Anzeige

Das körperliche Erwachen: Geistiges Erwachen ist nur der Anfang  einer umfassenden Befreiung des verkörperten Selbst meint Jörg Wedereit. Erwachen ist in seinem Erleben nicht das Ende, sondern die Voraussetzung für wirklich effektive Schattenarbeit. Wir haben mit ihm gesprochen.

 

Sein.de: Jörg, fast immer wird im Zusammenhang mit dem Erwachen vor allem von einem „geistigen Erwachen“ gesprochen – du sprichst nun von einem körperlichen Erwachen. Was haben wir darunter zu verstehen und wie hängt das zusammen?

Jörg Wedereit: Eigentlich ist es so, dass du – nach langer Suche oder unerwartet spontan – erst den Moment des geistigen Aufwachens erlebst. Dann nach einiger Zeit realisiert du, dass das nicht alles war: Die Schatten im Körpernervensystem wirken trotzdem weiter und du beginnst damit, dich durch Schattenarbeit umfassend zu befreien, um auch im Körper zu erwachen.

 

Das geistige Erwachen ist also nur der Anfang?

Ja, das geistige Erwachen ist nur die Voraussetzung und der Startmoment, um den Teil des allumfassenden Bewusstseins, den wir als Selbst erleben, von energetischen Blockaden – den Schatten – zu befreien, indem wir sie mit Licht durchfluten und erleuchten. Sowie sich beim geistigen Erwachen das Bewusstsein von der Identifikation mit den einzelnen Themen der mentalen Projektionen Stück für Stück löst, scheint es, als wenn wir beim körperlichen Erwachen alles noch einmal transformieren müssen.

 

Ist das denn nötig?

Gott lädt uns – wenn wir den tiefen Impuls der Befreiung in uns wahrnehmen – ein, zur Befreiung von beiden Identifikationen. Denn was nutzt uns die klarste Erkenntnis im Geist, wenn die körperlichen Schatten die ruhmreiche Erkenntnis einfach ignorieren und kraftvoll aus uns wirken? Zwar können wir im stillen Geist aus dem Nichts den Impuls zur Liebe betrachten – aber Liebe wirklich erleben, aus der Liebe wirken und in Liebe sein, das ist nur in der erwachten Verkörperung möglich.

 

.. das geistige Erwachen kommt also zuerst und das körperliche ist eine Art zweite Phase?

Ja, aber nur eigentlich, denn bei mir passierte es etwas anders. So wie es das scheinbar spontane geistige Erwachen gibt, gibt es auch das scheinbar spontane Aufwachen des Körpers, wo in einem intensiven Prozess der Großteil der Schatten ausgeheilt werden. Diese Gnade durfte ich 2012 in einem radikalen sogenannten dreiwöchigen Lichtnahrungsprozess erleben und das geistige Erwachen folgte vier Monate später.

 

Der Lichtnahrungsprozess war also deine ‚Radikalkur‘ – mit den Menschen, die du begleitest, gehst du das aber anders an, oder?

Was ich komprimiert in den drei Wochen meines Prozesses an unbeschreiblich schmerzvollen Schatten erlebt habe, die sich in meiner Hingabe lösten, erlebe und beobachte ich nun in der Begleitung mit den Menschen in langsamerer Form.

 

Schattenarbeit ist ja sonst in der Satsang-Szene nicht gerade „In“…

Das ist wohl so. Vielfach traf ich auf Lehrer, die entweder mit ihrer Lehrer-Rolle verhaftet waren oder deren Bedürftigkeit aus den körperlich gebundenen Schatten den wachen Geist sehr überlagerten. Nur sehr wenige gingen den Pfad, tiefer zu erwachen und beleuchteten ihre eigenen Schatten.

Ich kann aber Menschen nur so tief in ihr Bewusstsein begleiten, wie mein Geist und meine Verkörperung selbst in meinem Prozess befreit ist.

 

Inwiefern hilft denn der Zustand eines Lehrers?

Im Raum der eigenen Präsenz kann der Teilnehmer sich fallen lassen und seinen Blickwinkel neu ausrichten. Nun kann er sein Leid nicht mehr aus der Welt, sondern aus seinem Bewusstsein heraus betrachten – und genau dadurch entsteht erst die Möglichkeit der Heilung im Geist und in der Körperarbeit.

 

Was sind denn überhaupt diese ominösen Schatten – und in welcher Beziehung stehen sie zum reinen Bewusstsein/Gewahrsein?

Ich konnte für mich erkennen, dass ich ein sich selbst bewusst werdender Prozess im gesamten Bewusstsein bin. Dieser Prozess erkennt sich im Geist und in der Verkörperung drückt sich durch sie aus: Das allumfassende Bewusstsein wird also als Geist und als daraus verkörperter Ausdruck erlebt.

