Die Ernährung von Jäger- und Sammler-Gesellschaften ist eine der ausgewogensten der Welt – und Inspiration für Superfoods und Diäten. Doch Jäger und Sammler sind nicht nur einfach Nahrungsbeschaffer, sondern leben ein Leben, deren Grundpfeiler für die Zukunft unseres Planeten prägend sein könnten.

Von Fiore Longo, Survival International

Fast alle Jäger- und Sammler-Gesellschaften, die es heute noch gibt, stehen in Kontakt mit anderen Kulturen und den industrialisierten Gesellschaften, von denen sie sich in sehr unterschiedlichen Ausmaßen Kenntnisse, Werkzeuge und materielle Güter geborgt haben, genau wie wir das umgekehrt auch taten – man denke nur an das Aspirin, das von Indigenen durch das Auskochen von Weidenrinde entwickelt wurde, um Kopfschmerzen zu behandeln. Obwohl einige von ihnen heute sogar regelmäßig das Internet benutzen, haben sie sich jedoch grundsätzlich entschieden, ihre Lebensweisen aufrecht zu erhalten.

Das hat seinen Grund: Jenseits jeglicher Modeerscheinungen, Vorurteile oder Idealisierung ist die Ernährungsweise der Jäger und Sammler bei Experten heute als eine der ausgeglichensten der Welt anerkannt. Reich an Früchten, Gemüsen, erjagtem Fleisch und Fisch basiert sie hauptsächlich auf dem Anzapfen freier Ressourcen der natürlichen Umgebung, auch wenn das in einigen Fällen ergänzt wird durch den Anbau kleiner Gärten. Jäger und Sammler nehmen sehr viel weniger Fett zu sich als alle anderen Einwohner des Planeten, und generell enthalten ihre Lebensmittel weniger gesättigte Fettsäuren und Natrium (im Durchschnitt nehmen sie weniger als ein Gramm Salz pro Tag zu sich).

Sogar in den eisigen Regionen gibt es keine Ernährungsmängel: Die Lebensmittelressourcen der Völker wie die Inuit oder die Gwich’in der Arktis – insbesondere Weißwale und das Karibu – sind die Quelle für Antioxidantien, Omega- 3-Fettsäuren, Eiweiße und Spurenelemente (Vitamin A, D, C, Eisen, Zink). Sie garantieren eine sehr gute Gesundheit, selbst in Abwesenheit von Obst und Gemüse. Das Fleisch von Karibu enthält das Doppelte an Proteinen wie Konservenfleisch, ein Zehntel der gesättigten Fettsäuren, dreimal so viel Vitamin C und neunmal so viel Eisen.

Enzyklopädisches Wissen über die natürliche Umwelt

In den meisten Fällen sind die Volkswirtschaften der Jäger und Sammler auch hoch effiziente Systeme, weil ein paar Stunden Arbeit am Tag ausreichen, um den Nahrungsmittelbedarf der ganzen Gemeinschaft zu stillen. Die !Kung-Buschleute in der Kalahari-Wüste verbringen lediglich drei bis vier Stunden täglich jagend und sammelnd. Sie haben dennoch eine reiche und vollwertige Ernährungsweise, die es ihnen erlaubt, im Durchschnitt 2.140 Kcal pro Tag zu sich zu nehmen. Sie schätzen besonders den Mongongobaum, dessen Frucht einem Apfel ähnelt und eine sehr nahrhafte Nuss enthält: 100 Gramm des Fruchtfleisches enthalten 641 Kcal, zwei mal mehr als 100 Gramm tierisches Fleisch. Jagen und Sammeln jedoch sind nicht einfach nur Techniken des Lebensunterhalts oder Formen der Beschaffung lebensnotwendiger Nahrungsmittel.

An erster Stelle sind sie ein Lebensstil, der unterstützt wird von einem tausendjährigen und enzyklopädischen Wissen über die natürliche Umwelt und der auf den Werten von Gleichgewicht, Austausch und Gleichheit basiert. Die Jäger und Sammler besitzen ein tiefes Wissen über all die Ressourcen, die auf ihren Territorien zur Verfügung stehen – jede Pflanze, jedes Tier und jedes Mineral – und sie haben gelernt, sie umfassend zu nutzen, ohne sie aufzubrauchen. Die Baka-„Pygmäen“ in Zentralafrika essen mehr als zehn verschiedene Arten der Jamswurzel. Sie lassen Teile der Wurzel im Boden zurück und helfen auf diese Weise, sie im Wald zu verbreiten. Dadurch locken sie Elefanten und Wildschweine an, denen die Wurzel ebenfalls gut schmeckt.

