Lena Grabowski erzählt, warum das Leben richtig ist und wie sie mit den Schleifarbeiten des Lebens an ihr umgeht…

Wir alle kennen sie: New Age Weisheiten wie „Alles geschieht im richtigen Augenblick“, „Das Leben liebt mich“, „Glück ist eine Entscheidung und kein Ergebnis“. Und tatsächlich gibt es Menschen, die wie von Natur aus mit sich selbst und ihrem Leben einverstanden zu sein scheinen. Sie sind einfach zufrieden und dankbar für das, was sie haben und leben. Sie haben das Gefühl, dass ihnen Dinge „geschehen“, etwas Neues auf sie zukommt und dass es etwas Gutes sein wird. Sie tragen ein nahezu natürliches Vertrauen in sich. Das sind Menschen, die keine Erleuchtungskongresse besuchen müssen und auch keine Bücher zur Selbstverwirklichung lesen. Und die doch ein erfülltes Leben führen. Nicht selten sind diese Menschen von einer geheimnisvollen Kraft erfüllt, die sie selbst als Glauben oder Vertrauen in das Leben bezeichnen. Dann wiederum gibt es Menschen, die aufgrund krisenhafter Ereignisse beginnen, ihr Leben sowie ihre persönlichen Einstellungen und Sichtweisen zu hinterfragen. Manchmal erwächst der Wunsch nach mehr Bewusstheit und Selbstbestimmung, danach, ein Mitspracherecht im eigenen Leben zu haben. Sie suchen, wachsen, streben, möchten ankommen. Sie sind auf der Suche nach dem Guten und Sinnhaften in ihrem Leben, für das es sich zu leben lohnt.

Und dann gibt es noch die Menschen, die über einen langen Zeitraum, schlimmstenfalls ein Leben lang, nicht aus ihrem Dilemma herauskommen. Sie fühlen sich in ihren misslichen Umständen gefangen, sind unglücklich, empfinden sich als Opfer ihrer Umstände unter der Prämisse „Muss ja“, „Das Leben ist kein Ponyhof“ oder „Man bekommt im Leben nunmal nichts geschenkt“, „Ich bin ein Pechvogel“. Diese Menschen sind aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Prägungen und entsprechenden Lebensdynamiken oft dermaßen gebeutelt, dass das Urvertrauen und das Gefühl, eine Wahl im Leben zu haben, absolut verschüttet sind.

Neu ins Leben hineingeboren

Und doch bin ich vielen Menschen begegnet, die einen schwierigen Start ins Leben hatten und eines Tages eine Wahl getroffen haben. Von frühen Gewalterlebnissen, Krisen jeglicher Art und allerhand schmerzlichen Erfahrungen haben sich diese Menschen erhoben und sich gesagt, dass das noch nicht alles gewesen sein kann in ihrem Leben und haben sich auf die Suche nach etwas anderem gemacht. Sie sind neu abgebogen, haben eine andere Strecke gewählt. Haben sich neu ins Leben hineingeboren. Und es waren nicht immer positive Ereignisse im äußeren Umfeld, die sie dazu bewogen haben. Manchmal waren das Dilemma und der Scherbenhaufen so groß, der Druck im Inneren so stark, dass genau das zu einer neuen Wahl geführt hat. Einige von ihnen sagen heute: Mein Leben ist gut, wie es ist. Ich habe das Allerbeste aus meinem Scherbenhaufen gemacht. Ich kenne auch Menschen, die ihr Leben einer höheren Instanz widmen und das Bedürfnis verspüren, sich ganz dieser Priorität hinzugeben und das Persönliche dabei zu überwinden. Da stehen vor allem Werte wie Freiheit und Spiritualität im Zentrum ihres Lebens. Hier stellt sich die Frage nach Gut oder Schlecht meist schon gar nicht mehr. Hier wird das Leben transzendiert und das Leben ist einfach, wie es ist!

Ewige Schleifarbeiten

Dass das Leben gut ist, kann ich nicht als endgültige Weisheit in den Raum stellen. Ich kann nur teilen, warum ich mein Leben mitsamt allen glücklichen wie schmerzlichen Ereignissen und zyklischen Herausforderungen, diese ewigen Schleifarbeiten am Inneren, als richtig und sinnhaft empfinde. Darum möchte ich eine persönliche Geschichte erzählen, die mich mehr als geschliffen hat – sie hat mich die Tiefe und Gnade des Lebens spüren lassen. Sie hat dazu beigetragen, dass ich ganz in die soziale und therapeutische Arbeit mit Menschen eingetreten bin – obwohl ich bereits als Kind den Wunsch verspürte, im späteren Leben in diesem Bereich zu wirken. Der Verlauf meiner Jugend mündete während der Oberstufenzeit – eine Zeit, in der alle um mich herum feierten, verreisten, ihr Leben genossen – in einer komplexen und lebensbedrohlichen Autoimmunerkrankung.

