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Spirituelle Menschen könnten einen großen Beitrag zur Transformation der westlichen Gesellschaft leisten, wenn sie endlich aus ihren Höhlen hervorkriechen würden. Die Welt, die wir uns wünschen, braucht ein neues Bewusstsein – aber dazu muss jeder seinen seinen Beitrag leisten, dieses Bewusstsein in die Welt zu tragen. Gibt es die Möglichkeit zu einer spirituellen Bewegung, die verschiedene Sichtweisen in einer gemeinsamen Vision vereint?

Achtes Kapitel aus „Das New-Age-Manifest“ von Shay Tubaly

 

Spiritualität in die Welt tragen

Das Bewusstsein der Einheit findet in der westlichen Welt nicht selbstverständlich als totaler Rückzug in einen erhabenen und subjektiven Bewusstseinszustand seinen Ausdruck. Für uns bedeutet Eins-sein, dass wir alle ein vielschichtiger Komplex aus Materie und Geist sind, der sich entwickelt und in neue Höhe aufstrebt, die unsere sichtbare Welt weiter verwandeln kann.

Das sollte man nicht bloß abstrakt verstehen: Es bedeutetet, dass wir uns tatsächlich in diesem Vorgang engagieren und die Kräfte unseres sich entwickelnden Bewusstseins für einen Prozess einsetzen, der viel größer ist, als wir selbst. Es stimmt, dass es ‘wir nirgends hingehen müssen‘ – aber nur in dem Sinne, dass es uns nichts mehr bedeutet, über transzendentale Fluchtmöglichkeiten zu fantasieren, da wir zu sehr von dem herrlichen, gegenwärtigen Prozess des Werdens beansprucht sind; ein Werden, das an sich heilig ist, da es die Verlängerung des göttlichen Willens bedeutet.

Die Gesellschaft braucht ein neues Bewusstsein

Die New-Age-Bewegung könnte aus diesem Blickwinkel auch als eine soziale Reformbewegung verstanden werden. Aus der Asche der furchtsamen, selbstbezogenen und verstreuten New-Age-Gemeinschaft kann eine bewusste Intention erwachen – und zwar jene: die Schlüssel für eine Veränderung der Welt zu entwickeln und weiterzugeben.

Diese Bewegung muss aus dem Inneren der Welt heraus arbeiten. Mit der Tiefe ihres ganzheitlichen, ungetrübten Bewusstseins wird sie erkennen, dass eigentlich überhaupt nichts in Ordnung ist! Ihre Überzeugung, dass die Qualitäten eines transzendentalen Geistes auch die Welt von Raum und Zeit revolutionieren können, müssen in tausendfacher Weise bewiesen werden – bis die ganze menschliche Gesellschaft an den Punkt kommt, an dem sie erkennt, dass sie ohne einen verwandelten Geist keinen Schritt weiter gehen kann.

Es ist an der Zeit, dass wir spirituellen Menschen unsere Höhlen aufgeben, uns an das brennende Sonnenlicht gewöhnen und in dieser Welt gesehen werden. Während die Hippie-Revolution der 60er-Jahre noch stark von einem kindlich-naiven Enthusiasmus geprägt war – und eher eine Art Ausbruch, als eine echte Revolution war – besaßen die ‘Blumenkinder‘ doch zumindest den energetischen Schwung, der uns heute so sehr fehlt.

Wenn wir uns nur an unsere unterdrückten westlichen Kräfte erinnern – ehrgeiziges Streben, rastloser Aktivismus, evolutionäre Spannung, intellektuelles Urteilsvermögen und den Wunsch, zu verändern – können wir sofort anfangen. Wir brauchen nicht vor uns hin brüten und darauf warten, dass von irgendwoher eine genau passende Handlungsmöglichkeit auftaucht, wir können einfach beginnen und dann die direkten Erfahrungen unseren Weg formen lassen.

