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Overeaters Anonymous ist eine Gemeinschaft von Menschen, die das Ziel haben, vom zwanghaften Essen zu genesen, indem sie ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander teilen und sich gegenseitig unterstützen. Grundlage ist ein Zwölf-Schritte-­Programm zur Heilung von Essstörungen.

 

Von den Anonymen Alkoholikern hatte ich natürlich schon einmal gehört, doch dass es das auch für Menschen gab, die Probleme mit dem Essen haben, wusste ich damals nicht. Das erste Meeting, in das ich ging, ist mir auch heute noch gut in Erinnerung. Vor allem die ungewohnte Art, miteinander umzugehen, machte mir Mut wiederzukommen, auch wenn ich von dem, was gelesen wurde, erst einmal wenig verstand.

Weder in jahrelanger Therapie noch in anderen Gesprächsgruppen hatte ich das gefunden, was ich hier vorfand: Da sprachen Menschen Dinge aus, die ich bisher so noch niemandem hatte sagen können, zum Beispiel die Angst, wegen der zwanghaften Gedanken ans Essen verrückt zu werden. Mir fielen all die verrückten Dinge ein, die ich immer wieder im Zusammenhang mit Essen getan hatte, wohl wissend, dass das keine gesunde Ernährung war. Ich lernte in den Meetings, dass zwanghaftes Denken ans Essen und entsprechend zwanghaftes Verhalten eine Krankheit sind, genau wie Alkoholismus, die ich nicht allein mit Willenskraft bewältigen kann.

In einem Meeting ist es üblich, dass jeder für sich spricht, ohne dass andere unterbrechen oder eine Rückmeldung geben. Es war zunächst natürlich total ungewohnt, dass ich etwas sage und keiner reagiert darauf. Aber schnell lernte ich diese Art der Kommunikation zu schätzen. Niemand machte mir sofort Vorschläge, mit welcher Diät ich es diesmal versuchen sollte, oder suggerierte mir, dass seine Art und Weise, mit den Essproblemen umzugehen, die einzig wahre wäre. Ich brauchte in keinen Verein einzutreten oder Gebühren zu zahlen.

Und weil das Thema meiner Probleme mit dem Essen oft mit Scham verbunden war, war ich besonders froh, endlich einen Ort gefunden zu haben, an dem auf die Anonymität ein so großer Wert gelegt wurde. Ich konnte mir sicher sein, dass das, was ich im Meeting teilte, auch dort blieb. Klatsch und Tratsch lassen sich einfach nicht mit den Traditionen der Overeaters Anonymous vereinbaren.

Ich treffe in den Meetings von OA Menschen mit den verschiedensten Ausprägungen von Essproblemen: zwanghafte Überesser, Menschen mit Ess-Brechsucht und Magersüchtige.

Ankommen nach langer Suche

Viele von uns haben eine lange Suche hinter sich gebracht, ehe sie in Kontakt mit dem Zwölf-Schritte-Programm kamen. Nach Jahren der Therapie, der Selbsterfahrung, des Scheiterns und Weitermachens fanden wir diesen neuen Ansatz, an das Leben heranzugehen. Oft war die Verzweiflung groß, weil die Essprobleme so unbezwingbar geworden zu sein schienen, dass das Weitermachen immer mehr Kraft kostete.

Wir waren in den meisten Fällen noch immer auf der Suche nach einer schnellen Lösung und irgendwie davon überzeugt, dass wir dieses Problem doch wohl irgendwie in den Griff bekommen müssten. Das Gefühl, anders zu sein als so viele unserer Mitmenschen, hatte uns vielfach unser ganzes Leben lang begleitet und fiel manchmal zum wirklich ersten Mal ab, als wir einen OA-Meetingraum betraten.

