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Bestimmte Gefühle, Wünsche und Eigenschaften gelten in unserer– von der katholischen Kirche stark geprägten – Kultur alss ündig. Doch gibt es so etwas wie Sünden überhaupt? Schüler sprachen mit ihrem spirituellen Meister OM C. Parkin.

 

OM, wann hast du das letzte Mal gesündigt?

Das allgemein verbreitete Konzept bezeichnet Eigenschaften von Menschen als Sünden. In meinem Verständnis ist das Ich selbst die Sünde. Das persönliche Ich-Konzept eines Menschen ist ein leidvolles Missverständnis über die eigene Natur. Wenn dieses Missverständnis behoben ist, gibt es keine Sünde mehr und auch die vermeintlich sündigen Eigenschaften kehren ganz natürlich in ihren Urzustand zurück, ohne dass ein Ich sich darum bemühen müsste, ein sündenfreies Leben zu führen.

 

Was ist eine Todsünde?

Im christlich-katholischen Sinne eine tiefgreifende, egoistische Leidenschaft, die den Menschen dazu verleitet, letztlich vor Gott verdammt zu sein. Von katholischer Moral enthoben bezeichne ich sie als zentrale emotionale Versuchungen des Ichs mit schwerwiegenden, leidvollen Konsequenzen. Eine weitere Betrachtungsweise wäre, die Todsünden als missratene Versuche des Ichs zu beschreiben, das verlorene Paradies wiederzufinden. Es sind Kompensationsversuche des Ichs für einen tiefgreifenden Seinsverlust.

 

Könntest du das bitte näher erläutern?

Das Enneagramm zeigt eine differenziertere Darlegung der Todsünden als das traditionelle Christentum. Es zeigt, dass die Todsünden nicht gleichwertig sind, sondern dass alle Todsünden auf eine zentrale Todsünde zurückgehen, und das ist die psycho-spirituelle Trägheit oder Bequemlichkeit (der Unwille, nach innen zu schauen und sich dem Leiden zu stellen). Das ist Ignoranz, eine versteckte Form von Aggression gegen das Göttliche, die sich unter dem Deckmantel der Passivität verbirgt, zum Beispiel das Unterlassen von eigentlich notwendigen Handlungen. Als Kompensation dient sie dem Ich dazu, der Hölle des Leidens vermeintlich zu entkommen und ein relatives Schein-Glück zu erlangen.

Die Bequemlichkeit als grundlegende Versuchung des Menschen besteht in dem naiven Glauben, endgültig Glück und Freiheit durch Vergessen des tiefen Leidens an der Trennung von Gott erlangen zu können. Auch die dumpfe Aggression, die der Bequemlichkeit zugrunde liegt, fällt dabei ins Unbewusste. Endgültige Freiheit ist jedoch nur durch die bewusste Erfahrung im Feuer des Leidens möglich, was fühlende Präsenz ist. Nur so geschieht Transzendenz.

 

Im Enneagramm kommen zu den sieben Todsünden Trägheit, Zorn, Stolz, Neid, Geiz, Gier und Wollust noch zwei weitere hinzu, nämlich Eitelkeit und Angst. Wieso war Angst in der christlichenTradition keine Todsünde?

Schäfer haben kein Interesse daran, ihren Schafen Angst als eine Sünde zu vermitteln. Und das Schaf ist für mich ein Synonym für den Gläubigen. Der Schäfer ist abhängig davon, dass das Schaf Angst hat. Sonst würde das Schaf erkennen, dass es gar kein Schaf ist.

Die christliche Lehre der Todsünden wurde von den Machtstrukturen der Kirche vereinnahmt und auf ihre Weise interpretiert. Die christliche Kirche hat viel stärker als andere Religionen mit dem Konzept des Über-Ichs gearbeitet, was sich in der Figur des strafenden Gott-Vaters zeigt. Mit der Erschaffung des Über-Ichs kommt das Konzept von Moral ins Spiel. So wurde Sünde im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder als heidnischer Widerstand gegen die Moral der Kirche verstanden und gelehrt. Die Kirche sah sich als Vertreter der „guten Christen“, alle anderen waren sündige Heiden.