Spiritueller Aktivismus – Sich die Hände schmutzig machen

Abgesehen von der tiefen inneren Reinigung und Wandlung – die wir klar im Zusammenhang mit unserer neu entdeckten Verantwortung für unsere Umwelt verstehen – ist es für die spirituelle Bewegung auch an der Zeit, in der Welt Haltung anzunehmen: Unseren Anspruch an eine neue Welt zu verkünden und gleichzeitig auch bereit zu sein, uns die Hände im Prozess des Engagements dreckig zu machen.

In dieser Welt ist die Rolle eines Unbeteiligten, der stolz oder apathisch am Rande steht und zuschaut, in vieler Hinsicht unmoralisch. Wenn wir den Anforderungen der Welt furchtsam begegnen, ist es selbstredend, dass wir uns einfach nur gut fühlen wollen, und darum nehmen wir so bereitwillig falsch verstandene Ideen wie ‚Alles ist gut genau so, wie es ist‘ als Referenzpunkte für das Leben an sich an – während dies tatsächlich nur als Hintergrund einer meditativen Wahrnehmung wahr ist. Es ist sehr befreiend zu begreifen, dass genau das, was uns ein gutes Gefühl gibt, uns auch heimlich gefangen halten kann.

Befreiung durch höhere Bestimmung – dem Leben dienen

Wir werden staunend erkennen, wie der Narzissmus und all seine krankhaften Nebenprodukte sich in dem Moment allesamt auflösen, in dem wir das erregende Gefühl bekommen, in diese Welt zu gehören und einen wichtigen und dringend nötigen Teil in ihr zu spielen. So viele ‚psychologische Muster‘, die uns Jahrzehnte lang gestört haben, und die einen gewaltigen Prozess der Analyse und der Heilung erfordert haben, lösen sich ganz einfach in der schnelleren Schwingung einer höheren Bestimmung auf.

Dann verstehen wir – weniger intellektuell als direkt – dass große Teile unserer psychologischen Selbstwahrnehmung von uns selbst geschaffen wurden, und dass es nicht einmal wichtig ist, sie zu lösen oder zu heilen. Hierin liegt ein großes Geheimnis: Indem wir über das rein Persönliche hinausgehen und in einer Weise leben, die der Menschheit zugute kommt, schaffen wir nicht nur eine neue moralische Grundlage für unsere Leben, sondern schwingen uns auch zu einer Ebene auf, in der die meisten unserer psychologischen Probleme auf natürliche Weise dahinwelken.

Wir sind selbstzentriert geworden, weil uns Bedeutung und Richtung akut fehlen. Wir haben irrtümlich angenommen, dass Spiritualität vor allem bedeutet, ’nach innen zu gehen‘ (und hoffentlich niemals zurückzukehren), aber in dem Moment, in dem wir unser wirkliches Dharma begreifen, wird klar, dass das Wissen um unsere Rolle uns sofort von der Welt der Illusionen trennen kann, die uns so lange beschäftigt hat, und in der wir geglaubt haben, dass wir ‘uns erst selbst heilen müssen, bevor wir wirklich bereit sein können, der Welt zu helfen‘.

In der Tat steckt die New-Age-Bewegung in einer Welt fest, die sie selbst geschaffen und die keine Richtung hat, die sich nur in ihrem eigenen Irrgarten im Kreis dreht. Vielleicht besteht die transformativste Lösung in einer totalen Umkehrung: Wir werden immer freier, je mehr wir das Interesse an unserem eingebildeten Selbst verlieren – und selbst wenn wir tatsächlich einander widersprechende Muster haben, können wir sie ‚auf dem Weg‘ lösen. Letzteres tun wir dann nicht als Teil einer Reise, die ihren eigenen, internen, persönlichen Zweck hat, sondern nur, damit wir zugänglicher und erreichbarer für das Leben werden.

Die Welt braucht spirituelle Menschen

Ja, wir spirituellen Menschen werden in dieser Welt dringend gebraucht, und jeder von uns sollte seinen eigenen Beitrag ausloten, sei es, indem er Ideen in der westlichen Gesellschaft sät, oder indem er sich sozial engagiert und hilft. Wenn wir ganz einfach aus dem dunklen Hintergrund heraus auf die beleuchtete Bühne treten, werden wir verstehen, wie wichtig jeder Einzelne ist. Wir alle sind dazu bestimmt, im Zentrum der Dinge zu sein und zu handeln, die menschliche Evolution zu begleiten und unser Wissen in revolutionäre Werkzeuge zu übersetzen.

