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Essstörungen wie Magersucht und Bulimie begegnen uns heutzutage überall. Wir sehen die spindeldürren Mädchen in der Stadt, in den Schulen, im Büro, in der Straßenbahn. Essgestörte werden immer jünger und immer häufiger betrifft die Krankheit auch Jungs. Das Trügerische ist, dass man den Menschen die Krankheit erst ansieht, wenn sie sich schon viel zu tief in den Teufelskreis verstrickt haben. Besonders die Bulimie ist rein äußerlich oft nicht leicht zu erkennen, da sich viele Betroffene vom Gewicht her im Normalbereich befinden. Zeit spielt bei der Entwicklung der Essstörung eine große Rolle, da man sich Verhaltensweisen angewöhnt, die sich mit der Zeit immer weiter verfestigen.

 

Im Streik gegen sich selbst

Mit 13 Jahren wurde ich magersüchtig. Acht  Jahre später suchte ich nach einem Ausweg. Ich wollte ein Leben, das mehr als ein Atemholen sein könnte. Jetzt, 10 Jahre nach Ausbruch der Krankheit, stehe ich fester im Leben als je zuvor. Sie fragen mich, warum ich glaubte gewinnen zu können, wenn ich mich selbst bestreike? Ich frage zurück: Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn man vergisst, zu atmen?

 

Warum  hungern?

Als ich glaubte, dass die Magersucht die Lösung für all meine Probleme sein könnte, war ich der festen Überzeugung, dass ich glücklich werde, wenn ich dünn bin. Ich dachte, dass ich wenn ich abnehme und meine Knochen sehe, eine völlig neue Persönlichkeit geschenkt bekomme. Ich begriff erst sehr spät, dass mein Gewicht nichts mit meinem Charakter und mit meinem Empfinden für Glück zu tun hat. Ich habe gehungert, weil es leichter war. Es war leichter, mir ein künstliches Problem zu schaffen, dass ich bewältigen kann. Ein Problem mit klaren Regeln und deutlichen Erfolgen und verständlichen Konsequenzen. Meine Waage entschied darüber, ob ich gut oder schlecht bin, ob ich alles richtig oder falsch mache. Das war leichter als sich mit Problemen auseinandersetzen zu müssen, für die ich am Ende doch keine Lösung gefunden hätte.

Die Magersucht war nichts weiter als mein Bewältigungsmechanismus für mein Leben. Ich fühlte mich immer schnell überfordert. Ich hatte das Gefühl, dass die Welt zu hart für mich ist oder dass ich zu schwach für die Welt bin. Ein Gefühl von Stärke hatte ich nur, wenn ich hungrig war. Ein Gefühl von Sicherheit hatte ich nur, wenn ich mich an meinen Knochen festhalten konnte.

 

Mein Weg aus der Magersucht

Ich wurde älter und das Gefühl zu meinem Gewicht veränderte sich. Bekam ich früher noch Anerkennung dafür, dass ich so wenig aß, versteckte ich mich nun vor den Blicken. Ich glaubte, dass mich einfach niemand verstand obwohl es eher so war, dass alle anderen etwas sahen das ich nicht begreifen konnte. Mit 21 erreichte ich irgendwann mein Tiefstgewicht. Ich hatte einen BMI von 15  und Probleme, die drei Etagen in meine Wohnung hochzugehen. Ich konnte mich keine zwei Stunden ins Kino setzen, weil meine Aufmerksamkeitsspanne kürzer war als das Wort „Aufmerksamkeitsspanne“. Irgendwo in meinem Kopf hatte ich noch einen Funken Restverstand, den ich zum Glück nicht dafür benutzte, um mich selbst in Brand zu stecken. Stattdessen machte er mir begreiflich, dass dieser BMI – rein logisch gesehen – eindeutig zu niedrig ist, auch wenn mein Gefühl mir immer noch sagte, dass es zu viel ist.

Ich begann zu kämpfen. Ich wollte endlich wissen, wie sich dieses Leben anfühlen kann, wenn man aufhört, auf den Abgründen der eigenen Seele zu balancieren. Ich sagte mir: „Früher wusste ich mir nicht anders zu helfen, aber heute bin ich älter und in der Lage, mein Leben anders zu regeln, ohne mich dabei zugrunde zu richten. Heute habe ich die Möglichkeit, andere Entscheidungen zu treffen.“ Es war kein leichter Weg, es war ein harter Kampf. Acht Jahre lang hatte ich gegen meinen Körper gekämpft.

Nun war es so, als würden zwei Seiten in meinem Kopf gegeneinander kämpfen: Der eine begriff rein logisch, dass dieses Gewicht nicht ausreicht. Der andere Teil versicherte mir täglich, dass ich anders bin und dass ich noch weiter abnehmen muss, weil ich noch lange nicht
dünn genug bin.

Ich brauchte ein Dreivierteljahr, bis ich es schaffte, ohne ein schlechtes Gewissen drei Mahlzeiten am Tag zu mir zu nehmen. Ich brauchte Monate, um in den Spiegel sehen zu können, ohne meinen Anblick darin zu hassen, denn ich hatte zwölf Kilo zugenommen und wog somit mehr als je zuvor in meinem Leben. Ich machte viele kleine Schritte  –  Tag für Tag –  aber ich schätze, das müssen wir alle. Wir müssen jeden einzelnen Tag annehmen und überstehen, wenn wir einen weiteren Tag haben wollen und wir  müssen jeden Tag unser Bestes geben, wenn wir ein gesundes und verantwortungsvolles Leben führen wollen.

 

Jungen Menschen Mut machen

Wenn ich heute einen Vortrag in einer Klasse halte, um die Schüler vor den Gefahren einer Essstörung zu warnen und ihnen ein besseres Selbstwertgefühl zu geben, blicke ich in glasige Augen und blasse Gesichter. Ich höre, wie der Atem im Raum zu stocken beginnt und wie die Stille langsam den Raum einnimmt. Ich sehe junge Menschen den Raum verlassen, weil es sie zu sehr berührt. Ich halte ihre Hände und hoffe, ihnen einen Moment Halt geben zu können. Ich höre ihr Schweigen und ihre ungesagten Worte. Weil es auch mein Schweigen und meine ungesagten Worte sein könnten. Ich will einen Beitrag leisten, ich will, dass die Jahre, die ich der Magersucht gewidmet habe, etwas Positives entstehen lassen können und was ist besser, als anderen jungen Menschen Hoffnung und Mut zu geben.

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