Anzeige

Mutter und Tochter: Jedes Mädchen wird irgendwann einmal eine erwachsene Frau. In welcher Weise sich ihre Weiblichkeit dann ausdrückt, wie sie sich fühlt und ihre Rolle als Partnerin und Mutter ausfüllt, hängt zu einem großen Teil davon ab, wie sie zu ihrer eigenen Mutter steht. Oft ist die Beziehung zur Mutter nicht geklärt. Dann bohren Wut und Schmerz darüber, nicht das bekommen zu haben, was man als Kind gebraucht und gewollt hätte, weiter in der Seele. Erst wenn diese gesehen und ausgedrückt sind, werden Frauen wirklich beziehungsfähig – in der Beziehung zu ihrenKindern, zu anderen Menschen und in Liebesbeziehungen.

Von Christiane van Schie

Die weise Mutter

Als ich das erste Mal in einer Notsituation meine Mutter anrief und um Rat fragte, war ich erstaunt, wie weise sie mir geantwortet hat. Sie hat mir nicht die Schuld für mein Dilemma gegeben oder mich belehrt, sondern auf eine Art mit mir gesprochen, wie ich es noch nicht kannte. Sie war für mich eine ganz andere Mutter als die, die ich zu kennen glaubte. Wie war das möglich?

Ganz einfach: In dem Moment, als ich sie um Hilfe bat, war sie in ihrer Kraft, war sie die alte, erfahrene Mutter. Die Ordnung zwischen uns war in Balance. Sie ist die Mutter, ich bin ihre Tochter. Ich habe sie an dem Platz gesehen, der ihr gebührt.

Bis zu dem Tag waren unsere Begegnungen oft von heftigen Auseinandersetzungen überschattet.

Meist ging es um Rechthabereien. Ich habe mich als erwachsene Frau wie eine wilde Jugendliche gegen sie aufgelehnt. Es waren Kämpfe, weil ich mich als Stärkere, Klügere, Weisere gesehen habe. Ich hatte mich noch nicht abgenabelt, empfand meine Mutter als Bevormunderin, als Besserwisserin, und vor allem als eine, die eine Menge falsch gemacht hat in meiner Kindheit.

Inzwischen bin ich selbst Mutter von drei erwachsenen Kindern. Als meine Kinder klein waren, sah ich mich oft in ähnlichen Überforderungssituationen, wie sie meine Mutter mit mir und meinen Geschwistern erlebt hat.

Es war ein langer Weg und inzwischen kann ich meine Mutter da lassen, wo sie ist – schlicht als meine Mutter, die Frau, die mir das Leben geschenkt, mich genährt und versorgt hat, in meiner Kindheit Verantwortung für mich übernommen hat und mich als erwachsene Frau meinen Weg gehen ließ – ohne sich einzumischen, auch wenn ihr vieles, was ich tat, mit Sicherheit unverständlich und fremd war.

Jetzt bin ich ihr dankbar für das, was sie mir an Liebe geben konnte, obwohl sie selbst als Kind mehr Schläge als Liebe bekommen hat und mehr Verantwortung übernehmen musste, als sie tragen konnte. Ich weiß, dass Fehler natürlich sind, dass keine Mutter perfekt ist, schon gar nicht in einer Gesellschaft, die Müttern nicht den gebührenden Respekt entgegenbringt und einen angemessenen Ausgleich für ihre Arbeit zugesteht. Heute bin ich froh, dass meine fast 80-jährige Mutter noch am Leben ist und wir uns offen und ehrlich begegnen können.

Zur gesunden Mutter und Tochter Beziehung: Der erste Schritt

Verletzungen, Vorwürfe und Streitereien enden in einer Sackgasse, aber wie lässt sich die Liebe wieder zum Fließen bringen? Ich habe erlebt, dass es jahrelange Arbeit war, die Beziehung zu meiner Mutter zu heilen.