Obwohl es verschiedene soziale Reformbewegungen in der Welt gibt, liegt die Einmaligkeit der spirituellen Bewegung in dem Wissen um die Wellen der Transformation, die aus dem Bewusstsein in die sichtbare Welt hinein strömen können.

Diese ermutigenden Worte sollten jedoch nicht als eine neue, raffinierte Art verstanden werden, unserer Furcht vor der Welt die Form eines verdrehten spirituellen Stolzes zu geben. Je mehr man seine eigene Verantwortung kennt, desto bescheidener wird man. Da es unendlich viel zu tun gibt, wird, was immer davon wir auch erfüllen können immer nur ein kleiner Teil des potentiellen Gesamtbeitrags sein. So nehmen wir teil am Fluss der Welt und werden ihr integraler Bestandteil, statt aus den Höhen illusorischer spiritueller Dimensionen über ihr zu schweben.

Die Welt wählen

Der überhaupt wichtigste Schritt in dem Versuch, in den evolutionären Fluss zu treten, wäre in meinen Augen die Schaffung einer vereinten Bewegung aus den verstreuten Schulen und Strömungen. Diese Art Bewegung wird sorgsam über die Grundlagen und Schlussfolgerungen einer authentischen westlichen Spiritualität nachdenken müssen, die wirklich dabei helfen können, die Welt zu verändern.

Eine authentische New-Age-Bewegung wird die Furcht, die unsere Spiritualität unterläuft, aufdecken und entwurzeln, und, indem sie den kulturellen Rahmen anerkennt, in dem die Bewegung wächst, wird sie mutig die westliche Welt wählen. Diese Bewegung wird – natürlich in vielfältigen und oft widersprüchlichen Stimmen – fragen „Warum sind wir hier? Ist es reiner Zufall, oder hat die Zugehörigkeit zu einer westlichen Tradition eine andere Bedeutung?“

Diese Bewegung könnte so weit gehen, zu begreifen, dass wir nur das Wesentliche aus dem östlichen Geist ziehen sollten, aber unsere eigene, unabhängige Spiritualität formen müssen, die ganz und gar mit dem westlichen Geist verflochten ist. Indem wir erkennen, dass es für den Westen einzigartige Herausforderungen gibt, die unausweichlich eine andere Art von Spiritualität formen, schaffen wir die feste Basis einer sich entwickelnden, liebvollen und voll engagierten spirituellen Lebensweise, die das werdende, sich stets weiter entfaltende Universum voll und ganz annimmt.

Diese Bewegung wird mit Leidenschaft die dünne Linie auflösen, welche die objektive, materielle Welt und den subjektiven, ewigen Geist trennt. Während die Enthüllung des wahren Selbst den östlichen Geist in die Versunkenheit geführt hat, wird sie hier als neue kosmische Kraft aufsteigen.

Eine neue westliche Bewegung wird diese Welt bewusst wählen, und dann sofort mit Staunen und Ehrfurcht erkennen, dass sie immense Kräfte besitzt, um die Welt zu verwandeln. Sie wird begreifen, dass ein Folgen dieses Pfads einen neuen Strom spiritueller Erleuchtung entstehen lassen wird: eine komplexere Nichtdualität, in der Leere und Fülle miteinander verflochten sind.

Ein westliches Aufwachen muss von Natur aus ein erneuertes ‚Bodhisattva-Gelübde‘ enthalten: Indem wir unsere Entwicklung dem Wohl dieser Welt widmen und immer danach streben, alle Schranken zwischen Materie und Geist aufzuheben, bewegen wir das göttlichen Zentrum der Anziehungskraft in unser Inneres hinein, in das Herz der Materie selbst, bis es wirklich kein Ziel mehr zu erreichen gibt: ‚dort oben‘ ist ‚hier‘ und ‚hier‘ ist ‚dort oben’…

Eine evolutionäre Bewegung

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die New-Age-Bewegung viel zu dezentralisiert und verstreut um als echte Bewegung gesehen werden zu können. Dies mag manchem wie ein großartiger, pluralistischer Zustand vorkommen, und es ist tatsächlich großartig, wenn man den ganzen Regenbogen der Stimmen und Strömungen betrachtet.