 

Welcher Todsünde war die Kirche verfallen, als sie die sieben Todsünden in ihren Machtapparat einbaute?

Machtmissbrauch ist immer mit der Todsünde des Zornes verbunden, in der das Ich sich die Kraft des heiligen Zornes zunutze macht, um Macht auszuüben – im Namen Gottes natürlich.

 

Um die Welt in Richtig und Falsch einzuteilen?

Dass die Welt überhaupt vom Ich in Richtig und Falsch geteilt werden kann, geht auf die Figur eines selbstgerechten zornigen Richters zurück, der eine Figur des Über-Ichs ist, und das Über-Ich wiederum ist nur eine Struktur des Ich-Gedankens. Das Ich spielt sich als Richter auf über die Welt.

 

Wie kann es sein, dass die Kirche die Todsünden lehrt und gleichzeitig selbst eine begeht?

Die Todsünde des Zornes ist versteckt im christlichen Glaubensideal der Gerechtigkeit. Ich bin sicher, die Inquisitoren waren überzeugt, im Namen Gottes zu handeln und genau das Richtige zu tun. Sie waren sich der Lüge nicht bewusst, denn die grundlegende Sünde des Menschseins ist die Ignoranz, das Vergessen des Selbst, und was die Ignoranz so schwierig macht, ist, dass sie sich ihrer selbst nicht bewusst ist.

 

Aber worin liegt da der Versuch des Ichs, wieder ins Paradies einzukehren?

Die Idee von Gerechtigkeit versucht das Ich auf den rechten Weg zu führen. Einfach gesagt: „Wenn du alles richtig machst, wirst du von Gott wieder aufgenommen.“ Dem Konzept von Gerechtigkeit liegt die Vorstellung einer „richtigen“ Welt zugrunde, die im Unterbewusstsein mit dem Paradies gleichgesetzt wird. Sie ist ein Ersatz für das wahre Leben.

 

Und wie ist das bei der Todsünde des Neides zum Beispiel?

Die differenzierte Betrachtungsweise des Enneagramms zeigt, dass Neid nichts anderes ist als verhinderte Eitelkeit, weil es in der vom Neid beherrschten Psyche einen selbstfrustrierenden, selbstanschwärzenden Faktor gibt. Es handelt sich um Eitelkeit, die sich selbst frustriert durch ständiges Vergleichen mit einem perfekten Schein, den sie nie erreichen kann. Das volkstümliche Verständnis von Neid ist, dass ich in dir etwas sehe, was ich auch haben will, um einen vermeintlichen Mangel zu beheben und besser zu werden.

 

Um letztlich so zu sein wie Gott, nicht wahr?

Jedes Ich will so sein wie Gott, aber will nicht dafür sterben. Das Ich kann nur wie Gott sein, wenn es als Realität nicht mehr existiert, und dann gibt es keinen Vergleich mehr – und damit keinen Neid. Wenn man den Neid als eine Form der Eitelkeit genauer betrachtet, dann zeigt sich, dass in diesem Vergleich das Ich nicht dein Wesen mit meinem Wesen vergleicht, sondern zum Beispiel „deine Glorie der Liebe“ mit „meinem kleinen Schein“. Also deinen großen Schein mit meinem kleinen Schein. Neid interessiert sich nicht für das Sein. Neid interessiert sich nur für den Schein.

 

Aber worin liegt beim Neid der positive Kern?