Der erste Schritt ist, den Zorn über Verletzungen in der Kindheit zuzulassen und in einem geschützten Raum auszudrücken. Zorn ist eine starke und tiefe Emotion, er entspringt der Leidenschaft für Gerechtigkeit und muss gewürdigt werden. Der Zorn auf Lieblosigkeit, Respektlosigkeit, körperliche und seelische Verletzungen muss sich äußern können. Erst dann kann sich das Herz für die Traurigkeit öffnen und am Ende wird Einfühlung und Vergebung möglich. Das braucht Geduld und Zeit.

Abnabelung ohne Trennung

Der zweite Schritt ist die Abnabelung. Das bedeutet keine radikale Trennung, sondern die Verantwortung für das eigene Leben mit allen Konsequenzen zu übernehmen, sich nicht als Opfer der bösen Mutter zu sehen und die Schuld für alles, was im Leben nicht gut läuft, den Eltern zu geben.

Abnabelung bedeutet auch, einen gesunden Abstand zu wahren. Es braucht Zeit, den Mut zu finden, die eigenen Bedürfnisse der Mutter mitzuteilen und wenn es nötig ist „Nein“ zu sagen: „Nein, ich will deinen schönen Kuchen jetzt nicht essen“, und sich von der Rolle der artigen Tochter zu verabschieden. „Ich weiß, du hast ihn mit Liebe gebacken, aber ich will deine Liebe nicht als Kuchen.“

Die unsichtbare Nabelschnur zwischen Mutter und Tochter kann nie durchtrennt werden, denn die Bindung bleibt ein Leben lang, auch wenn es keinen Kontakt gibt, auch wenn die Mutter gestorben ist. Diese unsichtbare Nabelschnur ist dehnbar und lässt viel Spielraum für ein unabhängiges, eigenständiges Leben.

Durch die natürliche Abnabelung von der Mutter wird eine liebevoll-respektvolle Beziehung möglich, doch manchmal kann es vorher wichtig sein, den Kontakt eine Zeit lang zu unterbrechen, um aus der Distanz für die Klärung der Beziehung Kraft zu schöpfen.

Liebe und Respekt

Mutter-TatyanaGladskih-Foto

Die Sehnsucht, von der Mutter geliebt und respektiert zu werden, bleibt ein Leben lang. Aus diesem Grund sind herablassende Bemerkungen von der Mutter so verletzend. Doch nicht nur die Tochter, sondern auch die Mutter wünscht sich Liebe und Respekt!

Konflikte zwischen Mutter und Tochter erschüttern die Seele zutiefst. Wenn die Verbindung zur Mutter unterbrochen ist, fehlt die Rückbindung, und kostbare Lebensenergie wird blockiert. Es kostet viel Kraft, den Lebensweg souverän, frei und gelassen zu gehen, ohne den Frieden mit der Mutter gefunden zu haben.

Die geprügelte Generation

Einfühlung braucht Verständnis. Unsere Mütter der Nachkriegsgeneration wurden als Kind fast ausnahmslos verprügelt. Erziehungsratgeber aus dieser Zeit, die teilweise noch heute aufgelegt werden, empfahlen körperliche Züchtigung als wichtigste Erziehungsmaßnahme.

Mit Parolen wie „Entweder du reißt dich jetzt am Riemen, oder ich schlage dich windelweich“ ist diese Generation aufgewachsen. Nationalsozialistische Erziehungsratgeber wie „Die Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer wurden noch bis 1996 in Millionenauflagen in Deutschland verlegt. Das Buch gibt es immer noch bei Amazon zu kaufen. Darin finden Mütter die Anleitung, wie sie bereits ihrem Neugeborenen Disziplin und Unterordnung beibringen. Viele unserer Mütter sind dementsprechend „großgeprügelt“ worden – und das nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule.

Erst 1973 wurde die Prügelstrafe in Westdeutschland abgeschafft, allerdings behielt Bayern in Schulen bis 1980 (!) noch ein gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht und erst seit dem 6. Juli 2000 stehen körperliche Züchtigungen in Deutschland unter Strafe.

Zum Glück, das belegen Studien, führt erlittene Gewalt in der Kindheit nicht zwangsläufig zu Gewalt gegen die eigenen Kinder.

Mütter in unserer Gesellschaft

In Deutschland gibt es eine sogenannte Kinderarmut, aber tatsächlich ist es die Armut der Mütter.

