in den mittlerweile zahllose Nationen verstrickt sind. Anzumerken ist auch, dass die Angriffe des Westens auf Syrien, bei denen Tausende Zivilisten zu Tode kamen ebenfalls nichts anderes als Terror sind – sie sind weder mit dem Völkerrecht noch anders zu legitimieren und stellen nichts anderes da als gewaltsame Anschläge auf fremden Staatsgebiet.

Um zudem die Rolle zu begreifen, die der Westen bei der Entstehung des IS und der Zersetzung Syriens gespielt hat, lohnt es sich weit zurückzugehen – denn der IS ist kein Fehlgriff oder Einzelfall westlicher Außenpolitik, sondern Teil einer Strategie, die seit vielen Jahren verfolgt wird. Verschwörungstheorien sind in diesem Zusammenhang völlig unnötig: Die Zusammenhänge sind historisch gut dokumentiert, werden jedoch gerne verschwiegen.

Chronologie: Der IS und der Syrien-Konflikt

Nachfolgend eine Abfolge der Ereignisse, die zu der aktuellen Situation führten. Sie ist stark verdichtet und gibt nur einen minimalen Auschnitt wieder, der zum Verständnis des Kontextes hilfreich ist.

1953: Operation Ajax, Iran
In den 50er Jahren ist der Iran ein demokratisches und fortschrittliches Land. Radikaler Islam existiert quasi nicht, der soziale Umgang ist frei, es gibt eine große intellektuelle und künstlerische Szene. Der Iran ist ungefähr so, wie die USA vorgeben, den Nahen Osten gerne gestalten zu wollen. Mit einem Haken: Anfang der 50er Jahre beschließt die Regierung des Iran, die Ölfelder zu verstaatlichen, da der Iran bis dahin an den Einnahmen westlicher Ölfirmen kaum partizipiert.

Der britische Geheimdienst MI6 und die amerikanische CIA beschließen, die Interessen westlicher Konzerne durchzusetzen – auch vor dem Hintergrund des kalten Krieges. Ein minutiös geplanter Putsch wird eingeleitet, der Premier Mohammad Mossadegh stürzt und durch den pro-westlichen Diktator Mohammad Reza Shah Pahlavi ersetzt.

Dieser Putsch zerstörte nicht nur die erste demokratisch gewählte Regierung des Iran, sie führte in der Folge auch zur Entstehung einer starken muslimischen Opposition, aus der sich später der moderne, radikale Islam entwickelt.

1979: Iranische Revolution
Durch die iranische Revolution 1979 kommt Ayatollah Chomeini an die Macht. Er vertritt einen fundamentalistischen Islam und ist der Vordenker der Idee eines Islamischen Staates mit muslimischen Gesetzen entsprechend der Sharia. Das soziale Leben im Iran ändert sich erheblich (siehe hierzu auch den Film ‚Persepolis‘).

1980: Iran-Irak-Konflikt
Stärkster Gegner des Iran ist das zu der Zeit pro-westliche Regime Saddam Husseins im Irak, mit dem es 1980 zum Krieg kommt. Hintergrund sind Uneinigkeit über den Grenzverlauf zwischen den Ländern und ein Kampf um die regionale Vorherrschaft.

Die USA, besorgt über den zunehmenden Einfluss Irans und die Ölfelder des Irak, unterstützen den Irak und Saddam Hussein massiv mit Geld, Waffen und Militärausbildung seiner Elite-Einheiten. Gleichzeitig wird jedoch auch der Iran mit Waffen beliefert. Auch Deutschland liefert zum Beispiel Giftgas an den Irak, welches in Kampfhandlungen gegen den Iran eingesetzt wird.

1979-1989: Operation Cyclone, Afghanistan
Ende der 70er Jahre gewinnt die Sowjetunion immer mehr Einfluss in Afghanistan, was vor dem Hintergrund des kalten Krieges von den USA mit großer Besorgnis beobachtet wird, da ein Einfluss der Sowjets in der Region nicht erwünscht ist.

