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Der Diplom-Psychologe Jürgen Wölfl leitet Meditationsgruppen, in denen er die Teilnehmer bei den auftretenden Prozessen begleitet. SEIN Online-Redakteurin Uschi Rapp sprach mit ihm über Meditation und Psychotherapie und über die Ziele der Meditation und warum Psychotherapie diese unterstützen kann.

 

SEIN: Würdest du dich als spirituellen Menschen betrachten?

Jürgen Wölfl: Seit ich mich erinnern kann, habe ich eine Wahrnehmung von „Raum“, von dem, worin diese Welt und das Leben stattfindet, eine Tiefendimension oder Hintergrund-Wahrnehmung. Ob ich das schon mitgebracht habe oder von meinen Eltern oder anderen Menschen vermittelt bekommen habe, kann ich nicht genau sagen. Ich bin meiner Mutter jedenfalls dankbar, dass sie mit uns Kindern schon ganz früh jeden Abend gebetet und gesungen hat, denn das war eine frühe Einführung in die Meditation, in der Form des Gebets im evangelisch-christlichen Sinne. Ich habe in meiner Kindheit immer abends gebetet. Und hatte einige erstaunliche Erlebnisse, bei denen ich mich sehr verbunden und gehört gefühlt habe von etwas Höherem. Das habe ich als Gott, Jesus, Heiliger Geist, Engel oder als ein Zusammenwirken aller verstanden und es hat mich sehr berührt.

 

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Gebet und der Meditation?

Beten empfinde ich persönlicher, wie ein Zwiegespräch. Meditation kann diesen personaleren Aspekt mit einschließen, öffnet aber noch mehr die Möglichkeit, das Raumhafte, die „Hintergrund- Wahrnehmung“, verschiedene Bewusstseinsdimensionen zu erleben und zu erforschen.

Dem widme ich mich zwar auch aus einer Liebe zum Göttlichen, das geht aber im Erleben über das Personale hinaus. Ich kann mich als Person wahrnehmen und gleichzeitig den Raum um mich herum – das, was weiter ist als „Ich“, das, worin „Ich“ stattfinde. Das war damals schon eine starke Erfahrung, die Lust auf mehr gemacht hat.

 

Du hast zuerst sogar Theologie studiert, das Studium dann aber abgebrochen …

Seit meiner Konfirmationszeit hatte ich mehrere Zeiträume von Wochen bis Monate, in denen ich mich völlig verbunden gefühlt habe mit Gott, Jesus und dem Heiligen Geist. Da fühlte ich mich geliebt und gesehen, was mein Lebensgefühl von Bedürftigkeit und Groll komplett verändert hat. Ich war satt und geliebt, konnte und wollte geben und brauchte nichts. Aber wie kam es, dass das wieder verebbte? Und wie kam es, dass es überhaupt stattgefunden hat?

Rückblickend betrachtet haben mir im Theologiestudium wesentliche Elemente gefehlt, die für mich wichtig waren und auf die ich keine Antworten, keine Anleitung und Hilfe bekommen habe. Ich wollte endlich mein eigenes Leben leben, ohne immer zu schauen, was der Wille Gottes ist. Diesen gefühlten Gegensatz kann ich erst jetzt so langsam auflösen. Im Wesentlichen ging es mir damals aber um den Umgang mit Wut, dem eigenen Willen im scheinbaren Gegensatz zu „Gottes Willen“ und um Sexualität. Wie soll ich lieben, wenn ich doch meine Schwester hasse?

 

Und die Psychologie konnte diese Fragen dann beantworten?

Ich wollte das Leben immer tiefer verstehen, und Psychologie und Psychotherapie haben mir da sehr wesentlich weitergeholfen. Und tun es immer noch. Wo viel Licht, göttliche Frequenz und Berührung hinreicht, da werden auch die sogenannten Schatten beleuchtet. Alles, was gesehen, geliebt, geheilt und integriert werden will. Das kann man auch als persönliches Wachstum oder psychische Strukturbildung bezeichnen. Und dafür ist die Psychotherapie sehr hilfreich und häufig notwendig.

So ergänzen sich Psychologie und die Mystik darin, das Menschsein immer umfassender anzunehmen und zu leben. Das kann sicher manchmal allein durch göttliche Liebe und Gnade stattfinden. Glatter und ohne zu viel unnotigen Frust oder gar Destabilisierung – Dinge, die durchaus auftreten können, wenn tiefe Transformationsprozesse vom Leben einfach von einem Moment auf den anderen initiiert werden – geht es häufig allerdings mit psychotherapeutischem Handwerkszeug und Begleitung. Und andersrum helfen die höheren Frequenzen des Transzendenten, des Göttlichen, und das weitere Bewusstsein bei der Bearbeitung der weltlichen, psychologischen Themen.

