Ayurveda bietet als Gesundheitskunde (Swasthavritta) für jeden eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Erlangung der inneren Balance: Tagesroutine (Dinarcaya), ethische Lebensweise (Sadvritta), Ernährung, Yoga, Maßnahmen und Substanzen mit stark regenerierender Wirkung (Rasayana), die fünf eliminierenden Maßnahmen (Panchakarma) und eben die Berührung des Menschen auf allen Ebenen. Denn körperliche Nähe ist für Menschen so fundamental wichtig wie Nahrung. Ein Artikel über das Nährende in therapeutischen Berührungen.

von Jagata Schaad

Wenn man sich fragt: Wo und wann beginnt Leben? Dann lautet die Antwort: Sicherlich nicht erst nach der Geburt, denn schon das Kind im Mutterleib nimmt wahr, empfindet, träumt und reagiert intensiv auf Berührungen.

Berührung ist die Wurzel

Der französische Gynäkologe und Geburtshelfer Frédérick Leboyer, der mit der „sanften Geburt“, das Verständnis der Geburt revolutionierte, schreibt in seinen Büchern über die traditionelle Kunst der Babymassage, dass wir unsere Babys so nähren müssen, dass sie wirklich satt werden, innen wie außen. Dieses Bedürfnis trifft auf den Menschen in allen Lebensabschnitten zu. Berührung in ayurvedischen Anwendungen Traditionelles Ayurveda hat mit menschlichen Händen zu tun. Die Hände des Behandlers übertragen als Erweiterung seines Herzchakras die notwendige Energie. Das Rühren in der Herstellung der Verkochungen und Öle füllt die Wirkstoffe zusätzlich mit universeller Kraft, die kein Gerät je einbringen könnte.

In jeder ayurvedischen Behandlung sprechen die Hände des Therapeuten direkt zur Haut des Klienten. Sie sollten wie Schnee, der sich um einen Ast legt, aufliegen und eine direkte, ehrliche Berührung vermitteln. Neben den jeweiligen therapeutischen Effekten der Anwendungen erfüllt die Berührung elementare Grundbedürfnisse des Menschen. Menschen brauchen Wärme, Mitgefühl, Schutz, Fürsorge, Sinnlichkeit und Berührung. All dies ist Nahrung, die ebenso wichtig ist wie Mineralien, Vitamine und Proteine. Ayurvedische Anwendungen wirken auf Körper, Geist und Seele. Egal ob die Anwendungen zur Gesundheitserhaltung (Swasthavritta) oder für die ayurvedische Heilkunde (Yukti Vyapasraya) genutzt werden – immer sind sie aufwendig: Von Hand hergestellte Öle, vielfältige Materialien und arbeitsintensive Therapien nähren unsere Gewebe (Dhatus) mit dem, was sie benötigen, und stärken unser inneres Leuchten (Ojas).

Ayurveda und seine Sinnlichkeit

In Indien erfährt man durch seine Farben- und Pflanzenvielfalt, Düfte und Kräuter einen Reichtum, der seit Jahrtausenden in die ayurvedische Lehre eingeflossen ist. Im Grunde genommen sind unsere fünf Sinne eine Erweiterung unserer Haut. Sie sind eine Art Fühler des Gehirns, welche die äußere Welt erforschen und erspüren. Mit jeder Sinnesqualität, die während einer Anwendung angesprochen wird, eröffnet sich eine neue Dimension. Der Empfangende riecht noch,was längst nicht mehr in Riechweite ist. Das Hören geht viel weiter, nach außen und zu den feineren Stimmen nach innen. Man sagt, wenn der Mensch wirklich sieht, streichelt er die Welt mit seinen Augen. Aber alles beginnt mit der Berührung. Unser Sprachgebrauch macht das deutlich: begreifen wollen, berührt sein.

Abhyanga – Die Ölanwendung

Ein indisches Sprichwort sagt: „Was du für Öl ausgibst, sparst du beim Arzt.“

In der ayurvedischen Tradition werden Eltern durch Anwendungen auf die Empfängnis vorbereitet, um dem Kind gestärkte und gereinigte Gewebe als Ausgangsposition zu schenken. Mutter und Kind werden während der Schwangerschaft neben Ernährung und so weiter im letzten Trimester intensiv behandelt, um sie auf die Geburt vorzubereiten. Danach werden Mutter und Kind engmaschig mit Anwendungen versorgt. Die Mutter, um ihre Fortpflanzungsgewebe aufzubauen und zur Stärkung, das Baby, um durch die Berührung und die Wirkstoffe den kraftvollsten Start ins Leben zu gewährleisten.

Das ganze Leben hindurch werden die berührenden Anwendungen den Menschen in Gesundheit und bei Entgleisung begleiten. Zum einen werden sie unsere Bionenergien (Doshas) Vata, Pitta und Kapha immer wieder ausgleichen, Schlackenstoffe (Ama) abtransportieren und gesundheitliche Aspekte angehen. Die Wirkkräfte der Kräuter, Mineralien und Öle werden über die Haut als halbdurchlässige Membran aufgenommen, über das Lymph- und Blutsystem in alle Körpergewebe verteilt und können dort den jeweils notwendigen Einfluss nehmen. Über die Drüsen erreichen sie das damit verbundene Chakrensystem, durch das sie nach außen strahlen und wirken.

Das sind Aspekte der physischen Seite einer Abhyanga, und diese wirken heute wie damals in der östlichen wie in der westlichen Welt. Der inhaltliche Wert der Berührung geht weit über die physischen Aspekte hinaus. Ob in Indien oder in der westlichen Welt – die Hände sprechen über den Körper zu weiteren Bereichen unseres Seins. Erwärmte, naturreine Öle nach reinsten Rezepturen, ein geschützter Raum und die Achtsamkeit und Präsenz der Anwender/innen erfüllen emotionale Grundbedürfnisse nach Schutz, Fürsorge, Aufmerksamkeit und Getragensein. Mit jeder Ausstreichung wird ein liebendes Feld gestärkt.

Der Klient kann seine Sinnlichkeit spüren, jenseits von irgendwelchen sexuellen Einflüssen. In professionellen Anwendungen, die vom Herzen getragen sind, wirken folgende Komponenten zusammen: die richtige diagnostische Einschätzung, das Können des Therapeuten oder der Therapeutin, die Kraft der Wirkstoffe und die Bereitschaft des Empfangenden. Gemeinsam kreiert dies einen besonderen Raum, in dem der Körper gestärkt, die Emotionen ausgeglichen und die Seele berührt wird: Berührung als gelebte Liebe.

Kommende Workshops:
Healing Arts Workshop 12.-14.7.19
Ort: Yoga&More, Wilmersdorfer Str. 98, 10629 Berlin

Healing Arts Training Retreat 1.-8.9.19
Ort: Portugal, Monte Velho Eco Resort

Kontakt:
Tel. 030 – 76 90 20 20
info@yoga-more.de

Author: Oliver Bartsch

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