Die USA beschließen, radikale islamistische Kämpfer, die Mudschaheddin, in ihrem Kampf gegen die Sowjets zu unterstützen. Über 600 Millionen Dollar pro Jahr fließen an die Jihadisten, dazu Waffen und militärische Spezialausbildungen. Heute sind die so durch die USA ausgebildeten und bewaffneten Mudschaheddin als Taliban (regional agierend) und Al-Qaida (international agierend) bekannt.

Seit 1933: Saudi-Arabien
Die USA pflegen enge diplomatische Kontakte zu Saudi-Arabien, einem der radikalsten islamistischen Staaten der Welt und beliefert das Land massiv mit Waffen. Reiche Kräfte in Saudi-Arabien fördern recht offen den radikalen Islam und versorgen wiederum diverse radikale Gruppierungen mit Geld und Waffen. Darunter die Taliban und Al-Qaida (und schließlich der IS).

1990: Zweiter Golfkrieg
Der dem Westen inzwischen abtrünnige Irak besetzt Kuweit und droht, für die USA wichtige Ölfelder unter seine Kontrolle zu bringen. Die Politik des Westens macht eine 180-Grad-Wendung und Hussein gilt fortan als grausamer Diktator.

1990: Sanktionen gegen den Irak

Die Westmächte verhängen drakonische Sanktionen gegen den Irak, die Millionen von Irakern die Lebensgrundlage entzieht. Zwischen 1991 und 1998 sterben allein 500.000 Kinder an den Folgen. UN-General Hans von Sponeck, UN-Beauftragter für den Irak legt erschüttert sein Amt nieder und bezeichnet das Verhalten des Westens als „Genozid“ an der irakischen Bevölkerung. Über eine Million Iraker sterben im Zuge der Sanktionen.

2001: 9/11
Anschläge in New York werden der islamistischen Al-Qaida zugeschrieben – zuvor ein Verbündeter der USA. Die USA rufen den „Krieg gegen den Terror“ und die „Achse des Bösen“ aus.

2001: Krieg in Afghanistan
Die USA bombardieren im Kampf gegen die Taliban Ziele in ganz Afghanistan.

2003: Dritter Golfkrieg
Unter Vortäuschung falscher Tatsachen (angebliche Massenvernichtungswaffen) führen die USA einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak und stürzen Saddam Hussein. Etwa 650.000 Zivilisten sterben im Zuge der Kampfhandlungen.

Die Regierung, das gesamte Militär und die Geheimdienste Saddam Husseins – allesamt Sunniten – werden entlassen, eine schiitische Regierung wird installiert. Bei ihrem Rückzug zwischen 2009 und 2012 hinterlassen die USA ein Machtvakuum und das Land versinkt im Chaos.

2006: Gründung des IS
Der IS geht aus verschiedenen Al-Qaida-nahen Organisationen hervor, die sich im Irak nach der US-Invasion 2003 gebildet haben. Durch die Politik der USA wechseln große Teile des ehemaligen irakischen Geheimdienstes und hohe irakische Militärs zum IS. Sie sehen im IS eine Chance, ihre alte Macht nicht nur wiederzuerlangen, sondern sogar noch auszudehnen. Dieser Teil der Bewegung ist zum Teil religiös, zum Teil politisch motiviert und erklärt die enorm durchdachte innere Struktur des IS sowie seine enormen taktischen und militärischen Fähigkeiten.

2007: Ankündigung des Syrien-Krieges
Der ehemalige US-General und Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark erläutert in einem Live-Interview, dass der Krieg im Irak Teil eines Plans USA ist, die Regierungen von 5 arabischen Ländern auszutauschen: Irak, Libyen, Somalia, Sudan, Syrien, Libanon und der Iran. Der Nahe Osten solle destabilisiert werden und der Einfluss Russlands für immer gekappt werden. „Sie konnten es gar nicht erwarten, Irak abzuschließen und in Syrien einzumarschieren.“ gibt Clark ein Gespräch mit dem stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolofowitz wieder.