Jedem noch so pervertierten Wunsch liegt eigentlich diese Ursehnsucht nach Frieden und Liebe zugrunde. Auch dem Neid liegt letztlich nur der Wunsch zugrunde, in dieser Liebe aufzugehen. Neid ist ein Ausdruck von Verirrung, so wie alle Todsünden Ausdrucksformen von Verirrung sind. Neid könnte man als Ausdruck einer pervertierten, selbstentfremdeten Sehnsucht beschreiben. Auch die Eitelkeit ist an der Liebe interessiert, aber sie dringt nur bis zum Schein vor und täuscht sich an diesem Schein.

 

Die Eitelkeit war wie die Angst keine Todsünde. Ist das Zufall?

In den sieben Todsünden der christlichen Lehre entspricht der Stolz (alt: Hoffart) der Eitelkeit. Das Enneagramm differenziert genauer und zeigt den Stolz als eine Variante der Eitelkeit im Rahmen einer exaltierten Persönlichkeit. Die Eitelkeit ist aber fundamentaler. In ihr geschieht die grundlegende Hinwendung des menschlichen Geistes zum hohlen Schein. Das Christentum hatte ursprünglich den Stolz als die schwerwiegendste Sünde genannt. Die Reihenfolge bezog sich auf den Grad der Ichbezogenheit.

 

Wie stehst du dazu?

Ich stimme dem nicht zu, weil Ichbezogenheit und die Auswüchse von Ichbezogenheit nur eine Reaktion auf die zugrundeliegende geistige Selbstvergessenheit sind, die mit der emotionalen Leidenschaft der Bequemlichkeit einhergeht. Das hat das Christentum so nicht verstanden.

 

Wie wird aus Selbstvergessenheit Ichbezogenheit?

Das Ich-Konzept wird zu einer Ersatzrealität für den Verlust an Sein. Und Stolz steht sozusagen für die Blüte des Ichs. Das blühende Leben einer Scheinwelt. Mit falschen Farben, falscher Schönheit, falscher Kraft und mit falscher Liebe. In moderner psychologischer Sprache bezeichnet man Stolz auch häufig als Selbstbewusstsein. Jede Ich-Therapie unterstützt die Todsünden. Wir leben in einer Zeit der Verharmlosung des Bösen, der Leidenschaften, die das Ego antreiben. Dies ist eine zwangsläufige Folge der Veroberflächlichung von tiefgreifendem Wissen. Heute finden wir die sieben Todsünden in der Werbung als Koketterie der Konsum gesellschaft wieder. Beispielsweise als Slogan wie „Geiz ist geil“ oder im Verwenden der einzelnen Todsünden als Namensgeber für die verschiedenen Magnum-Eissorten. In entsprechenden Werbespots kommen unter anderem Requisiten wie Teufelshörner zum Einsatz. Durchgehende Botschaft: Es ist cool, habgierig, faul, wolllüstig, neidisch, geizig etc. zu sein. Das sieht zwar erst einmal lässig aus, ist aber letztlich Ausdruck kollektiver Ignoranz.

 

Welche Todsünde ist da am Werk?

Die Verharmlosung des Bösen geht auf die Bequemlichkeit zurück, und es wird sehr deutlich, dass diese Ursünde immer stärkere Ausmaße annimmt in der heutigen westlichen Gesellschaft, insbesondere auch der deutschen. Sie ist einerseits ein Versuch, Angst zu kompensieren, zu betäuben. Sie ist auch ein Ausdruck relativer Selbstzufriedenheit, die immer dann einsetzt, wenn die äußere Bedrohung nachlässt. Ausdruck davon, dass es den Menschen zu gut geht. Ein Begriff, der in den Medien immer stärker hervortritt, ist die sogenannte „Spaßgesellschaft“. Die Ablenkungen haben sich vervielfacht, und die Bereitschaft, sich dem inneren Leiden zu stellen, nimmt ab. Andererseits sind heute mehr Menschen ernsthaft an Befreiung interessiert als je zuvor.

 

Ist diese Situation so ein modernes Sodom und Gomorrha?

