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Der Zwerg vom Arbersee

Es dämmerte schon, als Ewald Schoner das dunkle Wasser des Kleinen Arbersees vor sich liegen sah. Einer jener selten gewordenen warmen Sommertage ging zu Ende. Der Mann war aus Nürnberg in den Bayerischen Wald gekommen, um wieder einmal die Wege seiner Kindheit zu gehen. Schon als Junge hatte er diese dunklen Wälder gemocht, war auf den Großen und Kleinen Arber gestiegen, hatte vom Osser aus bis weit in die Tschechoslowakei geschaut. Anfang August trug Ewald körbeweise die Heidelbeeren nach Hause, wo seine Mutter Kuchen und Marmelade aus den dunkelblauen Früchten machte. Oft verkaufte der Junge auch den ein oder anderen Korb auf dem Markt in Lam.
Hier, abseits der großen Straßen, spielte er mit seinen Freunden, ging zur Schule, verlebte er seine glücklichen Jugendtage.
Am liebsten aber wanderte er in seinen geliebten Wäldern, sonnte sich auf Lichtungen, die er vorher sorgfältig nach Kreuz- ottern absuchte, die es Anfang der fünfziger Jahre hier noch gab. Ewald fühlte sich eins mit dem Wald, den Wiesen, den Bächen und den zarten weißen Wolken, die über den Sommerhimmel zogen. Er um- armte die Bäume, sprach mit den Forellen, hörte das Lied des Windes.

Als Erwachsener lebt Ewald Schoner in Nürnberg, arbeitet bei einer Versicherung und nutzt jede Gelegenheit, nach Lam zu fahren, um in den Wäldern seiner Kindheit zu wandern. Er erinnert sich noch genau an den Tag, als er zum ersten Mal bewußt eine abgestorbene Fichte sah. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Ganze Waldstücke starben ab, kahle Baumskelette kündeten von der kommenden Katastrophe. Er las von den gelben Schwaden aus den Industrierevieren der Tschechoslowakei, die der Ostwind zum Bayerischen Wald trug. Aber er war sich auch bewußt, daß er selbst und alle seine Zeitgenossen mitschuldig waren am Sterben der Wälder.
Ewald Schoner kaufte sich ein Auto mit Katalysator, er wurde Mitglied der Gruppe »Robin Wood« und ließ keine Gelegenheit aus, auf die ökologischen Sünden seiner Umgebung hinzuweisen.
Der Mann begriff, daß nur eine radikale Bewußtseinsveränderung die Wälder und Flüsse retten kann, den Lebensraum, der nicht nur für ihn Heimat ist.

Ewald hatte sich auf einen Baumstamm gesetzt, der langsam vor sich hin rottete. Hier, im Naturschutzpark, sah es aus wie in einem südamerikanischen Tropenwald. Kein Holzarbeiter durfte etwas verändern, keine Motorsäge schnitt ihre kreischenden Blätter in die Stämme.
Aus dem Wasser stieg erster leichter Nebel. Es war einsam und still. »Und da sah ich ihn«, erzählt später Ewald Schoner in einem Telefongespräch mit RTL. »Er war klein und runzlig und sah genauso aus wie die Zwerge in unseren Märchen. Er stand am Ufer des Sees und sagte kein Wort. Aber ich verstand ihn. Auf eine merkwürdige Weise teilte er sich mit. Ich wußte plötzlich, daß er der Hüter des Arbersees war. Eine Art Schutzgeist für das Gebiet dort draußen. Ich spürte eine Besorgnis, und ich empfing auf geheimnisvolle Weise seine Frage: >Werdet ihr Menschen so weitermachen wie bisher? Wird es noch eine Rettung geben für dein und mein Revier?<«

