Feuer, Wasser, Trommeln und ein Besuch bei den Ahnen. Ein Erfahrungsbericht über einen viertägigen Aufenthalt im Wald, die Verbindung zu Verstorbenen, über die Hoffnung und wie viel Emotion in einem Stein steckt. Und wie aus einem Trauerritual große Liebe erwachsen kann.

von Hajo Müller

Ich bin bereit. Ich gehe zu Mike und tippe ihm auf die Schulter, das ist das verabredete Zeichen. Er weiß was zu tun ist. Er bringt mich an die Schwelle, wo unsere Welt endet und die Welt der Verstorbenen beginnt. Wir betreten gemeinsam die Sphäre der Ahnen. Ein Wald im Nordwesten Englands, es ist Nacht, aber ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Ein Feuer brennt, der nahe Fluss rauscht, ich höre die Trommeln und einen fremdartigen, tragenden afrikanischen Gesang. Bis auf Mike und Jenny habe ich keine der etwa zwanzig anwesenden Personen jemals zuvor gesehen, und auch bei den beiden ist es ein Jahr her, dass wir uns zufällig getroffen haben. Wir waren auf der winzigen schottischen Insel Iona um ein Kloster zu besuchen, das dort vor etwa 1400 Jahren gegründet wurde. Eine sehr lange Zeit, und doch ist das Ritual, dass wir heute durchlaufen, noch tausende Jahre älter. Und obwohl ich diese Menschen nie vorher gesehen habe, werde ich mich ihnen mein ganzes Leben lang verbunden fühlen, denn wir alle werden nach und nach diese Schwelle zwischen der materiellen und der Ahnenwelt überschreiten. Und wieder zurückkehren.

Meine Großmutter – meine Ahnin

Am Nachmittag haben wir den Platz für das Ritual vorbereitet. Die Feuerstelle gegraben, mit Steinen und Ästen, Kerzen und Blumen die Grenzen markiert, einen Eingangsportal für den jenseitigen Bereich gebaut und einen Schrein für die Ahnen als Ort des Gedenkens eingerichtet. Dorthin gehe ich nun zusammen mit Mike, es brennen Kerzen und ich setze mich für eine Weile auf den Boden. Ein altes Schwarzweißfoto vor mir zeigt meinen Großvater als ausgelassenen jungen Mann in den 50er Jahren, balancierend auf einem Baumstamm. Obwohl ich ihm sehr nahe war und im Alter von 17 seine Hand hielt, als er vor Jahren starb, gibt es vieles was ich gerne noch von ihm erfahren hätte. Daneben ist ein Foto von meiner Großmutter. Alles Leid was ihr widerfahren ist, Flucht, Armut, Ermordung von Familienangehörigen, Krankheit, hat sie nicht zu einem verbitterten Menschen werden lassen. Das hat mich schon immer inspiriert. Meine Großmutter konnte ich nicht bis zum Ende ihres Erdendaseins begleiten. Und auch für eine Trauerphase war damals kein Raum, denn zu ihrem Todeszeitpunkt war mein Leben von umfassenden Veränderungen geprägt.

Ich wohnte hunderte Kilometer entfernt, eine herausfordernde Arbeitsstelle lag vor mir, ein Umzug stand an mit einer Frau, von der ich hoffte, dass sie mit mir eine Familie gründen würde. Aber dazu kam es nicht. Die Beziehung zerbrach dramatisch und ich brauchte lange, um darüber hinweg zu kommen. Ich erinnere mich daran, als sich die beiden zum ersten Mal sahen. Meine Großmutter war von meiner damaligen Freundin hellauf begeistert, sie fiel mir um den Hals und sagte in ihrer typischen Herzlichkeit zu mir „Gott hat Euch zusammengeführt“! Während ich vor dem Schrein sitze wird mir bewusst, wie viel mir dieser Ausspruch damals bedeutet hat. Wahrscheinlich weil ich es oft schwer hatte, selbst Gewissheit in Lebenssituationen aufzubringen, wenn große Enttäuschungen vorangegangen sind. Aber meine Großmutter war nun weg. Sie würde diesen Satz nie mehr über eine andere Frau sagen können. Ihre Bestätigung und Zuversicht war etwas, das mir in Zukunft sehr fehlen würde. Mit ihrer Lebenserfahrung hat sie mir immer vermittelt, dass alles gut werden kann.