Aber in der Homosexuellen-Bewegung, der feministischen Bewegung oder der Menschenrechtsbewegung gibt es ebenfalls verschiedene deutliche Stimmen, das bedeutet jedoch nicht, dass sie keine gemeinsamen Ziele, Konventionen, führenden Autoritätspersonen und grobe Umrisse eines gemeinsamen Credos besitzen. Im Gegensatz dazu gibt es in der New-Age-Bewegung kein Zentrum der Aufmerksamkeit und Energie und es scheint, dass dies niemanden verwundert.

Ist es also vielleicht an der Zeit, unsere Kräfte in einer kreativen und zusammenwirkenden Bewegung zu bündeln? Warum verwechseln wir die Distanziertheit des subjektiven Geists mit der seltsamen Trennung verschiedener Energiezentren? Wie kommt es, dass wir, anders als andere menschliche Bewegungen, nicht von jenem segensreichen Impuls angetrieben werden, der Menschen mit ähnlichen Hoffnungen und Visionen zusammenbringt? Die Antwort könnte erneut unser angstgesteuertes Vermeiden der menschlichen Kultur sein.

Viele verkünden mit Freude, dass ein weltweites, massenhaftes Erwachen im menschlichen Geist im Gange sei, aber diese Massen sind eindeutig nicht zu sehen. Es scheint, als wären wir Massen, die sich ziemlich erfolgreich irgendwo in den unerforschten Bereichen der gesellschaftlichen Randgebiete verstecken und dabei unser Bestes tun, so harmlos und inneffektiv wie möglich zu sein.

Um uns zu verteidigen, greifen wir nach dem spirituellen Konzept der Distanziertheit – als könnte das Alleinsein des göttlichen Selbst auf irgendeine Weise in dem Moment beschädigt werden, in dem es dazu aufgefordert wird, Teil eines wirklich engagierten Prozess zu sein! Selbst in unserer eigenen isolierten Reise könnten wir stark von einer unterstützenden Bewegung profitieren.

Die Behauptung, jeder Versuch der Schaffung eines kollektiven Willens müsse unausweichlich zu einer destruktiven, kultischen Tyrannei führen ist ebenfalls ziemlich seltsam angesichts so vieler Bewegungen, die es geschafft haben, ein extrem hohes Maß an individueller Unabhängigkeit zu wahren und die gleichzeitig bewiesen hat, welche erstaunliche Kraft entsteht, wenn Menschen sich zusammentun.

Der nächste Schritt

Es ist an der Zeit für uns, über eine westliche spirituelle Bewegung nachzudenken. Eine Bewegung dieser Art würde ein eigenes, allgemeines Credo haben, eine gemeinsame philosophische Grundlage, ein Paradigma, das ständig überprüft würde und vielleicht internationale Zusammenkünfte, in welchen die Visionen für die Zukunft entworfen würden. Diese Art Bewegung kann ihrem Wesen nach nur aus der Erkenntnis entspringen, dass der nächste Schritt der New-Age-Kultur fällig ist, und dass dieser nächste Schritt bedeutet, dass wir auf die hell beleuchtete Bühne der menschlichen Kultur heraustreten müssen. Dies ist eigentlich ein ganz natürlicher Schritt, nachdem die Idee individueller Souveränität so effizient etabliert und angenommen wurde: Jetzt können wir begreifen, dass Individualität, die keinen objektiven und äußeren Kontext hat, eine neue Form des Elends schaffen kann.