Die Form, in der hier Selbsthilfe angeboten wurde, unterschied sich grundlegend von dem, was wir bis dahin ausprobiert hatten. Und doch spürten die, die wiederkamen, dass hier zunächst einmal ein Ort war, wo sie auf Menschen trafen, die etwas Entscheidendes mit ihnen teilten: den aufrichtigen Wunsch, Heilung zu erfahren und auch etwas dafür zu tun. Glücklicherweise war uns anfangs nicht klar, wie schwierig dieser Weg werden würde, denn dann hätten wir sicher wie die, die nicht wiederkamen, bald aufgegeben. Aber da war eine Energie, die uns neugierig genug machte, dem neuen Versuch noch etwas Zeit einzuräumen.

Und ob wir es wollten oder nicht: Wir wurden von skeptischen Besuchern zu Mitgliedern, denen zunächst die Menschen und die Atmosphäre und dann das Programm selbst ans Herz wuchsen. So sehr sich die Meetings in ihrem Ablauf, ihrer Länge, der Anzahl der Anwesenden und den Orten unterschieden – für jeden, den das Programm ansprach, fand sich irgendwann ein Stammmeeting, also das Meeting, das man regelmäßig besucht und in dem man Aufgaben übernimmt.

Und spätestens hier kam diese höhere Macht ins Spiel, von der immer wieder die Rede war: Gott. Aber nicht der Gott der Bibel oder anderer religiöser Traditionen, von dem so viele enttäuscht waren. Der uns bis dahin scheinbar nicht geholfen hatte, unser Problem von uns zu nehmen. Wir wurden lediglich aufgefordert, unseren Drang aufzugeben, unser Leben allein, ohne eine Kraft außerhalb unserer selbst zu managen. Aber dieses „lediglich“ ist natürlich kein Prozess, der in ein paar Wochen oder Monaten vonstatten geht, denn hier geht es um das Überschreiben uralter Muster und die Ausrichtung nach völlig neuen Maßstäben.

Das Zwölf-Schritte-Programm

Die Werkzeuge des Programms, zu denen ein Essplan, die „klassischen“ zwölf Schritte (siehe Kasten), die Literatur und die gegen­seitige Sponsorschaft (eine Art gegenseitiges Coaching) ­gehören, befähigen uns nach und nach, dem ­Essen eine angemessene Stellung in unserem Leben einzuräumen und unsere Gefühle zu durchleben, ohne sie mit Essen oder Hungern zu unterdrücken. Steht am Anfang der Reise meist der dringende Wunsch, unsere Essprobleme in den Griff zu bekommen, merken wir im Laufe der Jahre, dass es uns einfach gepackt hat, dieses Programm.

Wir sind weiter so verschieden von den Menschen, die wir dort treffen – in Bezug auf Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Nationalität –, wie wir es in unserem ersten Meeting waren. Doch nun vereint uns nicht mehr nur der Wunsch, endlich Frieden mit unserem Essen zu schließen, sondern auch die Überzeugung, einen Weg zu ganzheitlicher, geistiger Genesung gefunden zu haben. Denn wir haben immer aufs Neue erfahren, welche Kraft in der Gemeinschaft steckt, die uns die Bereitschaft gibt, das zu tun, wozu wir allein nicht in der Lage gewesen wären. Und so gelangen wir mehr und mehr in die Gelassenheit, um die wir im Gelassenheitsspruch bitten, der in allen Meetings der 12-Schritte-Gruppen gesprochen wird: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Unterstützende Gemeinschaft

Wir wollen als Gemeinschaft für alle da sein, die noch leiden. Dabei wollen wir daran denken, dass bei OA der Grundsatz Einheit in der Vielfalt gilt, der unsere Unterschiedlichkeit achtet und uns dennoch in der Lösung unseres gemeinsamen Problems vereint. Was auch immer das Problem eines Menschen mit dem Essen sein mag: Er ist willkommen, ob er zwanghafter Überesser, Bulimiker oder magersüchtig ist. Meetings gibt es in Berlin an fast jedem Tag der Woche.

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