Anzeige

Cantienica ist anstrengend. Miniaturbewegungen, die nach Rentnergymnastik aussehen, treiben Übenden schon nach wenigen Minuten den Schweiß auf die Stirn. Doch der Lohn ist beeindruckend: Mit keiner anderen Methode lässt sich die Halte-Muskulatur so gezielt kräftigen, dass Schmerzen verschwinden, der Körper sich aufrichtet und oft das Gefühl entsteht zu schweben. Was ist das Besondere an dieser Körpertherapie? Jörg Engelsing sprach mit der Cantienica-Tainerin Ruth Macia.

 

Jörg Engelsing:Was ist Cantienica?

Ruth Macia: Cantienica ist eine Körperarbeit, die Skelett und Knochen ausrichtet sowie die tiefe Muskulatur kräftigt.

 

Heißt das, dass man Knochen begradigen kann?

Ja. Knochen werden von Muskelzügen strukturiert, gebildet, geformt. Und wenn ich Muskelzüge verändere, dann kann ich auch Knochen in ihrer Form und Struktur verändern. Letztendlich kann ich meinen ganzen Körper durch gezielte Muskelbewegungen neu strukturieren.

 

Wie weit geht das – können Füße, die beim Gehen einwärts oder auswärts zeigen, wieder so ausgerichtet werden, dass sie parallel stehen?

So etwas ist möglich. In der Cantienica- Methode werden grundsätzliche anatomische Gegebenheiten mit individuellen Möglichkeiten verknüpft. Der Mensch soll in seiner Individualität die Möglichkeit erhalten, sein Skelett wieder möglichst optimal auszurichten.

 

Wie sieht es bei Degenerationen wie Skoliose aus?

Skoliosen verändern sich mit diesen Übungen sehr schnell. Ich habe schon Wirbelsäulen gesehen, die sich innerhalb von 60 Sekunden begradigt haben. Ob die Muskulatur das hält, hängt natürlich von der Dauer des Muskeltrainings ab. Ich würde sagen, dass es ab vier Wochen aufwärts täglichen Trainings braucht, um den neuen Zustand einer geraden Wirbelsäule zu stabilisieren.

 

Es gibt ja viele therapeutische Methoden, die so etwas versuchen, aber meist scheitern. Warum ist Cantienica da erfolgreich?

Das liegt vor allem an der Arbeit mit der Tiefenmuskulatur anstatt mit der Außenmuskulatur. Die Außenmuskulatur ist die Muskulatur, die uns bewegt – beispielsweise Bizeps (Beugung), Trizeps (Streckung) und der lange Bauchmuskel, der für die Beugung des Rumpfes verantwortlich ist und die Sixpacks macht. Das alles sind Bewegungsmuskeln. Sie arbeiten gelenkfern, das heißt, sie stützen nicht. Zum Stützen und Schützen von Gelenken und der Wirbelsäule brauche ich Muskeln, die ganz dicht am Knochen sitzen. Weil sie nicht über einen Hebel bewegt werden, müssen sie auch nicht lang sein. Sie liegen ganz nah, wie in einer Scheide, beispielsweise um die Wirbelsäule herum. Diese kleinen Muskeln halten die Wirbelsäule in ihrer Form und stützen sie. Sie liegen natürlich nicht nur um die Wirbelsäule, sondern man findet sie überall im Körper. Das Stützgerüst fängt bei der Muskulatur des tiefen Beckenbodens an, der so etwas wie die Basis für das Hochhaus Rumpf ist und die vertikale Ausrichtung unterstützt. Durch präzise und ganz leichte Zug – spannung zwischen den Muskelursprüngen und -ansätzen mit anatomisch korrekter Rotationsvernetzung bringt man diese Muskeln zum Arbeiten.

 

Was würde passieren, wenn ich den Beckenboden nicht speziell mittrainiere?

