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Ganzheitliche und heilende Architektur: Immer mehr Architekten verfolgen einen ganzheitlichen und spirituellen Ansatz, der Architektur als Lebensraum begreift, der den Menschen beeinflusst. Interview mit Architekt Sebastian Wagner von der SWA Group zum Thema Healing Architecture: Kann Architektur heilen?

Wohl jeder hat die Erfahrung gemacht, dass es Räume gibt, die erdrücken – und tatsächlich auch klinisch krank machen (Sick Building Syndrome) – und solche, die uns erheben und beleben. Wie ist diese Beziehung zu erklären?

In der Architektur und Ingenieurswissenschaft werden wir dazu ausgebildet, technische Lösungen für räumliche Problem mit ihren komplexen Wechselwirkungen zu entwickeln. Dabei entstehen immer wieder gefeierte technische Inovationen, die sich auf den Satz reduzieren lassen: Wieder ein Schritt weiter in der Distanzierung zwischen Mensch und Raum. Wir sind Weltmeister in technischen Lösungen und setzen uns somit mit einer technischen Materie auseinander. Doch wenn wir uns nach unserer Beziehung zum Raum fragen, entstehen viele Fragezeichen. SWA Group hat sich nun ein Viertel Jahrhundert mit verschiedenen Formen von transzendentalen Räumen auseinandergesetzt und aus diesen Erfahrungen Räume gestaltet. Die Architektur erfüllt dann ihre eigentliche Aufgabe, nämlich die besten Lebensumstände für Menschen zu schaffen.

Was zeichnet denn einen Raum aus, der wieder näher am Menschen und der Natur ist?  

Wenn Innen- und Aussenräume miteinander verzahnt eine Landschaft ergeben, in der der Bewohner sich frei bewegen kann.

Ihr nennt euren Ansatz Sacred_Tecture – in etwa also: heilige Architektur. Was genau ist der Unterschied zur gewöhnlichen Architektur? Und worin liegt das Geheimnis lebendiger, heiliger Räume?

Der von uns gewählte Ansatz schöpft aus dem menschlichen Kulturraum und der Suche nach integraler Spiritualität. Wir begegnen immer wieder dem Bild, dass Spiritualität = Religiösität bedeutet. Aber wenn der Unterschied deutlich wird, kann man folgendes zusammenfassen: Der spirituelle Raum ist gelebter Raum, also Raum wo Sexualität, soziales Leben, Sterben und Gebären stattfindet. Religiöser Raum sondert den Lebensraum vom sakralen Raum ab. Die Systeme trennen sich. Das Geheimnis lebendiger Räume bezieht Spiritualität, die ich auch als ganzheitlichen Lebensraum bezeichnen würde, als oberstes Kriterium mit ein.

Ein Beispiel aus der Geschichte mag dies sehr klar zum Ausdruck bringen: Die bautypologische Entwicklung des Krankenhauses in der westlichen Welt stammt vom Seuchenhaus ab. Man brauchte einen Ort, an dem die Soldaten nicht mehr auf dem offenen Feld starben und verotteten. Deshalb wurde das Problem kanalisiert und die Sterbenden wurden in die dafür vorgesehen Spitäler und Krankenhäuser geschafft. Dort hatte man das Problem unter Kontrolle und ein System entwickelt, das Thema Sterben aus der Öffentlichkeit zu bringen. Der Irrglaube, dass das Krankenhaus zur Heilung von Menschen geschaffen wurde, ist eines der kranken Paradigmen des alten Gesundheitssystems. Der von uns verfolgte Ansatz bezieht sich eher auf die gesamtheitlichen Systeme der alten Priester Kulturen wie der Ägypter oder der Mayas etc. Dort wurden ganzheitliche Systeme entwickelt, die dem Menschen die Möglichkeit der Entscheidung für sein Wohlergehen angeboten haben. So haben wir zum Beispiel mit Dr. Ellis Huber eine “Gesundheitskathedrale” entwickelt, die dem Gedanken der Präventologie und nicht der Krankheit folgt. Schaut man sich ein solches Model näher an, stellt man fest, das hier alleine schon vom räumlichen Angebot keine Krankenzimmer existieren, sondern eine räumliche Kombination zwischen Wohlfühl und Gesundheitsbereichen entsteht. Man schwebt mehr oder weniger durch Räume, die immer eine äußere und innere Bezüglichkeit entwickeln und erreicht innerhalb kristalliner Raumstrukturen einzelne höhlenartige Gebilde, die einen geschützten Raum entstehen lassen.

Und wie drückt sich diese Spiritualität praktisch-architektonisch aus?  

