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Geht das ?

Das lieb gewonnene Essen auf dem Tisch – das ist für viele ein sehr stark emotional aufgeladenes Thema. Über Tofuschnitzeln sind schon halbe Kriege entbrannt und Menschen mit vegetarischen oder veganen Nahrungs­kon­zepten müssen sich leider oft rechtfertigen. Besonders stark kochen die Mein- ungen hoch, wenn Kinder beteiligt sind. Kleinkinder vegan ernähren? „Das geht nicht!“ tönt es da sofort hitzig. „Geht wohl!“ – dachte sich die Berlinerin Sohra Behmanesh, die schon zehn Jahre vor der Geburt ihres Sohnes Levi vegan lebte. Mit SEIN spricht sie über ihr veganes Leben mit Kind.

 

Du betreibst TofuFamily.de – wie kam es dazu? 

Als ich schwanger wurde, gab es keine deutschsprachige Webseite, die sich mit veganer Schwangerschaft und veganen Kindern beschäftigt hat, die ich gut fand. Die wenigen Informationen, die man fand, waren schwammig, die wenigen Angebote radikal und unsympathisch. Für vegetarische Familien gab es überhaupt keine Anlaufstelle. Ich stellte hier eine große Unsicherheit fest – oft  verursacht durch besorgte und uninformierte Ärzte und Verwandte. Ich merkte, dass sie nur etwas Zuspruch, den Kontakt zu Gleichgesinnten und handfeste Informationen brauchten, um zu erfahren, dass eine solche Ernährung auch mit Kindern problemlos funktionieren kann. Und da ich im Bereich Veganismus und Ernährung durch meine Arbeit viele Erfahrungen hatte und gut vernetzt war, beschloss ich kurzerhand, diese Lücke selbst zu füllen.

 

Hast du lange darüber nachgedacht, ob du dein Kind vegan ernähren willst? 

Für mich stand immer außer Zweifel, dass ich mein Kind vegan ernähren würde. Ich hätte es merkwürdig gefunden, es nicht meinen Werten entsprechend aufzuziehen. Und heute finde ich, dass ich meinem Sohn auch in gesundheitlicher Hinsicht ein großes Geschenk mache – besser geht es doch nicht!

 

Stillen war aber für dich selbstverständlich?

Ich kenne keine vegane Mutter, die nicht zumindest versucht hat zu stillen. Die meisten veganen Mütter stillen sogar überdurchschnittlich lange! Warum auch nicht? Stillen ist bekanntlich die beste Ernährung für das Kind, und Muttermilch ist, da sie von der eigenen Spezies kommt, 1A vegan. 

 

Oft wird ja befürchtet, dass es zu Mangelerscheinungen und Entwicklungsverzögerungen kommt. Nutzt ihr Nahrungsergänzungmittel?

Es ist klar, dass alle Veganer Vitamin B12 substituieren müssen, aber das geht sehr einfach. Wenn man gesund ist und ansonsten auf eine ausgewogene Ernährung achtet, gibt es eigentlich keine Probleme. 

 

Ist die Vorliebe für Fleisch kulturell anerzogen? 

Es gibt ein sehr interessantes Buch von der Psychologin Melanie Joy, die das Phänomen des Fleischverzehrs als unbewusste Ideologie beschreibt, die den Menschen dazu konditioniert, es als normal, notwendig und natürlich zu empfinden, bestimmte Tiere als essbar zu betrachten – obwohl die Vorgänge in der Tierindustrie mit den Werten der meisten Menschen im völligen Gegensatz stehen. Ich mache die Erfahrung, dass es sehr einfach ist, Kinder vegan zu erziehen – Kinder lieben Tiere und wollen nicht, dass ihnen wehgetan oder etwas weggenommen wird. 

 

Wie erklärst du deinem Sohn, warum er manche Sachen nicht essen darf? 

Bei uns gibt es sehr wenige Verbote, ich habe meinem Kind noch nie gesagt, dass es dies oder jenes nicht essen dürfe, weil es nicht vegan sei. Ich bin schon früh mit ihm in Gespräche gegangen. Da er selbst noch gestillt wurde, konnte er sehr gut nachvollziehen, dass es nicht okay ist, wenn man Babykühen die Mamamilch wegnimmt, schließlich wollte er seine Mamamilch auch gerne behalten. Bis heute argumentiere ich nicht mit Schmerz oder Leid der Tiere. Meine Art, ihm Veganismus nahe zu bringen, hat viel mit der Vermittlung von Empathie zu tun – und es funktioniert bisher gut!  

 

Wie gehst du im Alltag damit um? Welche Lösungen hast du da?

Ich möchte nicht, dass mein Kind Veganismus mit Verzicht oder Restriktionen assoziiert. Wenn Levi zum Spielen oder zu Kindergeburtstagen eingeladen ist, spreche ich mich im Vorfeld mit den Eltern ab und sorge immer für vegane Alternativen.

 

Wenn Levi unbedingt etwas Nichtveganes essen will – wie gehst du damit um?

Noch hat er kein Interesse an Tierprodukten. Sollte er eines Tages unbedingt doch etwas Unveganes essen wollen, würde ich das wohl schlucken müssen. Ich möchte ihn nicht dazu zwingen, vegan zu leben. Ich möchte, dass er aus freien Stücken vegan lebt und nicht aus Gehorsam. Ich bin der Meinung, dass es wahrscheinlicher ist, dass mein Kind sein Leben lang vegan bleibt, wenn es den Raum hat, sich selbst dazu zu entscheiden.

 

Hast du einen Ratschlag für werdende Eltern? 

Das Wichtigste, was sie machen können, ist: sich ein gutes Buch über vegane Ernährung zu kaufen. Mit handfesten Informationen beruhigt man sich selbst und die besorgte Verwandtschaft gleich mit. Und fast genauso wichtig ist es, Gleichgesinnte zu suchen – sowohl für die Eltern als auch für die Kinder. Gerade für Kinder ist es essentiell zu erfahren, dass sie mit ihrer Lebensweise nicht alleine sind.


Abb: © Kristyan Geyr

Die 34jährige Sohra Behmanesh lebt mit ihrem 4 1/2 Jahre alten Sohn Levi in Berlin Pankow. Sie ist die Gründerin von TofuFamily.de

 

Buchempfehlung von Sohra Behmanesh: 

Melandie Joy, Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen, 

ISBN: 978-3981462173 

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