Die Heldenreise zu einer reifen und verantwortungsvollen Männlichkeit ist nur unter Männern möglich, meint Sharan Thomas Gärtner…

Ein wichtiger Teil unserer Reise als Männer hin zu einer reifen und verantwortungsvollen Männlichkeit ist nur unter Männern möglich. „Männer und Frauen werden gleichermaßen in vielfacher und unterschiedlicher Weise verletzt durch eine Kultur, die sexistisch für beide Seiten ist“, schrieben Aaron Kipnis und Elizabeth Herron vor zehn Jahren in „Wilder Frieden“. Gelegentlich versuchen Frauen oder auch profeministische Männer, eine neue Männlichkeit aus der weiblichen Sichtweise heraus zu definieren. Es ist richtig und wichtig, dass Frauen erfahren, dass uns diese Sichtweise etwas bedeutet und wir bereit sind, Verantwortung für das unbewusste und verletzende Maskuline zu übernehmen, indem wir es anerkennen, uns dem Schmerz und der Wut der Frauen stellen, die weiblichen Qualitäten ehren und die Anliegen der Frauen unterstützen.

Trotzdem geht es darum, dass wir Männer das Bild einer neuen Männlichkeit letzten Endes aus uns selbst heraus entwickeln. Diese „Männerarbeit“ ist die Basis für den Beitrag der Männer zu einer neuen Liebeskultur. Männerarbeit heisst: Heilungsarbeit, Schattenarbeit und die Erfahrung männlicher Solidarität im Rahmen gegenseitiger Unterstützung im Kreis der Männer. Richard Beauvais, der als einer der Urväter der Selbsthilfearbeit gilt, hat diesen „spirit“ in einem bekannten Spruch über die Unersetzlichkeit von Menschen für Menschen formuliert – ich habe ihn für die Männerarbeit auf „Männer“ umgeschrieben. Dann heißt er so: „Wir sind hier; weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt. Solange der Mann sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmänner begegnet, ist er auf der Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmänner an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen – er wird allein sein. Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten?

Hier in der Gemeinschaft kann ein Mann sich erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mann, der – Teil eines Ganzen – zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet. In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; lebendig als Mann unter Männern.“ (nach Richard Beauvais, 1964)

Die Heldenreise

Die „Heldenreise“ ist eine Metapher in unserer Männerarbeit für den Ruf der Seele: „So nicht weiter!“ „Ich habe mich selbst verloren…“ oder „Ich will wissen, was Mann-Sein für mich wirklich bedeutet!“ Dann brechen wir auf und stellen uns dem Wagnis der Selbsterforschung, konfrontieren uns mit unbewältigten Ängsten, Trauer, Wut und Sehnsucht. Und finden zu einem neuen Einverstanden-Sein mit uns selbst, einem neuen Vertrautsein mit unserem „grundlegenden Gut-Sein“ (Gregory Campbell).

Die männlichen Archetypen Krieger, Heiler, Liebhaber und König sind dabei Ur-Bilder der Seele, die uns zu dieser Veränderung und Bewusstwerdung rufen und die wesentlichen Lebensthemen beschreiben, denen wir uns als Mann im Lauf unserer Entwicklung stellen müssen. Im Archetyp des KRIEGERS erschließen wir uns die elementare Kraft des wilden Mannes, den Zugang zur Kraft der Wut und die Qualität von Ausrichtung und Entschiedenheit. Im Vertrauensraum unter Männern unterstützen wir uns gegenseitig bei unseren Themen: der Klärung und Aussöhnung mit dem Vater, der Freundschaft und Konkurrenz unter Männern, unserer Fähigkeit, Grenzen zu setzen, Entscheidungen zu treffen und für uns einzustehen.

Im Archetyp des HEILERS nutzen wir die Kraft der Gefühle, insbesondere Angst, Trauer und Wut für unsere innere Heilung. Die Hinwendung zum inneren Kind führt durch die Verletztheit hindurch zu unserer Essenz, zur Heilung des männlichen Herzens und zum Entwickeln von reifer Freiheit.

Im Archetyp des LIEBHABERS erforschen wir die Kunst des Liebens in den Beziehungen unseres Lebens. Hier geht es um Mann-Frau- Kommunikation und Versöhnung, um unsere Mutterbeziehung und den Kontakt zu Frauen, um unsere Liebesfähigkeit, um Sexualität als Ausdruck unserer Verbundenheit mit der Quelle und um unsere ureigene Lebendigkeit und Lebensfreude.

Im Archetyp des KÖNIGS schließlich integrieren wir all diese Qualitäten, und durch die tiefe Würdigung für uns selbst entstehen eine natürliche Autorität, Selbstverantwortung und innere Freude, ein Wissen um unsere Berufung und ein Zugang zu männlicher Spiritualität. Der König kennt seine Lebensthemen und stellt sich in den Dienst für das Leben. Die Archetypen haben helle und dunkle Seiten, die es zu verstehen, zu erfahren und zu transformieren gilt, und sie sind gleichzeitig geschichtliche Bilder mit der Aufgabe, sie modern zu interpretieren.

Im Kreis der Männer sind alle diese Archetypen reichlich vorhanden, so dass wir uns gegenseitig bereichern, ergänzen, spiegeln und korrigieren können – wichtig gerade für junge Männer.

