Etwa 60.000 bis 70.000 Gedanken denkst du täglich. Mehr als 90 Prozent davon sind die ewig gleichen negativen Gedanken, Urteile und Bewertungen – wie eine Schleife wiederholen sie sich Tag für Tag. Forscher haben im Gegensatz dazu gerade mal drei Prozent positive Gedanken ausgemacht. Warum ist das so und wie können wir den Anteil der aufbauenden Gedanken so erhöhen, dass unser Leben zu einem Fest der Freude wird?

von Nicole Wendland

Der Ende des 16. Jahrhunderts geborene französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes reduzierte unseren Körper auf ein rein mechanisches Instrument. Er ging davon aus, dass unser Gehirn die oberste Instanz unseres Körpers ist und die Mechanik des Körpers steuert. Noch heute beeinflusst diese von Descartes postulierte Trennung von Körper und Geist unser Denken. Auch in der Schulmedizin wird der Körper oft nur als ein Instrument gesehen, das die Befehle unseres Gehirns ausführen soll. Funktioniert unser Körper nicht nach bestimmten vorgegebenen Richtlinien, sind wir schulmedizinisch gesehen krank.

Inzwischen weiß man allerdings, dass nicht nur das Gehirn dem Körper Befehle erteilt, sondern auch das Herz und das sogenannte Bauchhirn (ein Nervengeflecht) Informationen an das Gehirn weitergeben. Erst dann erfolgt eine für uns wahrnehmbare Reaktion durch Gedanken.

Die Einheit von Körper und Geist

Körper und Geist sind also nicht zu trennen: Stoßen wir uns den Zeh, produziert unser Verstand dazu passende Gedanken „Au, das tat weh!“ oder „Warum steht der Stuhl auch mitten im Weg?“ Der Körper reagiert auf unsere Umwelt durch das, was wir fühlen. Unser Verstand reagiert durch Gedanken – oftmals sogar gleichzeitig, manchmal auch zeitversetzt. Unser Körper-Geist-System versucht stets in Homöostase, also ins Gleichgewicht zu gelangen. Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Du fragst eine Verkäuferin, ob es die Hose noch in deiner Größe gibt. Die Verkäuferin erwidert: „Wenn die Hose da nicht mehr liegt, dann haben wir sie auch nicht!“

Denkst du nun den folgenden Gedanken „Das ist ja unverschämt!“, dann produziert dein System die dazu passende Emotion. In diesem Fall Ärger. Der Ärger löst dazu passend eine Stressreaktion im Körper aus. Die Stresshormone durchfluten deinen Körper und du fühlst dich angespannt. Gleichzeitig kreiert dein Gehirn noch mehr Gedanken, die zu dieser Situation passen: „Wozu ist die überhaupt hier, wenn sie keine Lust auf ihren Job hat.“ Du ärgerst dich noch mehr und schwups befindest du dich in einer Ärger- Schleife – angefangen mit der Bewertung der Situation, deinen Gedanken, den dazu passenden Emotionen und dann erneuten ärgerlichen Gedanken, welche die Emotionen noch stärker werden lassen.

Entlarve deine Gedanken

Hast du dir schon mal die Frage gestellt, welche Gedanken bei dir besonders oft auftauchen? Wie oft denkst du negative wertende Gedanken wie zum Beispiel:
• „Das geht gar nicht!“
• „Unverschämt!“
• „War klar, dass das wieder nicht klappen würde.“
• „Das ist echt ärgerlich.“
• „Das Problem ist…“
• „Immer ich…!“

Und wie oft denkst du bewusst:
• „Ach, ist das schön!“
• „Ich freue mich so!“
• „Ich bin dankbar.“
• „Das Leben ist einfach wunderbar.“

Es lohnt sich, wenn du dich mal einen Tag lang beobachtest. Außerdem versuche einmal wahrzunehmen, welche Emotionen du dabei spürst. Wann verspürst du
• Angst
• Druck
• Ärger
• Wut

Was fühlst du dabei und wo fühlst du es? Achte ebenso darauf, wann und vor allem wie oft du die folgenden Emotionen spürst:
• Freude
• Dankbarkeit
• Liebe
• Erleichterung

Vielleicht stellst du fest, dass es da ein deutliches Ungleichgewicht gibt und die negativen Emotionen überwiegen.