 

Inwiefern?

Weil durch Meditation auch die Wahrnehmung von allem vertieft wird, von allem Unintegrierten, also auch der sogenannten Schatten. Meditation ist für mich in erster Linie etwas, um das Leben tiefer wahrzunehmen, den Raum, in dem das Leben stattfindet, zu erkunden, das Bewusstsein zu erforschen und in verschiedenen Zuständen und Wahrnehmungen zu sein. Es ist ein Wechselspiel zwischen aktivem Erforschen und rezeptivem Sein und Wahrnehmen.

Es ist oft ein Gefühl von Nach-Hause-Kommen, Entspannen, Ausatmen, Loslassen. Und dann auch wieder die Spannungen, Ängste, Unsicherheiten, Wut und andere Gefühle, Körperempfindungen, Gedanken und Wahrnehmungen fühlen, ablehnen, annehmen, bewerten, beobachten, transzendieren, zu fassen kriegen, loslassen, eng werden, weit werden …

Die immer bessere und feinere Wahrnehmung von allem ist ein Nebeneffekt davon. Spannungen, Blockaden, Symptome, innere Konflikte lösen sich. Was angenommen und angeschaut wird, entspannt sich und bekommt einen integrierten Platz im eigenen System. Das erweitert die Handlungsmöglichkeiten, dient der Potenzialentfaltung, vergrößert den Durchblick, das Verständnis. Neben unangenehmen Zuständen und Gefühlen führt dies ja auch zu Gefühlen und Zuständen von Liebe, Freude, Staunen, Frieden, Verbundenheit, Transzendieren, Stille.

 

Zur Meditation gehören also auch die Gedanken und die unangenehmen Gefühle?

Ich glaube, dass mehr gesunde Erkenntnis des Göttlichen ohne mehr Erkenntnis auch der persönlichen Struktur nur in Ausnahmefällen stattfinden kann. Da drängt sich ja eben häufig auch das Unangenehme, Unintegrierte in Form von Widerständen, Schmerzen oder von Schwierigkeiten auf.

 

Also brauchen wir die Meditation?

Grundsätzlich brauchen wir Meditation natürlich nicht. Durch Wachheit und Präsenz kann ich in jedem Augenblick das Leben in seinen weltlichen und transzendenten Aspekten möglichst umfassend wahrnehmen. Das sollte ja nicht nur in der Meditation geschehen. Aber um das zu üben, auch in vielen verschiedenen Aspekten und mit verschiedenen Ausrichtungen, hilft Meditation ungemein. Meiner Erfahrung nach hilft Meditation sowohl dabei, sich mit höheren, überpersönlichen Dimensionen vertrauter zu machen, als auch damit, sich als Person immer besser zu verstehen und wahrzunehmen.

Ich wundere mich häufig, wie sehr wir mit unserer persönlichen Struktur, den Wünschen, Bedürfnissen, Verletzungen und Abwehrmustern befasst sind und gleichzeitig jenseits davon mit diesen riesigen, erstaunlichen, unermesslichen Dimensionen verbunden sind. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass es unsere Aufgabe ist, beidem gerecht zu werden. Den Himmel mit der Erde zu verbinden. Also auch mit den weltlichen, menschlichen Aspekten umzugehen, sie zu heilen, sie anzunehmen, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Dabei hilft Meditation.

 

Es gibt Meditationskonzepte mit und ohne Musik, mit und ohne Anleitung, bewegte Meditationen wie die von Osho oder das Sitzen in Stille. Würdest du sagen, dass jeder Weg hier zum Ziel führt?

Auf dem Erkenntnisweg der Meditation befindet sich vieles jenseits von „Zielen“, von persönlichen Vorstellungen. Und natürlich gibt es auch viele unterschiedliche Ziele, fur die unterschiedliche Formen der Meditation sinnvoll sind. Da kann man aus meiner Sicht gut kombinieren. Man sollte nur nicht hin und herwechseln, um damit unangenehme Zustände zu vermeiden. Auf Dauer ist es nicht sinnvoll, Meditation zur Distanzierung und Dissoziation von unangenehmen oder schwer zu integrierenden Persönlichkeitsanteilen zu nutzen – egal ob bewusst oder unbewusst. Dies kann der Fall sein, wenn Menschen die Welt oder die Menschheit retten wollen, sich aber zu wenig um ihre eigene Heilung kümmern. Oder wenn jemand vor der Welt in die Meditation flüchtet.