Dieser Prozess ist herausragend, denn er trägt dazu bei, die Biodiversität des Ortes zu erhalten und oftmals sogar zu erhöhen.

Kein Gegensatz zwischen Gesellschaft und Natur

Die Achés in Paraguay rühmen sich mit einer der reichhaltigsten und vollständigsten Ernährungsweisen, die es gibt. Sie jagen 33 Säugetiergattungen und essen mehr als zehn Reptilien- und Amphibienarten, 15 Fisch- und Vogelarten, fünf verschiedene Typen an Insekten, zehn Larvengattungen und mindestens 14 Honigarten. Die Shuar in Ecuador benutzen nicht weniger als hundert unterschiedliche Pflanzen allein um Bauchschmerzen zu behandeln, während die Yalis aus Westpapua 49 unterschiedliche Süßkartoffelvarietäten und 13 verschiedene Kochbananen verwenden. Im Universum der Jäger und Sammler gibt es keinen Gegensatz zwischen Gesellschaft und Natur. Die Welt ist eins. Und der Mensch erhält von der Erde das, was er zum Leben braucht; die Nahrung ist ein Geschenk, welches nicht nur den Körper, sondern auch den Geist ernährt. „Das Karibu ist für uns alles“, sagen die Inuit. „Es bietet uns all unsere Mittel zum Überleben. Unser Essen, unsere Kultur, unsere Tänze, unsere spirituellen Beziehungen: Alles dreht sich ums Karibu.“ Die Jäger und Sammler schulden der Natur ihr Leben.

Deswegen ist es ihre Aufgabe, sie zu schützen und zu respektieren und dabei zu lernen, diese Rolle von klein auf zu bekleiden. Den Baka-„Pygmäen“ wird schon in jungen Jahren beigebracht, bei der Jagd auf die Tiere im Wald das Maß nicht zu überschreiten: „Wenn wir auf ein Weibchen und ihr Jungtier treffen, dürfen wir es nicht töten“, erklären sie uns. Und, was genauso wichtig ist, sie zielen darauf ab, alle Teile der erlegten Tiere zu nutzen, um nichts zu verschwenden. Mit den Häuten der Beute machen die Jäger und Sammler Kleidung und Zelte; aus dem Fett Dünger und Salben; aus den Knochen Werkzeuge, Schmuck und Skulpturen. Die Hadza in Tansania benutzen die Bänder von Tieren, um aus ihnen Bogensehnen zu machen, während die Pfeile sorgsam aus Kongoroko- Holz gefertigt und mit den Federn von Perlhühnern verziert werden.

Und es sind auch die Hadza, welche die faszinierendsten Honigsammelmethoden der ganzen Welt entwickelt haben. Im Rahmen einer gegenseitigen Hilfsbeziehung ruft der sogenannte „Honigvogel“ die sammelnden Menschen, die ihrerseits mit einem Pfeifen auf die Rufe antworten. Der Vogel führt die Hadza zu den Bienenstöcken der versteckten Wildbienen zwischen den hohen Affenbrotbäumen und erhält im Austausch die Reste der Honigwaben.

„Fortschritt kann töten“: zehn Jahre kürzere Lebenserwartung

Der Raub von Land und Ressourcen, dessen Opfer viele indigene Völker sind, reduziert leider immer mehr den Zugang zu diesem Ernährungs- und Materialreichtum. Verfügbare Statistiken zeigen jedoch, dass die Jäger und Sammler sich einer guten Gesundheit erfreuen, wenn sie die Kontrolle über ihre Ernährung und ihren Lebensstil auf ihren Ländereien aufrechterhalten können. Ihr Cholesterinspiegel und ihr Blutdruck sind sehr viel niedriger als unsere. Fettleibigkeit, Diabetes und Bluthochdruck sind unbekannte Krankheiten. Laut unserem Bericht „Fortschritt kann töten“ (www.survivalinternational. de/fortschrittkanntoeten) verschlechtern sich im Gegensatz dazu ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden rapide, wenn sie gezwungen werden, ihre Ländereien zu verlassen, und ihnen der Zugang zu ihren Ressourcen im Namen des „Fortschritts“ und der „Entwicklung“ versagt oder eingeschränkt wird.