Warum du süchtig bist

Unsere Gedanken sind die Sprache unseres Gehirns. Nur zum Teil nehmen wir sie bewusst wahr. Die Emotionen sind dagegen die Sprache unseres Körpers, des Unbewussten. Jeder Gedanke entspricht zudem einem elektrischen Impuls und jede Emotion einem magnetischen Impuls. Zusammen ergeben sie einen elektromagnetischen Impuls. Wenn du nun Tag für Tag deine bewertenden Gedanken denkst und die dazu passenden Emotionen erlebst, dann bekommt dein Körper Tag für Tag einen elektromagnetischen Cocktail serviert. Stell dir vor, du stündest jeden Morgen im Stau. Jeden Morgen ärgerst du dich darüber. Jeden Morgen hast du dieselben Gedanken und spürst den altbekannten Ärger in der Magengrube. So bekommt dein Körper jeden Morgen denselben Cocktail vorgesetzt.

Stell dir weiter vor, du hast an einem Seminar für positives Denken teilgenommen. Du nimmst dir vor, von jetzt an gelassen zu bleiben. Vermutlich wird dir das am ersten Tag gelingen, vielleicht auch noch am zweiten Tag. Schließlich bist du hochmotiviert. Spätestens zum Ende der Woche „ruft“ dein Körper-Geist-System jedoch so hartnäckig nach seinem elektromagnetischen Cocktail „Her mit dem Ärger!“, dass du gar nicht mehr dagegen ankommst. Denn dein Körper ist süchtig nach diesem Cocktail. Selbst wenn du in der Woche nach dem Seminar Urlaub hast und gar nicht im Stau stehst, wird dein Körper-Geist-System spätestens nach zwei Tagen nach seinem elektromagnetischen Cocktail rufen: „Wo ist mein Ärger?“.

Dein Gehirn wird anfangen, nach passenden Situationen zu suchen. Davon bekommst du bewusst gar nichts mit. Statt im Stau stehst du nun vielleicht am Urlaubsort am Buffet und siehst, dass kein Brot mehr da ist und die Salatschüsseln auch schon leer sind. Du kannst dir denken, was nun passiert. Der erste Gedanke ploppt hoch: „Warum füllen die denn nicht nach?“ Dein Körper kreiert dazu die passende Ärger-Emotion und du spürst den Ärger schon Sekunden später in der Magengrube. Stresshormone durchfluten den Körper. Das altbekannte Programm läuft und dein Körper-Geist- System jubelt beglückt: „Wir haben es geschafft. Wir haben unseren Ärger-Cocktail bekommen!“ Bestimmt kennst auch du Menschen, die ständig vor irgendetwas Angst haben oder sich ärgern. Der Volksmund sagt: „Der sucht ja nur nach Ärger.“ Und genau so ist es. Unser Gehirn sucht nach den Situationen, in denen wir uns ärgern oder ängstigen, damit unsere Sucht nach dem elektromagnetischen Cocktail befriedigt wird.

Raus aus dem Teufelskreis

Wie kommst du nun raus aus dem Teufelskreis? Zunächst ist es essentiell, dass du deine Gedanken und Emotionen bewusst wahrnimmst. Du kannst nur etwas verändern, wenn es dir auch bewusst ist. Außerdem solltest du dir die folgenden Fragen stellen:
• Was genau will ich ändern?
• Und was will ich statt dessen?

Nehmen wir an, du wolltest dich weniger ärgern und dich dafür mehr freuen. Gut! Doch es sollte dir bewusst sein, dass das nicht von heute auf morgen geht. Unser Körper-Geist-System kann da sehr hartnäckig sein. Was sich über Jahrzehnte eingeschlichen hat, schleicht sich nicht so schnell wieder aus. Allerdings möchte ich dich an dieser Stelle beruhigen: Auch wenn der Weg lang ist: Es ist ein schöner Weg, auf dem du immer mehr Situationen zum Freuen finden wirst. Und du wirst zunehmend auch Freude verspüren.

Wie du vorgehen kannst

Der erste Schritt in eine neue Wirklichkeit beginnt mit einem simplen Akt der Wahrnehmung. Immer wenn du bemerkst, dass beispielsweise ein ärgerlicher Gedanke aufploppt, machst du ihn dir zunächst bewusst: „Ah, da kommen sie, die ärgerlichen Gedanken.“ Beobachte auch deine körperliche Reaktion: Wie genau fühlt es sich an, wenn du dich ärgerst? Wie kannst du nun auch noch aus der Ärger- Spirale rauskommen? Durch einen bewusst gewählten neuen Fokus. Erinnern wir uns an die Situation am Buffet.