Unser bewusstes Sein erliegt einer Fehl-Identifikation des Geistes mit den mentalen Gedanken-Projektionen. Im Körper, worin sich die Welt darstellt, hat dies die Form der Identifikation mit den Schatten, sowie einer Art Einlagerung der Schatten in das Körpernervensystem.

 

Kannst du da ein etwas konkreteres Beispiel bringen?

Nehmen wir mal an, Glück wäre in einem bestimmten Zellverbund im Körpernervensystem als vollkommenes Glück unverletzbar angelegt.

Aus Missverstehen von Erlebtem oder konditioniertem Verhalten oder durch eine Neurose der Eltern kann in der frühen Kindheit Angst, Schock oder ein Trauma entstehen. Und daraus bildet sich eine Art Schutz-Schale, die dann verhindern soll, dass wir unser Glück wieder mit so einem schmerzhaften Ausdruck zusammen erleben. Also erst mal doch sehr schön und aus Liebe zu uns gedacht.

Diese Schale soll unser Glück nun schützen und wenn mir in einer Begegnung das Thema Glück erscheint, reagieren die Schatten wie ein blitzartiger Reflex und lassen keine Berührung mit unserem Glück zu. Das Glück kann und darf dann nicht mehr wirken.

 

Das wäre dann so ein Schatten?
Ja.

 

Eigentlich also ein Schutzmechanismus, der allerdings fehlgeleitet ist.

Ja, die Schatten wollen uns vor der angeblich „bedrohlichen“ Welt beschützen. Aber es gibt eine Ebene darunter, die Geburt dieser Täuschung. Dazu möchte ich mal ein Bild aus der Welt verwenden: die Schutzgelderpresser. Die Gangster gehen in die Gaststätten, um den Gaststätten ihren Schutz für Geld anzubieten, den die Gaststätten gar nicht brauchen und sie zusätzlich unfrei macht. Ab hier beginnt erst die Bedrohung, die nur von den Schutzgelderpressern selbst aufgebaut wird. Also wird die Bedrohung und der Schutz aus einer Hand geliefert.

Ähnlich ergeht es uns: Wir sind als kleines Kind völlig frei und haben noch kein Schutzbedürfnis. Nun tritt die Welt in unser Erleben und wir lassen uns von unseren Göttern, unseren Eltern bedingungslos führen. Unsere Eltern, gefangen im Traum, bringen uns die aus ihrer Sicht, bedrohte Welt nahe und gleichzeitig inspirieren sie uns, uns vor der Bedrohung zu schützen. Die Schutz-Schatten, der Krieger, der Widerstand und viele andere, haben ihren Nährboden erhalten und werden von nun an gegen die scheinbar, weltliche Bedrohung aufgebaut und in Stellung gebracht.

Was wäre, wenn wir den Schutz nicht angenommen hätten? Was, wenn wir die gereichte Bedrohung von unseren Eltern nicht geglaubt hätten und unserem freien Impuls gefolgt wären? Wenn wir diese scheinbar weltliche Bedrohung bis zur überwältigten Ohnmacht nur beobachtet hätten und dann in die Hingabe gefallen wären? 
Hätten wir erkannt, dass die Bedrohung eine Illusion ist und es gar nichts zu schützen gibt und dass es ein Traum unserer Eltern ist, dem wir nicht auch erliegen müssen? 

 

Diese Schutz-Mechanismen kapseln uns also von unserem wahren Selbst ab?

Ja und von hier an baut sich eine Hass-Liebe auf. Wir lieben den Schutz und die Stärke, die uns durch unsere Schatten in der Welt überleben lassen. Und tief in uns hassen wir sie, weil sie unserer Freiheit im Weg stehen.

Der Selbsthass ist hiermit geboren und wird, weil der Traum unser Erkennen verschleiert, nun auf die erscheinende Welt nach außen projiziert. Das ist der Durchbruch der Dualität. Das Kind ist Liebe und erlebt nun den dualen Ausdruck davon, den Hass. Der Hass drückt sich dann in allen Bereichen in der Welt aus. Und die Liebe, sie war so rein und wandelt sich nun in eine bedingte Abhängigkeit, die nun eher den Namen: „nützliche Alternative“ verdienen würde, statt das Wort Liebe zu missbrauchen.

 

Ok. Wie wird man diese Schatten nun wieder los, wie sieht Schattenarbeit konkret aus?