Ewald ist sich dessen bewußt, daß er da eine »unglaubliche Geschichte« erzählt. »Ich kann jeden verstehen, der mich einen Phantasten nennt«, sagt er. »Und doch ist jedes Wort wahr. Ich habe auch nicht geträumt. Das Männchen stand da, und ich spürte seine Traurigkeit. «
Ewald Schoner weiß nicht mehr genau, wie lange diese sonderbare Begegnung gedauert hat. »Es war, als ob die Zeit keine Rolle mehr spielte. Ich fühlte mich auf wunderbare Weise mit diesem Wesen verbunden. Als ich aufstehen und näher treten wollte, verschwand es. Als ob es sich in Luft aufgelöst hatte.«
Nach diesem Bericht steht das Studiotelefon in Luxemburg nicht still. Viele Hörer verweisen uns auf unzählige Berichte von Naturgeistern, nennen Bücher, in denen über sie geschrieben steht. Gegen Ende der Sendung ruft eine Frau an, die ein ähnliches. Erlebnis mit den Naturgeistern ihres Gemüsegartens hatte. «Natürlich haben nicht nur Menschen ihre unsichtbaren Begleiter» erzählt Renate Suhr aus Essen. »Für alle Tiere und Pflanzen, ja, selbst für Mineralien gibt es unsichtbare geistige Entsprechungen. Auf jeder Wiese, in jedem Garten wimmelt es geradezu von Kobolden, Zwergen und Feen. In Gedanken können wir zu ihnen Kontakt aufnehmen, aber nur ganz selten werden sie auch sichtbar. «

Renate Suhr benutzt weder chemische Düngemittel noch irgendwelche Ingredienzien zur Vernichtung von Schädlingen. »Auf einem Stück Land, in dem das ökologische Gleichgewicht herrscht, gibt es keine kranken Pflanzen, keine Blattläuse und salatfressenden Schnecken«, sagt sie.
»Bevor ich meinen Garten bestelle, setze ich mich auf die Erde und meditiere. Dabei frage ich die Naturgeister um ihren Rat.“(…)