2011: Bürgerkrieg in Libyen
In Libyen beginnt unter umstrittenen Umständen ein Bürgerkrieg. Die USA, Großbritannien und Frankreich bombardieren Libyen, um die Regierung Gaddafis zu stürzen. Kritiker stellen die Theorie auf, die Aufstände wären vom Westen gesteuert gewesen.

2011: Bürgerkrieg in Syrien
Unter nicht ganz geklärten Umständen eskaliert ein friedlicher Protest. Angebliche Regierungstruppen erschießen zahlreiche Demonstranten, Assad dementiert dies. Es beginnt ein Bürgerkrieg in Syrien. Für die blutigen Kämpfe macht Präsident Assad nicht eine friedliche Opposition, sondern von außen eingeschleuste Söldner und sunnitische Terrororganisationen verantwortlich. Assad setzt auf Forderung der Bevölkerung einige Reformen um und sucht die Verhandlung mit der friedlichen Opposition, die jedoch zu keinem Gespräch bereit ist. Assad greift in der Folge zu brutaler Gewalt gegen die aus seiner Sicht terroristischen Organisationen.

Assad wird vorgeworfen vorsätzlich Hunderte Islamisten aus dem Gefängnis zu entlassen, damit die Aufstände sich radikalisieren und er eine bessere Rechtfertigung für das brutale Vorgehen der Regierungstruppen hat. Die Vorwürfe konnten nie bestätigt werden.

Der Krieg entwickelt sich schnell zu einem Stellvertreter-Krieg in den nach kurzer Zeit Syrien, Iran, die Hisbollah, Russland, die Freie Syrische Armee, Kurdische Kämpfer, die USA, der IS, al-Nusra, die Türkei, Israel, Katar und Saudi-Arabien verwickelt sind. Geheimdienste und Militärs all dieser Länder beeinflussen das Geschehen. Hintergrund sind sehr unterschiedliche machtpolitische Interessen (siehe weiter unten) und eine geplante Gas-Pipeline durch Syrien, welche die USA durchsetzen und Russland verhindern will.

2011: Waffenlieferungen aus Saudi-Arabien und Katar
Saudi-Arabien und Katar beginnen, auch mit Unterstützung durch die Türkei, Waffen an die syrische Opposition zu liefern. Saudi-Arabien lässt Gefängnisinsassen frei und finanziert deren Familien, wenn sie sich verpflichten, in Syrien gegen Assad zu kämpfen. Die Türkei trainiert Kämpfer in speziellen Ausbildungslagern.

Katar unterstützt die Rebellen mit über drei Milliarden Dollar und betreibt gemeinsam mit der CIA ein Trainingslager für Rebellen, das jährlich über 1200 Soldaten ausbildet.

2012: CIA-Report über Syrien
Ein durch ein Rechtsverfahren veröffentlichtes Geheimdienst-Dokument offenbart, dass die CIA und DIA sich seit längerer Zeit bewusst ist, das der IS kurz davor steht, ein Kalifat auszurufen und dass nicht die demokratischen Rebellen, sondern der IS, al-Nusra und andere islamistische Gruppierungen die wirkliche Opposition in Syrien darstellen. Es wird dazu geraten, die Islamisten zu unterstützen, da so Syriens Präsident Assad gestürzt werden kann. Eine Kontrolle Syriens durch die Islamisten wird als im Sinne der USA dargestellt, gleichzeitig aber auch davor gewarnt, dass dies mit langfristigen Gefahren verbunden sei.

Die USA unterstützen die Rebellen mit 25 Millionen Dollar und setzen vor Ort die CIA und andere Geheimdienste ein. Der Öffentlichkeit wird noch immer erzählt, dass die syrischen Rebellen eine demokratische Freiheitsbewegung seien.

2013: Waffenlieferungen durch die EU
Europa hebt das Waffenembargo auf und liefert Waffen an die Freie Syrische Armee. Zu diesem Zeitpunkt verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen den zahllosen Oppositionsgruppen, die immer mehr in islamistische Sekten abdriften.