In der Modernen hat man die Funktionen getrennt und damit eine Entflechtung der Arbeitswelt von der Wohnwelt kreiert. Funktion war der Gott der Architektur und unterteilte alles in eigene Bereiche: Die Schule, die Kirche, das Wohnhaus, die Garage etc. Wir gehen nicht zurück, aber wir integrieren zB. die „Kirche“ in die Wohnung durch einen entsprechenden Altar und einen darauf ausgerichteten Raum. Durch die Veränderung in den täglichen Lebensformen suchen Menschen wieder mehr in der Gemeinschaft zu leben. Das Einfamilienhaus ist langsam obsolet. Es entwickeln sich zB. Mehrgeneration- Wohnformen, in denen Schlüsselfunktionen von allen genutzt werden können. Das ist ökonomisch und sozial bereichernd. Ein gemeinsamer Meditationsraum zum Beispiel bedeutet einen gemeinschaftlichen Zugewinn.

Ihr arbeitet viel mit der Yogini Amrit Kaur Khalsa zusammen, welche sich besonders um die spirituelle Dimension eurer Projekte kümmert – wie hat man sich diese ungewöhnliche Zusammenarbeit vorzustellen und wie kam es dazu?

Amrit Kaur Khalsa hat eine lange Erfahrung in der Wandlung von Räumen. Das mag etwas mit ihrer Herkunft in Mexiko zu tun haben. In ihrem Leben ist sie durch ihre Familie mit allen religösen und spirtiuellen Momenten in Berührung gekommen und ist immer auf einer inneren Reise, die weit über den rationalen Bewusstseinsraum hinausgeht. Ihre Familie hat immer in Räumen der Transformation gelebt. Die Hacienda el Cazadero hat durch Amrits Initiative die Kundalini Yoga Entwicklung in Mexico maßgeblich beschleunigt.

Ihr Einfluss auf die Vorhaben wird geprägt durch ihre Studien zu den verschiedenen Kraftfeldern, die in Symbolen, Techniken im Umgang mit heiligen Schriften und der Anwendung im Lebensalltag liegen. Was ungewöhnlich erscheinen mag, findet im Alltag schnell zur gelebten Normalität. In allen wichtigen Projektbesprechungen in Indien ist außerdem alleine die Anwesenheit ihrer Person von grosser Bedeutung im Umgang mit der jeweiligen lokalen Kulturträgern. Durch ihre Arbeit, die die anwesenden Menschen immer integriert, wird ein ganz anderer Arbeitsraum geschaffen, in dem Ideen und kulturelle Dimensionen angereichert werden. Auch die Auswahl der Menschen, des Ortes spielen hierbei eine besondere Rolle.

In einem Aufsatz zu eurem Ansatz habe ich etwas Interessantes gelesen, nämlich, dass der Kristall eigentlich die natürliche Vorlage zur Architektur sei. In ihm verbinden sich Architektur und Natur – und gleichzeitig entsteht dadurch eine Verbindung zum Kosmisch-Göttlichen. Inwiefern nutzt ihr das? Und warum haben Kristallstrukturen, die ja geometrisch sehr effizient sind, bisher so wenig Einfluss in der Architektur gewinnen können?

Zur Bedeutung des Kristalls in der Architektur hat sich der Architekturhistoriker Prof. Bernd Nicolai eingehend geäussert:

“…Semper begründete eine anthropologisch fundierte Elementarlehre und Geschichte der Architektur und thematisierte im „Stil“ (1861) die Frage des ‚Höchste’“ in der Architektur. Dem Kristall sprach er darin den höchsten Abstraktions- und Ordnungsgrad zu. Kristalle seien, im Sinne der Romantiker Novalis und Friedrich Schlegel, ‚Symbole des Absoluten und in sich vollkommen.‘ Architektur und Natur verbinden sich im Kristall und seine Symbolform – eine Verbindung zum Kosmisch-Göttlichen – ist in mythischen Objekten wie dem Heiligen Gral in das kollektive Bewusstsein eingegangen.“

Wer aktuelle Tendenzen der Architektur verfolgt, nimmt eigentlich sehr schnell wahr, dass in Architekturwettbewerben immer wieder Kristalle auftauchen. Der Wille ambitionierter und talentierter Designer ist da. Dazu muss man allerdings auch sagen, dass Kristalle komplexe Strukturen sind und nur wenige Menschen sich an die Umsetzung eines solchen Themas wagen, weil es Mittel, Zeit und Aufmerksamkeit bindet. Eine hochtechnisierte, mit standartisierten Elementen hergestellte Fassade ist einfach, schnell und kostengünstig herzustellen. Ein Kristall ist alleine durch seine 4. dimensionalen Eigenschaften in der Entstehung wesentlich aufwendiger. Aber durch die Automatisierung sowohl in der 3 dimensionalen Programmierung, die heute die 4 Dimension mit einbeziehen kann und den Rückfluss der Daten in den Produktionvorgang sind Umsetzungen wieder vorstellbar.