Die Devas von Findhorn

Um es kurz zu machen: kein Mensch hat dort oben in Findhorn in den letzten fünfzehn Jahren noch irgendwelche Feen oder Faune gesehen. Zwar weiß jeder, der in dieser kargen Wohnwagensiedlung lebt, von der Existenz dieser geheimnisvollen Wesen, weil es ja auch noch das Buch von Dorothy McLean gibt (»Du kannst mit Engeln sprechen«, Aquamarin-Verlag).
Trotzdem ist Findhorn allemal eine Reise wert – wegen seiner prachtvollen Sonnenuntergänge, der einsamen langen Strände und jener unverbesserlichen Idealisten, die am Rande Europas von einer besseren Welt träumen.
Begonnen hat alles vor mehr als dreißig Jahren, als der Ex-Royal-AirforceOffizier Peter Caddy mit seiner Frau Eileen und seiner ehemaligen Sekretärin Dorothy McLean hierherkam. Eigentlich war jeder von ihnen auf seine Weise enttäuscht von der Zivilisation. Ohne Job lebten sie von karger Sozialhilfe in ein paar Wohnwagen unweit des Meeres. Die Gegend war rauh und karg, kein Pflänzchen widerstand den Stürmen, die sich auf der offenen See zusammenbrauten, um kurz drauf übers Land zu fegen. Doch die drei Menschen liebten diese Landschaft, lagen stundenlang in der Sonne zwischen schottischen Büschen und Gräsern, die kaum Feuchtigkeit und Nahrung beanspruchten und dem Wind widerstanden.
In diesen Wochen begann es. Dorothy hörte flüsternde Stimmen, die ihr immer wieder versicherten, daß sie »auf einem richtigen Wege« sei. Sie begriff, daß diese Informationen nicht aus einer fernen Welt kamen, sondern aus ihr, an genau der Stelle, wo sie sich gerade befand. Heute weiß sie, daß sie Kontakt hatte mit jener unermeßlichen Welt des uneingeschränkten Geistes.
In ihrem Buch gesteht sie es schon auf der ersten Seite: »Ja, ich spreche mit Engeln, mit großen Wesen, deren Leben alles in der Natur beeinflußt. Mit Engeln sprechen zu lernen bedeutet tatsächlich, mit sich selber und anderen auf neue und weiterreichende Weise ins Gespräch zu kommen. Es ist eine Lehre, wie man offener mit unserem Universum verkehren, sich mehr in die Rolle des Mitschöpfers einstimmen und an der Entwicklung teilnehmen kann. «
Dorothy hielt in Findhorn offensichtlich Kontakte zu einer speziellen Art von Engeln, den Beschützern von Pflanzen und Tieren, sogenannten Naturgeistern. In meditativer Versenkung lauschte sie ihren Ratschlägen, baute Erbsen, Tomaten und Bohnen an und verfolgte zusammen mit ihren Freunden voller Staunen, wie diese Pflanzen sich zu prächtigen Gewächsen entwickelten und schon bald reiche Ernte abwarfen. (…)
„Wir hatten zum Beispiel zwei Sorten Zwergbohnen«, schreibt Dorothy McLean. »Die Samen der ersten gingen nicht auf, während die zweiten mehr versprachen. Die geistige Essenz der Zwergbohne (ihr Deva) sagte mir, daß die ersten Samen zu tief gelegt worden seien und außerdem zu einer Zeit, wo der Boden noch nicht genügend Nahrung hatte; die anderen seien aber gut und würden von ihnen vorangetrieben.«
Das Ergebnis dieses gemeinschaftlichen Wirkens von Naturgeistern und Menschen konnte sich sehen lassen. Niemand, auch nicht Experten in biologischem Ackerbau, konnte sich erklären, wie unter so kärglichen Voraussetzungen derart gigantische Gemüse und strahlende Blumen gedeihen konnten. Peter, Caddy und Dorothy wußten wohl, wie das Wunder zustande kam: durch die präzisen, auf die Situation zugeschnittenen Ratschläge der Geister aus dem Naturreich und durch ihre Mitarbeit.
(…)
Trotz aller guten Ratschläge aus der Geisterwelt war die Arbeit im rauhen Klima mühsam. Kaum einer der Besucher hielt daher auch länger als sechs Wochen durch. Dorothy McLean konnte auf die geistige Unterstützung ihrer unsichtbaren Freunde nicht verzichten. Sie begriff, daß jede Pflanzensorte eine eigene Riege von Geistern zu haben schien, die speziell für diese Gattung zuständig waren.
Dorothy: »Ich merkte bald, daß es sich bei ihnen nicht um den Geist einer Pflanze handelte, sondern um das überstrahlende Wesen einer Gattung. Ich entdeckte, daß das hinter der Gartenerbse stehende Wesen in seinem Bewußtsein das archetypische Muster aller Erbsen der Welt enthielt und sich um ihr Wohlergehen kümmerte. Offensichtlich müssen solche Wesen in mehr als unseren drei Dimensionen wirken.« Dorothy McLean spürte bei ihrer Arbeit viel Freude, ja, sie fühlte sich trotz körperlicher Mühsal »auf eine wunderbare Weise beglückt«.
In theosophischen Schriften war sie schon früh mit dem Begriff der Engel in Verbindung gekommen. »Da das Wort Engel in meinem Bewußtsein eine sehr begrenzte und stereotype Form besaß, ganz im Gegensatz zu dem Eindruck von Licht, Freiheit und Gestaltlosigkeit, den diese Wesen machten, beschloß ich, sie ganz allgemein Devas zu nennen«, schreibt Dorothy McLean in ihrem Buch. Das Sanskrit-Wort »Deva« bedeutet »Scheinendes«.
Der Erbsen-Deva trat zuerst in ihren Wahrnehmungsbereich. Dann gab es da noch ein Wesen, das für die ganze Region zuständig schien. Dorothy nennt es den »Landschaftsengel«. (…)