2013: Waffenlieferungen durch die USA, Katar und Saudi-Arabien
Die CIA, Katar und Saudi-Arabien verteilen 3500 Tonnen an Waffen unter der syrischen Opposition.

2013: „Jihadi-Highway“
Die Türkei erlaubt Kämpfern des IS und anderen islamistischen Organisationen freien Durchzug nach Syrien, da diese dort die Kurden bekämpfen. Tonnen von Waffen werden auf diesem „Jihadi Highway“ genannten Netz aus Straßen transportiert.

2013: Russland fordert friedliche Lösung
Russland fordert eine friedliche Lösung des Syrien-Konflikts. Präsident Assad signalisiert seine Bereitschaft, notfalls sogar zurückzutreten, wenn eine demokratische und friedliche Lösung zustande kommt, bombardiert währenddessen aber weiter die Oppositions-Kämpfer, wobei zivile Opfer in Kauf genommen werden. Russland versucht, eine Konferenz aller Konfliktparteien einzuberufen, die jedoch von der syrischen Opposition abgelehnt wird, da sie den gewählten Präsidenten Assad aus ideologischen Gründen nicht als Verhandlungspartner anerkennen wollen.

2013: Dumas: Syrischer Bürgerkrieg vom Westen gesteuert
Der ehemalige französische Außenminister Dumas gesteht in einem Fernsehinterview, dass er bereits zwei Jahre vor dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges von britischen Kollegen darüber informiert worden war. „England organisierte eine Invasion von Rebellen in Syrien. […] Diese Operation war lange geplant. Sie wurde vorbereitet, ausgearbeitet und durchgeplant.“

2014: Ausrufung des Kalifats durch den IS
Wie von der CIA korrekt vorhergesehen, ruft der IS offiziell das Kalifat aus. Kalif wird Abu Bakr al-Baghdadi, angeblich ein direkter Nachfahre Mohammeds. Ausgehend vom quasi herrschaftslosen Irak beginnt der IS mit rasender Geschwindigkeit, große Gebiete unter seine Kontrolle zu bringen.

2014: Gouta-Kontroverse
Kontroverse um einen Giftgas-Angriff im Jahre 2013. Investigative Journalisten, besonders prominent Seymour Hersh, behaupten, dass nicht – wie beschuldigt – Assads Armee, sondern die al-Nusra-Front und der türkische Geheimdienst hinter Giftgas-Angriffen in Syrien stecken. Die Angriffe wurden unter falscher Flagge durchgeführt, um das Assad-Regime zu diskreditieren. Russland hatte die Vorwürfe gegen Assad schon zuvor als „genauso fabriziert wie die Lügen über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet.

Diese Darstellung wird von allen offiziellen Stellen als Verschwörungstheorie zurückgewiesen.

2014: Die USA fliegen Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien
Die Eingriffe erfolgen völkerrechtswidrig und ohne UN-Mandat.

2014: Massive Unterstützung durch die USA
Obama bittet den US-Kongress um Waffen- und Hilfelieferungen im Wert von 500 Millionen Dollar an die syrischen Rebellen, obwohl mittlerweile bekannt ist, das Teile dieser Waffen in den Händen islamistischer Terroristen enden.

Fortlaufend: Bewaffnung des IS
Der IS bezieht seine Waffen aus mehreren Quellen: Zum einen erbeutete Waffen desertierter irakischer Truppen, zum zweiten Waffen, die aus Saudi Arabien, dem Sudan oder Qatar geliefert werden und schließlich Waffen, die an die angebliche syrische Opposition geliefert wurden, die in Wirklichkeit zum großen Teil aus dem Islamischen Staat und anderen islamistischen Gruppierungen wie der al-Nusra-Front besteht.
Auch Deutschland liefert bis heute Waffen an Länder, die diese an den islamischen Staat und al-Nusra weiterreichen. Weitere Waffen werden von der syrischen Armee erbeutet, die von Russland beliefert werden.

September 2015: Türkei bombardiert Kurden
Die Türkei bombardiert völkerrechtswidrig Kurden auf syrischem Staatsgebiet. Die Kurden sind die stärksten Gegener des IS.

