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Innenwelten – die Kolumne von Ronald Engert

Wieso es ein Vergehen sein kann, wenn unsere Gefühle in nur eine Richtung laufen.

Vor wenigen Tagen begegneten mir zwei Textpassagen aus zwei Büchern, die mich wie Hammerschläge trafen. In dem einen Buch schreibt eine Frau über ihre Erfahrungen in der Prostitution. Das andere Buch ist ein Selbsthilfe-Arbeitsbuch zum Thema Sucht.

Rachel Moran beschreibt in ihrem Buch „Was vom Menschen übrig bleibt. Die Wahrheit über Prostitution“ ihr eigenes Schicksal, das sie aus einem durch Sucht, psychische Krankheit und Armut zerrütteten Elternhaus in die Obdachlosigkeit und im Alter von 15 Jahren in die Prostitution trieb. Sieben Jahre lebte sie in diesem Milieu, schaffte dann den Ausstieg, machte einen Schulabschluss und absolvierte ein Studium in Journalismus an der Dublin City University.

Ihre Beschreibungen des bezahlten Sex mit fremden Männern und der damit einhergehenden seelischen Zerrüttung auf beiden Seiten – sowohl der Prostituierten wie der Freier – ist von einer existenziellen Dichte, die aus der persönlichen, gelebten Erfahrung kommt. An einer Stelle beschreibt sie die Gefühle, die in einem solchen unnatürlichen Beziehungsgefüge auftreten. Prostituierte bedienen auch das Verlangen nach Gefühlen und Zuneigung, jedoch nur gespielt. Moran erklärt, dass es für sie unmöglich war, in diesen Kontakten den Männern echte Gefühle entgegenzubringen, bemerkt aber die anscheinend nicht ungewöhnliche Tatsache, dass einige Kunden Gefühle der Zuneigung für die Frauen entwickeln können:

„Aus diesen Erfahrungen habe ich immer wieder gelernt, dass eine Frau keine normalen menschlichen Gefühle für einen Mann entwickeln kann, der sie für Sex bezahlt. Meiner Meinung nach stellt es keine Besonderheit der Prostitution dar, dass manche Kunden eine tiefe emotionale Zuneigung für manche der Frauen entwickeln können, die sie bezahlen, und dies auch tun (oder zumindest für das Bild der Frauen, dass sie im Kopf haben). Aber das bestätigt in meinen Augen nur umso mehr das eigentliche Wesen, das diesem Vergehen innewohnt. Wenn menschliche Gefühle in nur eine Richtung laufen, dann hat das seine Gründe.“

Was ist dieses „eigentliche Wesen, das diesem Vergehen innewohnt“? Es muss etwas viel Tieferes und Umfassenderes als einfach die Tatsache sein, dass ein Mann für Sex bezahlt. Es ist ein Vergehen, das als ein Missbrauch der Seele zu verstehen ist. Moran nennt das Kapitel, in dem diese Stelle steht, „Das Wechselspiel seelischer Zerrüttung“. Die Stelle, die auf mich wie ein Hammerschlag wirkte und mich an meine eigenen Beziehungsmuster erinnerte, war die Aussage, dass menschliche Gefühle der Liebe und Zuneigung, die „in nur eine Richtung laufen“ ein Vergehen bzw. eine Situation des Missbrauchs, der Misshandlung oder allgemein einer Dysfunktionalität in der Beziehungsebene bedeuten. Ich kenne diese Situation und ich glaube, viele Menschen kennen sie auch: einseitig in jemand verliebt zu sein und Schmerz, Trauer und Wut darüber zu fühlen, dass ein Kontakt in der gewünschten Weise nicht möglich ist. Es ist hart für mich, mir einzugestehen, dass meine einseitige Liebe ein Vergehen ist.

