Die Heilkunde der Hildegard von Bingen

„Scivias – Wisse die Wege zum Heil und zur Heilung“ – so lautet der Titel des wohl bekanntesten visionären Werkes der Hildegard von Bingen, Äbtissin eines Benediktiner-Klosters in Bingen im 12. Jahrhundert. Nach eigener Aussage befahl ihr eine Stimme: „Sage und schreibe auf, was du siehst. Tu kund die Wunder, die du erfahren!“ Obwohl des Lesens und Schreibens nicht mächtig, verfasste Hildegard mit Hilfe von Sekretären zahlreiche Schriften, darunter medizinische Lehrbücher und naturheilkundliche Werke mit ausführlichen Beschreibungen der Heilkräfte der Natur und einzelner Pflanzen. Über die Heilkunde der Hildegard von Bingen.

Heilung nach Hildegard ist ein ganzheitlicher Prozess. Sie beschreibt goldene Lebensregeln, nach denen der Mensch für sich selbst, für seine Gesundheit und für die Natur und Umwelt verantwortlich ist.
Der Mensch ist Teil des Kosmos, und so nähren ihn die Energien des Universums. Sie erhalten ihn gesund – solange der Mensch bewusst in der geistigen Verbindung mit der Schöpfung bleibt und bei all seinem Tun das rechte Maß, die „Diskretio“, findet. Fehlernährung, ein unausgewogenes Verhältnis bei Arbeit und Entspannung, bei Schlaf und Bewegung, Disharmonien im Bewusstsein, Unglaube und ein Mangel an positiven seelischen Eigenschaften fördern das Entstehen von Krankheiten.
Voraussetzung für Heilung ist demnach seelische Klärung und Rückbesinnung auf die Kräfte der Natur.
„Die Seele ist für den Körper, was der Saft für den Baum ist, und ihre Kräfte entfaltet sie wie der Baum seine Gestalt.“
Da die Klöster im Mittelalter mit der Krankenpflege beauftragt waren, hat Hildegard den Benediktiner-Auftrag „Die Sorge für den Kranken geht über alles“ ganz entscheidend umgesetzt.
Bei der Behandlung von Kranken spielen die Ernährung, der Einsatz von natürlichen Heilmitteln und Ausleitverfahren zur Entgiftung eine wesentliche Rolle.

 

Lebensmittel = Heilmittel

Hildegard erkannte schon damals die große Bedeutung gesunder Ernährung. „Eure Lebensmittel sollen eure Heilmittel sein.“ Sie spricht von der Feinstofflichkeit der Nahrungsmittel, der „Viriditas“ und meint damit die den Pflanzen innewohnenden Heilkräfte, die im Menschen für ein Gleichgewicht der Körpersäfte und somit für seine Gesundheit sorgen.
Hildegard beschreibt ausführlich über 500 Pflanzen – der Dinkel ist dabei die herausragendste. Er gehört als Grundnahrungsmittel in die tägliche Ernährung, ob als Brot oder in anderen Zubereitungen wie Schrot, Gries, Flocken oder als ganzes Korn:
„Und wenn einer so krank ist, dass er vor Krankheit nicht essen kann, dann nimm die ganzen Körner des Dinkel … und gib das dem Kranken zu essen, und es heilt ihn innerlich wie eine gute und gesunde Salbe.“ Wissenschaftliche Forschungen bestätigen heute den hohen Nährwert des Dinkel. Er eignet sich bestens bei Kraftlosigkeit und Erschöpfung und als Basis jeder Ernährungstherapie zur Erhaltung der Gesundheit.

Galgant, Bertram und Quendel sind Universalmittel in der Heilkunde der Hildegard von Bingen. Galgant, eine dem Ingwer ähnliche Wurzel, lindert Herzschmerzen und fördert die Durchblutung. Bertram dient als Stärkungsmittel, verbessert die Verdauung und entschleimt. Quendel, der Feld-Thymian, ist ein Heilmittel bei Hautleiden und Allergien, fördert den Hautstoffwechsel und verbessert somit die Entgiftung des Organismus über die Haut.

Schmackhafte Nervenkekse für einen klaren Kopf

Hildegard von Bingen

Mit seherischer Gewissheit beschreibt Hildegard weitere Heilmittel, darunter eine Bärwurzgewürzmischung für die Blutreinigung und die Darmsanierung, Gewürzpulver mit Zimt und Muskat für schmackhafte Nervenkekse zur besseren Kopfdurchblutung, von denen man am Tag höchstens drei essen sollte „…sonst wird der Mensch zu schlau“.
Hildegard benennt auch Küchengifte, die gesundheitliche Schäden herbeiführen können. Dazu gehören Erdbeeren, Pflaumen, Heidelbeeren und Pfirsiche, da „die gute Säftemischung im Menschen zerstört und Schleim erzeugt wird“. Ebenso warnt Hildegard vor dem Verzehr von Lauch und Linsen. Lauch belastet das Immunsystem, weil er „das Blut und alle Säfte in ihr Gegenteil verkehrt“. Linsen sättigen nach Hildegard nur den Bauch und „reizen die kranken Säfte im Menschen zum Sturm“.
Auch wenn die mittelalterliche Sprache für unsere Ohren ungewöhnlich klingt, so zeigen heutige Erfahrungen mit der Hildegard-Ernährungstherapie und den beschriebenen Heilmitteln die zeitlose Bedeutung ihres Werkes. Lebensmittel sind Mittel zum Leben und Heilpflanzen sind Arzneimittel, die körperlich und energetisch wirken. Die Küchengeheimnisse der Hildegard-Lehre sind mehr als schmackhafte Rezepte. Die Kunst besteht darin, den Kranken zu heilen und beim Gesunden die Körpergifte erst gar nicht entstehen zu lassen oder kunstgerecht auszuleiten. Das Prinzip der Harmonisierung des Körpers durch Lebens- und Arzneimittel lässt die Seele der Natur im Menschen wirken. Sie entfaltet sich mit energetischen Kräften, heilt den Menschen an den Wurzeln seiner Störungen und öffnet das Bewusstsein für die Geschenke der Schöpfung.

 


 

Abb.1: – Schon im 12. J. verstand Hildegard von Bingen den Menschen in einem ganzheitl. Zusammenhang

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