Männer-Herzen

Je mehr Männer ich begleiten darf, um so mehr erlebe ich: Männer lieben und schätzen es zutiefst, sich zu verbinden, ihre wech – selseitige Achtung zum Ausdruck zu bringen und sich unterstützen zu können. Der Herzraum ist ein natürlicher, nährender Raum für uns Männer. Aber zugleich liegt dort unsere tiefste kollektive Wunde. Was zumeist als „männlich“ angesehen wird – Dinge wie Gewaltbereitschaft, Gefühllosigkeit oder Bindungsschwäche –, ist kein Merkmal von Männlichkeit, sondern Ausdruck von Verletzungen. Deswegen muss jeder Mann seine destruktiven Muster konfrontieren: die narzisstische Einsamkeit des Einzelkämpfers, das verschlossene Herz, die entfremdete Sexualität, die Trennung von Lieben und Begehren, den Rückzug von der Frau, wenn Mutterschaft da ist, das Gewaltpotenzial, den Flirt mit Süchten aller Art.

Jeder Mann muss sich ebenso seinen eigenen Wunden stellen: dem „Vater-Hunger“, der emotionalen Übergriffigkeit von Frauen, der kollektiven Verletzung durch eine jahrtausendealte patriarchale Kriegskultur und auch der zum Teil feindseligen Abwertung des Männlichen im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Sehen ist Lieben und manchmal wünschte ich, Frauen könnten miterleben, wie viel Zuwendung und Güte Männer füreinander entdecken und einander schenken, wenn sie nach zwei, drei Tagen im „Kreis der Männer“ ganz bei sich angekommen sind.

Heilung entsteht dabei wie in jeder wirklichen Gemeinschaft im Zusammensein der Männer durch Transparenz, Vertrauen, einfacher, liebender Anteilnahme und gegenseitiger Unterstützung.

Initiation ins Mann-Sein

Indem wir uns erlauben, aufrichtig, verletzlich, weich und berührbar zu sein, durchbrechen wir die Kette vieler Generationen männlicher Einsamkeit und Verbitterung und werden zugleich fähig, unsere Söhne aktiv ins Mann-Sein zu begleiten. Genau das ist unsere Verantwortung und wir nehmen sie wahr im Raum der Männer. Denn die bewusste Initiation von Jungen ins Mann-Sein ist nur durch engagierte männliche Mentoren möglich. „Männer können nur von Männern initiiert werden. Frauen können aus einem Embryo einen Jungen werden lassen, aber nur Männer können aus einem Jungen einen Mann machen.“ (Robert Bly).

Eine solche Initiation unterstützt die gesunde Loslösung von der Mutter, ohne das fatale Stadium der „Abwertung alles Weiblichen“ durchlaufen zu müssen, und ermöglicht dem Jungen einen respektvollen Abschied von den Eltern. Sie weist ihn in gesunde Schranken und gibt ihm die Chance, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Dabei geht es nicht um das Vermitteln eines bestimmten neuen Konzeptes von Mann-Sein, sondern darum, dass die Jungen mit Männlichkeit experimentieren, verschiedene Männlichkeiten beobachten und für sich prüfen, welcher Art von Männlichkeit sie folgen möchten.

Vater-Hunger, Vater-Kraft

Für viele Männer beginnt dieser Weg in die eigene Kraft durch die Klärung ihrer Vater-Beziehung und der Versöhnung mit dem Vater. Im Idealfall wachsen Söhne mit einem präsenten, liebevoll fordernden Vater, der ihnen den Rücken stärkt, auf und haben Mentoren und eine männliche Gemeinschaft, die sie bewusst ins Mannsein hineinführen. Für viele Männer ist der Vater stattdessen der große Unbekannte geblieben – sie verbinden mit ihm Abwesenheit, Leere, Bedrohung, Flucht oder Missbrauch. Typische innere Sätze des „vaterlosen“ Jungen in uns sind: „Ich fürchte mich immer noch vor deiner Meinung und strebe danach, dir zu gefallen … Ich schwanke oft hin und her zwischen der Suche nach Bestätigung durch dich und dem Verlangen, dir überlegen zu sein … Ein Teil von mir sucht Heilung und die Nähe zu dir, während ich mich gleichzeitig an meine Wut klammere…Ich habe mir meine Sehnsucht nach dir nie wirklich eingestanden…“

Egal, ob wir den Vater ignoriert oder idealisiert haben oder offen gegen ihn rebellierten: Der schmerzlich empfundene, aber meist verdrängte Mangel an einem wirklichen Fundament von Männlichkeit führt viele Männer im Lauf ihres Lebens in Kompensation und Sucht. Der „vaterlose“ Mann hat keinen Zugriff auf sein Herz – er wird für andere Männer, seine Partnerin und seine Kindern unerreichbar. Männer brauchen Männer, um den inneren Widerstand aufzugeben, sich ganz auf dieses Thema einzulassen. Wenn wir uns in diesem Rahmen dem Schmerz stellen, die Wut und die Trauer zulassen und dem „inneren Jungen“ in uns Raum geben, werden unsere Wunden zu einem Teil unserer Würde, unserer Selbstliebe, unserer Kraft. Versöhnung befreit uns – sie geschieht, wenn wir mit Liebe berühren, was wir zuvor aus Angst gemieden haben. Heilung bedeutet, mit unseren Verletzungen zu leben, ohne dass sie länger unser Leben bestimmen.

Seminare:
ZEGG-Männerjahrestraining „Der Heiler“ am 6.-10.6.2018 bei Berlin
Jahrestraining „Männlichkeit leben – integrales Mann-Sein“, Start: 21.-24.6.2018, bei Göttingen
„Vater-Hunger, Vater Kraft – kraftvoll-Mannsein durch Aussöhnung mit dem Vater“, 24.-27. Mai 2018, bei Göttingen
„Liebe ist lernbar – Wege für erfüllende Beziehungen – Arbeit mit dem Inneren Kind“, 27.-30.September 2018, bei Göttingen

Author: Oliver Bartsch

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