Kurze Geschichten über die einfachen und schönen Wunder im Leben und was uns glücklich machen kann

Erschöpft und mit hängenden Schultern schleppte sich Maria durch das Dickicht ihres Großstadt Lebensraumes. Von der anmutenden Ruhe eines ersten globalen Stillstandes inmitten des aufkeimenden Frühlings in 2020, einer weltweiten Krise geschuldet, die wie ein Zeitraffer erschien und uns Menschen vorgaukelte, einige Wochen lang mehr Lebenszeit zur Verfügung zu haben, war kaum noch etwas zu spüren. Aus dieser auferlegten Pause, die sich für viele Menschen, so auch für Maria, als erholsame Auszeit auswies, hatte sich nunmehr eine erdrückende, nahezu erstarrte Gemütsverfassung herangebildet.

Das Ringen um die eigene Existenz, die unzähligen, wahllos verschlossenen Türen des alltäglichen Lebens, ewig wirkende Lossagungen vom Gewohnten und allem voran die unkontrollierbare gesellschaftliche Zerlegung der einen ursprünglichen Gestalt, fassten Maria gnadenlos tief in ihre menschliche Verletzlichkeit, nagten an ihrer Seele und rissen ihr die letzte emotionale Schutzkleidung vom Leibe.

„Glück gehabt“

„Was ist denn „Glück gehabt“ Papa?“ ertönte eine durchdringende Kinderstimme in ihrer Nähe. Nur  wenige Menschen tummelten sich im Stadtpark, jeder wirkte für sich. Nahezu allein. Einige von ihnen rannten eilig durch ihren Nachmittag, wie wir sie immer und immer wieder in der lähmenden Großstadthektik finden können. Manch andere standen unbeholfen herum, blickten in den Himmel und streckten der Sonne ihr Gesicht entgegen. Als würden sie nach einem langen Dämmerschlaf vom frischen Tageslicht liebkost werden. Einem Stallkaninchen ähnelnd, das einen Nachmittag lang vom saftigen Grün der Frühjahrswiese kosten durfte, und das doch in einem kläglich umrandeten Auslaufgebiet festgehalten wurde. Mit einer süßlichen Erinnerung in seinem Reptiliengehirn an eine ursprüngliche Freiheit, die es einst als Feldhase lange vor der Zeit seiner Domestizierung erfahren hatte.

Maria seufzte. Sie liess die Worte tief in ihr Gemüt eindringen, bewegte sie hin und her und sprach zu sich: „Glück haben.“ „Was der Vater wohl seinem Kind erzählen wird?“

„Papa – saaaag.“

Die Natur des Wunder

Das Stimmengewirr um sie herum wurde leiser und sämtliches Geschehen erschien mit einem Male dumpf und weit entfernt. Maria blieb stehen. Sie drehte sich instinktiv um. Etwas zog ihre gesamte lebendige Aufmerksamkeit auf sich und sie wurde für einen Moment lang steif, als hielte ihr gesamtes Sein den Atem am. Da schlich ein Fuchs am Rande des Parks umher. Mitten am Tage. Und bahnte sich einen Weg an den Menschen vorbei, durch parkende Fahrräder hindurch und nicht mehr als 2 Meter von ihr entfernt. Er blieb stehen und blickt sie an. Einen bescheidenen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke. Maria bekam weiche Knie, doch nicht weil sie sich vor dem wilden Geschöpf fürchtete.

Die braunen Augen des Fuchses gruben sich tief in ihre verleiblichte Seele hinein, liessen ihre Blutbahnen pulsieren, ihr Herz höher schlagen und legten ein bescheidenes Wunder über die bunt kostümierte Unendlichkeit allen Lebens. Einen verweilenden Atemzug tief verwandelten sich die gewöhnlichen Stadtgeräusche in eine sanftmütige Stille und berührten den heiligsten Kern ihres Lebens. Süße, kindliche Tränen wundersamen Erstaunens rannen unkontrolliert über ihre Wangen. Jeder dieser Tropfen hinterließ ein klingendes Abenteuer und ein Wundee auf dem Erdboden.

Einfach Sein im Wunder

Maria spürte eine niemals zuvor dagewesene Verbindung zu ihrem eigenen Wesen und zum Wunder. Ein neuartiges Spüren ihres leiblichen Daseins. Eine grenzenlose Gefühlstiefe. Und eine sonderliche Bindung an ihr Leben. Eingehüllt in eine unbeschreibbare Liebe für diesen Fuchs. Ein wildes Tier, mitten am Tage, inmitten einer großen Stadt. Alles Geschehen erschien ihr wie ein Wunder. Jenseits des normal Gewohnten. Das Liebende in ihr wuchs in die Tiefe. Zog sich in die Weite. Wurde stetig unendlicher. Ergoss sich über ihre körperlichen Grenzen hinweg ins weltliche Geschehen hinein und durchflutete sämtliche atomaren Bewegungen. Verwob auf eine undurchsichtige Weise alles Lebende und nicht Sichtbare miteinander. Als begegnete sie Jahrzehnte später erneut ihrer ersten großen und tiefsten Liebe aus jüngsten Kindheitstagen, wurde sie von einer seltenen Hingabe ergriffen.

Dieser kostbare Moment schien Marias mächtige innere Weltenuhr anzuhalten, die unzähligen Zeiger darin aufzulösen und ihr menschlich begrenztes Dasein auf eine radikal ehrliche Weise in einen zeit- und endlosen Raum zu entlassen- ein Wunder. Ihr Atem floss weiter und ihre Knie gaben nach. Maria sank voller Dank nahezu auf den Boden, als hätte das Leben für sie einen Teppich ausgerollt und ihr – wenn auch nur für ein einziges Momentum – die Gnade eines vollkommenen Daseins erwiesen. Zu Lebzeiten.

Der Fuchs drehte unterdes seinen Kopf, wandelte in rhythmischen Bewegungen weiter und hinterließ eine selten kostbare Perle in Marias Herzen.

 

Lena Elisa

Über den Autor

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Lena Grabowski ist als Dozentin und Referentin für humanistische und integrale Psychotherapieverfahren tätig und bildet soziale, psychologische und medizinische Berufsgruppen darin aus. Sie bietet Traumatherapie und traumasensibles Coaching für Werte- und Zielfindung in einer Berliner Gemeinschaftspraxis an. Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel und Kurzgeschichten.

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