 

Kann man als Meditierender überhaupt unterscheiden, ob man heilt oder flüchtet bzw. dissoziiert?

Es geht meistens erheblich leichter und schneller, wenn man das mit jemandem besprechen kann, der in Bewusstseinsarbeit und in grundlegenden psychologisch-psychiatrischen diagnostischen Fragen Ahnung hat. Deshalb ist ein Meditationskurs über eine gewisse Zeit häufig sinnvoller, als sich mal eben eine Anleitung im Internet anzuschauen.

Andererseits kann sich jeder Meditierende die einfache Frage selbst stellen: Lehne ich bestimmte Dinge ab, die ich wahrnehme oder fühle? Oder darf alles auftauchen, was auftaucht, und ich beinhalte es, halte es in meinem Bewusstseinsraum? Um das wiederum hinzukriegen, braucht es allerdings Integrationsarbeit, wobei die Psychotherapie wiederum gut helfen kann.

In der Bewusstseinsarbeit wirklich weiterzukommen, ist ja nur manchmal ein Zuckerschlecken. Da lauert alles mögliche Unangenehme, Unintegrierte, mit dem ich dann auch umgehen muss, wenn ich dranbleiben will. Und wenn ich mit meinen persönlichen, biografisch bedingten Themen halbwegs durch bin, dann spüre ich umso klarer das Leiden von anderen, kollektive Themen aus Gegenwart und Vergangenheit. Darum sollte ich mich allerdings erst dann kümmern, wenn ich meine persönlichen Themen weitgehend in mir integrieren und annehmen kann.

 

Also lieber in einer Gruppe meditieren?

Es gibt viele Aspekte, bei denen das gemeinsame Meditieren sehr unterstützend sein kann. Man lernt ja auch unbewusst und bewusst im subtil-energetischen Raum voneinander. Gemeinsam der Stille lauschen, wenn die Alltagsaktivität immer mehr aufhört. Gänsehaut, wenn sich mehrere im subtil-energetischen Raum begegnen. Jenseits von Wahrnehmungen im Transzendenten zu sein. Ein gemeinsames Raum-Gefühl oder eine gemeinsame Präsenz können auch als Anker dienen, wenn Schwierigkeiten auftreten. Der Zugang zu all dem wird durch das Meditieren in der Gruppe häufig erleichtert. Gleichzeitig findet eine gegenseitige Verstärkung statt. So wie Gruppen auf weltlicher Ebene eine große Kraft entwickeln und Phänomene von kollektiver Intelligenz auftreten konnen, so ist das auch im subtil-energetischen Raum und in der Meditation. Sowohl für die Heilung wie für die Beschäftigung mit anderen Themen kann eine Gruppe von Meditierenden große Kraft und Wirksamkeit haben.

 

Was unterscheidet deine Gruppe von anderen Meditationsgruppen?

Ich richte den Fokus in meiner Gruppe speziell auf die Integrationsarbeit, die Wechselwirkung zwischen Meditation und Alltag. Dadurch gehen menschliches, psychisches und spirituelles Wachstum Hand in Hand. Dissoziative Formen von Meditation konfrontiere ich und helfe im Umgang mit Schwierigkeiten, die durch die Meditation häufig noch sichtbarer werden. Genau an der Stelle hören sicher viele Menschen ohne Anleitung wieder auf zu meditieren. Ich will da tiefer gehen, durchgehen, Heilung fördern.

 

Du gehörst auch zum engeren Kreis um Thomas Hübl. Hilft das in deiner Arbeit?

Ich bin Thomas fur seine immense Offenheit, Klarheit und Weite dankbar. Seine Kombination von persönlichem Wachstum und spiritueller Entwicklung hat mir von Anfang an aus der Seele gesprochen. Bei ihm hatte alles, was ich wahrnahm, endlich einen Raum, ich fühlte mich gesehen und verstanden und ich konnte es auch im Austausch mit anderen immer tiefer erforschen. Besonders die Mitarbeit in seinem Team und die Besprechungen mit ihm während der Begleitung von Trainings und Workshops haben mich extrem weitergebracht. Und das macht natürlich auch Spaß und inspiriert. Die Motivation für meine Arbeit wird nicht zuletzt durch den intervisorischen Austausch mit Gleichgesinnten aus diesem Feld gefördert.

 


Meditationsgruppen in Berlin Kreuzberg

Jürgen Wölfl bietet regelmäßige Meditationsgruppen an, um Meditation zu erlernen oder die eigene Mediationspraxis zu vertiefen.

http://juergenwoelfl.de/meditationsgruppe.html

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