Du bist das Ergebnis der Liebe von Tausenden
Plötzlich sind alle meine Vorfahren hinter mir.
Sei leise, sagen sie. Beobachte und höre zu.
Du bist das Ergebnis der Liebe von Tausenden.
(Linda Hogan)

Der Trauer Raum geben

In dieser Zwischenwelt kann ich meinen Ahnen sagen, was noch gesagt werden will, bedanke mich für die Liebe, die ich empfangen habe und bitte um Weisheit für schwierige Situationen und Entscheidungen, die auf mich zukommen. Noch ist alles sehr kopflastig, meine Emotionen sind blockiert, bis Mike in seiner sanften Stimme zu mir sagt: Es ist in Ordnung! („It’s okay!“) und mir seine Hand auf die Schulter legt. Plötzlich kann auch meine Traurigkeit fließen, und mit ihr die Tränen. Nach einer unbestimmten mit weiteren verstorbenen Familienmitgliedern bin ich bereit, wieder zurück zu gehen, zurück in die Welt der Lebenden. Ein weiser Mann hat einmal zu mir gesagt: der Ruf der Toten an uns ist nicht, dass wir sterben sollen, sondern mit ihnen leben! Nachdem ich die Schwelle wieder passiere, heißt mich die Gemeinschaft aufs Herzlichste willkommen. Sie umringt und umarmt mich, lässt mich spüren, dass mein Platz (noch) hier ist.

Andere aus der Gruppe betrauern in diesem Ritual ihre Eltern, ungeborene Kinder, Selbstmörder, Partner, zerbrochene Beziehungen, verpasste Chancen oder auch unseren brutalen Umgang mit der Natur. Häufig geht es bei Trauer um mangelnden Gefühlsausdruck, ob Traurigkeit, Wut, Schuldgefühle oder Verlassenheitsempfindungen. Manchmal gibt es unerledigtes, ungeklärtes, oder eine schlichte Weigerung, den Tod zu akzeptieren. Das kann auf Dauer krank machen. Heute Nacht tragen wir alle zusammen diese kollektive Trauer mit, die unserer rituellen Gemeinschaft und der Erde dient, auf der wir stehen. Zusammen ist es leichter den Schmerz zuzulassen, wenn nötig auch herauszuschreien, und das vielfach Verdrängte wird plötzlich erträglich.

Die Gabe im Inneren

Stunden später geht es nach der Zeremonie zurück ins Camp, im Licht der Lampen den Hang hinauf, vorbei an den Bäumen und den Schachtelhalmen, die schon den Planeten bevölkerten bevor es die Menschen gab. Ich starre noch schweigend eine Weile ins Feuer und schlafe dann erschöpft ein. Nach der Tradition der westafrikanischen Dagara trägt jeder Mensch eine wichtige Gabe („Medizin“) in sich, die die Gemeinschaft dringend braucht. Bei der Geburt wird aber vergessen, worin diese Bestimmung besteht und es ist die Aufgabe eines jeden, diese herauszufinden und zu verwirklichen. Es geht um Verbundenheit, mit den Ahnen und den Urenkeln, den Nächsten und den Fernsten, zeitlich und räumlich und über die menschliche Spezies hinweg. Alle Wesen und Elemente sind verwoben in das große Netz des Lebens. Es geht um Achtsamkeit, im respektvollen Miteinander und den eigenen inneren Prozessen gegenüber.

Wir alle entstammen aus Wasser und Feuer
Vor der Geburt wachsen wir im Fruchtwasser und irgendwann bewirkt ein Funke unseren ersten Herzschlag.

Das Trauerritual – vom Schmerz in die Liebe

Ziel unseres Retreats ist das Loslassen von unnötigem Ballast und das Erreichen einer Grundhaltung von Dankbarkeit. Dies drückt sich in den kleinen Ritualen aus, die wir gemeinsam durchführen, wenn wir uns ums die Flammen oder am Flussufer versammeln. Jeden Morgen wird dem Feuer und dem Wasser eine kleine Opfergabe gebracht, als Anerkennung, dass wir alle diesen Elementen entstammen. Die Monate vor unserer Geburt verbringen wir im Fruchtwasser, und irgendwann in dieser Zeit bewirkt ein Funke oder elektrischer Impuls unseren ersten Herzschlag. Kedar Brown, Therapeut und Heilkundiger, der das Retreat leitet, hat diese Rituale aus unterschiedlichen indigenen Kulturen über viele Jahre gelernt, unter anderem von Malidoma Somé und Stephen Foster, und in einzigartiger Weise kombiniert. Seine Erfahrung, Herzlichkeit und Besonnenheit vermitteln das nötige Vertrauen, um sich auf die Prozesse einzulassen.