Da gibt es in meinen Erleben ein Paradebeispiel, wie Schattenarbeit optimal passiert. Ich war in Indien bei einem Retreat mit meinen Lehrern. Ein älterer Teilnehmer, den ich sehr mochte, stieg mit mir aus dem Auto. Er nahm mich seitlich eng in den Arm und sagte nur einen Satz: „Jörg, dass gerade du mir ins Wort fällst und mich nicht ausreden lässt, hätte ich nicht gedacht“. Von ihm in den festen Arm fixiert und mit dem klaren Ausdruck, traf mich der Satz, als würde er mir ein Messer direkt in den Bauch stechen. Augenblicklich, noch bevor der letzte Klang seiner Worte verstummte, nahm ich gleichzeitig wahr, dass es ein Gottesgeschenk war und ich mich nicht mit der Geschichte identifizieren, sprich, sie glauben musste. Meine gesamte Aufmerksamkeit ging in den Bauch. Ich nahm meinen Freund, sowie mein Umfeld und was da passierte, nicht mehr wahr. Ich stand da und spürte nur kurz den Schmerz, der sich schon nach vielleicht einer Minute auflöste und nahm dann ein befreiendes, sehr leichtes, sich im gesamten Körper ausbreitendes Kribbeln wahr. Nach einigen Minuten nahm ich die Welt um mich herum wieder wahr und stellte erstaunend fest, dass keiner aus der Gruppe meinen Prozess bemerkt hatte.

Der größte Punkt der Transformation der Schatten war der Augenblick, direkt nach dem scheinbaren Einstich des Messers. Dieser Moment ähnelt einem Koma, nur der Unterschied liegt darin, dass bei einem komatösen Moment die Wahrnehmung zusammenbricht und bei dem ‚transformativen Jetzt‘ die gesamte Bewusstheit auf einen Heilaspekt ausgerichtet ist.

 

Nur Fühlen? Kein Aufarbeiten, keine Erinnerungen, Bilder und innere Dialoge?

Nein! Keine Identifikation mit der Geschichte, keine Benennung des Gefühls, kein Suhlen im Schmerz, kein Rechtfertigen, kein Widerstand, kein Kampf, kein Glauben, nur die augenblickliche, radikale Ausrichtung auf das Schattenzentrum.
Verpassen wir diesen Transformations-Punkt, dann verpassen wir die Heilung und wechseln von der Wahrnehmung, also der Spiritualität in den Glauben, die Psyche, wo wir die Geschichte ausleben, die Emotion benennen und verstehen können. Auf dieser psychischen Ebene können wir uns durch das Verstehen etwas beruhigen und es besser kontrollieren, aber nicht heilen.

 

Es geht deinem Erleben nach also um reine, widerstandslose Wahrnehmung in völlig wachem Bewusstsein. Das ist also sehr verschieden zu vieler psychologischer und therapeutischer Arbeit, wo viel mit Emotion und Geschichte gearbeitet wird.

Ja. Schatten nutzen eine Geschichte, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Sie sagen nicht, „Hallo ich bin dein Schatten und brauche zur Heilung deine Aufmerksamkeit.“ Je nach dem, welchen Ausdruck ein Mensch hat, werden sich auch seine Geschichten zeigen. Manche Menschen erleben die Schatten eher in Familien- oder Arbeitsgeschichten und andere eher im Freundeskreis. Wieder andere mit esoterischer oder spiritueller Ausrichtung werden die Schatten gerne als Engel oder Dämonen spiritualisieren. Hinter jeder geglaubten Geschichte ruft ein Schatten nach Heilung.

Auch der Ansatz, an den Konditionierungen zu „arbeiten“, ist hoffnungslose Symptombehandlung. Sie wirken automatisch und bevor der Verstand sie wahrnimmt. Die Schatten im direkten Wirken wahrzunehmen, ist deshalb wohl meist erst mit dem Lösen aus der Identifikation mit der Person, dem „geistigen Erwachen“, möglich. Denn da kann, wenn man sich nicht wieder einrichtet und festhängt, der Beobachter erst wirklich erwachen.

 

Voraussetzung für Schattenarbeit wäre also das geistige Erwachen – der Zugang zu reinem Gewahrsein?

Ja. Man kann es aber bis zu einem gewissen Grad kultivieren, indem man sich selbst beobachtet. Zuerst ist das oft nur rückblickend möglich.

Es wird dich zum Staunen bringen, wenn du es mal beobachtest, wer alles blitzartig mitmischt, wenn Worte aus deinem Mund gesprochen werden. Während in unserem Geist eher die Gedanken ins Erleben wirken, so wirken im Körperlichen die Schatten so blitzartig, dass unser Verstand mit den Gedanken erst nachträglich reagieren kann. Der Verstand mit den Gedanken rechtfertigt im Nachhinein nur, was aus dir passiert ist, um sich im Spiel zu halten.