Im Reich des Pan

Unter den schottischen Landsleuten, die das »Wunder von Findhorn« besichtigten, war auch Robert Crombie, ein Wissenschaftler von der Universität Edinburgh. Der feinsinnige Mann begriff intuitiv, daß sich in dem kleinen Ort ein alter Menschheitstraum erfüllte: die Vereinigung unterschiedlichster Geistesebenen.
Robert Crombie erlebte – ohne daß er sich darum bemüht hatte – seine eigene unglaubliche Geschichte. Wieder zurückgekehrt nach Edinburgh, will er im Stadtpark eine Erscheinung bemerkt haben, die ihn sofort an einen Faun erinnerte.
Crombies Begegnung wurde in Findhorn oft kolportiert und muß sich danach folgendermaßen abgespielt haben: Der Faun war knapp einen Meter groß, nackt und hatte zottige Beine, gespaltene Hufe, spitze Ohren und kleine Hörner auf der Stirn. Natürlich zweifelte Crombie zunächst an seinem Verstand, aber nachdem er festgestellt hatte, daß er völlig wach war und den Park und die Menschen darin genauso wahrnehmen konnte wie immer, konzentrierte er sich ganz auf das, was er sah:
»Er tanzte um einen Baum herum . . . dann hinüber in die Richtung, wo ich saß. Er blieb stehen, schaute mich einen Moment an und setzte sich dann mit gekreuzten Beinen vor mich hin. Ich beugte mich vor und sagte: >Hallo. Kannst du mich sehen?< fragte er.
>Ja. Das glaube ich nicht. Menschen können mich nichtsehen. <
>SO?Wie sehe ich denn aus?<
Ich beschrieb ihm, wie ich ihn sah. Er schaute recht verwirrt und schien sich seiner Sache nicht ganz sicher. Dann begann er in kleinen Kreisen zu tanzen.
>Was mache ich jetzt?<
Ich sagte es ihm. Er hielt an und meinte: >Du mußt mich tatsächlich sehen. <«

Nachdem Crombie zu diesem Wesen aus der anderen Welt wohl eine Art Freundschaft entwickelt hatte, wurde er einem größeren, noch viel eindrucksvolleren Faun vorgestellt, genauer gesagt, dem Chef aller Faune, Gott Pan höchstpersönlich. Dies versicherte jedenfalls der Professor. Wie sein »Untergebener« war auch der »Fürst der Natur« höchst erstaunt, daß ein Mensch ihn wahrnahm. Und noch viel mehr wunderte ihn, daß sein Gesprächspartner keine Angst vor ihm hatte. Den wiederum wunderte dies alles am meisten, er konnte sich nicht erklären, warum gerade er etwas derart Merkwürdiges erleben sollte. Jedenfalls muß es noch zu mehreren Begegnungen zwischen ihm und Pan gekommen sein. Einmal hatte Crombie sogar das Gefühl, mit dem Gott zu verschmelzen.
»In dem Moment, in dem er in mich eintrat, füllten sich die Wälder mit Myriaden von Lebewesen: Nymphen, Dryaden, Elfen, Gnomen, Feen, viel zu zahlreich, als daß ich sie hätte einordnen können. Sie unterschieden sich schon durch ihre Größe: Da waren ganz kleine Wesen, kleiner als ein Streichholz, bis zum Bruchteil eines Zentimeters; sie schwärmten über eine Gruppe von Giftpilzen. Am größten waren wunderschöne Elfenwesen, etwa einen Meter hoch. Alle begrüßten mich voller Freude, einige von ihnen umtanzten mich im Kreise . . . Trotz der intensiven Fröhlichkeit herrschte ein tiefer Frieden, ein Wohlgefühl und ein völlig geistiges Bewußtsein.«(…)

So wurden in Findhorn nicht nur die Samen von Erbsen, Zwergbohnen und Kürbissen in die karge Erde Schottlands gesenkt, sondern das Wissen um ein großes Geheimnis: Auf der Welt wimmelt es von Leben – sichtbarem und unsichtbarem.

 

Über den Autor

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Wir danken Rainer Holbe für die freundliche Überlassung der nebenstehenden Textauszüge aus seinem Buch „Die Botschaft der Engel“ (Knaur TB, 1989), das z.T. aus dem Material seiner RTL-Hörfunksendungen mit dem Titel „Unglaubliche Geschichten“ entstand.

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