Anstatt dich zu ärgern, gibt es folgende Möglichkeiten:
• Du gehst zum Kellner und bittest ihn ganz freundlich um Nachschub.
• Empathisch versetzt du dich in die Situation des Hotels und bemerkst, dass du gerade nach dem großen Besucheransturm ans Buffet gekommen bist und das Hotel zeitlich einfach noch keine Möglichkeit hatte, das Gewünschte wieder aufzufüllen.
• Du vertraust darauf, dass gleich nachgefüllt wird.
• Du freust dich über die anderen Speisen, die noch reichlich da sind.
• Du beschließt, heute mal auf Brot zu verzichten. Vielleicht wolltest du sowieso weniger Brot essen.
• Du genießt die Speisen voller Dankbarkeit und bedankst dich anschließend beim Küchenchef für das leckere Essen.

Anstatt dich also beim Essen zu ärgern, wirst du dein Essen voller Freude und Dankbarkeit genießen können. Unser Leben bietet eine Vielzahl von Situationen, in denen wir uns ärgern könnten. Genauso viele Situationen bietet es uns allerdings auch, in die Freude zu kommen, indem wir uns nicht an unseren negativen Blickwinkel einer Situation klammern. Letztlich ist es immer die Frage, wie du eine Situation wahrnimmst und sie bewertest. Alles fängt also mit deiner Wahrnehmung und deiner Bewertung an. Hinzu kommt dein süchtiges Körper-Geist-System, das nach seinem Cocktail schreit.

Vieles entspringt einer Gewohnheit, die wir gelernt haben. Vielleicht war es in unserer Herkunftsfamilie so üblich, dass es dort viele Ängste gab oder man sich oft und ausschweifend ärgerte. Ärger, Wut und Ängste haben viel damit zu tun, dass ich die „Schuld“ im Außen oder beim Anderen suche. Du ärgerst dich über den Regen, der dir deinen Ausflug vermasselt hat? Unbewusst gibst du dem Wetter die Schuld, dass du dich nicht gut fühlst. Da du aber gegen das Wetter wenig ausrichten kannst, wirst du im Ärger-Sumpf versinken. Je mehr du bei dir bleibst und schaust, wie du deine Wahrnehmung und deine Bewertung verändern kannst, desto erfüllter wird dein Leben sein. Anstatt dem Regen oder der ungenauen Wetter-App die Schuld für den vermasselten Tag zu geben, überlegst du: Vielleicht ist es bei Regen mit der passenden Kleidung genauso schön. Anstatt des Ausflugs liest du endlich das Buch, das du schon lange lesen wolltest, gehst in die Sauna oder entrümpelst den Keller und fühlst dich anschließend großartig.

Achtsamkeits-Meditation

Die folgende Achtsamkeits-Meditation ist ein wunderbarer Weg, deine Gedanken und Emotionen bewusst wahrzunehmen und zu verändern. Mehr Leichtigkeit ist die Folge. Es geht um Wahrnehmen, Fühlen, Beobachten.

Stelle dir einen Timer auf zirka 15 Minuten. Setze dich aufrecht hin und nimm alle Gedanken wahr. Welche körperlichen Reaktionen merkst du? Wo spürst du sie? Wie fühlt sich beispielsweise der Ärger an? Spüre genau hin. Emotionen wollen gefühlt werden. Erst dann können sie transformiert werden. Nimm nun die positiven Gedanken und Emotionen wahr. Erinnere dich an eine Situation, in der du dich beispielsweise gefreut hast. Wo fühlst du die Freude? Lasse sie in der Meditation wachsen und strahlen. Ganz sanft, still und leise entwöhnst du dein Körper-Geist-System auf diese Weise von seinem elektromagnetischen Cocktail. Ganz behutsam zeigst du ihm die andere Welt. Die Welt voller Freude, Entspannung, Gelassenheit. Du machst dich auf den Weg in ein Leben voller schöner Momente. Ja, du kannst dein Sein maßgeblich beeinflussen und so verändern, dass es zu dem Kern von Freude, Liebe und Glück in dir passt…

Author: Oliver Bartsch

Über den Autor

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ist Lehrerin, Yoga- und Meditationslehrerin sowie Mindshift-Coach. Ihr Meditationsunterricht führt die Teilnehmer gezielt in ihr tiefstes Inneres. Ihre Workshops sind geprägt von ihrer unterhaltsamen und kurzweiligen Art, grundlegendes Wissen zu vermitteln, vor allem die neurobiologischen Zusammenhänge der Meditation. So offenbart sich den Teilnehmern recht schnell ein Zugang zu ihrer Lebensfreude und Schöpfernatur – getreu Nicoles Maxime: „It will make you smile.“ Außerdem ist Nicole Autorin diverser Zeitschriftenbeiträge und des Buches „Happy Meditation“.

Kontakt
Tel.: 0151-403 548 53

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