In meinen jungen Jahren stellten sich also Fragen wie „War das schon alles?“, „Warum ich?“. Unsicherheit tauchte auf, ob ich das eines Tages schaffen und überwinden würde, ob ich mich lange mit meinem Autoimmunkonflikt herumschlagen oder sogar eines Tages einfach nicht mehr aufwachen würde, weil die Symptome stärker waren als meine Lebenskraft. Und es drängte sich die Frage auf, wie es wohl ist, noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr das Leben wieder zu verlassen. Heute bin ich sehr froh und dankbar, eine Lebenskrise in dieser Form durchlebt zu haben, denn ich habe eine für mich existenzielle Erfahrung machen dürfen. Ich würde sie folgendermaßen beschreiben: Inmitten eines entkräfteten körperlichen und seelischen Zustandes habe ich erleben können, im Leben immer wieder eine Wahl zu haben.

In einer Sommernacht im Jahr 2000 drängten sich Fragen über das Leben und den Tod – und was ich gerne noch erleben würde – in einer Weise auf, die mich nicht schlafen ließ. Herzrhythmus-Störungen, diffuse Ängste und andere Phänomene sorgten dafür, dass ich mich unruhig im Bett drehte und wälzte. Doch anstatt zum Telefon zu greifen und eine Notdienstnummer zu wählen, blieb ich liegen. Ich hatte ein tiefes Gefühl, selbst da durchgehen zu müssen. In genau dieser Nacht hatte ich eine bedeutsame Begegnung mit mir selbst – oder auch mit einer Kraft, die ich als Existenz bezeichnen würde. Es war, als hätte mir eine innere Stimme mitgeteilt: Du hast eine Wahl, liebe Lena. Du kannst morgen wieder aufwachen – oder auch nicht. Es ist (d)eine Entscheidung.

Ich habe eine Wahl

Vielleicht lässt es sich im Rückblick als ein spirituelles Erlebnis bezeichnen. Angefühlt hat es sich wie ein Zwiegespräch zwischen mir und einer Kraft, eine innere Kommunikation, in der mir eine Wahlmöglichkeit geschenkt wurde: Willst du leben oder loslassen? In mir tauchte eine Erkenntnis auf, dass ein „Aufgeben und Loslassen“ für diesen Moment zwar ein irdisches Ende bedeutet hätte, auf einer anderen Ebene aber möglicherweise nicht. Ich hatte den Eindruck, dass die Wahl, das Leben jetzt bereits zu verlassen, weitreichende Konsequenzen haben könnte…

Diese Nacht werde ich sicher nie vergessen. Es war die Geburtsstunde einer für mich existenziellen Erfahrung: Ich habe eine Wahl. Wer oder was genau in mir eine Wahl getroffen hat – wer weiß? In dieser Nacht entschied ich mich jedenfalls mit den letzten mir zugänglichen Ressourcen ganz bewusst dafür, dass ich dieselbe Kraft, die ich bislang unbewusst in mein ausweglos erscheinendes Krankheitsgeschehen investiert hatte, fortan bewusst in meine Genesung und in mein Leben investieren wollte. Dieselbe Kraft, anderer Fokus. Ich hatte das dringliche Gefühl, dass da noch ein Leben auf mich wartet, und all meine Träume, die ich bis dahin noch nicht ansatzweise gelebt hatte, tauchten in mir auf. Ich empfand es plötzlich als ungerecht, jetzt schon gehen zu müssen. Und da spürte ich wieder einen enormen Lebenswillen in mir. Und eben das leise Gefühl, eine Wahl im Leben zu haben. Vor dem Hintergrund meiner Biografie war und ist es noch immer eine heilsame Erfahrung. Es war die Geburtsstunde eines Genesungsprozesses, der mir tiefe Einsichten, Erkenntnisse und im Verlauf Heilung schenkte.

Ich fand eine neue Haltung meinem Leben gegenüber und begann dieser unbeschreiblichen Kraft in meinem Inneren fortan immer mehr zu vertrauen. Diese dunkle Nacht meiner Seele löste eine Remission meiner Krankheitssymptome aus. Der Genesungsprozess erstreckte sich zwar über einige Jahre. Das Erlebnis machte mir jedoch schlagartig bewusst, dass in meinem Leben immer viel mehr möglich sein kann, als das, was ich gerade erlebe.

