Antioxidantien sind in der Lage, einer übermäßigen Oxidation im Körper entgegenzuwirken.

Von Illian Sagenschneider

In der großen Garage meines Vaters steht ein kleiner roter Golf II. Stolze 31 Jahre hat er auf dem Buckel und ist damit schon ein Oldtimer. Hier drin ist er seit Jahren gut geschützt vor Feuchtigkeit und Kälte. Nur an der Tür, wo etwas von dem Lack abgeplatzt ist, fängt er langsam an zu rosten. Die Karosserie im Inneren ist aber noch komplett rostfrei. Lack, Öle, Wachs und Fette sorgen hier dafür, dass diese wichtigen Teile geschützt sind. Sie verhindern, dass das Metall mit Sauerstoff reagiert. Mein Vater ist Baujahr 1940 und ebenfalls noch ziemlich gut in Schuss. Allerdings gibt es bei ihm grade so langsam die ersten Gelenkprobleme und Ähnliches. Dabei denke ich immer, dass man auch seinen Körper gut vor dem „Durchrosten“ schützen könnte …!

Freie Radikale: aggressiver Sauerstoff

Unser Körper braucht Sauerstoff, um Energie zu gewinnen. Dieser wird von der Lunge über das Blutgefäßsystem zu den einzelnen Zellen gebracht. Deren wichtigste und zugleich gefährlichste Aufgabe ist es, mittels Sauerstoff Zucker, Fette oder auch Eiweiße zu verbrennen, um uns damit Energie zu liefern. Leider entstehen bei diesen Prozessen auch sauerstoffhaltige Moleküle, die gefährlich instabil sind, weil ihnen in ihrer chemischen Struktur ein Elektron fehlt. Solche Moleküle, die quasi „unvollständig“ sind, nennt man freie Radikale. Sie gehen nämlich sehr aggressiv und sehr schnell auf die Suche nach einem neuen passenden Elektron, um wieder „vollständig“ zu werden. Meistens greifen sie dabei wahllos intakte Moleküle in ihrer Nähe an. Das kann beispielsweise die Membran der nächsten Zelle sein – Eiweiße können dabei regelrecht „überfallen“ oder die DNA beschädigt werden. Dieser Elektronen-Diebstahl wird Oxidation genannt. Freie Radikale können beispielsweise das Kollagen-Eiweiß im Knorpelgewebe angreifen, dort die Strukturen schädigen und so letztlich Gelenkschmerzen hervorrufen.

Der Körper ist nun gezwungen, den entstandenen Schaden auszugleichen. Er tut dies mit Hilfe von sogenannten Antioxidantien, die in der Lage sind, einer übermäßigen Oxidation entgegenzuwirken. Verlaufen solche Oxidationsprozesse im Körper nämlich zu stark, wird dieser über die Maßen belastet und man spricht von oxidativem Stress.

Schutzschirm für den Organismus

Im letzten Artikel („Mangelversorgt“, SEIN 5/2018) habe ich von 47 lebenswichtigen Mikronährstoffen geschrieben, die für unser reibungsloses Funktionieren lebensnotwendig sind. Nun, einige davon wirken direkt oder indirekt als mächtige Antioxidantien und bilden so einen wichtigen Schutzschirm für unseren Organismus. Die Vitamine A, E und C gehören hierzu. Sie wirken direkt als Radikalenfänger. Das fettlösliche Vitamin E wird beispielsweise in die fetthaltigen Membranen unserer Zellen mit eingebaut. So schützt es dort die wichtigen Omega3- (und andere) Fette vor den Oxidationsprozessen. Vitamin C arbeitet dagegen im wässrigen Milieu.

Es beschützt zum Beispiel die Fettsäuren im Blut vor Oxidation. Diese werden dort nämlich gerne von freien Radikalen angegriffen. Am Ende sind diese Fette „ranzig“ und kleben an den Arterienwänden fest. Auf diese Weise entstehen Arteriosklerose und nachfolgend die entsprechenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Weiterhin übernimmt Vitamin C freie Radikale von anderen Antioxidantien – wie dem Vitamin E – und macht diese Antioxidantien dadurch wieder einsatzbereit. Insgesamt arbeiten viele Antioxidantien als Elektronentransportkette – sie unterstützen sich dabei gegenseitig und verstärken sich in ihrer Wirkung.