September 2015: Offenes Eingreifen Russlands
Russland warnt vor einem Eingreifen der USA in Syrien, fordert weiterhin eine friedliche Lösung unter Einbeziehung von Assad. Auf ausdrücklichen Wunsch von Präsident Assad greift eine Koalition aus Russland, dem Irak und dem Iran aktiv militärisch in Syrien ein. Russland fliegt innerhalb weniger Tage rund 100 Luftangriffe auf Stellungen des IS und anderer Rebellengruppen.

November 2015: Konferenz von Wien
Auf einer Friedenskonferenz wird ein Plan für die Zukunft Syriens vorgestellt. Unter Einbeziehung aller Parteien sollen Wahlen in Syrien organisiert werden, bei der sowohl Assad als auch oppositionelle Gruppen antreten sollen. Dazu soll für die Dauer von 6 Monaten ein Waffenstillstand eingehalten werden.

November 2015: Anschläge von Paris
Der IS verübt seinen ersten Anschlag in Europa mit etwa 120 Toten.

Zusammenfassung: Der IS und der Einfluss des Westens

Die Entstehung des IS wäre nicht denkbar ohne die Interventionen der USA im Nahen Osten. Die USA haben sowohl die Vorgänger-Organisation Al-Qaida ausgebildet und bewaffnet, als auch die Elite-Einheiten der irakischen Armee unter Saddam Hussein, die heute den wesentlichen Teil der Führungskräfte des IS ausmachen.

Entgegen offizieller Verlautbarungen geht es im Nahen Osten nicht um Demokratie oder Menschenrechte – eine Behauptung, die vor dem Hintergrund der Untätigkeit der USA in vielen anderen Fällen auch geradezu lächerlich erscheint. So gehört mit Saudi-Arabien eines der schlimmsten Regimes der Welt zu den engen Verbündeten der USA.

Was also sind die wirklichen Motivationen der einzelnen Kriegsparteien?

Die Motivation der einzelnen Kriegsparteien

Der Kampf um Syrien und den Irak folgt keiner einfachen Logik, sondern ist ein recht komplexes Geflecht aus verschiedenen Interessen und ständig wechselnden Bündnissen, die jeweils bestimmte Geschehnisse und Bewegungen instrumentalisieren. Sowohl die offizielle Darstellung, als auch viele stark vereinfachende Darstellungen aus der Alternativpresse greifen also möglicherweise zu kurz, um die Komplexität der Situation wirklich zu begreifen.

USA
Die USA wollen die Entstehung stabiler anti-westlicher Regimes im Nahen Osten verhindern und ihren Einfluss in der Region ausbauen. Während pro-westliche Regimes wie Saudi-Arabien unterstützt werden, wird in allen Ländern mit anti-westlichen Regierungen ein Regime-Wechsel herbeigeführt. Jüngste Beispiele sind der Irak und Libyen.

Stabile Anti-westliche Regimes in dieser Region wären aufgrund der strategisch wichtigen und Erdöl-reichen Lage eine enorme strategische Bedrohung für die USA. Besonders im Falle einer Allianz solcher Staaten mit China oder Russland, hätten die USA einer autarken Öl-Macht im Nahen Osten wirtschaftlich wenig entgegenzusetzen.

Auch hinsichtlich des neu erwachten Kalten Krieges ist Syrien wichtig: Zum einen beherbergt Syrien den letzten russischen Mittelmeerhafen, zum anderen ist es eines der wichtigsten Transit-Länder für Öl-Pipelines. Die USA fördern die Idee einer Gas-Pipeline, die Katar mit Europa verbinden würde und so Russland vom europäischen Markt verdrängen könnte. Assad hatte dem Bau dieser Pipeline mit Rücksicht auf Russland nicht zugestimmt. Ein Sturz Assads würde den USA gegenüber Russland also gleich in mehrfacher Hinsicht Vorteile verschaffen. Syrien ist zudem eines der wenigen Länder, die sich in ihrer gesamten Geschichte nie mit den USA verbündet haben.