Wenn wir regelmäßig reflektiert wahrnehmen, was in uns in der jüngsten Vergangenheit passiert ist, nähern wir uns irgendwann der Wahrnehmung, was Jetzt passiert. Es beginnt mit einer Phase, dass wir reflektieren, dass wir im letzten Gespräch wohl unsere Schatten wirken ließen. Dann in der nächsten Phase wird es uns schon im Gespräch bewusst. In der dritten Phase – ich nenne sie „der halbe Satz“ – wird es uns beim Aussprechen bewusst, wie unsere Schatten sowie Gedanken machtvoll wirken.

Dann folgt die vierte Phase, in der der Beobachter reaktiviert wird, der dann immer öfter, noch instabil, übernimmt. Ohne diese Gründung in der Veränderung und dem Beobachter, steckst du schnell wieder in irgend einem Konzept oder Rolle so fest, dass du den Quatsch, der aus deinem Mund kommt, wirklich glaubst. In der letzten Phase gründet sich im Bewusstsein der Beobachter als ständiger Begleiter, der mir energetisch gewahr wird.

 

Und das öffnet das Fenster zur Transformation?

Ja, Gedanken und Schatten können nicht mehr ungestört wirken, weil eine Instanz wieder aktiviert ist, die wir den Zeugen, den Beobachter oder das beobachtete Bewusstsein nennen können.

Beim Beobachten entscheidet etwas, ob ein erscheinender Gedanke sowie ein aufkommender Schatten wirken dürfen oder nicht. Ich nehme wahr, dass da die Entscheidung breit aufgestellt ist: Da ist ein fundamentales Ich, eine Intuition – und vielleicht noch viel mehr – gemeinsam mit dem Beobachter, was die Aufmerksamkeit ausrichtet und entscheidet.

Ich erlebe das auch, um so tiefer ich ins Bewusstsein tauche, um so mehr Beobachter zeigen und etablieren sich. In meiner Begleitung beobachtet ein Beobachter das Gespräch mit dem Fokus auf mein Gegenüber. Ein zweiter beobachtet ausschließlich, was in mir an Gedanken und Schatten dabei erscheinen. Ein dritter, was und wo in meinem Körpernervensystem besonders reagiert. Ein vierter beobachtet die unteren Ebenen des All-Verbunden-Seins in der tiefen Präsenz und erhält Informationen usw.

 

Das klingt anstrengend.

Nein, überhaupt nicht. Ich erlebe das mal sehr klar als scheinbar einzelner Beobachter und oft auch als einen, der alles beobachtet. All dieses passiert gleichzeitig in einer energetisch erlebten Weite, im Gewahrsein.

 

Nun, das hört sich trotzdem nach ziemlich viel tun an, all das beobachten und transformieren und wählen. Sagen nicht alle, wir sollen aufhören, zu tun?

Wer auch immer das Wort „Nichttun“ geprägt hat, hat dem Suchenden statt einen verheißungsvollen Hinweis, den Fluchtweg als verlockende Falle mit reingepackt. Der Verstand kennt oft nur schwarz oder weiß, alles machen oder nichts tun. Aber Nichttun soll ausdrücken, dass alles schon da ist – nicht, dass wir nichts mehr tun sollen oder können.

Wenn wir nur nicht tun, weil wir „glauben“, es gibt nichts zu tun, trennen wir uns von uns, also der Welt und dem befreienden Impuls aus dem bewussten Sein. Denn die Entscheidung, nichts zu tun, ist auch ein Tun und der, der entscheidet, was ein Tun ist, legt die Grenze zwischen Tun und Nichttun fest.

Ist Sehen, Essen und ein Toilettengang schon ein Nichttun oder beginnt Tun erst an einem bestimmten Punkt im Prozess?

Müssen wir nur unsere Blickrichtung ändern, dass das Wahrnehmen keine anstrengende Arbeit ist, sondern eine Eigenschaft des Bewusstseins an sich und Ausdruck des natürlichen Bedürfnisses, uns zu befreien? Können wir die Kraft in uns reaktivieren, dass das Erforschen und Wahrnehmen unserer Befreiung lustvoll sein kann? Aber Spüren, fühlen, wahrnehmen, ahnen und andere Sinne, die durch den Körper ein Bewusstwerden ermöglichen, scheinen für den Verstand zu banal.

 

Heute haftet dem Wort ‚Fühlen‘ scheibar fast der Charakter von Identifikation oder Anhaftung an. So viele Lehrer legen großen Wert darauf, das Gefühle irrelevant wären. Dabei ist Fühlen nur eine andere Ebene der Wahrnehmung vom dem, was ist.

Ja. Aber die meisten Suchenden, denen ich begegnete, glaubten zudem, dass z.B. Wut fühlen, das Wahrnehmen von wütend sein ist. Dass wütend sein schon eine dem Fühlen anschließende Emotion ist, die erst passiert, wenn ich nicht mehr oder erst gar nicht gefühlt habe, ist meist unbekannt. Bei den meisten Menschen liegen die körperlichen Sinne brach herum und verkümmern.