Aus diesem beglückenden Verständnis heraus könnte sich zum Beispiel ein internationaler Kongress für eine authentische westliche Spiritualität etablieren; ein Kongress, auf dem jene gedanklichen Schulen, die wirklich daran Interesse haben, alle Ideologien beiseite zu legen, einen gemeinsamen Boden finden werden, um die Spiritualität und Erleuchtung des 21. Jahrhunderts zu definieren. Es sollte keine jener Versammlungen werden, in denen nur Mystikern und esoterische Lehrern zu sprechen erlaubt ist – in ihm müssen sich die neuen, faszinierenden Farben von Aktivisten, Philosophen, Wissenschaftlern und Visionären mischen, da er sonst in der Abstraktheit ertrinken und nicht genug Bewegung erzeugen würde. Es wäre sehr hilfreich, wenn dabei auch Auseinandersetzungen entstehen würden, und die künstliche alles-einschließende Akzeptanz zertrümmert würde – wir brauchen feurige Leidenschaft, um gemeinsam unsere eigene, einzigartige Spiritualität konstruieren zu können.

Übersetzung aus dem Englischen von Theresa Bauerlein

– – –
Im nächsten Artikel: Über die dunkle Seite des westlichen Geists – seine Neigung zu Materialismus, Konsumismus, Bürgerlichkeit und Bequemlichkeit. Wie dieser große Nachteil unsere Spiritualität verflacht und sie zu einer ‘Instant‘-Kultur gemacht hat.

Veröffentlichung Kapitel 9: 02.11.2012

Teil des Buches

„Das New-Age-Manifest“

von Shay Tubaly

erschienen online
bei editonSEIN

https://www.sein.de/editionsein/das-new-age-manifest.html

 

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11 Responses

  1. Stav

    Ich frage es mich jetzt wirklich – diese Serie erschüttert mich und
    die Art, wie ich die Dinge wahrnehme. Ich fand sie erst zu krass, aber
    langsam verstehe ich, was gemeint ist: Die Verantwortung, die ich in
    Händen habe. Ich und niemand anders. Es ist schwierig und gleichzeitig
    schön, mich von esoterischen Ideen zu verabschieden und ich habe das
    Gefühl, dass es mich freier macht. Und dass ich meine spirituelle
    Entwicklung freier hinterfragen und ergründen kann.
    Ich glaube aber, dass es noch lange dauern wird, bis wir alle diese
    Verantwortung auf uns nehmen können und mutig nach draußen gehen
    können. Oder wie Nietzsche gesagt hat: : Man muss jeden Tag bereit
    sein, eine Ewigkeit auf diesem Planeten zu verbringen.
    Wenn genug Schwung entsteht, könnte die Zeit kommen, in der eine
    Bewegung geschaffen wird. Oder so sehe ich das zumindest. Aber wer
    würde an der Spitze dieser Bewegung stehen? Und wie würden alle die
    verstreuten Teile der spirituellen Szene zusammen kommen und sich auf
    ein Ziel einigen, wenn es jetzt schon so viele ego-kämpfe zwischen den
    verschiedenen strömungen gibt, und so viele spirituelle schüler von
    lehren, die deren Absichten misinterpretieren und die bedeutungen
    verzerren?

    Antworten
  2. Hauke

    @Oliver

    Ich glaube, es ist wirklich ein Problem, Dinge positiv verändern zu wollen – wenn man von der Angst bestimmt wird, was Bewegungen anrichten können. Ich glaube schon, dass Bewegungen ein riesiges, positives Potential haben, so lange sich niemand anmasst, die eine und einzige Wahrheit zu kennen, so lange eine Offenheit für die verschiedenen Stimmen gibt und niemand ausgegrenzt wird, weil er eine andere Meinung hat. Ohne inspirierte Bewegungen und Visionen würde sich in dieser Welt überhaupt nichts verändern und wir wären immer noch an einem ziemlich primitiven Punkt in unserer Entwicklungsgeschichte. Die Frage ist also nicht, OB Bewegungen gut sind, sondern WIE sie gestaltet sein sollten. Und dabei kann und sollte man ja aus der Vergangenheit lernen. Eine Bewegung sollte nicht in sich geschlossen sein, kein Club, der andere ausgrenzt.