Russland
Für Russland ist Syrien das wichtigste Tor, um Einfluss im Nahen Osten auszuüben. Die beiden Länder haben enge Bindungen und Russland betreibt seinen einzigen Militärhafen in Syrien. Darüber hinaus würde eine Übernahme Syriens durch den IS langfristig eine Bedrohung für Russland darstellen, da sich der Konflikt rasch auf russisches Territorium ausbreiten würde. Russland sieht in der Armee Assads die einzige Kraft, die dem IS Einhalt gebieten könnte, und versucht darum, ihn an der Macht zu halten.

Iran
Syrien ist ein wichtiger Verbündeter des Iran. Einerseits vor dem Hintergrund des Machtkrieges zwischen Sunniten und Schiiten, anderseits auch, weil der Iran über Syrien Waffen an die schiitische Hisbollah liefern kann. Assad ist der einzige Garant für die Sicherheit von Schiiten und Alawiten in Syrien. Darüber hinaus eint der gemeinsame Feind Israel die Interessen des Iran und Syriens: Israel hält seit vielen Jahren mit den Golanhöhen einen Teil Syriens völkerrechtswidrig besetzt.

Israel
Israel hat eine besonders schwierige Position: Sowohl das Assad-Regime, als auch der IS und andere Islamisten stellen aus Sicht Israels eine extreme Bedrohung dar. Verschiedene Geheimdienst-Quellen lassen eine sehr ambivalente Politik erkennen, bei der wechselnde Parteien unterstützt werden. Das Interesse Israels wäre eine pro-westliche Regierung in Syrien. Sowohl ein Sieg Assads, als auch des IS, als auch ein Chaos wären ein extremes Sicherheitsrisiko.

Türkei
Syrien und die Türkei sind Hauptkonkurrenten um Einfluss im Nahen Osten. Die Türkei steht den Sunniten nahe und fördert teilweise passiv und aktiv islamistische Bewegungen, da diese sich auch gegen die Kurden richten – ein gemeinsamer Feind. Gleichzeitig stellt der IS aber auch eine Bedrohung für die Türkei da, da das Land eines der nächsten Ziele werden könnte. Die Türkei versucht den Krieg also zu instrumentalisieren, um sowohl Assad als auch die Kurden loszuwerden, muss dabei aber aufpassen, dass der IS nicht die Oberhand gewinnt.

Saudi-Arabien
Saudi-Arabien möchte eine Sunnitische Vorherrschaft im gesamten Nahen Osten errichten, weshalb es auch radikale sunnitische Bewegungen wie den IS unterstützt. Zudem vertritt es die Interessen des Verbündeten USA. Saudi-Arabien benutzt den IS, um die Schiiten in der Region zurückzudrängen, muss aber aufpassen, dass der IS nicht zu groß wird.

Katar
Die Politik von Katar ist derzeit rätselhaft. Die Beziehungen zu Syrien waren lange Zeit recht gut. Seit dem Sturz des Regimes in Libyen scheint das Land auf eine extrem pro-westliche Politik umgeschwungen zu sein.

Der IS: Werkzeug vieler Interessen

Diese Aufzählung zeigt, dass der IS, der heute angeblich so erbittert bekämpft wird, verschiedenen Mächten für eine lange Zeit alles andere als ungelegen kam: Die USA benutzten ihn, um das Assad zu stürzen, die Türkei unterstützte ihn recht offen im Kampf gegen die Kurden, die arabischen Staaten benutzen ihn, um eine drohende schiitische Vorherrschaft zu brechen.

Dies erklärt, warum der IS von diesen Parteien nur sehr halbherzig bekämpft und zum Teil sogar aktiv unterstützt wurde. Wie viele andere Terrororganisationen ist der IS eine strategische Waffe in einem geopolitischen Krieg geworden.