Warum ist sie ein Vergehen? Dies führt mich zu dem zweiten Hammerschlag, der zweiten Textstelle, die mir die Klarheit über die erste Textstelle erst ermöglichte. Dort wird das Thema „Eigenwille“ behandelt. Die Passage aus dem Sucht-Buch lautet folgendermaßen:

„Wir haben so lange Zeit aus Eigenwillen heraus gehandelt und unser Recht zu wählen und zu entscheiden missbraucht. Was genau ist also Eigenwille? Manchmal ist es totaler Rückzug und Isolation. Das bringt uns dahin, eine sehr einsame und im Selbst versunkene Existenz zu leben. Manchmal bringt uns Eigenwille dazu, total rücksichtslos nur danach zu handeln, was wir wollen. Wir ignorieren die Bedürfnisse und Gefühle anderer. Wir stürmen vorwärts, indem wir über jeden trampeln, der unser Recht, zu tun was immer wir wollen, infrage stellt. Wir werden zu Wirbelstürmen, die durch das Leben von Familien, Freunden und selbst Fremden fegen, total unbewusst gegenüber dem Pfad der Zerstörung, den wir hinterlassen. Wenn uns die Umstände nicht passen, versuchen wir sie mit allen notwendigen Mitteln zu ändern, um unsere Ziele zu erreichen. Wir versuchen, unseren Kopf durchzusetzen, koste es was es wolle. Wir sind so beschäftigt, aggressiv unsere Impulse zu verfolgen, dass wir vollständig die Verbindung mit unserem Gewissen und mit einer höheren Macht verlieren.“

Wir verlieren nicht nur unsere Verbindung mit unserem Gewissen und mit einer höheren Macht, sondern wir verlieren auch die Verbindung zum anderen Menschen! Unser Eigenwille ist so stark und wir verfolgen unsere Impulse so aggressiv, dass wir überhaupt nicht mehr mitbekommen, was die Gefühle und Bedürfnisse des anderen sind. Das ist die Stelle, an der die Einseitigkeit der Gefühle beginnt, wo „menschliche Gefühle in nur eine Richtung laufen“. Hier beginnt das Vergehen.

Es ist diese psychische Disposition, die die seelische Zerrüttung verursacht und die zwischenmenschlichen Beziehungen so schwierig macht: der Eigenwille oder die Selbstbesessenheit unseres Egos, die uns von der Außenwelt abkapselt und uns in totalen Rückzug und Isolation oder aggressive Durchsetzung unserer Interessen bringt. Ich kann den anderen nicht mehr fühlen und nicht mehr erkennen, was sein Bedürfnis und sein Gefühl ist. Ich kann ihn nicht mehr als eigenständige, souveräne Person wahrnehmen. Ich kann diese Person nicht mehr annehmen, so wie sie ist. Und weil ich diese Person nicht mehr fühle und wahrnehme, kann zwischen uns das nicht entstehen, was Liebe und Beziehung eigentlich ausmacht: eine gegenseitige, respektvolle und lebensaufbauende Verbundenheit, in der beide mit ihrer Seele präsent sind.

Liebe wächst zwischen den Menschen, sie beruht auf Gegenseitigkeit. Sobald sie einseitig läuft, läuft irgendetwas schief! Ob es der Schmerz über meine verflossene Partnerschaft ist, oder etwa der Schmerz meinem Kind gegenüber, dass mich nicht sehen will – was auch immer da draußen ist, gilt es anzunehmen. Ich habe keine Macht über andere Menschen, und wenn ich sie lieben will, wenn ich sie ehren und achten will, dann muss ich sie so nehmen, wie sie sind.

Ich erkannte, dass auch ich einseitig geliebt habe und nur in meinem Bedürfnis und meinem Willen vertieft war. Der Schmerz und die Wut, die aus der Zurückweisung und dem Verzicht auf das, was ich wollte, entsprangen, waren egoistische Gefühle. Ich verstehe jetzt, was die zarte und verletzliche Seele in meinem Gegenüber wirklich braucht, nämlich respektiert und wahrgenommen zu werden.