Meine Tochter hat vor zwei Jahren Zwillinge geboren. Sie war seitdem oft am Ende ihrer Kraft. Trotzdem musste es immer weitergehen, jeden Tag, jede Nacht, Jahr für Jahr, musste sie Wäscheberge von fünf Personen bewältigen, einkaufen, kochen, trösten, heilen, Geld verdienen und eine sexy Ehefrau sein.

Sie müsste für jedes Kind monatlich 1000 € erhalten, damit wäre ihre Arbeit annähernd vergütet. Doch es wird von Müttern erwartet, dass sie ihren 24-Stunden-Job für einen Hungerlohn (Kindergeld) erledigen. Kein Mann würde so hart und so ausdauernd für so wenig Geld arbeiten (bis auf die wenigen alleinerziehenden Väter). Mütter werden in unserer Gesellschaft nicht bezahlt und somit wird ihre lebenswichtige Arbeit nicht anerkannt und geehrt.

Wenn Mutterschaft keine gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit ist, dann ist es auch nicht verwunderlich, dass viele erwachsene Töchter (und Söhne) ihre Mutter nicht ehren.

Doch Frauen sorgen mit ihrer Bereitschaft, Kinder zu gebären und zu versorgen, für die nächste Generation. In Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, ist trotz Wohlstand diese Bereitschaft seit den 60er Jahren immer weiter zurückgegangen. Nirgendwo auf der Welt werden weniger Kinder geboren als hierzulande. 22 Prozent der Frauen haben keine Kinder.

Die Mutter ist die Lebensspenderin, sie bringt den Mut und die Kraft für Schwangerschaft und Geburt auf, sie trägt viele Jahre Tag und Nacht die Verantwortung für ihre Kinder, jede fünfte Mutter als Alleinerziehende.

Hilfe, ich sehe aus wie meine Mutter!

Kleine Mädchen schlüpfen gern in die Schuhe der Mutter, benutzen in unbeobachteten Momenten ihren Lippenstift, stöckeln durch die Wohnung und ahmen ihren Gang nach. Die Mutter ist in der Kindheit Vorbild und Idol. Meist ändert sich das in der Pubertät, und als erwachsene Frau will kaum noch eine so werden wie ihre Mutter. Wenn eine Frau im Spiegel die Gesichtszüge ihrer Mutter entdeckt, ist das Erschrecken groß, noch schlimmer, wenn die Figur allmählich der der Mutter ähnelt. Den eigenen Körper so zu lieben, wie er gerade ist, stellt bei dem allgegenwärtigen Photoshop-Schönheitsideal eine Herausforderung dar. Das Selbstwertgefühl von Frauen wird schon als junges Mädchen von der eigenen Mutter in der Kindheit geformt. Allerdings bleibt eine Frau, die ihr Selbstwertgefühl von der Resonanz ihrer Erscheinung auf Männer abhängig macht, in der Beziehung ein kleines Mädchen, das Bestätigung sucht, und kann ihrem Partner nicht auf Augenhöhe begegnen. Den eigenen Körper so zu lieben, wie er gerade ist (und er wandelt sich natürlich ein Leben lang), stellt für viele Frauen durch die Mainstream-Ideale eine Herausforderung dar. Die Basis einer lebendigen, gesunden Beziehung zu sich selbst und andern liegt darin, sich selbst wertzuschätzen, zu ehren und die einzigartige Kostbarkeit des Körpers zu erkennen (das gilt natürlich gleichermaßen für Männer).

Meine Mutter braucht dringend eine Therapie – und ich weiß, welche!

Heftige Auseinandersetzungen beginnen oft in der Pubertät. Die Abnabelung gelingt nicht immer auf gesunde, natürliche Weise. Es fehlt die Unterstützung der Familie, viele Mütter sind in dieser schwierigen Phase mit ihren jugendlichen Töchtern auf sich allein gestellt, haben keine Rückbindung zu ihrer eigenen Mutter. Werte und Erfahrungen, die die Mutter ihrer Tochter in diesem Alter vermitteln will, werden als altmodisch abgelehnt.