 

Dein Fühlen ist also gewissermaßen ein nicht-reagierendes Fühlen?

Ja, das Bewusstsein nimmt sich hier selbst wahr und die Transformation besteht darin, die Momente der Wahrnehmung im Frieden so auszuweiten, dass sie das ganze Sosein, den Schattenbereich sowie die mentale Projektionen, mit einbeziehen und dabei durch alles hindurch völlig wach bleiben.

 

Wäre es also richtiger, es so zu beschreiben, dass es nicht um eine zwanghafte mentale Selbst-Überwachung geht, sondern, dass man aus der Person zurücksinkt in einen Zustand reiner Wahrnehmung? Und dieses Wahrnehmen ist eine Qualität des Bewusstseins, auf die man sich bewusst ausrichten kann?

Ja, so könnte man das ausdrücken. Es ist aber schwierig, das Erleben aus dem neuen Paradigma, Menschen zu vermitteln, die im alten Paradigma leben. Viele können beim Verstehen und Fühlen fast ausschließlich auf vorhandene Verstandesmöglichkeiten zugreifen.

Man spricht die selbe Sprache mit unterschiedlich erlebter Bedeutung. Ich erlebe das öfters mit meiner Nahrungslosigkeit. Viele, die von mir davon hören, sagen sofort, dass sie das Essen so genießen und darauf nicht verzichten möchten. Es ist hier fast unmöglich zu vermitteln, dass es nicht um Verzicht oder Zwang geht. Nahrungslosigkeit kann aber fast ausschließlich nur in diesen Mustern von Diät oder zwanghafter Askese verstanden werden. Dass ein Seinszustand von einem anderen abgelöst wird und es eine vertiefende Bereicherung und kein Verzicht ist, kann oft bestenfalls intellektuell verstanden, aber selten wirklich erspürt werden. So ist es mit diesem Wahrnehmen auch, es ist ein eigener Zustand.

 

Und dieser Zustand, dieses neue Paradigma des Fühlens wird erst mit dem Erwachen wirklich möglich, weil erst dort diese tiefe Gründung in die der reinen Wahrnehmung stattfindet?

Ja. Aber auch das Aufwachen wird insgesamt oft fehlverstanden und nur auf den Endzustand geschielt. Du kannst den Prozess des geistigen sowie des körperlichen Erwachens auch wie ein Puzzle betrachten. Jedes Mal, wenn dir bewusst wird, dass gerade dein Schatten wirkt, dass es nur eine/deine Geschichte ist und nicht die Realität, setzt du ein Teil in das Puzzle. Das Entscheidende dabei ist aber, dass das Bewusstwerden im Moment in Frieden und Hingabe getaucht ist. Unterdrücke ich in diesem Moment z. B. Wut, weil ich ja bewusst werden will, gibt es kein Puzzleteil.

 

Wenn ich mich in der spirituellen Szene umschaue, scheint es viele Menschen zu geben, die sich seit Jahren vergeblich mit diesem Puzzle abmühen.

Zunächst wird es dir oft so scheinen, dass diese einzelnen Transformationsmomente nichts gebracht haben, aber da irrst du dich. Es ist wie bei diesem Puzzle: Erst wenn eine bestimmte Anzahl von einzelnen Teilen passend gelegt sind, lässt sich das gesamte Bild erkennen, auch schon bevor es vollständig ist. Dieses erste Erkennen löst dann die Identifikation von deinen Schatten oder mentalen Projektionen, obwohl das Ganze noch nicht befreit ist.

Die weiteren Schatten kannst du nun mit stabil gegründetem Beobachter erleben, im Beobachten nicht wirken lassen und mit Aufmerksamkeit ausheilen. Es ist ein meist langer Prozess, der in tausend einzelnen kleinen Erkenntnissen, Wahrnehmungen und Erlebnissen auf das Finale zuläuft und dann wie ein fast fertiges Puzzle in einem Moment, das Gesamte erkennbar wird.

 

Nun: Auch das widerspricht der populären Vorstellung von einem plötzlichen, einmaligen Erwachen, das alle Identifikation auflöst und auch den Lehren, die jegliche Arbeit an der Person, Schatten oder dem Körper für Illsion erklären.

Das plötzliche Erwachen ist ein gängiges Konzept, das den vorangegangenen Prozess meist ignoriert. Und wenn nur der Geist erwacht ist, scheint es fast noch schwieriger zu sein, dem natürlichen Impuls zur weiteren Befreiung zu folgen. Es ist so reizvoll und so bequem, sich darin einzurichten und alles, was dann noch an körperlichen Schatten aufkommt als Illusion abzuschieben – und damit allen unangenehmen Erfahrungen aus dem Weg zu gehen. Das praktizierende Advaita setzt den Rahmen wohl oft zu eng.