Was meinst du genau mit der 4. Dimension?  

Ich erinnere mich noch gut an die 2.dimensionalen Zeichnungen in den 80 Jahren, die von meinen Berufskollegen als Ausdruck der 3. Dimension gesehen wurden und doch nur den Geist der 2.Dimension beinhalten konnten. Zu Beginn der 90er Jahren fand hier ein wesentlicher Paradigmenwechsel statt. Daniel Libeskind hat durch das jüdische Museum in Berlin hierzu einen entschiedenen Beitrag geliefert, indem er die Sehgewohnheiten einfach kippte und aus der 2. Dimension der Sprung in die 3. Dimension möglich wurde. Der Sprung in die 4. Dimension bezieht den Faktor Zeit mit ein. Ein Kristall kann wachsen. Das ist ein essentieller Bestandteil seiner Wesensart. Wenn man ein kristallartiges Haus entwirft, ist dieser Faktor mit einzubeziehen.

Welche anderen natürlichen Konstruktionsformen habt ihr studiert und nutzt ihr?

Konstruktionsformen hängen immer vom Inhalt ab. Wenn wir in vorhandenes Gebäude in ein zeitgemässes Raum-Zeit-Kontiniuum versetzen, beginnt die Arbeit damit, das Wertvolle des Vorhandenen freizulegen und hervorzuheben. Gleichzeitig sind oft Wände und andere Hindernisse zu entfernen, die einen Raum an seiner Entfaltung hindern. Dabei schauen wir uns sehr genau an, ob der Raum mit vorhandenen analytischen Systemen wie zum Beispiel Feng, Vastu Vidya und Geomantie optimiert werden kann.

InakarbClinicBei neuen Gebäuden ist die Chance der Anwendung natürlicher Konstruktionformen eher möglich, ist aber auch immer eine ökonomische Frage, ob man eine Hängestruktur, eine Bogendecke, eine runde Wand kreiert. Oft ist der alte Leitsatz von Mies van der Rohe präsent: Weniger ist mehr. Deshalb ist der Leitgedanke immer, dass wir eine anspruchsvolle vorgefertigte „Containerstruktur“ in ein komplexes Raumsystem „einhängen“. Dann kann eine zentrale Thematik im Raumprogramm mit einer Sonderform ausgestattet werden. Als Beispiel mag der Entwurf zu Akademie und Klinik für Regulationsmedizin dienen. Hier baut der gesamte Grundriss auf der „Blume des Lebens“ auf. Auf diesem geometrischen Fundament kann alles vorgefertigt werden, da sich die Geometrien wiederholen. So entsteht ein komplexes Fundament auf dem ca. 240 Container, die aus ca. 10 verschiedenen Oberflächen und Öffnungssystemen bestehen, zu stehen kommen. Der Eindruck des Betrachters ist die Gestaltung eines stark individualisierten und vielfältigen Raumes durch permanente individuelle Wechsel im Erscheinungsbild. Der zentrale Saal besteht aus einer Rotunde, auf der eine Pyramide eingeschrieben ist. Selbst bei diesen individuellen Konstruktionen wird auf ein Bausatz von vorgefertigten Elementen zurückgegriffen. Das Ergebnis ist verblüffend komplex und wird gleichzeitig von seinen starken geometrischen Formen zusammengehalten.

Accademyclinic

Ihr verwendet verschiedene spirituelle Symbole in eurer Arbeit. Wie lassen sich diese in der Architektur nutzbar machen und welchen Effekt erlebt ihr dadurch?

Der wesentliche Aspekt eines Symbols ist seine Ausstrahlungskraft. Als einfaches Beispiel mögen die Erkenntnisse von Dr. Masaru Emotos zur Bildung von Wasserkristallen dienen. Anhand dieser Erkenntnisse wird sehr deutlich, wie stark Information Einfluss auf die Gestalt der kristallinen Eisbildungen haben. Im Rückschluss bedeutet dies, dass in Symbolen eine zentrierte, fokusierte Information eingeschrieben ist, die wie ein Verstärker wirkt. Wenn man die Flower of Life (Blume des Lebens) als Symbol nimmt, so bedeutet sie für viele Menschen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Form des Empfindens und Denkens.