    Die Frage ist, wie sehr man dabei mit gestalten kann. Ich glaube, die Angst davor, Fehler zu begehen, bringt viele gute Menschen dazu, sich raus zu halten. Das ist aber auch ein Fehler. Es ist wie mit einer politischen Wahl: Wenn man seine Stimme nicht abgibt, wählt man trotzdem. Aber man unterstützt eben passiv die stärkere Partei. Und das ist in seinem Potential, wie wir wissen, noch wesentlich gefährlicher, als Fehler zu machen, wenn man sich in etwas engagiert.

    Antworten
  3. Hauke

    @Mirjam

    hast du den Text überhaupt gelesen? ich kann es mir nicht vorstellen, sonst würdest du hier nicht von Sekten reden. Eigentlich geht es doch um das genaue GEGENTEIL von Sektengründungen. Mich würde interessieren, was genau dich an den Texten und Kommentaren an Sekten erinnert – siehst du irgend etwas, das ich nicht sehe? Oder ist das nur eine automatische Reaktion?

    Antworten
  4. Mirjam

    Sag mal
    was soll das heißen eine neue Spiritualität konstruieren?
    wollt ihr eine neue Sekte gründen oder was?

    vielleicht seid ihr alle beauftragt von den Illuminatis die ihre Weltreligion gründen?
    alles was ihr schreibt ist so unauthentisch wie von einer Werbeagentur

    das ist alles ganz schön verlogen was ihr da macht
    ganz schön gruselig und bedrohlich

    das ist nichts für normale Menschen
    hoffentlich geht euere Sekte heute schon pleite

    Antworten
  5. Oliver

    @Hauke
    Das Wort „Bewegung“ klingt auch in meinen Ohren immer noch bedrohlich. Allerdings gab und gibt es natürlich die Umweltbewegung, die Friedensbewegung, die Anti-Apartheid-Bewegung etc, die wirklich nicht gefährlich waren, sondern im Gegenteil viel Gutes bewirkt haben.

    Diese Bewegungen haben allerdings immer nur einzelne Aspekte des Lebens verändert. Wenn nun eine neue „New-Age-Bewegung“ das Ganze der Gesellschaft und des Lebens verändern möchte und dabei evtl. auch noch glaubt, im Besitz von Wahrheit und Moral zu sein, dann wird die Sache bedenklicher. Die katholische Kirche hat Jahrhunderte gebraucht, um – zähneknirschend – zu akzeptieren, dass es Lebensbereiche gibt, die sie nicht regeln kann und soll. Herr Tubaly ist vermutlich ein eher liberaler Mensch, aber es gibt genug andere, die bereit sein könnten, im Namen der Wahrheit andere Auffassungen zu unterdrücken.

    Das Versprechen, den Himmel auf Erden zu schaffen, ist schon oft in übelste Tyrannei umgeschlagen. Daher überlasse ich derart weitreichende Pläne lieber jemand anderem. Ich bin eben nicht Gott – auch wenn ich noch so sehr glaube, auf einem egolosen Standpunkt zu stehen.

    Antworten
  6. Hauke

    @Oliver

    interessant, mir macht der gedanke an eine „bewegung“, wie tubaly sie fordert, irgendwie angst. ist das eine typisch deutsche reaktion? können wir überhaupt noch ein wirklich kraftvolle SINNVOLLE bewegung haben, oder scheitern wir an unserer (von kollektiver Erinnerung geprägten) angst – vor unserem eigenen potential? Leicht ist es für mich sicher nicht, mir eine positive massenbewegung in deutschland vorzustellen (die sich natürlich nicht auf deutschland beschränken sollte, aber..) andererseits scheint sich der autor dieses gedankens bewusst zu sein, schließlich schreibt er:

    „Die Behauptung, jeder Versuch der Schaffung eines kollektiven Willens müsse unausweichlich zu einer destruktiven, kultischen Tyrannei führen ist ebenfalls ziemlich seltsam angesichts so vieler Bewegungen, die es geschafft haben, ein extrem hohes Maß an individueller Unabhängigkeit zu wahren und die gleichzeitig bewiesen haben, welche erstaunliche Kraft entsteht, wenn Menschen sich zusammentun.“