Die Erfahrung einordnen

Ich bin weder Jesus begegnet, noch war ich sofort geheilt. Es gab damals keine Speaker, Teacher, Psychotherapeuten, Gurus oder Coaches in meinem Leben. Ich hatte nur mich selbst, meine Intuition, mein spezielles Erlebnis und eine Handvoll Freunde. Und diverse Zeichen am Wegesrand. Im Laufe der Zeit wurden mir beispielsweise aus meinem Umfeld immer wieder Bücher zugeschoben. „Veronika beschließt zu sterben“, „The Magic Power of Intuition“, „Die Macht des Unterbewusstseins“ und „Wirkliche Wunder“. Diese Bücher haben damals mein Leben begleitet und mir geholfen, meine Erfahrung besser einordnen zu können. Ich erinnerte mich im Verlauf meines Genesungsprozesses immer häufiger daran, dass ich in der Kindheit und Jugend durchaus ähnliche Erfahrungen gesammelt hatte, wie sie in den Büchern beschrieben wurden.

Zum Beispiel hat es mich immer wieder überrascht, dass etwas, worüber ich länger nachdachte, einige Zeit später auf wundersame Weise geschah. Oder dass ich etwas, wovon ich träumte, eines Tages im realen Umfeld vorfand. Darunter waren sowohl positive als auch negative Ereignisse. Einen Reim konnte ich mir damals noch nicht darauf machen, ich konnte das nur stellenweise beobachten. Es wurde für mich erst später immer deutlicher, dass Innen und Außen in einer unmittelbaren Beziehung stehen. Was jedoch nicht hieß, dass ich sofort alle Kräfte kultivierte, um mein Leben fortan in ausschließlich erfolgreiche Bahnen zu lenken und stets bewusst zu wählen. Und was auch nach wie vor für mich nicht heißt, jederzeit den Lauf der Dinge voll steuern zu können.

Unvoreingenommen und wertfrei wie die Kinder

Eine Wahl im Leben zu haben, bedeutet nicht unbedingt, eine Situation sofort verändern zu müssen oder zu optimieren. Eine Wahl zu haben kann auch bedeuten, einer Angelegenheit zunächst mit einer gelassenen Haltung zu begegnen. Mit einem offenen Herzen. Sich selbst in alledem zu fühlen und mit allem zu akzeptieren, was im Inneren rumort. Denn auch die herausfordernden Ereignisse sind nicht per se schlecht – im Gegenteil. Wer weiß schon, was gerade im Inneren geschliffen wird und erblühen möchte. Als wir Kinder waren, haben wir die Welt noch mit allen Sinnen und mit unseren Herzen erfasst. Unvoreingenommen und wertfrei. Eher leichtfüßig unterwegs, erfahrungshungrig, neugierig, willensstark und lebendig. Kinder träumen, sie staunen, sie fühlen intensiv – und vor allem erobern sie die Welt. Das kindliche Erleben kann sich dabei ganz magisch anfühlen wie „die Welt liegt mir zu Füßen“. Da wird auch noch kein Unterschied gemacht zwischen Gut und Schlecht.

Der Sturz vom Ast und das anschließende Aufrichten ist gleichermaßen wertvoll wie das gelungene Backen eines Sandkuchens. Diese Zeit nennen wir bei Kindern die magische Phase. Und auch Kinder, die in schwierigen, leidvollen Strukturen aufwachsen, haben diese Phase und diesen Zugang. Kinder kommen mit diesem Potenzial zur Welt. Leider verlieren die meisten Kinder im Laufe der Zeit diese Fähigkeit. Einmal natürlicherweise bedingt durch das Älterwerden und die – sicherlich meist ungewollte – Anpassung an soziale und gesellschaftliche Strukturen. Und auch durch Bildung, durch das allgemeine einseitige Fördern von Intellektualität, das auf Kosten der beseelten Gefühlswelt und der erweiterten Sinneswahrnehmungen gehen kann. Und nicht zuletzt auch durch entsprechende prägende Erfahrungen, die ihnen zunächst den Zugang zur Magie des Lebens erschweren.

Magisches Erleben

Dabei ist gerade dieses magische Erleben etwas, das uns das Leben intensiv, beseelt, tief und sinnhaft erscheinen lässt. Begleitet von einem Gefühl, dass alles im Leben möglich ist und es nichts weiter braucht, als den eigenen inneren Impulsen zu folgen. Auch geführt von den kraftvollen Bildern, die wir in uns tragen – diejenigen, die unser Herz berühren und uns rufen. Die uns wecken und uns zum Losgehen auffordern. Ein ehrlicher Rückblick auf meine ersten vierzig Lebensjahre sagt mir: Wann immer ich innerlich nicht sehr wach war, hat das Leben in mir und um mich herum in jedem Fall dafür gesorgt, mich wach zu machen.