 

Wenn die geistige Identifikation mit der Story aufgelöst und das beobachtende Bewusstsein stabilisiert wurde, beginnt in deinen Augen also die zweite Phase: Das körperliche Erwachen. Lass und das noch einmal genauer ansehen, denn dieses Konzept wird nicht oft gelehrt.

Beim körperlichen Erwachen geht es um ein Fundament des Vertrauens, um totale Hingabe an alles, was in dir auftaucht. Ist im Geist die Trennung aufgelöst, muss das nicht automatisch auch in der Verkörperung passiert sein. Man kann durchaus geistig erwacht und körperlich sehr abgespalten sein!

Nur wenn auch der Körper erwacht ist, verlieren die Schatten vollständig ihre Wirkung. Der individuelle Ausdruck bleibt erhalten, nur drückt er sich frei fließend, ohne beeinflussende Schatten aus. Man wird freier sprechen, freier sehen, freier wirken und freier sein.

 

Gerade im Advaita wird doch aber immer und immer wiederholt, dass wir nicht der Körper, der Geist oder die Emotionen sind…

Ja, das ist eine häufige Frage: Wenn du nicht der Körper bist, ist dann die körperliche Erfahrung insgesamt nur eine Illusion?

Aber wir Menschen, selbst wenn wir im Geist erwacht sind, nutzen den Körper sehr real zum Essen, Reden, Ausscheiden, Ankleiden und zum Kassieren am Ende der Satsangs.

Und wir können auch den Körper mit all seinen Sinnen nutzen, um uns aus der Identifikation zu befreien. Ja, wir dürfen uns auch vom Glauben zum Wahrnehmen, vom Denken zum Erkennen, vom Sehen zum Erleben und vom Riechen zum Erinnern unterstützen lassen, um bewusst zu werden, dass es nur ein Traum ist.

Diese Möglichkeit des Zugangs über die Verkörperung und dem Herzen zur wahren Natur wird weniger vermittelt. Körperliche Wahrnehmungen und Schmerzen gehören wohl oft nur den Ärzten und den Therapeuten. Da viele schon jahrelange Therapien mit mäßigem „Erfolg“ hinter sich haben, ist die Ablehnung sehr groß, sich wieder dem Körper hinzuwenden.

 

Worum es dir aber geht ist ja nicht Re-Identifikation, sondern Transzendenz durch absolutes Wahrnehmen, wenn ich das richtig verstehe?

Ja, die Wahrnehmung, der Vorbote des Beobachters, ist der Weg, der keiner ist, weil alles schon da ist und nur wahrgenommen werden kann. Je tiefer du in den Körper schaust, desto mehr findest du nur reines Bewusstsein.

Bewusstsein ist Energie und Informationen und es formt und manifestiert sich als scheinbar feste Zellmasse, als Körper. Dieser Körper wird also geprägt und geformt durch die Energie und Information. Wenn beispielsweise Traurigkeit und Wut in unseren mentalen Projektionen, als Gedanken herumschwirren, spiegelt sich das in den Körperzellen wider, verhärtet und manifestiert sich als Krankheit. Obwohl unsere Zellen aller Organe sich in kurzer Zeit komplett erneuern, bleibt die Information unserer Konzepte und Glaubenssätze in den Zellen.

Dieses zeigt schön, dass unsere Schatten die Einlagerung von z.B. Traurigkeit in den Zellen einen zusätzlichen Prozess benötigen, um die Zellen von dieser trennenden, ja tödlichen Information zu befreien. Denn die Zelle ist dann buchstäblich traurig und möchte sich abgrenzen. Ja und diese, unsere Krankheiten erschaffen nun wiederum neue Gedanken-Impulse.

Dies ist ein Teufelskreis, den wir wohl nur durch bewusstes Wahrnehmen und Ausheilen unserer Schatten verlassen können. Ein erwachter Geist kann nun eine große Unterstützung sein, um den Prozess der umfassenden Befreiung in Fahrt zu bringen, aber mehr auch nicht.

 

Viele große Meister – gerade im Advaita – hatten nicht gerade eine innige Verbindung zu ihrem Körper…

Das nehme ich ähnlich wahr. Ich denke beispielsweise an Ramana, einer der großen Advaita-Lehrer. Hat er möglicherweise etwas übersehen, als er die Verkörperung wohl ablehnte, als er von Maden angeknabbert wurde und später an Krebs und nicht an einem freien, natürlichen Tod gestorben ist? Hat sein indisches konditioniertes Ich, welches den Körper meist sehr ablehnt, in seiner unumstrittenen tiefen Präsenz, noch mit großer Kraft in seinen Ausdruck gewirkt? Würden wir bei einem anderen hier nicht von einer Abspaltung reden?