Körpereigene Radikalenfänger

Aber unser Körper kann sich selbstverständlich auch eigene Radikalenfänger basteln. Hierfür braucht er wieder ein paar von den 47 essentiellen Mikronährstoffen. Mineralien und Spurenelemente wie Eisen, Zink, Kupfer, Mangan und Selen sind nämlich am Bau von sehr wichtigen Antioxidantien beteiligt. Für die Herstellung von Superoxiddismutasen (SOD) beispielsweise brauchen wir Mangan, Kupfer und Zink. SODs sind Enzyme und äußerst starke Radikalfänger. Wenn diese ausreichend von uns gebildet werden, passen sie hervorragend auf unsere Mitochondrien – die Energiekraftwerke in unseren Zellen – auf. Denn genau dort kommt ja bei der Energiegewinnung viel Sauerstoff zum Einsatz, wodurch eben große Mengen an freien Radikalen entstehen. Gerstengrassaft liefert viele SODs (siehe SEIN 7/2017) direkt als käufliches Lebensmittel. Generell gibt es natürlich noch viele andere Radikalfänger, die wir auch (zustätzlich) mit der Nahrung aufnehmen können.

Alpha-Liponsäure beispielsweise (befindet sich in Rinderleber oder Brokkoli) hat die besondere Fähigkeit, sowohl in fettlöslicher als auch in wasserlöslicher Umgebung zu wirken. Liponsäure ist so klein, das sie leicht die Blut-Hirn-Schranke überwinden und somit unsere grauen Zellen besonders gut schützen kann. Denn freie Radikale greifen auch die fetthaltigen Schichten unserer Nervenzellen an. Und sind damit einer der Gründe für die Entstehung von Alzheimer und Demenz. Als eines der stärksten Antioxidantien überhaupt gilt Astraxanthin. Es gehört zu den Carotinoiden und kommt in bestimmten Algen, Lachs und Krill vor. Es hat einen besonders schützenden Einfluss auf die Haut und wirkt wie ein Sonnenschutzmittel von innen. Denn auch UV-Licht kann in unserem Körper freie Radikale erzeugen. Versorgt man sich aber – am besten Wochen vor der heißen Sommerzeit – mit vielen starken Antioxidantien und gewöhnt den Körper laaaaangsam an die Sonne, bleibt der Sonnenbrand aus, weil man aus dem Inneren auf natürliche Weise geschützt ist. Auf schädliche Sonnencremes kann dann verzichtet werden. Flamingos sind übrigens rosa, weil sie den ganzen Tag über astraxanthinhaltige Algen futtern, die sich dann in ihrem Gefieder ablagern. Aber keine Sorge, uns wird sowas nicht passieren…

Alterungsprozesse = Oxidationsprozesse

Man könnte diese Aufzählung noch viel weiter fortführen und ergänzen. Mit den Flavonoiden aus Bitterschokolade bzw. echtem Kakaobohnen, den Phenolsäuren aus dem Granatapfel, OPC aus Traubenkernextrakt oder dem guten, alten Beta-Carotin aus Grünkohl und Karotten. Fakt ist, wir brauchen schlicht und einfach gute Antioxidantien! Viele Gemüse, Salate, Kräuter und Wildpflanzen wie Löwenzahn, Vogelmiere, Melde, Giersch oder Brennessel sind ebenso wie frische Nüsse und wirklich kaltgepresste Öle und Fette besonders reich an diesen wichtigen Stoffen. Wenn man gern mal etwas (zuviel) Alkohol trinkt oder ab und an mal beim (antioxidantienarmen) Fastfood zugreift, wenn man Raucher ist oder als Nichtraucher gern in den tollen, aber verrauchten Berliner Clubs unterwegs ist, hat man natürlich schnell mal zuviel freie Radikale im Körper (Medikamente und synthetische Partydrogen gehören übrigens auch zu den starken Radikalenproduzenten). Und gerade dann ist es hilfreich, ab und an besonders starke Antioxidantien zu futtern und/oder als Nahrungsergänzungsmittel zum Ausgleich hinzuzufügen. Denn am Ende kommt es nicht auf ein perfektes „spaßfreies“ Leben an, sondern auf das intelligente Zusammenstellen einer ausgeglichenen Bilanz von Dingen, die Radikale produzieren und abpuffern! Schlägt man auf der einen Seite – freiwillig oder unfreiwillig – über die Stränge, ist es wichtig, woanders auszugleichen.