Ich darf sie lieben, aber so, wie sie ist. Es geht nicht um das, was ich will. Es geht um das, was zwischen uns und mit uns lebt und wächst, und das kann im besten Fall die Liebe sein. Es geht nicht darum, eine Vorstellung von jemandem zu lieben, die ich „Du“ nenne. Es geht darum, den anderen zu sehen und das immerwährende Werden zuzulassen.

Lieb‘ nicht mich,
Lieb‘ auch die Dinge nicht.
Sieh mich, wie ich wirklich bin,
Sieh mich, wie ich lieb gewinn.

 


Weitere Informationen

Rachel Moran:
Was vom Menschen übrig bleibt. Die Wahrheit über Prostitution, Tectum Verlag, Marburg 2015 (Zitat von Seite 123)

Narcotics Anonymous:
Leitfaden zur Schrittearbeit (The Narcotics Anonymous Step Working Guide), Van Nuys USA, 2002

 

Tattva Viveka - Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie & spirituelle Kultur

 

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Über den Autor

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geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M. 1994

Mitgründung der Zeitschrift Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur.

Seit 2015 Studium der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Autor von »Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung« und »Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts«.

Mehr Infos

Blog: www.ronaldengert.com

5 Responses

  1. hanna sedlar
    Der Energiekäfig Narzissmus

    Die Frage ist, ob Narzissmus der hier beschrieben wird daraus entsteht, dass das Nein i n der Liebe seinen Platz verloren oder nicht gefunden hat neben dem Ja, welches erst als eigentliches Ja danach kommen kann. Ohne eigenes Nein und Nein des Du kein eigenes eigentliches Ja und Ja des Du für Entscheidungsfindung und Problemlösung. Die Neinentwicklung beginnt, hat man erkannt und beobachtet, mit dem ca. 10. Lebensmonat. Erst danach bildet sich das eigentliche Ja und dann das Ja oder Nein. Und dann erst kann das Ja u n d Nein in der Liebe, in seiner wertungsneutralen wenn auch spannungsgeladenen Wechselwirkung, ohne Liebesverlust seinen Platz finden. Denn Ja & Nein, Unangenehm & Angenehm u.a. können nur wie alle Gegensatzpoleinheiten in ihrem Mittelfeld sich bewegen. Werden sie blockiert, einer dem anderen vorgezogen oder entwertet, gerät der Organismus in ein „Kernspaltungsgeschehen“ mit den entsprechenden energiegeladenen Kernspaltungsempfindungen und gleichzeitig in einen „Energiekäfig“. Das Nein in der Liebe neben dem Ja muss seinen wertungsneutralen Platz finden: das eigene Nein als Prozess mit Anlauf – Höhepunkt – Auslauf und das Nein des Du. Wird es persönlich genommen und nur gegen sich empfunden, blockiert es die weitere Entwicklung, das Erkennen des eigentlichen Ich und des eigentlichen Du.
    Die 3 Stadien der Beziehungsentwicklung und Liebesbeziehungsentwicklung ereignen sich bei jeder Beziehung: 1. Stadium: Verschmelzung („es gibt nur ein völliges Ja oder völliges Nein“) – 2. Stadium: Projektion, Übertragung, Gegenübertragung. Sie überfrachten das gesamte Beziehungsfeld mit Bildern. Dem Du werden sie übergestülpt wie eine Verkleidung. Alle müssen bewusst zurückgenommen werden, da das eigentliche Du vom Organismus dadurch gar nicht erkannt werden kann. Aber ohne Projektionen gibt es auch keine neue Selbsterkenntnis, d.h. wir brauchen sie, aber nur kurz).