„Ich bin nicht mein Körper“, das hat Ramana erkannt, als er das ICH-ICH wahrnahm, wie er das Selbst benannte. Hat er vielleicht übersehen, dass alle Gedanken-Impulse und Konzepte, auch nach dem Erwachen noch in seinem Körpernervensystem programmiert waren?

Gott hat uns unendliche Fülle zur Verfügung gestellt, die sich, wenn wir uns befreien, aus unserem Geist und aus der Verkörperung offenbaren. Nur die Frage „Wer bin ich“ zu stellen und dann herumsitzen, wird dieser Fülle wohl nicht gerecht.

Dasselbe passiert bei Sri Siva Sakthi Ammaiyar. Ich nahm eine sehr tiefe geistige Präsenz, aber auch einen tiefen Schmerz wahr, als ich ihr im Darshan gegenüber saß. Ja und zeigt sich nicht auch bei ihr ihre körperliche Ablehnung in ihrem Bewegungs- sowie Augenleiden? Weigert sie sich, wo hinzusehen?

Was für eine ehrfürchtige Kraft haben Ramanas Worte noch heute, dass kaum „Jemand“ wagt, in der einseitigen geistigen Betrachtung eine Ablehnung, eine Blockade, ja eine Grenze wahrzunehmen? Ist im unendlichen Bewusstsein nun doch eine Grenze, die Ramana zwischen Geist und Verkörperung gezogen hat? Oder war es für die Zeit genug und die heutige Zeit ist mit den vielen Aufgewachten reif genug, tiefer zu gehen und auch die Verkörperung zu integrieren?

 

Wie hat sich denn dein Erleben verändert, durch das körperliche Erwachen?

Wenn sich unsere Schattenanteile nur noch so schwach zeigen, dass sie kaum in die Wahrnehmung treten, passiert alles in fließender Veränderung. Es erscheinen Informationen aus dem Nichts, wo sie ausschließlich von Liebe getragen werden. Daraus entsteht ein Wirken, was zur Verarbeitung meinen Verstand und das zu dieser Information nutzbare weltliche Wissen wie Sprache und Fachlichkeit nutzt. Aus diesem freien Wirken offenbart sich meine erscheinende Wirklichkeit und diese drückt sich dann auch als Liebe aus.

In diesem Seinszustand ist der Mensch nicht mehr beschreibbar, da er in permanenter Veränderung ist. Es ist eine wunderbare Faszination, zu beobachten, was sich alles im Geist sowie im Körper und in der Wahrnehmung der Erscheinungswelt in jedem Moment komplett verändert. Dieses zu akzeptieren, ja dem sich völlig hinzugeben, ermöglicht erst das Mitfließen. Mal fließt scheinbar ein sanftes Rinnsal, mal ein reißender Strom und du kannst auf nichts aufbauen, weil dir in jedem Jetzt beobachtend bewusst ist, dass nichts wirklich passiert. In jedem Jetzt erscheint völlig unabhängig und unbeeinflusst in meiner Wahrnehmung eine Sequenz, die sich gleichzeitig in einen scheinbaren Kontext einfügt, der sich als Handlung in meine mir erscheinende Wirklichkeit darstellt. 

 

Löst sich dadurch die gewöhnliche Erfahrungsebene vollständig auf?

Ja und nein: Ich nehme die Welt auch noch in den gewohnten laufenden Bildern, dem Film wahr. Aber nun gibt es eine neue Bewusstseinsebene, die sich in meiner Beobachtung auf den gesamten Raum ausbreitet, so dass sich der Film gleichzeitig als Energie darstellt. Das Wissen darüber ist schon lange da, aber wenn es sich dann zeigt, ist es ein Wunder und zugleich selbstverständlich.

 

Wie verändert dieser Zustand deine Beziehungen?

Sie verändern sich vollständig. Das letzte wahrgenommene Duale, der weibliche und männliche Ausdruck, fließen zusammen. Hier meine ich nicht eine persönliche Liebe, sondern dass die Liebe sich zum und im Anderen als Liebe zwar ausdrückt, aber nicht von ihm, dem anderen abhängt. Es ist ein sehr intensiver Prozess, in dem die Ausrichtung vollständig auf die Freiheit von den restlichen Schatten und Identifikationen liegt.

In diesem heilenden Prozess ergänzen sich beide Verkörperungen so fein, dass aus zwei Wahrnehmungen drei werden. Jeder von uns gleitet je nach dem, was passiert, von der Wahrnehmung aus dem eigenen Ausdruck über zur Wahrnehmung aus dem gesamten Ausdruck. Und auch hier passiert wieder ab und zu die rein energetische Wahrnehmung des jetzt Erlebten.