Dann tauchen Menschen und Situationen auf und es bastelt sich ein Szenario für alle Beteiligten zusammen mit der Möglichkeit, gemeinsam aus einem Dämmerschlaf aufzuwachen. All diese schmerzlichen Momente, wie wir sie aus Heldenreisen in Büchern, Filmen und Dokumentationen kennen. Und vor allem aus unserem eigenen Leben. Dann stehen wir vor einem initiatorischen Augenblick, der das Innere schleift und alle an diesem Prozess Beteiligten auf etwas Neues und zuweilen auch Größeres vorbereitet. Sofern wir das zulassen. Und ja, ich empfinde das Leben als gut, oder besser formuliert, als richtig, auch in diesen Momenten. Ich befinde mich auf einer Heldenreise durch mein Leben und erlebe meine Herausforderungen immer mehr als Geschenke. All diese Schleifarbeiten läutern mein Herz und machen mich nicht nur wach, sondern auch demütig. Weil ich spüre, dass da etwas in mir ist, das mich von innen heraus führt. Etwas Geheimnisvolles, Magisches, das mich trägt, wenn es brennt und wehtut. Etwas, das mich beschützt, wenn ich unbewusst einen Umweg oder eine Extrarunde gewählt habe. Etwas, das mich weckt, wenn ich einschlafe. Mit dieser Kraft, dieser Stimme in mir, fühle ich mich verbunden.

Manchmal führe ich – wie damals, mitten in dem Autoimmunkonflikt – Zwiegespräche. Dann frage ich zum Beispiel nach dem „richtigen Abzweig“ oder ob etwas gut für mich ist. Und dann meldet sich diese sanfte Stimme in mir und wispert so etwas wie: „Lass es sein. Probiere was anderes.” Meine Erfahrung ist: Wenn ich dieser Stimme in meinem Inneren NICHT folge, kann das erfahrungsgemäß weitreichende unangenehme Konsequenzen für mich haben. Dann zieht es mich mitten in ein Drama und ich frage mich: „Mist, warum habe ich nicht auf meinen Instinkt gehört?“ Was ich von meinem Inneren lernen kann, ist, diesem mal sanften, mal lauten und glasklaren Gespür und somit meinem Lebensweg immer mehr zu vertrauen. Die Gnade in meinen Erfahrungen zu erkennen, selbst wenn ich von Enttäuschung, Wut, Trauer und anderen Gefühlen bewegt werde. Einer inneren Stimme, einem ganz tiefen, klaren Instinkt in sich zu vertrauen, kann manchmal allerdings auch bedeuten, das Umfeld zu irritieren. Das ist für mich mit Abstand eine der größten Herausforderungen: mir zu folgen, selbst wenn das bedeutet, einen anderen Menschen damit vor den Kopf zu stoßen.

Ein ewig brennendes Herz

Manchmal ist diese Stimme in mir stärker als all die Prägungen und Kritzeleien in meiner Seele. Dann gibt es keine Schwellen zu be- und übertreten, keinen immensen Reifeprozess, keinen Berg zu erklimmen. Dann ist da ein instinktives Gefühl, eine Stimme, ein glasklares Gespür für das, was zu tun oder was zu unterlassen ist. Dann fühle ich genau, wo es mich hinzieht. Dann gehe ich, wach und bewusst, manchmal wie von Zauberhand geführt, genau dorthin, wo das nächste Puzzlestück meines Lebens auf mich wartet – innen wie außen. Dann ist es ganz leicht. Ich fühle diesen unbändigen Drang in mir, intensiv und wahrhaftig zu leben und immer weiter zu gehen, bevor ich das Leben wieder verlasse. Ich wünsche mir, mit all meinen Sinnen wieder ganz tief in die Magie dieses Lebens einzutauchen und ein ewig brennendes Herz in mir zu spüren. Mein Herz zu spüren, das Träume in sich trägt, das mich zum Weitergehen auffordert, mich ruft, wenn ich mitten im Leben einschlafe. Ein Herz, in dem ich zur Ruhe komme. Mit einem kindlichen, vertrauensvollen Gefühl in mir: „Das habe ich noch nie probiert, also geht es sicher gut!“ (Pippi Langstrumpf) Und wenn ich mich doch mal wieder in schmerzlichen Augenblicken wiederfinde und alles in mir lodert, dann trägt mich diese Botschaft durch die ewigen Schleifarbeiten: Just breathe, darling. It´s just a chapter. It´s not the whole story. (Atme einfach weiter, Liebling. Es ist nur ein Kapitel, es ist nicht deine ganze Geschichte!)

Author: Oliver Bartsch

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*