Das Böse ist dem Menschen so nah wie noch nie in seiner Geschichte. Und die unsichtbare Essenz des Bösen zeigt sich in einer Gesellschaft, in der das sichtbar Böse relativ abwesend ist. Früher ist das Böse aufgetreten in Form von Feinden, die man anfassen und bekämpfen konnte. Heute jedoch ist die eigentliche Bedrohung unsichtbar, unfassbar, verborgen. Sie ist unsichtbar, sie ist unfühlbar, sie stinkt nicht, und doch durchdringt sie alles Leben. So wie Radioaktivität. Das Böse hat bereits jegliche Form zurückgelassen, die sichtbaren Masken abgestreift (Anm.: Das Böse sind die Leidenschaften, die das Ego antreiben: die sieben – bzw. nach dem Enneagramm neun – Todsünden. Mit der Leidenschaft wird das Überleben des Egos gesichert und der eigene Machtanspruch durchgesetzt. Das ist die Trennung, der Fall aus dem Paradies. Durch Verharmlosung zum Beispiel in der Werbung sind diese Todsünden gesellschaftsfähig geworden. Niemand erahnt mehr die Dimension des Leidens, die wahrhaftig dahinter steckt. Es handelt sich bei dem Bösen um eine geistige Dimension – von daher der Vergleich mit Radioaktivität. Das Denken wirkt, ist aber nicht sichtbar, nicht fühlbar und geruchsfrei. Die Auswirkungen des Bösen erscheinen dann allerdings doch auf der materiellen Ebene, werden aber eben nicht auf das Unsichtbare, das wirklich Böse, zurückgeführt.). Dass das Böse sich in seiner Essenz offenbart, birgt in sich einerseits die Gefahr eines fast vollständigen Verlustes an Leben, an Seele, und andererseits ein immenses transformatorisches Potential.

 

Inwiefern hat die Nähe zum Bösen transformatorisches Potential?

Weil sich im Bösen, in dessen Essenz, die Kraft der Transformation verbirgt. Das Zulassen der Begegnung mit dem Bösen kann ein unglaubliches transformatorisches Potential freisetzen und die Tore öffnen zur Transzendenz des Guten wie des Bösen. Alle Menschen bekämpfen das Böse. Das ist das Problem. Und solange sie es bekämpfen, können sie nichts über das Böse wissen.

 

Was würdest du jemandem sagen, der Angst hat, sich mit den Todsünden zu beschäftigen?

Ich würde ihm antworten: Hör auf, vor der Freiheit davonzulaufen. Deine vermeintliche Todsünde ist in Wirklichkeit ein Tor zur Befreiung.

 


 

Die 7 + 2 Todsünden auf einen Blick

Zorn: Das Ich verkleidet als strafender Gott behängt mit dem Ideal der Gerechtigkeit und der Tugendhaftigkeit.

Stolz: Das Ich in voller Blüte. Sozusagen das blühende Leben einer Plastikblume.
Eitelkeit: Sich berauschen und schmücken mit der hohlen Scheinwelt, um daraus eine überhöhte Identität zu gewinnen.

Neid: Verhinderte Eitelkeit. Eitelkeit, die sich selbst frustriert durch ständiges Vergleichen mit einem perfekten Schein, den sie nie erreichen kann.

Geiz: Geiziges Zurückhalten von Liebe und Lebendigkeit. Dort, wo ursprünglich Milch und Honig flossen, ist jetzt ausgedörrtes Land.

Angst: Die Abtrennung vom Ur-Vertrauen und die Suche nach Sicherheit manifestieren sich in zersetzenden Gedanken.

Völlerei: Der Wunsch, die Rosinen aus dem Kuchen zu essen, gepaart mit der Weigerung, ihn selber zu backen oder hinterher die Krümel wegzuwischen.

Wollust: Jedem das seine, mir das meiste. Und nach mir die Sintflut. Das animalische Prinzip Trägheit: Der Unwille, nach innen zu schauen und sich dem Leiden zu stellen. Die Flucht in ein angenehmes und bequemes Elend.

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