Ich gäbe dem Körper nicht die Chance, sich aus der Tiefe heraus zu halten und zu korrigieren, denn genau dafür ist die Tiefenmuskulatur ja vorgesehen. Wenn ich nur über die Außenmuskulatur versuche, auf den Körper Einfluss zu nehmen, werde ich immer Schwierigkeit haben, das ganze System auszubalancieren. Es geht hier um eine konsequent vertikale Ausrichtung, denn genau das stützt uns. Das Ziel ist, dass wir permanent bewusst im täglichen Leben – irgendwann passiert das von alleine – zwischen Erde und Himmel ganz leicht in die Streckung gehen. Einfach nur durch Achtsamkeit auf diese Aufspannung zwischen Oben und Unten erreicht man, dass der Körper sich nach einiger Zeit von alleine in Alltagssituationen aufrecht hält und damit auch seine Gelenke, die Wirbelsäule und den ganzen Körper schützt. Kinder machen das noch automatisch. Sie sitzen beim Spielen manchmal stundenlang absolut gerade – anstrengungslos. Einfach darum, weil bei ihnen die Tiefenmuskulatur korrekt arbeitet. Da unser Sitzverhalten aber „sofamäßig“ beeinflusst ist, haben wir mit der Zeit den Zugang zu den tiefen Muskeln verloren und sacken zusammen.

 

Und das hat Benita Cantieni, die Erfindern von Cantienica, als eine der Wenigen erkannt?

Sie hat sicherlich das Rad nicht neu erfunden, aber sie hat unglaublich intelligent und klug ein paar Dinge zusammengefügt, die in ihrem Zusammenspiel vorher noch keiner wirklich verstanden hat. Joseph Hubert Pilates hatte mit Tänzern zwar auch an der Tiefenmuskulatur gearbeitet, aber das ist 100 Jahre her und es fehlten einfach einige Puzzleteile.

 

Wird die tiefe Muskulatur beim normalen Krafttraining an Geräten gar nicht aktiviert?

Wenn ich die Muskeln nicht bewusst ansteuere, erreiche ich die Tiefenmuskulatur nur am Rande. Das gilt für die meisten Körpertrainingssysteme. Man kann mit ihnen mehr oder weniger große Körperpanzer aufbauen, die die Wirbelsäule in gewissem Maße stabilisieren, aber man schafft letztendlich nicht an Ort und Stelle den natürlichen Halt, den ein Körper haben könnte und auch sollte.

 

Wie sieht es mit Yoga aus?

Auch da muss ich mich gezielt auf die Tiefenmuskulatur konzentrieren, sonst arbeitet sie nicht mit. Das ist wie bei normaler Gymnastik.

 

Ich habe ja mal eine Stunde bei dir genommen und dann festgestellt, dass es am Anfang gar nicht so einfach ist, überhaupt den tiefen Beckenboden zu spüren und diese ganz kleinen Muskeln. Haben wir Bürohocker das verlernt?

Diese Art, sich zu halten, zu bewegen, zu leben und zu trainieren ist irgendwie vergessen worden und braucht ein ganz neues Hinschauen. Es gibt noch andere Ansätze, aber herkömmliches Beckenbodentraining beispielsweise kräftigt vor allen anderen Muskeln nur die äußere, die Schließmuskulatur. Doch die sollte eben nicht der Fokus sein, denn sie ist ja eine Bewegungsmuskulatur – Körperöffnung auf und zu – und keine, die stützt.

 

Kann den Gebrauch dieser Stützmuskeln jeder erlernen?

Selbstverständlich. Kinder haben bis zu ein bestimmten Alter einen ganz natürlichen Zugang zum Gebrauch dieser Stützmuskeln – hier braucht es oft nur kleine Anstöße. Auch ältere unbewegliche Menschen können Cantienica sehr gut praktizieren, weil es keine Akrobatik erfordert, sondern aus kleinsten ultrazarten dreidimensionalen Bewegungen besteht. Ich arbeite sogar mit über 90- jährigen und die sind oft sehr erstaunt, was der Zugang zur Tiefenmuskulatur mit ihrem Körper macht.