Geht man tiefer in die sakrale Bedeutung der Blume des Lebens, so ist ihre Geometrie oft Grundlage wesentlicher Entwicklungen wie zum Beispiel die Beschreibung der Existenz in allen grossen Menschheitsentwicklungen, die Drunvalo Melchizedek intensiv beschrieben hat, der Einfluss der Studien von Vitruv auf die antike Baukunst, die Studien zum Thema geometrischer und mathematischer Zusammenhänge von Leonardo da Vinci, aufgrund dessen ein übergeordnetes System in seinen Erfindungen zu erkennen ist.

Wenn wir uns mit diesen Zusammenhängen beschäftigen, entstehen komplexe, aber gleichzeitig steuerbare Systeme, die in ihrer Zusammenfügung ein sogenanntes holistisches System anbieten. Der Effekt oder besser die Information für den Raum kann sehr unterschiedlich dosiert werden. Die Raumerfahrung von Räumen, die mit “Symbolen” in Verbindung kommen, erzeugt eine bewußteren Umgang mit unserer Umgebung und damit gleichzeitig einen höheren harmonischen Klang. Wenn wir eine “holistische” Formensprache bilden, dann basiert sie auf dem Wissen und Informationsgehalt ganzheitlicher Geometrien.

Weiter habt ihr einen sehr globalen Ansatz – eure Projekte zeigen fast immer Einflüsse aus sehr verschiedenen Kulturen. Warum ist euch das wichtig? Und ist es nicht manchmal auch wichtig, in einer bestimmten Formensprache zu bleiben, um ein Projekt stärker in der Kultur und spezifischen Energie eines Ortes zu verankern?

Unabhängig von unseren Projekten sind “holistische” Vorhaben immer gerägt durch das Zusammenkommen unterschiedlicher Kulturen. Das typisch “Deutsche” hat in diesem Sinne keine eigene Kultur. Als wir den deutschen Pavilon in Auroville entworfen haben, ging es spezifisch um die deutschen Seeleneigenschaften. Der Journalist Wolfgang Schmidt Reinicke hat in der Zeit viel zu diesem Thema geschrieben. Es gibt Stärken innerhalb des deutschsprachigen Raumes, die wir nutzen. Hierzu gehört eine hochentwickelte systemische Umsetzungsfähigkeit, die insbesondere in der Automobilindustrie und den daraus resultierenden mobilen Objekten zum Ausdruck kommt. Aber die Welt wächst zusammen und je intensiver wir an einem anderen Ort verweilen, wird dieser globale Verschmelzungsprozess offensichtlich.

Wir bauen auf den Erfahrungen einer reichen Vergangenheit auf und transformieren sie in den heutigen Zeitkontext. Hierbei spielt der geomantische Bezug, die Lokalisierung selbstverständlich eine Rolle und wird von uns achtungsvoll freigelegt.

Welche Projekte habt ihr bereits realisiert und was steht als nächstes an?

In den letzten 10 Jahren wurden von uns unter anderem 3 wesentliche Vorhaben realisiert, die vom Thema “sacred_tecture” durchdrungen sind:
Die Hacienda El Cazadero, das Lichtwerk Berlin und der Palazzo Pitti. Diese drei Projekte sind bezüglich ihrer organisch entwickelten Umsetzung abgeschlossen.
Andere Vorhaben wie die Akademie und Klinik für Regulationsmedizin, Düsseldorf, Prince Rani Resort, Andaman Islands, India, WA Effizienzhaus, Hubertusbad Berlin, Ökosiedlung Schönerwald etc sind langfristige Studien und Umsetzungen, die auf diesen Entwicklungen aufbauen. Ganz aktuell hinzugekommen ist ein Stadtbad in Berlin, in dem verschiedene Themen von einem privaten Investor als Lebenswerk zusammengebracht werden. Unabhängig davon sind verschiedene Standorte weltweit in der Diskussion für Präventionszentren und Zentren für ganzheitliche Lebensweisen.

Uns reizt auch die konkrete Beschäftigung mit neuen Materialien, mit denen wir Kristallbauten errichten können. Bisher sind viele Earthships nach Michael Reynolds entstanden. Es ist jetzt Zeit, neue Räume zu schaffen, die mit einfachen Materialien und Energieresourcen umgehen und eine eigene Lebenswelt erlauben.

Über den Autor

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Architekt, internationale Aktivitäten als Chief Architect vom Parmath Niketan Ashram (Rishikesh, Indien), Universität für Aryuveda (Deradhun, Indien). Für seinen  Entwurf zum Ideenwettbewerb der International Archtecture Academy nach der Zerstörung des World Trade Centers wurde er mit einer Professur ausgezeichnet. Zurzeit entwickelt er und  Amrit Kaur Khalsa ein holistisches Zentrum im Palazzo Pitti in Rathenow.

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