Der erzwungene Übergang zu einem sesshaften Lebensstil und die Abhängigkeit von industriellen Lebensmitteln ist physisch und psychisch desaströs und kann sie bis zum Suizid bringen. Im Durchschnitt leben beispielsweise Aborigines auf ihren eigenen Ländereien zehn Jahre länger als die, die umgesiedelt wurden. Angesichts der Verbreitung von „Wohlstands- Krankheiten“ bietet uns die Ernährung der Jäger und Sammler Material zum Nachdenken. Die Zerstörung der Dörfer und ihrer natür – lichen Umgebungen wird durch unsere – auf der unhaltbaren und ungerechten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen basierenden Wirtschaft – vorangetrieben.

30 Prozent der verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen für den Mülleimer

Man könnte jemandem sehr unterschiedliche Antworten geben, wenn er oder sie beabsichtigt, Landraub und Verletzungen am Recht auf Selbstbestimmung der Jäger und Sammler zu rechtfertigen. Wenn jemand meint, zur heutigen Zeit sei ihr Lebensstil nicht mehr haltbar aufgrund der dringenden Notwendigkeit, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, setzt sich ein Einwand unmittelbar durch: Der Großteil der Ressourcen unseres Planeten (80 Prozent) wird von einem Drittel der Länder der Welt konsumiert. Allein die zwölf Prozent der Weltbevölkerung, die in Nordamerika und Westeuropa leben, stehen für 60 Prozent dieses Konsums (World Watch Institute, 2011). Zusätzlich zu dieser ungerechten Verteilung von Ressourcen gehen jedes Jahr ungefähr ein Drittel der weltweiten, für den menschlichen Konsum bestimmten Nahrungsmittelproduktion in der langen Ernährungskette verloren oder werden verschwendet, besonders in privaten Haushalten (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, 2011).

Im Wettbewerb zwischen denen, die am meisten verschwenden, ist Großbritannien mit rund 250 Kilogramm verschwendeten Lebensmitteln im Jahr pro Person mit an erster Stelle. In Deutschland liegt die Zahl bei rund 80 Kilogramm pro Person (Universität Stuttgart, 2012). Das Ausmaß der benötigten landwirtschaftlichen Erde, um jedes Jahr die verschwendeten Lebensmittel der ganzen Welt zu produzieren, entspricht 30 Prozent der überhaupt auf der Welt verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen. Die Nahrungsmittelverschwendung, die jedes Jahr in der Welt stattfindet, ist außerdem verantwortlich für einen CO2-Ausstoß von umgerechnet 3,3 Millionen Tonnen.

Wenn Nahrungsmittelverschwendung ein Land wäre, wäre sie die drittgrößte Emissionsquelle nach den USA und China. Angesichts dieser Daten bleibt kein Zweifel daran, dass die Fläche auf der Erde nicht ausreichen würde, wenn alle nach einem US-amerikanischen Standard leben wollten. Aber es ist auch nicht weniger wahr, dass der Druck auf die Erde hauptsächlich durch den exzessiven Konsum und die Verschwendung der Minderheit der reichen Länder genährt wird. Warum sollten also die wenigen Gesellschaften der Jäger und Sammler den Preis dafür bezahlen, indem sie Leben und Land verlieren? An diesem Punkt angekommen, ergibt sich spontan die Frage: Wer sind hier eigentlich die „Primitiven“?

 

Author: Oliver Bartsch

Eine Antwort

  1. Öko-Theosoph
    Urkost

    Es ist gut, dass sich auch in Deutschland immer mehr Menschen von Urkost ernähren. Bitte googeln „Stephan Engelhardt“.
    Darüber hinaus kann man sich überlegen, in eine warme Region auszuwandern. Dort braucht man keine Heizung und es genügt ein dünnwandiges, einstöckiges Haus. Aber auch in Deutschland wird es im Winter wärmer. Bitte googeln „Zeitreihe Lufttemperatur, Messwerte in Dekaden“.

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