    Antworten
  7. arin

    Kann das sein? Jemand hat den Mund aufgemacht und der König steht nackt da!
    Meine Familie sieht mich als spirituellen Menschen, aber meine Freunde aus dem spirituellen Umkreis bezeichnen mich oft als zynischen und materialistischen Menschen – weil ich keine Lust habe, mich an Vorstellungen wie „Es ist alles gut“ oder „es gibt einen großen Plan, der alles regelt“ festzuhalten – ich kann oft sehen, wie meine sogenannten spirituellen Freunde diese Sätze benutzen, um sich vor den Tatsachen der Realität zu schützen, die nunmal schmerzhaft sind…Ich wünsche mir, dass wir eine Bewegung schaffen wie den „arabischen Frühlung“ – einen westlichen Frühling – und der Welt eine neue Kultur, Bildung und Wirtschaft bringen. Und dafür Führer wählen, die wirklich reine Herzen haben und an das gute Leben glauben und daran, dass wir alle eins sind.

    Antworten
  8. Anatta

    Seltsam, aber nachdem ich jetzt mehrere Artikel dieses Autors gelesen habe, habe ich irgendwie keine Lust mehr, ihn für seine deutliche Sprache zu kritisieren. Die Ideen, die hier vorgestellt werden, sind wichtig. Das gilt besonders für diesen Artikel – hier scheint das praktische Ziel dieses Manifest definiert zu werden, und jetzt hat es diesen Namen wirklich verdient. Wenn dieser Mann als Politiker kandidieren würde, ich würde ihn wählen.

    Antworten
  9. Oliver

    Mit dem Ruf nach aktiver Gestaltung der Welt bin ich ganz einverstanden.

    Allerdings drohen bei diesem Unternehmen m.E. einige Gefahren:
    Auf der persönlichen Ebene droht Überforderung, wenn die eigene Spiritualität die Welt retten soll. Ganz schnell wird Spiritualität dann moralisch. Selbsthass, Unterdrückung eigener „unmoralischer“ Impulse und Neurosen aller Art können die Folge sein. Das alles ist für bestimmte Tendenzen im Christentum sattsam bekannt und u.a. von Drewermann gut beschrieben.

    Politisch würde ich dann eine Gefahr sehen, wenn Politik direkt und unmittelbar spirituell werden soll. Entweder wird es dann nämlich politisch naiv oder es wird totalitär.
    In der Naivität wird Spiritualität zum Mittel der Politik. Dabei wird dann die Eigenlogik der Politik übersehen. Man glaubt dann, dass spirituelle Methoden und Einstellungen unmittelbar politisch wirksam werden. Ein Beispiel wäre es z.B. wenn wir glaubten wir könnten unsere Strafjustiz oder unsere Landesverteidigung einfach durch Meditation ersetzen.
    Totalitär wird es wenn Politik umgekehrt als Mittel für spirituelle Ziele dienen soll. In diesem Fall droht die Zwangsbeglückung der Bevölkerung nach dem Motto „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein“ – letzteres natürlich ganz gewaltfrei.
    Ich sage nicht, dass Tubaly so etwas will. Aber die Gefahren sollte er m.E. im Blick behalten. Es ist gut, sich klar zu machen, dass Politik, Kultur, Religion/Spiritualität etc. eng zusammenhängen aber nicht zusammenfallen