Habe ich nämlich mehr oxidativen Stress im Körper, als ich durch meine Antioxidantien ausgleichen kann, altert mein Köper deutlich schneller und wird langfristig krank. Gleiche ich den Mangel aber geschickt aus, kann ich so die negativen Folgen abfedern. Letztendlich ist Altern eine ständig zunehmende Zahl von Zellschäden, Ablagerungen, Stoffwechselstörungen und einem immer enger werdenden Blutgefäßsystem. Und dabei spielen die freien Radikale eben eine große Rolle. Letztlich werden unsere Gesundheit und unser Alter dadurch bestimmt, wie gut unsere Blutgefäße und unsere Zellen immer wieder aufgeräumt werden. Quasi, wie gut die „Rostschutzmittel“ in unserem Körper ihre Aufgabe erfüllen können. Ich überlege übrigens gerade, ob ich den kleinen Golf wieder zur Inspektion bringe und als Oldtimer anmelde. So gut, wie der erhalten ist, müsste der nämlich noch lange fahren. Und ich hoffe, mein Vater nimmt ein paar Tipps an und baut demnächst mehr Antioxidantien in sein Essen und seinen Körper ein. Denn vor allem mit ihm würde ich gern noch eine lange Zeit verbringen …

Vorträge
22. August, 19.30 Uhr: „Ölwechsel für den Körper. Über die Bedeutung der Omega3-Fette“, Eintritt 5 €
23. August, 19.30 Uhr: „Rostschutz für den Körper. Über die Bedeutung von Antioxidantien“, Eintritt 5 €
Nächstes Wochenendseminar
„Abenteuer Ernährung“ am Sa./So. 6./7.10.2018 jeweils von 11 bis 17.30 Uhr.

Alle Events im „ZENTRUM“, Hagelberger Str. 12 in Kreuzberg. (Nahe U-Bahnhof Mehringdamm)
Info und Anm. bei Illian Sagenschneider unter Tel. 0176-844 843 33

Author: Oliver Bartsch

Eine Antwort

  1. Raimar Ocken
    Antioxidantien und Freie Radikale

    Orthomolekulare Medizin, um die geht es in dem Artikel, ist reduktionistische Schulmedizin. Das bedeutet, dass Gesundheit und Krankheit auf die Anwesenheit bzw. Abwesenheit von lebensnotwendigen Nährstoffen zurückgeführt werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich sie für schlecht halte, ganz im Gegenteil.

    Seit etwa 1985 befasse ich mich unter anderem mit „Orthomolekularer Medizin“ und Ernährung. Ich bin immer wieder darüber erstaunt wie schnell sogar so genannte Naturheilkundige zu dem „Rettungsanker“ greifen, mit Mikronährstoffen alles und jeden heilen zu können. Was natürlich nicht funktioniert. Da geht dann plötzlich Materie vor Geist, obwohl wir doch ansonsten spirituelle Heiler sind.

    Leben ohne Oxidation geht nicht. Deshalb ist es letztlich ziemlich unsinnig, permanent Antioxidatien in sich hinein zu futtern, in der Hoffnung sich generell vor Krankheiten schützen zu können bzw. alles damit heilen zu können. Worum es geht, ist, wie in vielen anderen Zusammenhängen auch: Das Maß ist das Mittel. Anders ausgedrückt: Eutress hält uns lebendig, Disstress macht uns krank. So auch bei den freien Radikalen.

    Entscheidend dabei ist die Fragestellung, welche Glaubenssätze wir pflegen. Die Art der oralen Ernährung ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Denn der Mensch lebt nicht vom „Brot“ allein. Dies lässt sich relativ leicht beweisen, wenn wir sehr alte Menschen danach fragen, was sie ihrer Meinung nach hat so alt werden lassen. Yoga, vegane Ernährung, nicht rauchen und kein Alkohol spielen dabei eben so wenig eine Rolle, wie Hygiene und materieller Besitz.

    Orthomolekulare Medizin ist in der Regel gut, wenn sie Bestandteil einer ganzheitlichen Heilweise ist. Das bedeutet: Wir, die Heilkundigen, müssen uns ebenso um die psychischen, die sozialen und die ökologischen Gegebenheiten des Gesunden und des Kranken kümmern.

    Hp Raimar Ocken

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