 

Was bringt dieser Zugang denn im täglichen Leben?

Man erfreut sich eines aufrechten Körpers ohne Gelenk- oder Rückenschmerzen, hat einen kraftvollen Beckenboden, was für den Halt der Organe, Blase, Gebärmutter, bei Inkontinenz und Prostataproblemen – Cantienica wirkt Prostatavergrößerungen entgegen – wichtig ist. Cantienica kann die Beinachsen korrigieren und unterstützt präventiv, dass Probleme überhaupt erst gar nicht auftreten – Schmerzen am Bürotisch müssen einfach nicht sein. Laufen ist dann oft fast ein bisschen wie Schweben.

Menschen, die schon körperliche Einschränkungen haben, wie zum Beispiel Bandscheibenvorfälle oder akute Hexenschüsse, hilft Cantienica wieder in eine schmerzfreie Balance. Auch nach OPs ist Cantienica sinnvoll. Weil die Tiefenmuskulatur als Schutz aufgebaut wird, werden Sportarten wieder möglich, die vorher undenkbar waren. Viele Sportler – und auch Musiker – kommen, damit sie leistungsfähiger werden und sich weniger verletzen. Menschen können wieder laufen, weil der Körper zurück in seine Mitte kommt. Hat man sich durch Yoga Verletzungen zugezogen und musste aufhören, kann Cantienica wieder die Basis schaffen, um erneut üben zu können. Auch wenn ich physiotherapeutisch arbeite, wende ich Cantienica an. Menschen, die sich aus der Tiefenmuskulatur heraus bewegen, sind geschmeidig und es ist eine Freude ihnen zuzuschauen – egal, ob sie gehen, tanzen, eine Spülmaschine ausräumen. Man nimmt eine natürliche Anmut und Leichtigkeit in den Bewegungsabläufen wahr, gepaart mit Körperwissen und Selbstbewusstsein.

 

Existieren Knie- und andere Gelenkprobleme eigentlich nur darum, weil der Rücken nicht gerade ist?

Nein, jedes Gelenk kann natürlich Probleme machen, aber wenn die Wirbelsäule „schwebt“, sind die Fußmuskeln aktiv – also keine Knick-, Platt-, Senkoder Spreizfußthemen –, die Knie sind entlastet – beim Abwärtsgehen hilft beispielsweise die tiefe Rumpfmuskukatur enorm –, die Hüften sind frei und gedehnt und das Kreuzdarmbeingelenk ist dadurch muskulär sanft gesichert.

 

Lassen sich auch Traumata damit lösen?

Auf der körperlichen Ebene auf alle Fälle, ansonsten bin ich keine Psychotherapeutin. Ich beobachte nur in den Jahrzehnten, in denen ich mit Cantienica arbeite, dass die Menschen einfach leichter und freudvoller durch ihr Leben gehen. Auch aufrechter und aufrichtiger, denn für mich beinhaltet diese Aufrichtung auch eine Aufrichtigkeit, die automatisch entsteht. Beim Meditieren sollte die Wirbelsäule ja gerade sein, damit die Kundalini- Energie frei nach oben fließen kann.

 

Kann Cantienica beim Geradesitzen während der Meditation helfen?

Selbstverständlich. Die Tiefenmuskulatur, und nur diese, ist dafür zuständig, dass wir die Wirbelsäule in einer aufgerichteten, energetisch durchlässigen Position halten können.

 

Also könnte eine körperliche Restrukturierung, wie Cantienica sie angeht, letztlich sogar spirituelles Wachstum unterstützen …

Auf alle Fälle. Eine konsequente vertikale Ausrichtung verbindet uns bewusst mit jedem Atemzug und jedem Schritt. Ein Körper, der sich spielerisch und leicht zwischen Erde und Himmel bewegt, fühlt sich ganz anders an und hat ganz andere Möglichkeiten als ein Körper, der in sich zusammenfällt.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*