    Antworten
  10. Tamar

    Es ist für mich bis jetzt nicht einfach gewesen, diese Artikel zu lesen, und ich habe gezögert, mich zu äußern. Weil das Spiegelbild, das sie mir vorhalten, nicht besonders schmeichelhaft ist. Ich habe mich lange Jahre mit Spiritualität beschäftigt und mich oft gefragt, was die Beziehung zwischen meiner spirituellen Suche und der westlichen Welt, in der ich lebe, ist. Ich habe immer einen großen Widerspruch dabei gefühlt, sowohl innerlich als auch äußerlich. Die Artikel von Shay Tubaly geben mir eine neue Hoffnung und Richtung: Ich sehe, dass es diese Spaltung nicht geben muss und dass meine spirituelle Sehnsucht und mein Leben in dieser westlichen Kultur zusammenwirken können. Ich habe gemerkt, dass ich, wenn ich über meine unmittelbare emotionale Reaktion auf diese Artikel hinausgehe und das innere Kind loslasse, das alles als persönliche Kritik an mir sieht, den Text aus einer erwachseneren Haltung lesen kann, die zuhört. Der Grund, aus dem diese Artikel für manche schwer verdaulich sind ist wohl, dass sie auf etwas hinweisen, das wir alle kennen – unsere allgemeine Unfähigkeit, als spirituelle Menschen einen echten Wandel in dieser Welt zu bewirken. Ich habe vor 20 Jahren Jura studiert und bin Anwältin geworden, weil ich den Menschen helfen wollte, aber ich habe die Umgebung im Berufsleben nicht ausgehalten, das Konkurrenzdenken und die Hinterhältigkeit, und habe dann in Indien Erlösung davon gefunden. Ich habe meinen inneren Bezug zur westlichen Kultur abgebrochen, habe aber gleichzeitig weiter im Westen gelebt, meditiert und spirituelle Übungen gemacht. Der innere Spalt ist mit der Zeit immer größer geworden und ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt, ich war einfach kein Teil dieser Welt und wollte auch keiner sein. Als ich diese Artikel gelesen habe, hat es sich wie ein Pfeil in meiner Brust angefühlt, es war die innere Wunde mit der ich ich so lange gelebt habe und die mir aber nicht bewusst war. Ich habe gesehen, dass ich mich so lange so völlig ohne Wurzeln gefühlt habe, weil ich weggelaufen bin, weil ich keine Verantwortung übernehmen wollte. Ich glaube wirklich, dass wir alle dieses Problem teilen und das große Bewegungen nie da passiert sind, wo es bequem war, sondern immer dann, wenn es eine Art Erdbeben im Bewusstsein gab, das alles in Frage gestellt hat. Ich glaube also, das wir als Bewegung und als Individuen von diesen Artikel profitieren können. Sie sollten unsere Liebe zur Wahrheit und unsere Sehnsucht nach Einheit bestärken.

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  11. A. Krabke

    Das große Missverständnis (des New Age) liegt darin, den Zustand des ‚Alles ist Eins‘ und ‚Alles ist gut‘ ohne sich darum zu bemühen, schon vorweggenommen zu haben. Aber – alles ist sicherlich nicht ‚gut‘, solange es noch ‚Leiden‘ gibt, wie es der Buddhismus z. B. beschreibt und anleitet, das Leiden (durch Erkenntnis) zu beenden. Das menschliche Leben findet innerhalb der Maya statt und ist alles was wir haben. Wer das erkannt hat, sollte es selbstverständlich finden, seinen Fähigkeiten entsprechend handelnd Teil der Welt zu sein.

    Ebenso werden im New-Age verschiedene Ebenen/Begrifflichkeiten ungut miteinander vermischt und das stiftet Verwirrung in der Szene. Im Absoluten, das entsteht und wieder vergeht, erscheint das eigene Handeln vielleicht verloren und sinnlos, aber da wirkt dieses tatsächlich tröstliche ‚Alles ist Eins‘ dann aber auch ziemlich schnurz und ist nichts, auf dem man sich auf Ewigkeit ausruhen kann. Es bleibt wie es die Weisen immer schon gesagt haben: Du bist der Meister deines Lebens.

    Im Gesamten bildet das ‚Manifest‘ einen wirklich aufrüttelnden Ruf, den ich dankbar vernehme. Im Detail finde ich es dann aber auch verwässert und undeutlich. Darauf eine neue Philosophie zu gründen, wo doch die großen alten Weisheitslehren die Landkarten des Wissens bereits geliefert haben, wird dem Autoren nicht gelingen.

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