Immer wieder überrascht es mich, wie natürlich sich alle Rituale anfühlen. Kann es daran liegen, dass wir hier mit unserem archaischen kulturellen Erbe in Berührung kommen, bevor Sprachen, Traditionen, Ideen und Territorien die Menschheit tausendfach zersplittert haben? Die Teilnehmer hier haben verschiedenste Hintergründe und sind alles hellhäutige Westler, was durchaus eine Ironie in sich birgt. Als wir nach den vier Tagen auseinander gehen, ist spürbar, dass auch zwischen uns etwas gewachsen ist, und es fällt schwer, sich zu verabschieden. Beim Abschlussritual reihen wir uns mit einem Stein in der Hand auf, wir sehen nacheinander jedem ins Gesicht, und die Steine werden aneinander gestoßen während wir uns gegenseitig für die nächste Zeit Mut zusprechen. Dieser Stein hat bis heute an prominenter Stelle einen Platz in meinem Wohnzimmer.

Die Kraft, die aus Ritualen erwächst

Auch wenn das Retreat sehr bereichernd und horizonterweiternd war, hatte ich keine rechte Vorstellung, welche weiteren Folgen es nach sich zieht. Aber genauso wie es Signale gab, die mich zu dieser Erfahrung geleitet haben, erinnerte mich mein Leben auch danach immer wieder daran, meine Erfahrungen wertzuschätzen und zu bewahren. Auf einer Fachkonferenz in Prag lerne ich wenig später einen Arzt kennen, der ebenfalls mit Malidoma zusammengearbeitet hat. In einer therapeutischen Weiterbildung soll ich mir einen Dialog mit einem verstorbenen Familienmitglied vorstellen. Auf einer Afrikareise kann ich eine traditionelle nächtliche Trauerprozession beobachten. Und dann sind da die Kleinigkeiten, die ich mir angeeignet habe. Ab und an getrockneten Salbei anzünden, die Mondphasen und Jahreszeitenwechsel bewusster wahrnehmen. Oder einfach über das Licht in den Wolken und die Stimme des Vogels im Baum staunen. Nichts ist wertvoller als das Leben. Und die Liebe, die das Leben hervorbringt.

Man könnte den Effekt folgendermaßen beschreiben: Eine Tür ist aufgegangen, die mich neu mit Erfahrungen aus meiner eigenen Biografie verbunden hat und darüber hinaus mit dem, was man das spirituelle Familienerbe nennen könnte. Verändert hat sich meine Haltung dazu: wo früher Verbitterung und Schmerz im Vordergrund standen, kann ich heute mehr Respekt und Mitgefühl aufbringen. Dass ich bin und wie ich bin, ist das Resultat aus unzähligen Begegnungen mit Menschen und vielen Ereignissen. Von Schicksalsschlägen und Entscheidungen, Kampf, Mut, Verzweiflung, Glaube, Hoffnung und Liebe. Vieles fühlt sich aus dieser Perspektive ganzer, heiler, vielleicht sogar heiliger an. Der Gedanke, dass meine Großmutter meine zukünftige Partnerin nicht mehr als die Richtige bestätigen kann, fühlt sich nicht mehr so schmerzhaft an. Ich habe die begründete Hoffnung, dass meine Intuition (die auch all das umfasst, was mir mitgegeben wurde) erkennt, was für mich gut ist. Wir sind niemals wirklich allein. Die Ahnen verlassen uns nie!

Vom 19.-22.09.2019 wird das Trauerritual mit Kedar Brown in Portugal zu erleben sein (englisch), Gastgeber ist die Mount of Oaks Community. Mehr Informationen vom Autor unter info@burnoutpraevention.berlin

Malidoma P. Somé (2004) Vom Geist Afrikas.
Stephen Foster & Meredith Little (2012) Visionssuche.
www.RitesOfPassageCouncil.org
www.MountOfOaks.org

Author: Lena

Über den Autor

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Hajo Müller ist Diplom-Psychologe und nach einem Berufseinstieg in Wirtschaft und Bildung heute als approbierter Psychotherapeut in einer Klinik im Berliner Umland tätig. Dort leitet er eine achtsamkeitsbasierte Suchtgruppe. Er befasst sich seit einigen Jahren mit Yoga, Meditation, Zenbogenschießen, Naturspiritualität, christlicher Mystik und transpersonaler Psychologie. Er ist davon überzeugt, dass die Wiederentdeckung alter überlieferter Traditionen uns nicht nur individuell enorm bereichert, sondern darüber hinaus auch heilsame Impulse für die Fehlentwicklungen der postmodernen Gesellschaft setzen kann.

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Eine Antwort

  1. Kurt Hahl
    Neugierig

    Wow, danke für diesen persönlichen Bericht! Hat mich sehr neugierig gemacht. Gibt es noch Plätze für das Ritual im Herbst 2019? Und sind dafür Vorkenntnisse notwendig?

    Antworten

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