Syrien und der IS: Eine verworrene Lage

Es kann als sicher angesehen werden, dass die USA eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung des Widerstandes im Irak und schließlich in Syrien gespielt haben, um diesen für einen Regime-Wechsel zu instrumentalisieren. Vor dem Eingreifen der USA war der Irak verhältnismäßig friedlich und ein Land ohne jede radikalislamistische Geschichte – erst das durch Eingreifen der USA war eine Radikalisierung überhaupt möglich.

Mehrere hochrangige Politiker und Militärs haben zudem vor laufender Kamera ausgesagt, dass der Krieg in Syrien von langer Hand geplant war und die angeblichen Rebellen von außen eingeschleust worden waren. Der Ablauf der Revolutionen in Lybien und Syrien (und viele andere der „Farben-Revolutionen“) folgt fast buchstäblich der geleakten Anleitung für „Unconventional Warfare“. So verdichten sich Zweifel an der offiziellen Version der Ereignisse.

Klar dürfte sein: In diesem Krieg gibt es keine Guten – nur verschiedene Machtinteressen. Es gibt auch keine allein Schuldigen – und solange es diesen Konflikt gibt, wird es auch keine Gewinner geben.

4 Responses

  1. Chris

    Ein recht guter Artikel, in dem endlich mal versucht wird, das gewollte Chaos zu endwirren. Ein schwieriges Thema, denn so Viele haben null Ahnung oder haben den Durchblick verloren.
    Dennoch… gibt es ein paar sehr wichtige Ereignisse, die in diesem guten Artikel fehlen.

    Aber durch diese Zusammenfassung bekommen viele Unwissende und Verworrene die Augen geöffnet.

    Auch wenn ein paar Dinge fehlen – sage hier an dieser Stelle „Danke“!!!

    Antworten
  2. dirk schwebsch
    .....ernten, was sie gesäht haben...

    Danke David für deine Zusammenfassung.
    Licht in dieses Lügendickicht zu bringen ist sehr wertvoll, denn sonst lassen wir uns zu leicht vor einen Karren spannen, den wir garnicht ziehen wollen.
    Geld und Macht mit allen Mitteln, wessen Interessen sind das wirklich? Ich glaube es sind garnicht so viele Menschen, die das wollen…. Willst du das? Will dein Nachbar das? …- Nö?? Der hat ja auch nichts davon… Und ich glaube, dass die Wenigen, die das wirklich wollen, sich genau deshalb so viel Mühe geben uns irgend welche „guten Gründe“ zu erzählen, warum es doch so gut und wichtig ist, dass wir alle mitmachen, mal den zu bombardieren oder jene Regierung zu stürzen.
    Würde hier alles offen und wahrheitsgemäß ausgesprochen, was würde wohl mit diesen Menschen passieren?
    Krieg als Wirtschaftsmethode ist einfach nicht akzeptabel!
    Und ich meine hier nicht nur die ganze Kriegsindustrie, wo ja Deutschland leider auch fett liefert und kassiert.
    Danke nochmals für das Licht! Ja- hinschauen, und dann ganz klar: Nicht mit mir!
    Dirk

    Antworten
  3. Manfred MANJOLO Johann Lorenz
    Es ist viel EINFACHER, als es sich in der Komplexität zu zeigen scheint

    … WIR Menschenlichter sind die frei & willig hierher Gekommenen und wenn wir damit beginnen, die aus Informationen fremd erschaffenen Scheinwelt nicht mehr zu anal y sieren (v)ersuchen … dann ist dies weder einfach, noch komplex, nicht leicht und nicht schwer und … letzt und endlich gar nicht mehr VOR HAND EN 😀 namaste

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    • bepero
      Danke für diesen mutigen Lichtblick

      Lieber David, wunderbar hier mal etwas zu lesen, das man sonst nur auf russischen oder investigativen Seiten lesen kann.
      Klingt mir sehr gut recherchiert und einer liebevollen Wahrheit nahe.

      Lassen wir uns im Geiste mit ihr verbinden jenseits von Hetzvorwürfen bezahlter, angstvoller oder einfach nur konformistischer Zeitgenossen, wie sie die westlichen Medien überschwemmen.

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