Dann beginnt es, dass mein Beobachter aus dem Anderen auf mich schaut und ich die scheinbaren Formen als informative Energie wahrnehme. In dieser Ebene des Gottesbewusstseins nehme ich die Welt aus einem anderen Bezug wahr. Jetzt betrachte ich die Welt der Erscheinungen als Spiegel des gesamten Bewusstseins. Ich schaue von außen betrachtend auf das Spielfeld und gleichzeitig nehme ich mich als ein Spieler im energetischen Verbundensein mit dem Mitspieler wahr.

In der Phase, wo sich das Erwachtsein im Geist und im Körper in dir gründet, ist das Erleben, dass du die Welt in dir wahrnimmst, du aber nicht in der Welt bist. Das heißt, dass alles, die Liebe, der Friede und die Glückseligkeit ausschließlich in dir wahrnehmend passiert.

In dieser Gründungsphase heilt und stabilisiert sich energetisch vieles in den Zellen und du kommst an den Punkt, wo es wieder aus der Wahrnehmung heraus eine entscheidende Ausrichtung erfordert. Auch hier verführen dich wieder restliche Schatten, dich in dieser Ebene einzurichten. Erliegst du denen nicht und spürst du weiterhin den Impuls, dich noch umfassender zu befreien, passiert etwas kaum beschreibbar Göttliches.

Es wird dir ein Mensch begegnen, der sich ähnlich wie du in dieser Phase befindet, in dem sich die ganze Welt, die Fülle der Liebe, des Friedens und der Glückseligkeit zum Ausdruck bringt. Was du in der letzten Phase nur in und aus deiner Verkörperung wahrgenommen hast, erfährt nun eine unendliche Weite, die das ganze Universum einschließt.

 

Und man reitet gemeinsam in einen rosa Sonnenuntergang?

Nein, du erlebst in dieser Verbindung das allumfassende sich füreinander Ergänzen, in der nun tiefer greifenden Schattenarbeit. Nichts wird hier mehr geschönt, versteckt, verdrängt oder verschoben. Alles wird im gespiegelt verbundenen Erleben radikal schonungslos benannt, gezeigt und geheilt. Hier erhalten die restlichen Schatten und Anhaftungen ihren letzten wirkenden Auftritt, bis alles in Frieden und in Liebe getaucht ist. Radikale Schattenarbeit wechselt sich ab, mit dem wohl unfassbarsten sowie unpersönlichsten Ausdruck von Liebe, den ich erleben durfte.

In dieser Phase ist fasst jeder Moment Gnade. Trotz der Un-Persönlichkeit der Verbindung ist in jeder Berührung, in jedem Wort und in jedem Blick so ein intensiver und weiter Ausdruck von Liebe, dass du Gott nun in jedem Moment gegenwärtig bist. Du befindest dich im Gottesbewusstsein. Beide Verkörperungen werden in dieser Heilung immer mehr belichtet, immer mehr lichtvoll sowie lichtdurchlässig.

Deine Wahrnehmung passiert nun wechselseitig mal aus deiner, mal aus beider sowie aus dem allverbundenen energetischen Feld. Ich beobachte immer öfter aus der Verbindung beider Bewusstseins-Ausdrücke. Hier erlebt auch unsere Begleitung anderer Menschen eine sehr wahrnehmende Vertiefung und Erweiterung.

 

Das dürften die meisten wohl eher zweimal lesen müssen…

Ja, es ist unbeschreibbar und der Verstand hat sich längst daran gewöhnt, zu dienen und nicht mehr verstehen zu können. Wissen tritt hier sehr in Hintergrund, verliert mehr und mehr an Bedeutung. Alles was im Moment an Wissen zum Wirken benötigt wird, offenbart sich im Moment aus dem stillen Nichts, wo die Fülle des Allwissens entspringt.

Wenn du befreit von Anhaftungen im Gottesbewusstsein bist, erlebst du eine weitere Ebene. Die Welt entsteht neu, sie zeigt sich nun als Spiegel des gesamten Bewusstseins und durch Wahrnehmung der Informationsenergie wirkst du nun mit der puren Liebe heilend auf das gesamte Bewusstsein.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte David Rotter.

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):

Eine Antwort

  1. Profilbild von Elisabeth Marichal
    Elisabeth Marichal

    Die Wissen doch alle nicht wovon sie sprechen. Schon wenn ich was von Schattenarbeit lese sagt es doch das da niemals die Liebe wirken kann. Liebe kennt keine Schatten, da Schatten sehen Ablehnung ist. Wenn da Schatten gesehen werden wird gesagt: Da ist etwas nicht in Ordnung. Wann will das denn erfasst werden damit die Liebe erblühen kann?

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*