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Während der Körper bei äußeren Verletzungen erstaunliche Selbstheilungskräfte offenbart, scheint diese Dynamik im Bereich der Psyche manchmal zu haken. Da wirkt es bisweilen so, als reite man sich mit den Eigenbewegungen immer tiefer in den Morast, anstatt sich an den eigenen Haaren daraus emporzuziehen. Warum ist das so, und wie können wir diesen Teufelskreis durchbrechen ?

 

Ganze Bücher sind über das Dilemma der ewig gleichen Leidensgeschichten geschrieben worden. Beispielsweise “Spiele der Erwachsenen” von Eric Berne, in dem destruktive Interaktionsmuster dargestellt werden, die wir bisweilen unser ganzes Leben hindurch mit immer wechselndem “Spielpersonal” durcharbeiten (und uns dann wundern, “warum mir das schon wieder passiert”). Oder auch Watzlawicks “Anleitung zum Unglücklichsein”: Man findet den Ausweg nicht, auch wenn man ahnt, dass man nur eine kleine Veränderung davon entfernt ist, ein richtig angenehmes Leben zu führen – aber welche ist das?

Ein Hauptproblem besteht darin, dass man unter Anspannung weder sonderlich kreativ noch mental leistungsfähig ist. Stress lähmt und lässt uns alte eingefahrene Verhaltensbahnen immer wieder durchlaufen: Auch wenn uns das Ergebnis zeigt, dass das wenig zielführend ist, machen wir einfach “mehr desselben” und sind dann auch noch überrascht, wenn das nicht zu anderen Ergebnissen führt. Unter Stress schaltet das Gehirn auf ein Schmalspurprogramm: Kämpfen, Flüchten oder Erstarren. Das hat sich in der Evolution bewährt, aber vor 10000 Jahren waren die Probleme eben andere als heute. Im Angesicht eines Säbelzahntigers sind Kämpfen oder Flüchten als Handlungsoptionen gar nicht schlecht, aber im zwischenmenschlichen Bereich führt diese Einschränkung des Verhaltensrepertoires eher selten zum Ziel.

 

Vertraut: alte Muster

Unser Gehirn fällt also unter Stress bevorzugt in altbewährte Muster. Das Vertraute fühlt sich oft irgendwie angenehm und sicher an, selbst wenn es nicht mehr sehr wirkungsvoll oder hilfreich ist. Für neues Verhalten erhalten wir erst einmal keine Belohnung vom Gehirn – für das emotionale System gibt es, kurz gesprochen, noch keine Erfahrungen damit, und von daher “funkt” es nicht so recht. Das Richtige zu tun fühlt sich beim ersten Mal oft noch etwas “nüchtern” an.

Wie kommt man nun aus dieser Patt-Situation heraus? Viele alte Kulturen haben einen Ausweg gefunden in der Kultivierung von Trance-Zuständen, der Versenkung in innere Vorstellungsbilder. Auch  meditative Praktiken bis hin zum Autogenen Training zielen auf diesen veränderten Bewusstseinszustand.

In Trance wird zum einen das überhöhte Erregungsniveau des Körpers heruntergefahren – weg von einem lähmenden Stress-Level hin zu einem Bereich, in dem man kreativer und offener für neue Möglichkeiten ist. Der Tunnelblick löst sich auf, der Horizont wird weiter und man entkommt der engen Weichenstellung von “kämpfen, flüchten oder erstarren”. Auch das innere Erleben verändert sich: Statt in einem kreisenden und lähmenden Gedankenkarussell festzuhängen, spürt man sich wieder in seinem Körper und gewinnt Zugang zu den eigenen Bilderwelten. Und genau in dem Moment, in dem sich das begrenzte kleine “Ich” wieder in den tieferen Ebenen des Selbst erdet, greifen die Selbstheilungskräfte der Psyche und können neue Entwicklungen anbahnen.

 

Abgeben ans Unbewusste

Auf einer ganz banalen Ebene kennt das jeder aus dem eigenen Erleben: Da fällt einem ein bestimmter Name gerade nicht ein und jedes bewusst bemühte Suchen im Gedächtnis bleibt erfolglos. Nach einer Weile gibt man auf, wendet sich einer ganz anderen Tätigkeit zu oder macht vielleicht auch mal gar nichts – und mit einem Mal ist der Name dann da, obwohl man gar nicht mehr danach gesucht hat. Das Unbewusste hat den “Suchauftrag” aufgenommen, unabhängig vom Bewusstsein weitergeführt und schließlich das Ergebnis dann wieder “nach oben” geschickt.
Ein schönes historisches Beispiel dafür ist der deutsche Chemiker Friedrich August Kekule von Stradonitz, der vor über 100 Jahren die Struktur des Benzolmoleküls studierte, aber mit den vorhandenen Modellen nicht vorankam. Seiner eigenen Schilderung nach kam ihm die Erkenntnis in einem Tagtraum: Die Atome fingen an, sich vor seinem geistigen Auge zu bewegen und zu tanzen, und plötzlich erschien ihm die Form einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Voilà! Die korrekte Struktur des Benzols war gefunden: Es handelt sich nicht um eine Kette, sondern um einen Ring.

