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Mit diesem Leitsatz lässt sich die kulinarische Arbeit des 34-jährigen Björn Moschinski, der von frühester Jugend an vegan isst, lebt und auch selbst aktiv im Tierschutz ist, gut umreißen. Im „MioMatto“, seinem neu eröffneten veganen Restaurant, das sich mitten im Herzen Friedrichshains über einem großen veganen Supermarkt befindet, hat SEIN den „Vegan Head Chef“ (veganen Chefkoch) getroffen und sich mit ihm über seine Berufung, seine ethischen Werte und natürlich sein Essen unterhalten.

 

Wie hast du zum Veganismus gefunden? 

Seitdem ich 14 war, ernährte ich mich vegetarisch, mit 15 bin ich Veganer geworden. Dazu hat mich aber nicht mein soziales Umfeld animiert, sondern tatsächlich die Jugendzeitschrift „Bravo“. Anfang der 1990er Jahre bearbeiteten die die Thematik Tiertransporte und Massentierhaltung, und diese Berichte haben mir als Jugendlicher den Anstoß gegeben, den Konsum von tierischen Produkten zu überdenken.

 

Macht der Veganismus bei dir denn bei der Ernährung halt? 

Das bezieht sich auf alle Bereiche meines Lebens. Es war damals ein schrittweiser Prozess. Zuerst wurde ich Vegetarier, dann habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob ich überhaupt noch Lederschuhe tragen möchte. Dann habe ich entdeckt, worin überall tierische Gelatine enthalten ist. Als Nächstes lernte ich, dass in Käse Lab ist, ein Enzym aus dem Kälbermagen, für das die neugeborenen Tiere nach 14 Tagen getötet werden. Und so fielen nach und nach immer mehr vegetarische Produkte und Lebensmittel für mich weg und ich stellte fest, dass ich im Grunde gar kein Vegetarier war, weil ich einfach nirgends Dinge nutzen oder essen wollte, für die ein Tier leiden oder sterben muss. 

 

Hat Veganismus für dich einen spirituellen Aspekt? 

Ich selbst habe da keinen spirituellen Bezug zu. Ich bin nur der Meinung, dass Tiere einfach nicht dazu geschaffen wurden, um von uns getötet und gegessen zu werden. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass Menschen, die einen spirituellen Weg gehen, in dieser leidfreien Ernährung die beste Basis dafür finden.

 

Wirst du auch mal angefeindet?

Meiner Erfahrung nach ist es wirklich so, dass viele nicht offen vegan leben, weil sie im Bekanntenkreis – und größtenteils auch in der Familie – Angst vor den Reaktionen haben. Aber das wandelt sich gerade sehr stark. Wenn mich jemand – zum Beispiel so „wahre Männer“ – versuchen zu provozieren, dann habe ich kein Problem damit, die ekelerregenden Seiten der Fleischindustrie sehr deutlich aufzuzeigen. Aber das ist inzwischen extrem selten geworden, der Begriff des Veganismus ist erfreulicherweise in unserer Gesellschaft angekommen und die meisten wissen, was er bedeutet. 

 

Warum und für wen kochst du?

Ich habe ja früher viele Demonstrationen zum Tierrecht organisiert. Und ich habe festgestellt, dass Worte manchmal einfach nicht reichen. Die Leute müssen schmecken, riechen und selbst wahrnehmen, dass beispielweise ein veganer Gulasch genau so lecker ist wie einer mit Fleisch. Ich habe damals dann Selbstgekochttes mitgenommen und die Leute probieren lassen. Eigentlich ist es mein oberstes Ziel, ausschließlich für Fleischesser zu kochen. Die gehen dann hier raus und sind begeistert – das sind dann Multiplikatoren. Die Veganer sind vegan, die brauche ich ja im Grunde nicht mehr zu überzeugen. 

 

Was macht die vegane Küche deiner Meinung nach aus?

Veganer wollen keinen Verzicht leben. Wir wollen keine Tiere töten, aber wir wollen die gesamte Geschmackspalette erfahren. So erschaffen wir gleichwertige vegane Alternativen – ich bin zum Beispiel recht bekannt für meinen veganen Eiersalat, der aus Kichererbsenmus und Nudeln besteht und wie das Original schmeckt. Geschmacksmuster werden eben in den ersten 10 Jahren des Lebens geprägt, und wenn du aufhörst Fleisch zu essen, dann gierst du irgendwann nach diesem Geschmack. Viele werden dann schwach. Und da greift quasi das vegane Konzept, denn um diese Gier zu bedienen, braucht es kein Fleisch oder andere tierische Produkte.

 

Kocht ihr nur mit Bioprodukten?

Da Bioprodukte inzwischen teilweise aus Peru oder China eingeflogen werden, sind gute Produkte aus der Region für mich sehr viel wertvoller – meiner Meinung nach auch für die Umwelt. Natürlich ist Bio aus der Region erste Wahl für mich. Ich bin aber der Meinung, dass das neue Bio die Regionalität und Saisonalität ist. 

 

Wie stellst du dir den Veganismus in der Zukunft vor?

Ich wünsche mir, dass die vegane Ernährung überall ganz akzeptiert und etabliert ist. Du bist was Du isst und nach Jahrzehnten mit falschem Konsum, Fertiggerichten und stressigem Leben sind wir gerade auf dem besten Weg in ein gesundheitliches, ökologisches und humanistisches Disaster. Wir befinden uns gerade auf einem Scheitelpunkt und ich wünsche mir, dass ich irgendwann – egal in welcher Stadt und in welchem Laden – ganz selbstverständlich und problemlos vegane Lebensmittel in den Regalen finden kann.


Abb: © Björn Moschinski

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Über den Autor

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ist studierte Germanistin, Sozial- & Geschichts­wissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin als freie Journalistin, Redakteurin, Autorin, Texterin, Foodbloggerin, magische Kesselguckerin, kulinarische Diva und Kunsthandwerkerin.

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