    Beim Narzissmus schaut man immer wieder nur in die eigenen Bilder, bezieht und berechtigt sich darin. Erst die Zurücknahme der Projektionen, Übertragungen, Gegenübertragungen macht das eigene Ich ganz und das eigentliche Du erkennbar. Die Hinbewegung kann erst dann zum Du finden. Die Leitbildspiegelung, wo der Organismus dann erst erkennt was sich aus der eigenen Anlage heraus noch entwickeln möchte und im anderen sich spiegelnd zeigt – „Teile des heimlichen Lebens“ wie Schellenbaum es beschreibt in „Abschied von der Selbstzerstörung“ – , und in der bewussten Auseinandersetzung „Entzücken und Auskosten im eigenen Herzen“ dann ermöglicht, ist das 3. Stadium in der Kettenabfolge der sich ereignenden Beziehungsentwicklung. Das Steckenbleiben in Projektionen, weil man diese nicht erkennt und dadurch auch nicht zurücknimmt, verhindert und zerstört, ungewollt weil unbewusst. Von dieser Selbst- und Fremdzerstörung heisst es Abschied nehmen durch Zurücknahme. Das rechtzeitige bewusste Abschiednehmen und Reduzieren der Verschmelzungsgefühle und immer wieder Zurücknehmen und nicht Vermeiden und Verdrängen, aber auch nicht ein grenzenloses Ausagieren der Projektionen, bringt das eigentliche Ich und das eigentliche Du nebeneinander ans Licht. Dann erst kann der menschliche Organismus das Erkennen, was im anderen mir zur Förderung und Beglückung ruft und auch was ich ihm sein kann, meine tatsächlichen Eigenschaften, die meine konkrete Lebensgestaltung prägen und nicht fiktiven Eigenschaften. Denn nur die tatsächlichen Eigenschaften ermöglichen die bewusste Auseinandersetzung. Erkennen und Rücknahme der Bilder macht vorübergehend leer, aber auch Raum für wahre Beziehungen, die immer wieder wie fraktale Gebilde entstehen aus dem „Nichts“ im Auf und Ab des Lebens in dieser Kettenabfolge und den Wirkungen.
    In der ausreichenden Verschmelzung sich genügen und erfreuen sozusagen und die ausreichenden Projektionen gestalten aber mit der Bewusstheit des Zurücknehmens dieser Bilder, um dann wirklich das reale Du in seiner Eigentlichkeit und das eigene Ich in seiner Ganzheit immer wieder erneuert zu begreifen und zu erleben, und dann diese Spiegelung als „Teil des heimlichen Lebens“, die tatsächlich im Du und Wir erkennbar wird und zwar in der Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Eigenschaften die dessen konkrete Lebensgestaltung prägen und nicht mit den fiktiven Eigenschaften in Bildern, und dies alles dann in der Gegenseitigkeit erleben, dieser Abschied vom sogenannten unbewussten Selbstzerstörerischen und vom „Energiekäfig“, daaas war Überraschung und Freude pur. Die Hingabe im 3. Stadium mit den offenen Wahrnehmungen macht frei und immer wieder neugierig und leidenschaftlich.

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  2. Christel
    kein Zufall?

    dieser Bericht hat mich im Herzen getroffen. Er spiegelt so meine eigenen Gefühle der Vergangenheit und vielleicht sogar noch der Gegenwart wider. Was ich immer schon ahnte, kann ich nun in Worte fassen, dank dieser Worte. Wieso und warum stosse ich gerade auf diesen Bericht, er war nicht gezielt gesucht?

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  3. johanna senettin
    ist narzissmus der anfang?

    so sind wohl die meisten Beziehungen und Freundschaften auf der annahme begründet sich zu kennen aber in Wirklichkeit kennen wir nur unsere Projektion des anderen. meiner Meinung nach ist Narzissmus schuld daran. in den frühen Phasen unserer Entwicklung sind unsere Bedürfnisse nicht erkannt oder ignoriert worden. wir fühlen uns zu früh allein, auf uns selbst gestellt. wir sind später blind für das gegenüber. und modelieren uns den anderen nach unseren vostellungen und wünschen statt ihn zu sehen wie er ist. ein Teufelskreis, der Erkenntnis und mühe erfordert ihn zu durchbrechen.

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