Die moderne Hypnotherapie verwendet Trance nun auf ganz ähnliche Weise wie die Ur-Psychotherapeuten schamanischer Kulturen: Durch Tiefen-Entspannung und Vorstellungs-Impulse werden die Ressourcen des Unbewussten aktiviert und neue Lösungen angebahnt.

Was vor Jahren noch etwas magisch-esoterisch anmutete, wird mittlerweile von der Neurowissenschaft belegt: Unsere gedanklichen Vorstellungen haben einen formenden Einfluss auf die Strukturen unseres Gehirns. “Wir tragen das Potenzial zur Veränderung in uns”, sagt der Molekularbiologe und buddhistische Mönch Matthieu Ricard im Gespräch mit Wolf Singer, einem weltweit renommierten Hirnforscher (“Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog”, Suhrkamp Verlag). Selbst alte, im Unbewussten gespeicherte Gedächtnisspuren können durch Wiedererleben verändert werden (eine gut lesbare Zusammenfassung dazu findet sich in Johann Caspar Rüeggs “Mind & Body. Wie unser Gehirn die Gesundheit beeinflusst”, Schattauer Verlag).

 

Die Ebene wechseln

In der Praxis ist es sowohl für den Klienten als auch für den Therapeuten immer wieder überraschend, wie sich der Knoten löst. Da lockert sich eine festgefahrene Prüfungsangst mit Lernblockade bereits nach der ersten Trance, indem sich der gedankliche Fokus vom Problem hin zum Zielzustand verschiebt. Oder der tiefere Grund hinter einer sexuellen Funktionsstörung wird plötzlich klarer – und kann dann auch bearbeitet werden. Am eindrücklichsten sind oft jene Stunden, die mit einem Gefühl von Stockung beginnen. Irgendwie geht es nach ersten Erfolgen nicht recht vorwärts, und man wäre in einer herkömmlichen Therapie vielleicht geneigt, von “Widerstand” zu sprechen. Dann aber wechselt man von der Ebene des Miteinander-Redens in eine Trance, und mit einem Mal tritt der nächste stimmige Schritt sehr deutlich aus den inneren Tiefen hervor. Der Klient setzt seinen Weg mit frischer Energie und einem gewachsenen Vertrauen in die eigenen inneren Kräfte fort.

Wenn du also ein Problem schon zigmal durchdacht hast und dabei nichts Neues mehr entdeckst, ist es Zeit, das Grübeln einzustellen – offensichtlich befindet sich die Lösung nicht auf dieser rein kognitiven Ebene. Es lohnt sich, die tieferen Ebenen des Selbst mit ins Boot zu holen… für neue Impulse und einen Weg, der für Kopf und Bauch gleichermaßen stimmig ist.


Abb: © Gerd Altmann_Shapes_AllSilhouettes.com – pixelio.de

Über den Autor

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ist Diplom-Psychologe, Heilpraktiker für Psychotherapie und Hypnotherapeut. Er praktiziert in Kreuzberg und verbindet in seiner Arbeit Elemente der Gesprächs-, Verhaltens- und Hypnotherapie.

Mehr Infos

Kontakt unter Tel.: 030 – 2175 0388

3 Responses

  1. Claudia

    @Thomas S.

    „Sorry, dass ich mich hier so aufgeregt habe.“

    So ist das halt, wenn ein Wort wie „Hypnose“ zum persönlichen Reizwort wird. Viel Lärm um Nichts. Scheint aber so eine Art weitverbreitete „buddhistische Problemtrance“ zu sein. Jedenfalls höre/lese ich die hier vorgetragenen Vorbehalte gegen die hypnotische Trance fast zu 100% aus dieser Ecke. Grund ist immer ein grundlegendes Missverständnis der therapeutischen Trancearbeit bei gleichzeitig fehlender Eigenerfahrung.

    Für unbefangenere Leser zur Information

    „Kein einziger Schamane in traditionellen Kulturen wäre jemals auf die Idee gekommen seine Rituale mit Trance zu beschreiben.“

    Und? Ist es nur deshalb keine Trance, weil der Schamane sein Ritual von mir aus „Walakaupiu“ nennt? Merke: die Landkarte ist nicht das Gebiet, der Name nicht die Sache. Für Trancezustände existieren ganz genaue neurophysiologische Parameter. Und die sind Kultur- und Methodenübergreifend feststellbar. Auch bei Meditierenden übrigens.