Manch eine Tochter glaubt noch als Erwachsene, alles besser zu wissen als ihre Mutter, und möchte der unwissenden Mutter ihre „Weisheit“ vermitteln, mit ihr zu Familienaufstellungen gehen, sie therapieren lassen und ihr und damit dann auch sich selbst zum Glück verhelfen.

Ich habe erlebt, wie viel einfacher die Beziehung zu meiner Mutter wurde, als ich aufhörte, von ihr Veränderungen zu erwarten. Und stattdessen bei mir selbst genau hinschaute, dem Zorn Raum gab und die Traurigkeit zuließ. Erst dann konnte ich mich wirklich in sie einfühlen und ihr nach und nach vergeben. Was dadurch geschieht, hat auch eine gesellschaftliche Bedeutung über das individuelle Mutter-Kind-Verhältnis hinaus: Die Heilung der Beziehung zur Mutter macht nicht nur die Frauen innerhalb der Familie glücklicher, sondern wirkt sich auch nach außen auf andere Menschen und letztendlich auf den Respekt gegenüber Müttern in unserer Gesellschaft aus.

(Dieser Text entstand mit der Unterstützung meiner 79-jährigen Mutter und meiner 35-jährigen Tochter.)

 


17.-21. August:
10. Heilungscamp für Frauen auf der Insel Rügen.
Thema: Mutterliebe

Info und Anmeldung unter

Tel.: 038307-275 oder
info@frauenheilweise.de
www.frauenheilweise.de

2 Responses

  1. Räubertochter
    Schöne, heile Welt

    Ich finde den Artikel gut. Danke.

    Nun mein kleines Aber:
    Es ist so vermutlich die wünschenswerte Normalsituation dargestellt. Man sieht es schon am Alter der drei Generationen. Mutter 79, Tochter, 35…. ist ja Wahnsinn…. so perfekt müsste es laufen.

    Bei mir war es total andersrum. Ich übernahm mit 12 die Verantwortung für beide Elternteile, da beide nach ihrer Scheidung nicht zurechtkamen. Meine Mutter sagte immer, sie wolle nicht früh Grossmutter werden und so kam es dann halt, dass sie von meiner Seite her nie mit einem Enkelkind beschenkt wurde. Nicht aus Trotz, sondern das Leben schenkte mir eben kein Kind.

    Trost, Hilfe Unterstützung gab es nie, aber ich musste davon viel spenden.
    Heute habe ich ihr vergeben und verziehen und vor allem auch mir selber. Da war viel Therapie nötig! Wir haben heute keinen Kontakt mehr und ich durfte endlich zu der Frau werden, die ich bin. Vielleicht aber ist es auch ein Generationen-Ahnen-Dingens bei uns. Meine Mutter wuchs nicht bei ihren Eltern auf, wurde Pflegekind, hatte keinen Kontakt zu ihrer Mutter. So denke ich bald, dass da was übertragen wurde…. eine Geschichte, die sich wiederholt? Ich habe es mir lange, lange Zeit anders gewünscht. Heute aber mit 43 Jahre möchte ich es nicht mehr anders. Es ist Zeit das eigene Leben zu leben. Wenn ich heute wieder guten Kontakt zu ihr hätte, würde es wohl drauf hinauslaufen, sie pflegen zu müssen und schon wäre ich wieder im Versorger-Kind drin. Ich würde meine Seele verkaufen.

    Versteht das jemand? Muss niemand.

    Wollte hiermit aufzeigen, es gibt nicht nur die heile Welt. Alles Gute!

    Antworten
  2. Almut
    Was macht die Mutter, oder ist es jetzt zu spät?

    Wie verhält frau sich als Mutter gegenüber einer eigentlich tollen, selbstbewussten Tochter? Ihre berufliche Karriere verdankt sie nicht zuletzt ihrer Entschlossenheit, nicht so zu enden wie ihre Mutter, mit einer spannenden Berufsausbildung, Abendabitur und zuletzt Zeitungsfrau mit einem Rentenanspruch auf 120€. Ihre erfolgreichen und freundlichen Männer werden nach einigen Jahren dann entsorgt, wenn sie nach einer Familiengründung anfragen.

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*