    „Wenn Kekule die Benzol-Formel gefunden hat, dann grade weil er nicht in „Trance“ war, sondern seine Alltagstrance unterbochen war.“

    Exakt darum geht es in der therapeutischen Trance: den Klienten aus seiner „Problemtrance“ (bzw. Alltagstrance) aufzuwecken.

    „Was hier als wirksam beschrieben wird: „Der Tunnelblick löst sich auf, der Horizont wird weiter“ ist doch genau das Gegenteil von Hypnose (abgeleitet von Schlaf).“

    Keineswegs!
    Gemeint ist: der Tunnelblick der Problemtrance (Fokussierung der Aufmerksamkeit auf das Problem, auf Schwierigkeiten und Hindernisse) wird aufgelöst. Eben das erweitert den Denk- und Erlebens-Horizont um Ressourcen, Möglichkeiten und „gute Gefühle“.

    „Der klassische Hypnotiseur engt bei der Hypnoseinduktion die Aufmerksamkeit ein, von einigen Ausnahmen abgesehen.“

    Ein klassisches Missverständnis: bei der Hypnoseinduktion geht es darum, die im Alltag nach Außen hin zersplittete Aufmerksamkeit zu fokussieren und nach Innen zu lenken. Der Geist ist dabei hellwach! und von bemerkenswerter Klarheit. Weshalb manche Klienten nach einer Hypnose enttäuscht mosern: ich war gar nicht hypnotisiert. Fragt man nach, woran sie das merken, kommt als Antwort: „ich habe ja noch alles mitbekommen“.

    NEIN, NEIN, NEIN ..
    entgegen vieler Ammenmärchen: die therapeutische Hypnose führt nicht in quasikomatöse Bewusstlosigkeitszustände, sondern „nur“ in einen herrlich entspannten Zustand von Körper und Geist.

    „Hypnose ist die ziemlich genau das Gegenteil der buddhistischen Meditation…
    Bei der buddhistischen Meditation geht es um mehr Wachheit, Mitgefühl und Liebe.“

    Mag sein, der Intent ist ein anderer.
    Aber neurophysiologisch gesehen passiert exakt dasselbe: Erzeugen eines Trancezustandes.

    „Und alles was mit Dumpfheit, Trance und Hypnose zu tun hat soll vermieden werden, weil es die Meditation stört.“

    Meditation ohne Trance?
    Ohne Alpha, Theta, Gamma Waves im EEG?
    Ohne verlangsamte Herzschlagrate und sinkenden Blutdruck?
    Vormachen!

    Bei Nichtgelingen wäre Meditation für Buddhisten echtes Teufelszeugs und unbedingt zu meiden 😉

    Antworten
  2. Thomas S.

    Sorry: Weder Kekule noch „die Ur-Psychotherapeuten schamanischer Kulturen“ haben Hypnose oder Trance benutzt. Das waren erst andere die sagten das sei Hypnose oder Trance. Kein einziger Schamane in traditionellen Kulturen wäre jemals auf die Idee gekommen seine Rituale mit Trance zu beschreiben.

    Wenn Kekule die Benzol-Formel gefunden hat, dann grade weil er nicht in „Trance“ war, sondern seine Alltagstrance unterbochen war.

    Was hier als wirksam beschrieben wird: „Der Tunnelblick löst sich auf, der Horizont wird weiter“ ist doch genau das Gegenteil von Hypnose (abgeleitet von Schlaf). Der klassische Hypnotiseur engt bei der Hypnoseinduktion die Aufmerksamkeit ein, von einigen Ausnahmen abgesehen.

    So zitiert der Autor des Artikels auch keine Hypnoseliteratur als Quellen, sondern buddhistische Meditation, als angeblichen Beleg. Gleiches Argument wie oben: Hypnose ist die ziemlich genau das Gegenteil der buddhistischen Meditation (siehe Studien von Ulrike Halsband, in Hypnose und Kognition, Zeitschrift der Milton Erickson Gesellschaft, Oktober 2004).

    Bei der buddhistischen Meditation geht es um mehr Wachheit, Mitgefühl und Liebe. Und alles was mit Dumpfheit, Trance und Hypnose zu tun hat soll vermieden werden, weil es die Meditation stört.

    Wenn hier geschrieben wird „Selbst alte, im Unbewussten gespeicherte Gedächtnisspuren können durch Wiedererleben verändert werden“ und auf Johann Caspar Rüeggs gutes Buch verwiesen wird bleibt festzustellen, dass dies mit Hyponse überhaupt nichts zu tun hat.

    Ebenso Eric Berne und Watzlawick haben nichts mit Hypnose zu tun, die waren sehr gute Therapeuten – und haben sich vielleicht grade deshalb mit etwas anderem befasst.

    Sorry, dass ich mich hier so aufgeregt habe. Der Herr, der diesen Artikel geschrieben hat, soll doch mal lieber bei seiner Trance bleiben und nicht andere Verfahren plündern und dann sagen es sei alles Trance. Das stört mich sehr.

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